Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 28 (11.7.1935)
- Date
- 1935-07-11
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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11. Juli 1935 Der Israelit Nr. 28 Seite 3 Die jüdische Mystik. (Fortsetzung von Seite -1.) - ist in ihr." Das Wagnis der Exegese ist freilich mitunter kühn genug. Aber der echte Mystiker treibt hier kein frevles Spiel des schlafen Unterlegens, sondern tut nichts anderes als das Notwendige: wagende Schau der letzten Tiefen des Wortes. Hierin hebt er sieh von einem andern Ty pus, dem des Philosophen, ab. Mag auch etwa der mittelalterliche Philosoph ebenso von der- Bibel, herkommen, so ist dem Mystiker das Offenba rungswort nicht nur Ausgangspunkt, sondern zu gleich der ganze Ort seines existeritialen Denkens. Er verbleibt im Umkreis des Geheimnisses, er bleibt Mekubbal, Empfänger. Es ist ja eine grundverschiedene Beziehung zu G'tt, die den Mystiker vom Philosophen scheidet.. Für den Philosophen i s t »G'tt, für den Mystiker lebt G'tt Auch wo für den Philosophen der G'ttesbegriff im Zentrum des Denkens steht, .ist G'tt eben nur «in Gegenstand des Denkens, nicht das lebendig •erfühlte, erlittene, erlebte Gegenüber des Men sehen.. Die Mystik nur macht letzten, radikalen Ernst mit der Wirklichsetzung G'ttes. Die Mystik allein macht daher auch letzten radikalen Ernst mit dem Wort G'ttes. Die Welt der Bibel liegt Idar, fertig und prägnant vor dem Blick des -Mystikers. Alles Fertige aber ist tot. Das Fertigsein der Bibel, die das Wort des lebendigen "G'ttes ist, muß sich daher als bloßer Schein enthüllen. Es gilt, die lebendigen. Gründe der unbewegten Oberfläche abzuhorchen, das geheime Leben der Offenbarung zu ergründen. Dies leistet die mystische Kontemplation, die ihrem Wesen nach aus der Idee der Offenbarung selbst gefordert ist. Es ist nicht richtig, das Judentum als •die Religion des Aktivismus anderen Glaubenssystemen, die der Kontemplation zugewandt sind, entgegenzusetzen. Vielmehr fordert auch das Judentum die Kontemplation des G'ttlichen, Entscheidend ist nur die Frage, ob durch sie die Aktivität vernichtet oder genährt wird. Man darf nicht vergessen, daß die Bibel selbst nicht bloß Tatgebote, Halacha, sondern auch Teophanien enthalt. Die Prophetie selbst ist Kontemplation und Ekstase. Die Mystik ist daher nichts als die aus religiöser Erlebniswurzel gewagte letzte Durchdenkung des biblischen Wortes. Die jüdische Mystik ist die kontemplativ durchleuchtete Bibel. Sie ist daher sicher uralt. Der heute noch nicht erledigte Streit um die „Echtheit des Sphar", der auch in zahlreichen rabbinischen .Kontroversen (man denke an die Streitschrift des R. Jaakow Emden und die Gegenschrift des R. Mosche Kunitz u. a.) geführt wurde, darf den Blick nicht davon ablenken, daß der K e r n des Sohar ohne Zweifel so alt ist wie das Bedürfnis nach einer mystisch-spekulativen Durchdenkuhg der Bibel. Dieser seit je das biblische Wort umhüllende Ring ist nächst der Bibel selbstdie zweite autoritäre Instanz, die kabbalistische Urtradition, die das stabile Element in der Entwicklung der jüdischen Mystik darstellt. So ist es zum Beispiel evident, daß die Triadenlehre des Sohar bereits in dem frühesten Dokument der jüdischen Mystik, ini Sefer Jezira, vorgebildet ist. Immer hat die jüdische Mystik — das können wir als ihr formales Grundgesetz bezeichnen sich im Anschluß an die Urtradition und im Schoß der Ueberlieferung bleibend weiterentwickelt. Dieses^ Grundgesetz hat das organische Wachstum des Judentums ermöglicht. - Die so bewahrte Konformität der jüdischen Mystik mit der Bibel hatte] sich gegenüber zwei Gefahren zu behaupten: gegenüber dem Mythos.^ und gegenüber der Magie. Immer hat der Mystiker darum gewußt, daß sein Weg von Gefahren umlagert ist. Die talmudische .Tradition bereits: spricht - sowohl von den subjektiv-psychischen Störungen,. vdie die' :; Kontemplation im - Gefolge haben kann, wie von den objektiv-geistigen Verirrungsmöglichkeiten. Die letzteren bezeichneten wir als die beiden Gefahren des Sichver lierens im Mythos und des Erstarrens in der Magie. Hier soll kurz gezeigt werden, wie die jüdische Mystik dieser Gefahren immer wieder dadurch Herr zu werden suchte, daß sie sich an der biblischen Urposition der Mythos- und Magiefeindlichkeit orientierte, Die Schöpfungslehre der Bibel bedeutet den schärfsten Protest gegen jede Art von mythischer Welterklärung. Während der Mythos die rela tiven Momente und Kräfte des Weltprozesses, vor allem , die biologischen Mächte, verabsolutiert läßt die Bibel in grandioser Einfachheit die Welt durch des einig-einzigen G'ttes geisthaftes Wort aus dem Nichts erschaffen werden. Die Ver g'ttung der Naturkräfte, die Biologisierung G'ttes ist damit abgewehrt. G'tt bleibt in der Transzehdnez, aus'der heraus sein schöpferisches Wort die Welt ins Dasein ruft. — Der knappe Bericht der Bibel, unübertrefflich in seiner Prägnanz, fordert aber die mystische Spekulation zum Weiterdenken auf. Ihre tiefste Schicht erreicht solche Spekulation in der Frage nach der Abgeschlossenheit oder Fortdauer der Schöpfung. In welcher dynamischen Beziehung stehen G'tt und Welt nach vollzogener Schöpfung? Hat G'tt sich etwa, wie Aristoteles und unter den Juden Gersonides es in der Tat lehrten, von der Welt zurückgezogen? Gewiß lehrt die Bibel, den Sabbat als den großen Feiertag der Schöpfungsvöllendung. Aber spricht nicht das Judentum auch davon, daß G'tt „jeden Tag das Werk der Schöpfung erneuere"? Ja, drängt nicht die Vorstellung von der Lebendigkeit G'ttes, die für den^ Mystiker so entscheidend ist, zur Annahme einer gewissen Bewegung, wenn nicht gar eines Werdens in G'tt? Welcher Art muß daher der Prozeß des physischen und geistigen Weltgeschehens sein? Alle diese Fragen überläßt die Bibel der mystischen Spekulation. Um sie zu lösen, war die jüdische Mystik mehr als einmal versucht, mythologische Konzeptionen, etwa die der Gnosis, heranzuziehen. Der Mythos des „Urstoffes" bot sich an. Es drohte die Vergütung der Materie. G'ttes Wort, so mochte man glauben, hat die Welt nicht geschaffen, sondern nur geformt. Die jüdische Mystik ist über solche Gefahren hinausgewachsen. Die Lehre von den zehn Potenzen der Weltwirklichkeit, wie sie sich vor allem in vollendeter Gestalt im Bilde des Sefirot-Baumes symbolisiert, bedeutet die endgültige. Spiritualisierung der Welt. Gegenüber dem Mythos ist damit nicht nur G'tt vergeistigt, sondern ebenso auch die Welt, deren Urgrund G'tt ist. Es taucht aber gerade im System eines solchen „metaphysischen Idealismus", dessen Triadenlehre eine merkwürdige Analogie zum Hegel'schen Dreitakt darstellt, die um so größere Gefahr des Mythos auf. Besteht noch eine echte Distanz zwischen G'tt und: Welt? Auch hier hat sich die Problemsituation der jüdischen Mystik immer wieder an der eindeutigen Klarheit der Bibel entwirrt. G'tt, bleibt in der Transzendenz. Die Ürmächte des geistigen, seelischen und vitalen Daseins, deren Dynamik und gegenseitige Bezogenheii in der .tiefsinnigen Sefirot-Spekulation durchdacht wird, sind zwar" Manifestationen G'ttes, aber nicht identisch mit G'tt. Die Machschawa (der Gedanke) G'ttes bleibt unanschaulich und wird noch tiefer gelagert als die Merkawa (der g'ttliche Thronwagen), die der Inbegriff der kosmischen Mächte ist. Selbst die Vielheit der geistigen Urpotenzen ist nur eine Vielheit für die zerlegende Operation des menschlichen Denkens. Nur für die immer höher steigende: Meditation ergeben sich .Stufungen. Die Se- Eiroti an sich bilden eine Einheit. So wird selbst die Gefahr eines mythologischen Zwischenreiches gemieden^ Dies aber kann nur geschehen, weil die jUrpotenzen des Weltgeschehens schon von vornherein, anders als im [Mythos, geistig-, .nicht Biologisch, worthaft, nicht bildhaft, gefaßt werden. G'ttes Wort bleibt die alleinige kosmische Kraft. Der biblische Ausgangspunkt ist festgehalten. . ..... Ist die jüdische Mystik auch der zweiten Gefahr, der der Magie, glücklich entgangen? Die Bibel selbst spricht ebenso scharf gegen das Magische wie gegen das Mythische. „Es gibt keine Zauberei in Jaakow und kein Orakeltum in Israel;.zur Zeit wird Jaakow und Israel verkündet, was G'tt im Werke hat." Mosches Frage an G'tt: welchen Namen soll ich den Kindern Israel von Dir überbringen?, erfährt die Antwort: Ich werde da sein, als welcher immer ich da sein werde. Der vierbuchstabige G'ttesname empfängt hier eine Deutung, die jede magische Verwendbarkeit seiner geheimen Potenz von vornherein ausschließt. Der Mensch empfängt von G'tt das Geheiß und die Verheißung. Das Heil des Menschen ist im demütigen Gehorsam gegenüber der Weisung beschlossen. — Soll aber die mystische Spekulation sich mit der Disziplin der Gesetzeserfüllung begnügen? Wie kommt es, so muß sie vielmehr fragen, daß bestimmte Handlungen das Wohlgefallen G'ttes erregen? Inwiefern bedeutet die Darnahung (das Opfer) eine Näherung an G'tt? Welches sind die inneren Gründe der Gebote? Wie kann man es verstehen, daß das aus der Asche der roten Kuh bereitete Entsühnungswasser wirklich eine Eritsühnung und Reinigung bewirkt? Im Midrasch wird einmal diese letztgenannte Frage einem Nichtjuden in den Mund gelegt, der R. Jochanan b. Sakkai um Aufschluß bat. Die gültige Lösung des Problems formuliert dort der Meister gegenüber seinen Schülern mit den Worten: Bei eurem Leben, nicht ists der Tote, der verunreinigt, und nicht sinds die Wasser, die Reinheit spenden, sondern der Heilige, er sei gesegnet, hat gesprochen: Satzung habe ich gesetzt, Verordnung verordnet, du hast keine Vollmacht, sie zu übertreten. Aus solchem Geist heraus hat sich die Halacha frei von der Mystik enfaltet. Das Sosein der Gesetze wird nicht mystisch fundiert, sondern dialektisch entwickelt. Erst jenseits der Halacha beginnt die mystische Spekulation über ihren Sinn. So wird das Gesetz zwar nicht mystisch begründet, aber ins Mystische transponiert. Das System der. 613 Gesetze erfährt seinen Einbau in kosmische Räume. Die Halacha bekommt ihre dritte Dimension, Man denke daran, was die jüdische Mystik aus dem Sabbatgesetz gemacht hat. An diesem Glanzstück mystischer Gesetzesspekulation wird so ganz deutlich, wie schon bei den Propheten — man erinnere sich an den Begriff des Oneg Schabbat bei Jesaja — und dann in immer stärkerer Intensität aller Glanz kosmischer Bedeutsamkeit in dieses von der Halacha hingestellte Gefäß gesammelt wird. An einem andern Beispiel aber kann verdeutlicht werden, wie hinter der mystischen Erklärung der Gesetze die Gefahr der Magie lauert. Schon früh ist die „Mesusa" als ein Schützmittel des jüdischen Hauses aufgefaßt worden. Der irdische König, sagt der Talmud, läßt sich von seinen Dienern an der Schwelle des Palastes beschirmen.' Der König der Welt, G'tt, verfährt anders. Er steht an der Schwelle der Häuser und beschirmt seine Diener. Die Vorstellung eines Schutzes, den die Mesusa gewährt, braucht, . wie ein Kommentator des Maimonides sagt, keine Magie zu bedeuten. Sie meint in schlichter Weise nichts anderes, als daß G'ttes Gnade den beschütze, der sein Gebot" . . . ihr sollt sie schreiben an die Pfosten eurer Häuser" getreu erfüllt. Nichtsdestoweniger ist durch mystische Spekulation die Bedeutung der Mesusa von manchen magisiert worden. Ja, es gib sogar alte Handschriften, in denen dem Mesusa-Schreiber genaue Anweisungen über die zum Gelingen des Schutzes notwendigen Tagesstunden der Anfertigung gegeben werden. Es ist nicht der einzige ■Fall der Steigerung der Mystik ins Magische hinein. Auch das Gebet ist nicht immer frei geblieben von der Tendenz des Magischen. Die Meditation der G'ttesnamen im. Gebet hat mitunter die biblisch-talttiudische Frömmigkeit des Anrufens G'ttes in die magische Praktik des „Her-