Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1935)
- Date
- 1935-07-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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^^^^I^j^^^^s^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^s^^^^^^^^^^^^^l^^^^^^^^^ Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 27 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) „ XIV. Was sie in jder Niederlassung sahen, war nicht viel. Auf flachem schwarzem Boden standen in Reih und Glied fünf lange leichte Holzbaracken, hier ,,Zrifim" genannt, nebeneinander. Eine noch größere Baracke stand als Gerippe da und war erst im Bau begriffen. Den Zrifim gegenüber waren in langer Reihe nach oben zugespitzte Zelte aus Segeltuch gespannt, die sich von den Zelten der Beduinen nur-durch ihre hellere Farbe auszeichneten. Eine Kuh kaute bedächtig an der Krippe und zwei kleine Maulesel zogen langsam an einem mit Futter vollgefüllten zweirädrigen Karren. Ein großer leerer Leiterwagen stand da und wartete seiner. Verwendung. Auf dem <Boden lagen Holzstücke und Steine herum, die, wie die langen Röhren, auf emsige Bauarbeit hinwiesen. Den freien Platz zwischen „Zrif" und Zelt nahm eine Bohrmaschine ein, die tief in der Erde steckte, ohne zu bohren. Es war hier alles im Werden. Aber wo waren die Menschen, die dieses ins Werk gesetzt hatten, um es wieder im Stiche zu lassen? Das Ganze erinnerte an ein in panischer Eile geräumtes Heereslager, Baruch, der sobald er seinen Bereich betreten* hatte, den Arbeitskittel anzog und sich am Eselgespanne zu schaffen machte, erklärte: Wir sind unserer dreißig, darunter sechs Ehepaare, und auch einige Chaweroth. Alle gehen auf Arbeit in die nahen Kolonien^ Von sechse morgens bis zwei Uhr nachmittag. Dann erst beginnt die Arbeit auf dem eigenen Boden. Wir sind am Anf ang, haben kein Geld und nicht-Boden genug, um aus eigenem zu leben. Was aber hier schon da ist, haben wir mit eigenen Händen errichtet. Die Holzbaracken für die Familien, die Zelte für uns selbst, die noch winzigen Orangen- und Oelbäume, den Gemüsegarten, Wir sind noch mitten im Bauen und Bohren. Ihr werdet es sehen, wenn erst nachmittag die Leute von der Arbeit zurück sind und unser Eigenheim aus dem Schlafe erwacht." Aus dem letzten Zelte kam fröhliches Lachen, eine Mädchenstimme sang abgehackte hebräische Worte und warf dazwischen deutsche Brocken. Drei junge Mädchen saßen an einenr offenen Kamin, eines schnitt Reiben in einen Trog, wohl das Menu für Kuh und Esel, ein anderes rührte emsig in einem riesigen brodelnden Topfe umher, das Mahl für die Ghawerim. Ein Mädchen aber mit dem bunten Tüche um den Kopf sprang auf und ließ sein "Nähzeug, fallen, als es der Wildes gewahr wurde. „Na, endlich!" jubelte Hanna, „schon acht Tage im Lande und man bekommt Sie nicht zu sehen. Nun willkommen ink der Heimat!" Frau Ida umarmte in plötzlicher Gefühlsaufwallung Hanna und küßte sie ab. Wie eine Feldblume voll Duft und Frische stand das braune Mädel da. „Hat sich nicht viel verändert," konstatierte .Herr Wilde wohlwollend. „Hat auch hier das Kommando und das erste Wort und tyrannisiert das Haus, wie damals bei uns vor dem Feste . . ." „War diesmal sogar sehr" garstig/' schmollte Baruch. ' . . „Da seht mir doch einmal den Jungen an," wies ihn Hanna mütterlich zurecht. „Wollte,' daß ich mit ihm zum Empfange nach Jaffa fahre. Sollte meine Hühner und meine Kinder, alles im Stich lassen und mit ihm an den Hafen fahren, nun ist er böse, der Kindskopf . . ." „Die Kinder? . . ." wunderte sich Herr Wilde „Natürlich die Kinder," lachte Hanna. „Bin zwar noch nicht zu dem Holzpalast der Ehepaare aufgerückt — obwohl das bei uns sehr rasch geht — und gehöre noch ins weiße, spitze Mädchenzelt. " Aber meine Kinder habe ich dennoch. Bei uns geht nämlich alles auf Arbeit, auch die verheirateten Frauen. Wer soll sich dann ihrer Kinder annehmen, wenn nicht ich? Werde Ihnen bald unser Halbdutzend Krausköpfe vorführen und Sie werden sehen, was unser „Tozereth Haarez",. unser Landesgewächs, wert ist." Man hörte sie schon von der Ferne daher taumeln und „üoda" jubeln. Mit blanken Augen, ohne Scheu musterten sie die Fremden, dann waren ihrer drei verschwunden. Man entdeckte sie nach einigem Suchen auf dem Dach des Autos, von wo sie sich die Situation vergnügt ansahen. Um die Mittagszeit kamen die Arbeiter und einige Arbeiterinnen angerückt, hemdsärmelig, jung und frohgemut, Rechen und Hacke auf der starken Schulter. Sie warfen wie auf Kommando das Gerät ab und lagerten sich vor dem ersten Zelte unweit des offenen Kamins. „Baruch habba!" begrüßten sie den Kameraden doppelsinnig. Ba^ ruch ist da und „Gesegnet dein Kommen!" Ein freundliches dreißigstimmiges „Schalom!" tönte Herrn und Frau Wilde entgegen. Hanna brachte auf einem Brette Brotscheiben, eine ganze Batterie, eines der Mädchen hielt den" Krug an der Pumpe, die ihr Naß nur tropfenweise hergab. „Wasser zum Händewaschen' haben wir jetzt schon reichlich, Trinkwasser kommt auch noch. En Dawar! macht nichts!" scherzte einer. Es gab eine dicke Erbsensuppe und weiße, weiche Weizenbrotscheiben dazu. Erkleckliche Portionen Rüberigemüse, selbstgezogen. Aus der Kolonie hatten sie kürbisgroße Orangen, Bananen und frische Feigen mitgebracht und man teilte brüderlich. An eingelegten schwarzen Oliven hatte die Küche Hannas großen Vorrat, und manche waren schon „eingeboren" genug, um sie als Vorspeise und Dessert zu verzehren. Lianna hatte zum Schlüsse eine Ueberräschung, den Gästen zu Ehren: einen Riesenpudding wie damals auf der Hachscharafarm in der Rhön. Nach einigem Straubem streckte sich Herr Wilde zu den Arbeitern auf dem Boden hin und griff tüchtig zu. Frau Ida saß neben Hanna und fühlte mit steigendem Behagen, wie sie in diesen Bann von Jugend, Kraft und Freude immer mehr hineingezaubert wurde. Zum erstenmal verstand Herr Wilde das Tischgebet in seinem tieferen Sinne, als die Worte im großen Sprech- und Singchore ertönten: „Gelobt, der da speiset die ganze Welt mit seiner Güte . . . Und dank seiner großen Huld hat es uns an nichs gefehlt und wird uns nie ah Nahrung fehlen ... immerdar . . ■'. Wir danken Dir, G'tt, unserem G'tte, daß Du unseren Vätern ein so lieblich und geräumig Land geschenkt hast . . ." Die Natürlichkeit und Unmittelbarkeit dieser jungen Menschen, die zur Mutter Erde und Mutter Zion gefunden hatten, so empfand Herr Wilde, spiegelten sich selbst in ihrer Aiidacht wider. Sie sprachen mit ihrem G'tte wie ein Kind zu seinem Vater, so-aus klarem, tiefem Herzen heraus. Frischer Erdgeruch haftete auch ihrem Gebete an. Eine halbe Stunde lagerten die. jungen Menschennach dem gemeinsamen Gebete nebeneinander und schauten in den. klaren Himmel, umstrahlt von einer warmen, nicht allzuheißen Mittagssonne, umsungen von Vögeln in den jungen Bäumen, umsummt von farbigen Käfern in der klaren Luft. Helles Lachen erfüllte die Flur. Eine halbe Stunde nur, keine Minute länger. Dann erhoben sie sich alle auf einmal, und mit ihnen schien ein ganzes Heer von Heinzelmännchen aus Traum und Bann mit großem Geräusche zu erwachen. Ein Laufen, Schreien und Schaffen hub an, ein Hämmern und Hobeln, ein Rattern und Klopfen, als arbeiteten tausend geheime Geister emsig am Werke, um allerlei wundersame Dinge aus toter Erde zu zaubern. Die Maulesel am vollbeladenen Wagen wieherten und zogen kräftig an. An der Baustelle wurde es lebendig und zwischendurch wie zwischen Balken und Brettern bewegten sich wie Kobolde die Jungen mit ihren Steinen und Stangen, Baruch, der schon wieder ganz eingereiht war, saß auf dem Boden mit anderen zwei Kameraden und holte weit mit dem Hammer aus, um junge Pflanzen einzusetzen. Ein Anderer schlich gebückt durch die langen Beete des Gemüsegartens, um die reifen oder welken Blätter von dem. jungen Nachwuchs zu sondern und un- . gerufenen wild hochschießenden Gräsern den Garaus zu machen. Vier kräftige Arme trugen Leitungsröhren, um sie an richtiger Stelle in den Boden zu senken. Die Bohrmaschine bekam Leben und drehte sich in der Runde, von vier geübten Händen in Bewegung gehalten. Brrr! Tiefer, tiefer, tiefer! Ein Sangesfroher unter der Schar kam auf den Gedanken, dabei das „Majim", das Lied vom Wasser aus dem Gebete des Schlußfestes anzustimmen, als könnte dieses Zauberwort das vielersehnte Naß aus der Tiefe locken. Von den anderen Arbeitsstätten fielen sie in den Gesang kräftig ein. Im Stalle die Kuh heischte mit dumpfem „Muh" gebieterisch ihre fällige Mahlzeit, und zwischen den Zelten umringte das -Hühnervolk Hanna, die ihm aus hochgehobener und gesackter Schütze die Körner hinstreute. So ging es in ununterbrochener emsiger Arbeit fort. Bis gegen Abend wie auf stummes Kommando Rechen, Spaten und Hacke zu Boden fielen, der Bau, sichtlich gewachsen, wieder zum leblosen Skelett wurde. In einem der Zrifim standen die Regale voller Bücher und Folianten. Dort fanden sich jetzt die jungen Leute mit Sonnenuntergang bei gemeinsamem Lernen und Beten. Die sechs Familien zogen sich in ihre Gemächer zurück, die Jüngeren sammelten sich um den Tisch im gleichen Zrif zum gemeinsamen Mahle. Eine volle Stunde rauschte noch die Freude im hellen, breiten Strome durch die Niederlassung, bis die Jungen ihre Lager in den Zelten aufsuchten. Herr und Frau Wilde begaben sich nun im Auto nach der nächstliegenden größeren Ortschaft, um dort zu übernachten. Baruch war nicht zu bewegen, mitzufahren. Sein Urlaub war beendet, er gehörte nun bei Tag der Arbeit und nachts ins Zelt der Kameraden. Schon frühzeitig kamen sie am anderen Tage wieder in den Kibbuz, und noch einmal und noch einmal, so mehrere Tage lang. Der Tagesablauf war in diesem kleinen Reiche stets der gleiche, aber sie, die Alten, wurden mit jedem Tage, mit jeder Stünde empfänglicher für dieses harte und naturfrohe Leben. Frau Ida äußerte den Wunsch, auch nachts bei Hanna zu bleiben, wogegen sich aber Hanna selbst sträubte. Frau Wilde brauchte ihre Erholung und ihre volle Nachtruhe, und die „Bande", die Hühner, wie die Esel, wie die Jungen, gäben schon morgens um fünfte keine Ruhe m ehr ... „Jetzt sagt einmal, Jungens," meinte Herr Wilde bei einer letzten Aussprache vor dem Abschied ganz sachlich und geschäftsmäßig, „wie denkt ihr eigentlich über eure Zukunft. Wollt ihr etwa ein neues Tel Awiw hier errichten?" „N e i n, das nicht!" Zwi K.a rmi, ein schlanker sehniger junger Mensch mit den fanatischen m