Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1935)
- Date
- 1935-07-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6:; Nr; 28 Der Israelit 'Hl. Juli 1935 und Land untrennbare Teile unserer Thora sind, für deren Renaissance oder ,,Vergeschichtlichung" wir mit allen Fasern unseres Herzens kämpfen müssen. Auch gibt er zu, -daß die Väter des Misrachi von dieser Erkenntnis mehr ergriffen und dem geschichtlichen Denken mehr aufgeschlossen waren,, als die; anderen Teile der Thoratreuen und daß ihre Absicht nur p'TDtf ülP^ war. Auch sind ihm alle Verdienste des Misrachi in Erez Jisroel nicht unbekannt. Im Gegenteil: manchmal nimmt er sogar den Misrachi gegen meine Anklage in Schutz und mit Recht sieht er ein, daß ich nur deswegen manchmal übertrieben und mich bei den positiven Leistungen des Mis rachi nicht lange aufgehalten habe, weil ich mit der Schrift die Herzen aufrütteln wollte. Auch sieht er ein, daß es überhaupt keine fehlerfreien Parteien gibt, genau so wie es keinen Menschen gibt, der ganz rein von Sünden ist. pX3 pHS pN Kürr tf^l 31Ü nEW' HPK Und aus dem Grunde hat sich auch im Misrachi im Laufe der Zeit manches eingenistet, was wir ablehnen müssen. Er unterscheidet zwischen dem Denken und Fühlen des Misrachisten und findet, daß der echte Misrachist auch jetzt noch in seinem Denken von dem Rechte der Thora, das Volk zu beherrschen, und seine ewige zentrale Macht zu werden, überzeugt ist, daß aber sein Gefühl für dieses Recht infolge der langjährigen Abhängigkeit von einer Organisation, auf deren Tagesordnung nie von Thora die Rede ist, ein wenig abgestumpft worden ist. Andererseits aber leugnet er auch nicht, daß auch bei der Aguda das jüdische Gefühl ein wenig versagt. Denn obgleich doch der wahre Agudist dem Denken nach davon überzeugt sein muß, daß die Renaissance des Volkes und des Landes ein wesentlicher Bestandteil der, Thora ist) so fehlt ihm doch gewissermaßen das Gefühl dafür. Welche Folgerungen hätte also ein Denker wie Dr. Breuer aus all diesen Voraussetzungen ziehen müssen? Eigentlich wäre ja , der beste Ausweg, wenn sich beide Teile, die doch das Guteswollen und auch tun und bei denen nur in gewissen, Punkten das Gefühl versägt, wenn sich* also diese beiden Teile vereinigen würden, wo durch sie sich gegenseitig .ergänzen (und zum Guten beeinflussen könnten, nicht nur praktisch, sondern auch ideologisch. Zu solchen Konsequenzen zwingt zwar der logische . Verstand, wahr scheinlich aber nicht das Parteigefühl der Aguda. und deswegen muß es bei der alten Parteikluft; bleiben. , . ,; ' Dr. Breuer nennt seinen Artikel „Die Tragik des Misrachi". Hätte er sich aber etwas mehr in dieses Problem vertieft, so hätte er nicht nur die. Tragik des Misrachi, sondern die Tragik der..-ganzen Orthodoxie gesehen. Wenn er selbst zugibt, daß bei der Aguda das Gefühl für dies- „Vergeschichtlichung" des.Lanr des etwas abgestumpft ist, so hätte er doch auch , nach den Ursachen dieser Erscheinung forschen müssen und sich nicht mit der Feststellung der ''-Tatsache^begnügen dürfen, '-u*^-'- .«,- : Und hoch mehr. Wenn'er'zü'gibt, daß die-^Geschichtlichkeit' '-'des' Landes eitf'untrennbarer Teil der n»lP2 des jüdischen Volkes ist, so muß sich doch die Abschwächüng des Gefühles für den einen Teil auch auf den andern Teilder iifctifä auswirken. '■■:<■■ :• ■>■■ •»: -■■ ■ -: .' üA Und inder Tat-erfüllt die Orthodoxie! nicht nur dem neuen Jischuw, sondern auch dem alten Jischuw gegenüber nicht ihre Pflichten. Und noch mehr. Sogar was die HTlA selbst betrifft, wie Stützung der nw®"* ist die Gleichgültigkeit der Orthodoxie großv Es ist zwar eine. Schande» darüber öffentlich Und laut zu sprechen, aber diese Tatsache ist so bekannt, daß es uns nichts mehr nutzen wird, wenn wir die WaTirheit verheimlichen würden. Der alte Jischuw siecht dahirr; allen seinen Institutionen droht die Gefahr der Schließung und keiner kümmert sich darum. Die Lage der Jeschiwos in der ganzen Welt ist fürchterlich und ihre Existenz verdanken sie jetzt nur noch' der Ausdauer ihrer Leiter und Jünger, die vor keiner Hungersnot zurückschrecken* weil sie sich schon daran gewöhnt haben. Die Orthodoxie gibt aber für die rnX'E?'' sehr wenig. Auch die Art und Weise, wie für sie „geschnorrt" werden muß, ist für die ganze thöratreue Jüdenheit äußerst beschämend. Wenn wir also den Gedankengängen des Herrn Dr. Breuer folgen sollen, dann müssen wir noch zu seinen Worten hinzufügen, daß obgleich die Orthodoxie in ihrem Denken davon überzeugt ist, daß die Thora unsere Volksseele sei, jedoch ihr Gefühl zum Teil auch auf diesem Gebiete versagt. Das ist wahrhaftig eine Tragik der Orthodoxie, die darin begründet ist, daß wir nur ortho dox im landläufigen Sinne des Wortes sind und _nicht mehr. Gewöhnlich denkt man sich unter orthodox denjenigen Teil des Volkes, der nach der U eberlief er ung lebt und an den alten Bräuchen hängt, Das genügt uns aber nicht, Das Judentum verlangt viel mehr von uns. Es verlangt, daß wir unsere Thora als "»TT nWI' als etwas Lebendiges in uns empfinden, so daß die Ausübung der miSö für uns keine einfache Pflichterfüllung, sondern ein Erlebnis sein muß. Der «'an sagt, daß jeder, der die Thora nur des-~ wegen hält, weil VTl VTiiaK nttWÜ, d. h. hur wfeil sie ihm von seinen Vätern überliefert ist, aber ohne ITnnVnri' ohne innerer. Begeisterung, zwar kein j^i sei, aber 'n naitf kann er auch nicht genannt werden. Und daher hat Dr. Breuer nicht ganz recht, wenn er meint, daß bei der; Orthodoxie nur das Gefühl für ^KUPVpX' versagt. In der Tat ist das Versagen ihres Gefühles viel umfassender. Ihre Beziehung zum Aufbau des Landes kann uns als Beispiel dienen, daß es ihr auf allen Gebieten nur darauf ankommt, DSSb nain "H? die P f 1 i c h t zu erfüllen. v Wenn man aber nur darauf abzielt, .sö glaubt man manchmal, sie auch durch eine Kleinigkeit erfüllen zu können. Aus diesem Grunde will man auch die mxa VKW pN aiff' wie die ni'irn». JlTIXa behandeln, bei denen man schon seine Pflicht mit einem flTD erfüllt hat. ■ '<■ '' . , Eine charakteristische Anekdote wird -jpn einejtrrChossid erzählt, der die Gewohnheit hatfe« niemandem die ganze Hand,zu reichen] Beim Gruß reichte er nur*zwei Firiger. <Alsmaö-'ihn fra^ie, warum" er nicht die ganze Hand reiche, gab er folgende Antwort.*,,,Grüßen ist eine nixö'die nur in den Worten . *|löD "jinV fläniO „liebe' den, Nächsten wie Dich selbst" begründet ist; Aber am Gründe genommen liebe ich gär nicht denjeni-: gen, ,den ich grüße. Ich tue es. nur, weil ich kr&ft der frisa dazu gezwungen bin. Da man aber gfe-> wöhnlich eine fliE» mit dem Schiür h^TD erfüllt hat und zwei Finger mindestens die Größe eines fl't haben,,, so. habe ich meine Pflicht; auch mit zwei Fingern voll und ganz;erfüllt.".-tt: Dieses Beispiel beweist, wie weit auch in -vielen Kreiäen cj£r OHSrt der Sinn für unsere '"rt rnirl'äbgeschwädjit ist) J'W zeigt sich dieser Mangel ah Verständrjis am krassesten-bei der.; Aufgabe: von pK aitP'' ^SW, Denn man muß "zugeben, daß diese HISE)' die so alt wie das jüdische V.olk ist, jetzt in einifer neuen.Form vor uns auftritt und andersr gehanH-; | habt: werden; muß', als während der ganzen Ze*it unseres Gäluth. •■' - . v Wären wir würdig, wäre die Thora wirklich für uns eine JHHV so hätten wir jetzt dje fllSfr bRIW pK in derselben Form erfüllt wie Vtpr der Zerstörung des Tempels, als Wir noch.Herren, in unserem Lande waren. Leider sind wir abf&r nicht würdig. Wir halten die Thora nur wie flWlia D^tritt' wie Leute, die sich an etwas Ver altetes anklammern, und erfüllen wir daher auch die pH ynp ms» in demselben beschränkten Umfange wie vor, wenigen Generationen, als die Möglichkeit einer umfangreicheren Tätigkeit gar nicht vorhanden war, Der Mangel an Liebe zu unserem Lande und an dem Sinn für praktische Tätigkeit für den Jischuw ist eine Folge des Galuth, das uns Jahrhunderte lang nicht erlaubt hatte, uns praktisch damit zu befassen.; Dadurch ist es so weit gekommen, daß wir wohl t die Heiligkeitdes Lam-i des unserer Väter anerkennen, aber ein Geftfjilj der Liebe häbeVwir 'nufufür'dasjenige' Larkf,Ji,ini welchem, wir wohnen. Viele der Thoratreuen: meinen überhaupt, daß -pfln ran ein neu geprägter Begriff der jt»x •»amn sei und denken nicht daran,-daß schon die D'J WKi, die ersten Lehrer dire Halacha, .diesen Begriff . als etWas "von der H eil i g k e i t des Landes absolut Unabhängiges, erklärten und daß sie auch die Liebe zum nicht geheiligten Boden unseres Landes gut hießen und verherrlichten. So trennt z. B. der X'>aü,i Anfang: Traktat Gittin, rein halächisch pKn nWVlj? von. pxn nnn» Und dadurch erklärt er auch, wiesoes kommt, daß >1 die Felsen von, Akko küßte,, obgleich doch dieser Ort nach Ansicht der Mischna als pH1? fin betrachtet wurde. -Zur Beantwortung dieser Frage sagt er, daß unsere: Liebe und Sehnsucht auch denjenigen Orten unseres Landes .gilt, die ihre t Heiligkeit eingebüßt hatten. > , : : V c Aber leider wissen wir jetzt nur. noch von derpltH rnPl"7(> Das Gefühl der pKn ruft, ist uns allmählich infolge des langen Galuth verloren gegangen, und zwar aus . dem Grunde, weil uns eine: Betätigung in. diesem . Sinne gar nicht ■ möglich: War*. Nun aber, da dieser äußere Grund verschwunden ist, müßten wirnjwT'1? mByri TTTia sein,, der Krone ihren alten Glanz wiedergeben und das. Gefühl derpKn nan in uns. wieder wachrufen lassen. Leider aber sind wir nur. tppnri» nW131,wir klammern uns an das Veraltete der letzten Generationen und unsere Passivität dem. praktischen Aufbau des Landes, gegenüber, die uns vorher nur aufgezwungen war, ist für uns- ^quasi nun zum heiligen JinjD geworden. Herr Dr. Breuer irrt daher, wenn er meint, daß bei der Aguda nur ein Mangel an G e f ü h V #ir i £intp' pK besteht. Der Fehler (besteht auchin ihrer Denkart, und ihre Tragik* ist iöiihdestenssö' groß, wie die des Misrachi. Für die Ueber windung und Beseitigung unserer Fehler gibt esnur das einzige Mittel, dasjenige nämlich, das ich bereits in meiner Broschüre angegeben habe. Deutsches Reich. Hildesheimer-Gedenkfeier im Rabbiner-Seminar zu Berlin. v Berlin, 8. Juli. . i Das .Raobiner-Seminar^beging den Jährzeitstag: seines Gründers, Esriel ■.Hildeßheimer, in einer würdigen. Feier, die gleichzeitig mit der Entlassung der Absolventen verbunden war. Näch einem . einleitendet» Gesangsv.ortrag des; Oherkantor S p i t z, hielt Dozent Dr. G r ü n b © r g:-die Gedenkrede, .Ery-zeichnet«;; da© Lebensbild des großen Meisters. Mit der Gründung des Institutes habe er ein -Bollwerk gegen alle zerstörenden Einflüsse errichtet, -und;i^er .gesamten thoratreuen Jüdenheit einen >Weg durchs Leben gewiesen; An diesem. Tage 7^m^ii^r^.sichjj4i^--^^^p}^^ii;fA. «e*~ nem: Geiste •. weiter : zu arbeiten.. ,; . o-u ';!■ Der Rektor Dr. W e i n'b"e;r;^ , richtete sodann 'eindringliche Worte an die "jungen Rabbiner, die das Seminar als Absolventen verlassen, Das Schicksal unserer Tage, in das wir hineinverwoben seien, erfordere glaubensstarke Männer, die frei von jeder Selbstsucht sich ihrer Arbeit hingeben. Nur ein starker religiöser Glaube befähige den Führer zu grandiosen Leistungen» Nicht Sucher nach neuen''Wahrheiten, sondern -Künder der ewigen Wertendes JÜdentüms sollten sie sein. Für die Entlassenen sprach in wirkungsvoller Weise Dr. Matzner über die bedeutsamen Verpflichtungen des' Rabbiners in' der heutigen' Zeit. Er dankte auch allen Dozenten und Lehrern, die sie mit dem Rüstzeug des Geistes ausgestattet hätten, xvoheifser noch-besonders des unvergeßlichen Meier^Hildesjheuner.: gedachte. -,i<