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Der Israelit · 1935-07-04 · Heft 27 (4.7.1935) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 27 (4.7.1935)
Date
1935-07-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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j^SB^p^^^gPa^B^^Sp^^^^^^^^Bg^^^^l^^g^^^^p^^^^ J^SSW««^«?!^^^ 4. Juli 1935 '_, Terribile dictu oder — nKT ^5? Ö'ötP lÖltPI "Wir haben uns vor einigen Monaten in dem Abwehrkampfe gegen die systematische Herabsetzung Hirschs und seiner Ideenwelt den Hinweis erlaubt, daß man den Vorwurf, mit wissenschaftlichen Fiktionen zu arbeiten, d. h. logisch unbeweisbare metaphysische Vorstellungen unter der Hand in Begriffe und Realitäten zu verwandeln, viel eher gegen Rosenzweig (ebenso auch gegen Bub e r) erheben könne, als gegen Samson Raphael Hirsch.*) So möchten wir denn Herrn Lewkowitz als parteipolitisch gewiß unverdächtigen Zeugen für denjenigen Teil unsrer Behauptung akzeptieren, der den irrationalen Charakterder Rosenzweig'- sehen Lehre betont. , . Hätte Rosenzweig nur w i * k lieh die Konsequenz besessen, bis zu Hirsch „zurückzu- Der Israelit kehren" und dem historischen Relativismus als Methode jüdischer Religionsphilosophie eine restlose Absage zu erteilen, so wäre seine Ablehnung aus der Breslauer Ecke, die nichts gelernt und nichts vergessen hat, leichter zu tragen, als sie es heute für die ihm folgende Jugend ist. Interessant wäre, zu erfahren, wie sich Herr Lewkowitz zu B u b e f stellt. Hier scheinen nationaljüdische Gedankengänge, die Lewkowitz stark beherrschen, die Unbefangenheit oder mindestens die Kühnheit der Kritik stark zu beein fiussen, obgleich rein wissenschaftlich zwischen den Denk-Methoden Bubers und Rosenzweigs kaum ein prinzipieller Unterschied zu finden sein dürfte. Brief aus dem „Middle West der Vereinigten Staaten. et Chicago, 10. Juni. Hier, in einer kleinen Universitätsstadt Nordamerikas, nicht weit von, Chicago — ungefähr 350 Kilometer entfernt — gibt es eine kleine Insel jüdischen Lebens, die bloß hie und da von den Wellen der Außenwelt berührt wird. Alle vier Wochen kommen Vertreter jüdischer Organisationen hierher, um vor einer kleinen Gruppe Berichte über das Ausland, Palästina, Europa, Südamerika usw. zu erstatten, die Zeitungsberichte zu ergänzen und zu glossieren. Jüngsthin kam ein Rabbiner aus Karpathorußland hierher, um Mitglieder für den „American Jewish Congreß" zu werben. Er hatte, so erzählte der Rabbi, den „Congress" in Genf mitgemacht und sei zur Ueberzeugung gekommen, daß eine Sammlung aller Juden auf dem Boden dieser Organisation der einzige Weg zur Stärkung des Judentums wäre! Kurz vor ihm sprach ein Sekretär der „Hias", der jüdischen Wanderfürsorge, der die Unterstützung der weitverzweigten Hilfstätigkeit als die wichtigste Aufgabe des zeitgenössischen Judentums bezeichnete. Dazwischen kommen Vertreter der zionistischen „Histadruth", des Joint Distribution Committee, Jeschiboth in Palästina usw. Alle werden finanzieller und moralischer Hilfe bedacht, Es gibt in diesem Staate ungefähr fünfzig kleine Gemeinden, die auf solche Veranstaltunder mit *) „Israelit" 1934, Nr. 44: „Deutsch-jüdische Jugend auf der Suche nach Religion". Die Begründung ist dort gegeben,. gen angewiesen sind, um den Zusammenhang mit dem großen jüdischen Leben nicht zü verlieren. Im Großen und Ganzen verläuft ihr jüdisches Leben in derselben Weise: Eine verhältnismäßig große Anzahl von Familien hält noch auf Kaschruth, ist an Talmud Thora-Schulen und Synagogen interessiert. Bei gewissen Anlässen zehren sie an ihren Erinnerungen an das Beshamidrasch in der kleinen oder großen Kehillah ihrer Heimat, an die berühmten Rabbiner usw. Aber hier, in ,,Middlewest" Amerikas, hat das Judentum für sie eine andere Gestalt erhalten. Das alte, glaubenstreue, tatkräftige Judentum hat nur wenige Vertreter aufzuweisen. Bis vor kurzem gab es nur ein gesellschaftlich und offiziell anerkanntes Judentum, das sogenannte Refjprmjudentum, dessen Rabbiner in Tempeln, meistens am Sonntag, predigen und die praktischen Gebote beiseite geschoben haben oder bestenfalls als historisch interessante Bräuche gelten lassen, die mit den Vertretern anderer Religionsgemeinschaften fraternisieren und dabei die Speisegesetze als hindernden Baiast aufgeben. Das orthodoxe Judentum war höchstens hie und da durch einen „Schochet- Rabbi" vertreten, d. h. durch einen Schochet, der sich den Titel «Rabbi" beilegte, ohne in jedem Falle die Befähigung zum Amte erlangt zu haben. Der orthodoxe Vertreter übte häufig noch andere Funktionen aus: Er war der „Möbel", Baal Koreh, Koscherfleisch-Versorger usw. Er hatte auch die Talmud Thorä-Schule zu lei- 2. Die neuhebräische Sprache ist ein Problem, über dasman auch im gesetzestreuen Judentum nicht mehr hinwegkommt. Pinchas W o 11 - mann, ein erfolgreicher hebräischer Pädagoge in Frankfurt a, M., faßt das Problem an der Wurzel an und kommt zu Schlüssen, die, auch da wo sie nicht absolute Zustimmung finden, Beachtung verdienen. Behandeln der erste und der zweite Teil die Bedeutung der hebräischen Sprache im Allgemeinen, um den Nachweis zu erbringen, daß, ähnlich wie Erez Israel, auch Israels Sprache nicht Domäne der Freigesinnten sein kann, sondern auch und erst recht unserer Fürsorge und Pflege, in der gesetzestreucn Schule und bei der Erwachsenenbildung, bedarf, so geht der Verfasser in den zwei letzten Teilen wissenschaftlich auf die sprachlichen Probleme und ihrer Lösung ein. Er zeigt die Wege, die zu einer Erweiterung" und Belebung der Sprache führen, ohne daß dabei ihr Heiligkeitscharakter im Geringsten Schaden erleidet. Veranschaulicht werden die Ausführungen durch ein graphisches Schema, das die zu lösenden Aufgaben augenfällig zeigt. Es wäre zu wünschan, daß die in diesem ebenso gründlich wie anregend geschriebenen Büchlein (eine Uebersetzung aus dem hebräischen Original) gemachten Vorschläge zum Gegenstande einer Diskussion in der jüdischen Oeffentlichkeit werden. 3. In erster Reihe sind es unsere Kinder, die mit der Forderung des Hebräischen kategorisch an unsere Türe klopfen. Schulleiter, die die Stimme der Zeit verstehen, haben sich längst darauf eingestellt. So hat Direktor Dr. Elias von der Samson Raphael Hirsch-Schule in Frankfurt a. M. vor einem Jahre ungefähr das hebräische Theaterstück „Daniel", frei gearbeitet nach der biblischen Ger schichte, verfaßt und erst in der Schule dann im großen Rahmen zur Aufführung gebracht. Ueber den Erfolg dieser ersten großen hebräischen Aufführung, über die seelische Teilnahme der jungen Schauspieler und das Mitgehen des Publikums ist seinerzeit in den jüdischen Blättern berichtet worden. Allgemein wurde der Wunsch geäußert, dieses Stück, dessen Einstudierung schon in jeder Stunde hebräischer Anschauungsunterricht in bestem Sinne bedeutet, auch anderen Städten und Schulen zugänglich gemacht. Diesem Wunsch wurde jetzt Rechnung getragen. Das hebräische Bühnenstück liegt im Wortlaut, sauber' gedruckt, punktiert, auch mit einer deutschen Anweisung über die Behandlung des Textes und die Ausstattung des Spieles versehen, vor uns, und kein Lehrer, der das erwachte . Interesse für das Hebräische in Schule und Gemeinde erzieherisch auszuwerten weiß, wird es versäumen, davon Gebrauch zu machen. Das Stück ist im Hermon-Verlag zum Preise von RM. —.80 broschiert zu beziehen. Wochenkalender. Yom 6, — 13. Juli 1935 / Vom 5. — 12. Tammus 5695 ->nv> *p Samstag 'so san 6 5 np 'i 'a 's pia mp Sonntag 7 6 tsp Montag 8 7 V neipfi Dienstag Juli 9 nan 8 K'p Mittwoch. 10 9 3'P Donnerstag 11 10 V? ö"iad n'wn »xn Freitag 12 11 n»p Samstag 13 12 top 'i 'n "i p-ia p!>a rpn .__._Nr. 27 Seite 5 ten, die selten ein geeignetes Lokal zur Verfügung hatte. Er mußte es versuchen, die jüngere Generation, die nur Englisch sprach, für das Judentum zu gewinnen. Er sprach zu ihnen meistens in Jiddisch, das die Kinder nicht verstanden. Er war pädagogisch ungeschult und daher ungeheuer im Nachteile, wenn seine Methoden, oft auch seine Persönlichkeit, mit dem Lehrer in den Staatsschulen verglichen wurde. Daher kam es, daß die neue Generation auf das Thorajudentum als etwas Veraltetes herabsah, das sie weder im ästhetischen noch im religiösen Sinne interessieren konnte. Auch die ältere Generation, die ehemaligen Immigranten, gaben allmählich den Glauben an die Wiedererweckung des alten Judentums auf. •Wie gesagt, dieses trübe Bild jüdischen Lebens trifft für fast alle Kleingemeinden in diesem Staate zu. Aber auch in den Großgemeinden, wo es eine kleine Anzahl tüchtiger Rabbonim alten Schlages gibt und hie und da auch echte Jereim und Thoragelehrte, ist die religiöse und soziale Stellung des orthodoxen Judentums unbefriedigend. Die Ursachen hierfür sind dieselben, wie die in den Kleingemeinden. Wenn daher diese Gemeinden von Zeit zu Zeit Besuche von Vertretern aller jüdischne Organisationen erhalten und selten einen geeigneten Vertreter des orthodoxen Judentums zu sehen bekommen, ist es zu verstehen, wie ungemein schwierig das jüdische Erziehungsproblem ist. Die Beziehungen zur nichtjüdischen Bevölkerung sind ausgezeichnet. Es dürfte interessieren, daß z. B. in meinem Wohnorte die nichtjüdischen Kaufleute ihre Sympathie für die jüdische Gemeinde durch eine jährliche Zuwendung von ca. Doli. 500 für die Talmud Thora-Schule bezeugen. Aber gerade weil die äußeren gesellschaftlichen Bedingungen günstig sind, ist der Mangel an geeigneten jüdischen Vertretern besonders fühlbar. Die einzige großzügige Anstalt, die Rabbiner für das orthodoxe Judentum ausbildet, ist die Jeschiba in New York.*) Diese Anstalt hat vor kurzem das Rechi erhalten, sich einer philosophische Fakultät anzugliedern und den Doktorgrad in allgemeinen Fächern zu verleihen. Im Rabbiner-Seminar, d. h. in den obersten Klassen des „Jeshibah College" wird gute Arbeit geleistet. Eine Anzahl tüchtiger junger Rabbiner haben im Osten des Landes Stellen gefunden. Aber meines Wissens haben nur sehr wenige bis heute Stellen im Innern des Landes erhalten. Es gibt eben keine Rabbinen hier im „Middle West", die Thora und Derech Erez im Hirsch'schen Sinne vereinigen. Das Feld ist daher vollkommen den Reformern und den Konservativen überlassen. (Man muß gestehen, daß manche dieser konservativen Rabbiner dem orthodoxen Judentum in der Praxis sehr nahe kommen.) Wenn daher Berichte über, die Tätigkeit orthodoxer Gruppen in den jüdischen Zeitungen erscheinen oder von den Vertretern anderer Organisationen besprochen werden, stoßen sie im besten Falle auf Mißverständnisse, häufiger auf Opposition. So wird hierzulande z. B. den Bestrebungen der Agudas Jisroel nicht das Verständnis entgegengebracht, das man in Europa selbst im gegnerischen Lager ohne weiteres voraussetzen darf. Die Aguda hat hier noch immer „eine schlechte Presse". Man weiß sehr wenig von den ungeheuren Verdiensten der Aguda, z. B, in der Erziehung der Mädchen im Osten, obwohl es ziemlich allgemein bekannt ist, daß die B e t h Jaakob-Schulen orthodox sind. Die alten Geschichten über die feindliche Stellung der Aguda zur Palästina - Arbeit werden noch immer aufgetischt, aber nicht mehr so oft wie früher. Seit der jüngsten Einwanderung rühriger Agudamitglieder in Palästina und besonders als Resultat der aufklärenden Artikel im „Israelit" ist ein Ton ehrlicher Wertschätzung in der jüdischen Presse zu bemerken. Das ehrliche Be- *) Es gibt allerdings noch einige kleinere Institutionen, wie z. B. die Jeschiba in Chicago, die aber einen zu einseitigen Lehrplan hat.)

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