Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 27 (4.7.1935)
- Date
- 1935-07-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 27 Der Israelit 4. Juli 1935 aus Papier und Druckerschwärze bestand, der ebenfalls aus Hunger, aus Mangel an Lesern, erfolgte, ist ein Zeichen gesunden geistigen und religiösen Lebens, das man mit allen literarischen, propagandistischen und administrativen Mitteln in den jüdischen Massen nicht zu vernichten vermochte. Die Religion in den russisch-jüdischen Häusern und Herzen lebt, der „Apikoires", das Organ der antireligiösen Bewegung unter, den Juden, ist tot! Neben dem „Emes" in Moskau und einigen Provinzblättern, die in jiddischer Sprache mehr der politischen Propaganda dienen, hatte der „Apikoires" die Aufgabe, die Attacken gegen die Religion zu propagieren und die Gottlosenbewegung in die jüdischen Massen hineinzutragen. Mit dem Erfolge, daß er nach zweijährigem Bestehen jetzt sein Erscheinen definitiv einstellte. Aus Mangel an Objekt, wie zugegeben wird. In diesem Punkte sind die Herren ehrlich. Sie nutzen sogar ihre Mißerfolge als Propagandamaterial — als Memento für die Genossen, wie viel noch zur Auflockerung des Bodens geschehen müsse, welche Kraftanstrengung die Bewegung noch erheische. Wir wollen hoffen, daß die Klagen der „Jewsektia" über die Erstarkung des religiösen Lebens in den jüdischen Städten nicht übertrieben sind und den sanften Tod der „Apikoires" als „lebendigen" Beleg für jene Klagen zu Akt nehmen. Ein Nachruf auf Groß-Gaglow. Der RjF. berichtigte vor kurzem die Mitteilung der jüdischen Zeitungen über die Auflösung der RjF.-Siedlungen Groß-Gaglow dahin, daß jene Liquidierung aus äußeren Gründen vorgenommen werden mußte und in keiner Beziehung zu den Auswirkungen des neuen Bodengesetzes auf die jüdische Rechtslage stehe. Im Widerspruch zu dieser Auslassung steht eine Aeußerung der „Westfälischen Landeszeitung Rote Erde". Das Blatt schreibt u. a.: „In diesen Tagen hat eine Einrichtung ihr Ende gefunden, die für die ganze politische und weltanschauliche Einstellung der judenfreundlichen Nachkriegspolitiker mehr als typisch war. Die ländliche Judensiedlung bei Groß- Gaglow bei Kottbus wurde, wie die NS-Laüdpost meldet, aufgehoben. Die Systemregierung hatte den siedelnden Juden staatliche Unterstützung gewährt und damit eine Zelle genährt, die einmal der Beginn sein sollte für eine völlige Verjudung Deutschlands. Zwei Worte des Wilnaer Gaon. Korachs Ueberheblichkeit und Anmaßung rührten, nach Talmud, von seiner weiten Perspektive her. Er sah seinen späten Nachkommen Samuel, der Mosche und Ahron aufwog, pnsn ns?a naa blpv wie es in den Psalmen heißt: '■wv 'mipa btemm vanaa paxi nvia „Mosche und Ahron unter seinen Priestern und Samuel unter denen, die Seinen Namen anriefen." „Ist es wirklich denkbar, daß Samuel über Mosche und Ahron gestellt wird? Und v/ie wäre das mit dem angeführten Psalmsatze bewiesen? Die unerreichbare Größe von Mosche und Ahron lag darin, daß aana Jinn mann nraw daß sie nur Instrument der g'ttlichen Offenbarung waren, daß gleichsam G'tt aus ihrem Munde sprach. Darum konnte ja Mosche von sich selbst ganz unpersönlich wie von einer dritten Person sprechen. Es war ja nicht seine, sondern G'ttes Rede, die aus seinem Munde kam. Und Samuel? Wir lesen in „Samuel" I, Kap. 12 (in der dieswöchentlichen Haftora) •b&viv nun nn«p nm pa nun toai' m 't rbwi „Und G'tt schickte Jerubaal und Bedan und Jiftah und Samuel." Samuel spricht also in seiner Rede an Deutsche Bauern mußten im Osten deutsches Land verlassen, da Zins und Wucher sie von der Scholle vertrieben" und Juden wurden angesiedelt! Wer weiß, wie viel jüdische Siedler es heute schon in Deutschland geben würde, wenn nicht der Nationalsozialismus einen Strich durch diese fein ausgeklügelte Rechnung gemacht hätte. Gegenüber Bemerkungen eines jüdischen Organs zu der erfolgten Auflösung der vorgenannten Siedlung, worin es hieß, daß die Juden hätten zeigen wollen, daß sie auch das Volk von sich selbst in dritter Person, erzählt von sich unpersönlich, ähnlich wie Mosche, also galt, es auch für ihn, daß una im» fnai» warn, daß es nicht seine Worte, sondern die der Schechina waren, welche aus seinem Munde kam. Diese Tatsache stellt ihn in diesem einen Punkte Mosche und Ahron g 1 e i c h. tin«i n»aa V>p». Der Beweis mit dem Tillimsatze ist danach lückenlos. ■ ms ' 8 n p a ^ktopi varna nnm nwa- Wie Mosche und Ahron nennt hier auch Samuel seinen eigenen Namen statt in Ichform zu sprechen (Sam. I, Kap. 12, S. 11). Das konnte er ja nur, wenn, wie bei Mosche und Ahron, die Schechina aus seinem Munde sprach. Somit werden ihm Eigenschaften von Mosche und Ahuon attestiert. Gegen Schluß des Traktat „Sofrim" heißt es u. a.: »D'wa« Tjr naaa wwi w^aiw Dmas nt □■»paya ^nan dikü „Der große Mensch unter den Riesen" (Josua 14, 15) — es ist dies Abraham, der Speis und Trank zu sich nahm, wie vierundsiebenzig Menschen." Will Talmud die große Eßlüst Abrahams schildern, und warum gerade vierundsiebenzig? Abraham lehrte als erster die Menschen, auch im Essen und Trinken G'tt dienen. Unter seinem Eschel wurde den Gästen mit den Segenssprüchen vor und nach der Mahlzeit die Erkenntnis G'ttes beigebracht. In M. II 24, 11 heißt es aber von Mosche, Ahron, Nadah und Abihu und den „siebenzig Männern", „sie sahen G'tt und aßen und tranken ..." Essen und Trinken und dabei G'tt schauen — es ist dies, was Abraham tat und lehrte. Im Traktat „Sofrim" wird das kurz angedeutet: „Abraham, der geistige Riese, er aß und trank wie jene vierundandere Berufe ergreifen könnten, sagt das Blatt des Reichsnährstandes sehr richtig: „Will der Jude beweisen, daß er auch ein „seßhafter Bauer" ist, so mag er das in Palästina tun. Auf deutschem Boden ist kein Platz für solche Versuche!" Damit erhalten unsere Ausführungen an dieser Steile, in denen wir den Wert der nun beendeten Arbeit in Groß-Gaglow für die Palästinasie d.lung hervorkehrten, auch von dieser Seite volle Bestätigung. siebenzig Mann. Wie später Mosche, Ahron, Nadah, Abihu und die siebenzig Männer der Synode, hatte er selbst beim Essen und Trinken G'tt vor Aug e n. Kleines Feuilleton. Drei Hermon-Bücher. Unter den Neuerscheinungen des Hermon,- Verlages Frankfurt a. M., fallen drei schmucke, vortrefflich ausgestattete Büchlein auf, die, so verschieden sie nach Text und Inhaltsind, doch zusammen dreifaches Zeugnis ablegen für das Bestreben dieses Verlages, den Forderungen der Stunde Wort und Form zu geben. l, Unter dem Titel „Vom Denken und Glauben, unserer Zeit" macht Ari Wohlgemuth seine Betrachtungen anläßlich des Maimunigedenkjahres. Man hat viel aus und über Rambam in den letzten Monaten gelesen, mehr „über" als „aus". In dieser Schrift, die mehr für den Denker als für den gedankenlosen Leser berechnet ist, ergibt der Gedankengehalt aus Maimonides, insbesondere aus seinem philosophischen Werke, das Bild über den Meister. Im Grunde ist es dem Verfasser mehr darum zu tun, das Denken und Glauben unserer Zeit festzulegen, als etwa eine Monographie des Rambam zu geben. Darum wird das Werkchen seinen vollen Wert auch'über das Rambamjahr hinaus behalten. Ein Kampfruf gegen In der Breslauer „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" veröffentlicht Albert Lewkowitz vom Bresläuer Seminar einen kurzen, aber in seiner Konzentriertheit außerordentlich gehaltvollen Ueberblick über das Verhältnis von Religion und Philosophie im jüdischen Denken d e r G e g e n w a r t. Die Arbeit hat über die wissenschaftlichen Fachkreise hinaus insofern erhebliches Interesse für die jüdische Allgemeinheit, als hier — soweit wir sehen können,, eigentlich zum ersten Male — der Versuch unternommen wird, zwei Heroen des neueren deutsch-jüdischen Geisteslebens von ihrem Piedestal zu stürzen: Hermann Cohen und Franz Rosenzweig. Das ist um so bemerkenswerter, als in der heute gegebenen geistigen Situation der deutschen Juden dieses Götter-Stürzen für den nichtorthodoxen Teil der Judenheit recht verhängnisvolle Konsequenzen haben und mancher jugendlichen Seele ihren inneren Halt rauben kann. Lewkowitz charakterisiert in sehr klarer Weise den alle Wirklichkeit verflüchtigenden Hyper¬ Idealismus Cohens, der das „Ding an sich" in rein subjektive „vollendete Erkenntnis", G'tt selber in die G'ttesidee auflöst, um dann schließlich aus assimilierten jüdischen .Instinkten heraus die wirklichkeitsgesättigte jüdische Religion in die „Religion der Vernunft" umzudeuten. Aber Cohen ist in Ernst Cassirer, dem bedeutendsten Vertreter des Neukantianismus in der Gegenwart der Todesengel mit dem rächenden Schwerte erstanden. Was er rächt, ist das von Cohen ins Religiöse gekehrte „wissenschaftliche Bewußtsein." Auch die Verflüchtigung zur Idee, mit der Cohen das Judentum über den „Mythos" zu erheben gedachte, kann den G'tt des Himmels und der Erde nicht vor dem Racheschwerte dieses „wissenschaftlichen Bewußtseins" retten. Franz Rosenzweig. Der wissenschaftliche Rationalimus, von Cassirer konsequent durchgeführt, vernichtet die rationalistisch-religiöse Synthese Cohens und damit seine Leistung als jüdischer Religionsphilooph. Das „Heilige" kann von der Wissenkonsequenz Rosenzweigs war bisher nur von orthodoxer Seite festgestellt worden. Auch Franz Rosenzweig erkannte die Unvereinbarkeit des absoluten Rationalismus der Wissenschaft mit dem religiösen Bewußtsein. Er zog darum in seinem „Stern der Erlösung" die entgegengesetzte Konsequenz und stellte dem nihilistischen Denken das „gläubige Denken", den „Nichtsen" des erkennenden Geistes die gläubige Erkenntnis der Welt, des Menschen und G'ttes in den Kategorien der Schöpfung, Offenbarung und Erlösung entgegen. Die Inkonsequenz, die diese absolut autonome Linie des. spezifisch gläubigen Denkens, plötzlich verläßt und dem historischen Relativismus der Bibelkritik verfällt, sobald es sich nicht mehr um die Ideen, sondern um die sie bedingenden philologischen Texte handelt — diese Inkonsequenz Rosenzweigs war bisher nur von orthodoxer Seite festgestellt worden. Nun erscheint Lewkowitz Rosenzweig gegenüber in der gleichen Rolle, wie er sie Cassirer dem alten Cohen gegenüber zugewiesen hat — als Anwalt und Rächer der voraussetzungslosen, rationalistischen Wissenschaft, Rosen zweigs „gläubiges Denken" sei nichts anderes als „Erlebnistheologie", sei also insofern es allgemeingültige Denkergebnisse schaffen wolle» nichts als Dogmatik, aber keine Wissenschaft, „Ueber ein Jahrhundert der geschichtlichen Erkenntnis des Judentums" — so jammert der Religionsphilosoph des Breslauer Rabbiner-Seminars — „führt das gläubige Denken Rosenzweigs zu Samson Raphael Hirsch zurück"!!