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Der Israelit · 1935-07-11 · Heft 28 (11.7.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 28 (11.7.1935)
Date
1935-07-11
Page
– (sequence 9)
Language
German
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pggg^^^B^m^^^^^^^^^^^i^p^p^pp^^^^^^^^p^^^^^^^p^ Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 28 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. - (Fortsetzung.) - War eigentlich dieses Experiment nötig in einer Gegend, die so reich an Siedlungen war, wo sich Kwuzah an Kwuzah reihte, lag es Herrn Wilde auf der Zunge. Aber er hielt zurück. Sie hatten im Lande genug gesehen, um zu erkennen, daß hier etwas ganz Neües entstand, etwa das, was er. die Brücke vom alten zum neuen Jischuw nannte; was er, der sich spät heimgefunden hatte, hier zwischen Ruinen und Aufbau suchte und nicht fand. Gewiß, er sah schönere Siedlungen in voller Blüte, wo der Arbeitsdienst wie ein Militär dienst nach Kommando und Reglement geleistet wurde, wo die Mütter kaum ihre Kinder kannten, weil diese schon in den ersten Tagen nach ihrer Geburt im Kinderhause in den Schutz der Ganeneth kamen. Hier war bei aller Kollektivierung die persönliche Note noch nicht verwischt. Die Familie löste sich nicht ins Kollektiv auf, son dein war im Gegenteil die gastliche warme Heimstätte für die Ledigen. Mit welchem Fleiße sie hier in den freien Stunden alle an dem Hause arbeiteten, das ihr G'tteshaus werden sollte! Im Emek — nicht überall — gab es junge Menschen intelligent, fleißig, sympathisch und ebenso von ihren Ideen und Ideologien getragen und getrieben wie diese jungen Leute, die aber am Sabbat ihren Garten und ihr eigenes Feldstück bearbeiteten, — weil sie die Woche über anderswo in Lohnarbeit gingen. Hier, so ließ er sich erzählen, wurde der Säbbat von Abend bis Abend in einer Weihe und gehobenen Geselligkeit begangen, daß viele aus der Stadt am Freitag herkamen, um Teil zu haben an einem Paradiese auf Erden . . . Also war es etwas Neues oder richtiger, etwas ganz Altes, aus urbiblischer Zeit, was hier schon war und täglich wuchs. Aber eine andere Frage konnte er nicht unterdrücken: „Wäre es nicht Sache der thoratreuen Menschen hier und in Europa euch zu dem" nötigen Boden zu verhelfen?" * „Die organisierte Orthodoxie," gab Karmi zurück, „sägen wir deutlich, die Agudas Jisroel, hat in ihrer der Palästinaarbeit gewidmeten Abteilung ihr Möglichstes getan. Dieser große* Zrif in der Mitte ist ihr Geschenk, wir konnten darin einen Wohnraum für drei Familien einrichten. Auch etwas Boden bekamen wir. Allein die Arbeit unserer Freunde hat leider ihre Grenze in der Gleichgültigkeit der frommen Massen, die noch niqht begriffen haben, welche Aufgabe für sie selbst und ihre Kinder die ersten Pioniere hier zu lösen haben." _.; Karmi sprach es ohne Selbstgefälligkeit und Ueberheblichkeit. Eine leidenschaftliche Anklage, aber mit der Zuversicht eines Menschen, der bei aller Bitterkeit weiß: „Und -wir werden es dennoch packen! . . ." „Ist überhaupt geeigneter Boden in der Nähe vorhanden?" Herr Wilde, der Kaufmann und Bankier, wollte sich nicht in Allgemeinheiten verlieren, wollte der Sache auf den Grund gehen. „Boden in Hülle und Fülle," berichtete nun auch Baruch. „Wo gestern unsere Pflugschar halt machte und der schwarze Boden, brach mit dem -vielen Geröll darauf, beginnt, ist arabischer Besitz. Der Scheich1 wartet nur darauf, daß wir ihm ein Angebot machen." „Und er wird die Konjunktur weidlichausnutzen," meinte Herr Wilde. „Der Boden ist teuer, aber noch nicht zu teuer," wußte Karmi, der längst seine Fühler ausgestreckt hatte, Bescheid. „Man kann hier in der Gegend immerhin noch fünf Dunam um einen Preis kaufen, den man im Scharon in der Gegend von Tel Awiw für einen Dunam braucht. Die Herren lassen auch mit sichv reden." Allerlei ging Herrn Wilde durch den Kopf, hundert Pläne, die hier im Lande an ihn herangetreten waren. Auch der gut gepflegte Mister Jackson auf dem Hange des Karmel stand ihm lebhaft vor Augen, „Und wie wäre es," fragte er, „wenn ein Un t ernehm er hier einen größeren Komplex erwerben und euqh zur Bearbeitung überlassen wollte? Ich meine so ganz geschäftsmäßig, als Kapitalanlage." „Wir würden," erwiderte Karmi, „unter günstigen Bedingungen alles zurückbezahlen, nach und nach, je nach Maßgabe der Ernte, soweit möglich. Aber nie und nimmer dürfte sich ein solcher Unternehmer einreden, daß er uns, Wenn es einmal schief ginge, vom Boden vertreiben könnte. Nie und nimmer werden wir uns von der Scholle trennen, die wir einmal mit unserem Schweiß urbar gemacht haben. Der Boden müßte vom ersten Augenblick an als unser Eigentum angesehen werden." „Ihr seid wenigstens ehrlich, Jungens, ein Spekulationsobjekt bietet ihr nicht". Von der Illusion Mister Jacksons, daß Mutter Zion mit vollen Händen einem hundertfach zurückgibt, was man ihr gespendet hat, war man hier wenigstens gründlich befreit. „Nein," hakten die Jungen stolz ein, „von Spekulationen wollen wir nichts wissen; weder wollen wir selbst spekulieren, noch Objekt der Spekulation sein." ... - „Also wollt ihr, wenn ich euch recht verstehe, eine Kolonie geschenkt bekommen." „Die wird uns keiner schenken," lachte Karmi. „Die hier im Lande etwas zu schenken haben, kennen uns nicht. Und es ist gut so, es ist unser höchster Stolz, daß wir den offiziellen Organisationen nichts zu danken haben, daß wir ganz frei und selbständig uns entfalten können, Aber Verständnis und Anerkennung, natürlich auch Hilfe erwarten wir von denen, die wie wir der Welt zeigen wollen, daß man Israels Land auch mit Israels Thora, mit dem Sabbat, mit all den Gesetzen, die für den jüdischen Landmann gelten, aufbauen kann. Wir sind klein und winzig, aber heute schon Keimzelle für diesen Kernpunkt des jüdischen Heimes. Es müßten noch viele, viele zu uns kommen, und es sind derer genug, die kommen wollen. Wir brauchen Boden, ohne Boden keine Zukunft." Herr Wilde verstand jetzt erst, was es mit dem B o d e n h un g e r, von dem man in letzterer Zeit so oft zu hören bekam, auf sich hatte. Er beschloß innerlich, für mindestens fünfzig Dunam aus Eigenem und mit Hilfe der Freunde in Deutschland aufkommen zu können. Nur mußte er als Kaufmann mit Vorsicht vorgehen. Es durften den jungen Menschen nicht vorzeitige- Illusionen gemacht und den arabischen Bodenbesitzern kein Anreiz zu Preistreibereien geboten werden. Aber er beschloß und er teilte es ihnen auch in der gegebenen Form mit, über die Sache ernstlich nachzudenken und mit den erfahrenen Stellen darüber zu verhandeln. — -— — Inzwischen gab es noch einiges zu sehen im Lande vor ihrer Rückfahrt. Purim wollten sie in Tel Awiw verleben, vorher aber auch den Süden Palästinas, die Wüste Judäas, von deren grandiosen Oede man so viel gehört hatte, noch besichtigen. Baruch war unter keinen Umständen dazu zu bewegen, nach Tel Awiw au fahren. Auch von den Anderen hatte keiner Lust, die Arbeitsstätte zu verlassen. „Diese Festlichkeiten," sagte der erfahrene '. iarmi, „sind nichts für uns. Die Tel Awiwer. selbst — im Grunde, arbeitet auch Tel Awiw auf seine Art emsig — glauben nicht an sie. Sie sind mehr Attraktion für die Fremden. Wir sind aber einheimisch und Pioniere der Arbeit." Die Aussicht auf einen baldigen, wenn auch bescheidenen Bodenerwerb war ihnen für die Stunde das größte Fest. XV. Von der Gegend des Toten Meeres her, durch die Wüste Judäas, fuhren sie jetzt in den Abend, in die schnell, fast unvermittelt von den Bergen herabfallende Nacht hinein. Unter einem Sternenzelt, das sich grandios über die dunkle endlose Weite spannte. Von den nackten rissigen Felsen kam es wie ein Rauschen, begleitet von seltsamem Leuchten. Die Landschaft träumte von einstigem Leben und Blühen, von Wäldern, die sie auf den hohen Bergrücken trug und grünen Auen, die sie in ihrem Schöße barg. In der heiligen Stille ringsherum konnten Herr und i'rau Wilde all das, was sie heute, gestern und vorgestern gesehen hatten, noch einmal gesammelt nacherleben. Ein Land hatten sie gesehen, auf dem der Fluch lastele, aus dem die kahlen Berge sich wie Aussatz aus schwellendem Leibe erhoben. Aber beglückt sahen sie, wie sich hie und da der Zauberbann mählich löste und sich die Einöde Stück für Stück in Eden verwandelte. Hier, wo sie jetzt durch die Nacht fuhren, lastete noch der Fluch, über den die Nacht liebevoll ihren samtweichen dunklen Mantel bereitete. Und wenn am Rande der Wüste Menschenbehausungen auftauchten, so unterschieden sich diese Lehmhütten mit den erloschenen Fensterlöchern kaum von den grauen, spitzen Steinen am Wege, standen sie klotzig und düster, hart und eckig, wie aus diesem Felsenboden herausgewachsen. Die Straße wellte sich und stieg an. Schmarjahus leichter Wagen, schwebte durch die dunkle Landschaft, die auf Stunden hinaus von keinem Lichte und keinem Geräusch in ihrem Nachtfrieden gestört war. „Man hört in dieser Stille die Jahrhunderte reden," meinte Herr Wilde. Nicht einmal durch ein Gebet wollten sie diese heilige' Ruhe der Nacht stören. Je weiter sie aber hinausfuhren und je mehr sie sich dem Scharontale näherten, um so heller wurde es um sie, obwohl auch hier nicht gerade sehr viele Lichter den Weg beleuchteten. Liebliche Düfte trug der Wind herbei, der von unten her aufwirbelte, und von Zeit zu Zeit grüßte hinter einer Eukalyptusecke schwaches Licht aus dem rotbedachten weißen Häuschen einer jüdischen Siedlung. Auf einem erhöhten Punkte glimmten kleine Lichter bewegten sich gespenstisch, tanzten im Kreise, verschwanden und tauchten wieder auf und sprangen ihnen dann entgegen, näher und näher. Was war das? „Es sind die. Lichter im Zelte Rahels," gab Schmarjahu Auskunft. „Dort oben ist nämlich das Rahelsgrab, das wir schon einmal besuchten. Die Lichter, die bei Tag fromme Beter anzünden, brennen die Nacht hindurch." „Kommen wir vorbei?" „Wir könnten es ohne großen Umweg, die Kapelle ist aber nachts geschlossen." „Und wir haben schon darin gebetet," warf Herr Wilde ein. „Aber ein paar Minuten bei Mutter, ganz allein bei Nacht . . ." hauchte Frau Ida. „Der Wächter schläft daneben," wußte Schmarjahu. „Gegen Geld und gute Worte steht er auf. Keine Türe ist hierzulande so fest verschlossen, daß sie nicht gegen ein gebührendes Trinkgeld zu jeder Tages- und Nachtzeit aufginge." Frau Ida klammerte sich krampfhaft an den Arm ihres Mannes.

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