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Der Israelit · 1935-07-04 · Heft 27 (4.7.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 27 (4.7.1935)
Date
1935-07-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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$8p«ä äsasgsssssse^s^gs^sfs? SP 4. Juli 1935 Der Israelit Nr. 27 Seite 3 Not letirt beten. (Fortsetzung von,;Seite 1.) belfers mehr sieht und die Sorgen.! sich in Gebete -zu formen versuchen, — siehe, dann ist die Forjnungsarbeit erleichtert, .der Weg aufs uferlose Meer der Wünsche gemieden und das Gericht (^Snn) über gebührliche, und ungebührliche Bitten durch die anerzogenen Betworte vorgeformt. 3. Wir lassen; unsere Kinder sogar schon dann Gebete sprechen, wenn, es noch nicht möglich ist, ihnen sprachlich den Sinn der Gebete im Einzelnen näherzubringen. Unsere Weisen haben darin niemals eine ideale Gewöhnung gesehen, .sondern verlangt, daß die Kinder, sobald sie zu sprechen beginnen, auch die heilige Sprache erlernen. Diesem Verlangen unserer-Weisen zu entsprechen, ist uns in sehr vielen Ländern und Zeiten nicht möglich gewesen. Auch ob wir diesem Verlangen entsprechen, wenn wir die Kinder zunächst im heutigen Profanhebräisch unterrichten und sogar aufwachsen lassen müssen, soll sich noch erst erweisen. Dennoch verstummt wohl überall heutzutage das geistig-hochmütige Gerede ■vom „Lippendienst" des Gebetes. Man beginnt einzusehen, daß es nichts schadet, wenn zuerst nur 'die vom Elternhause her wohlvertrauten Klänge des Gebetwortes in die Seele gedrungen sind und diese erst später sich mit Sinn füllt, später durch Leben und Erfahrung. Vielleicht kommt manchem jüdischen Kinde heutzutage so-, :gaf diese Erfahrung schneller als das nur grammatische Erfassen, Die Zeit ist dazu angetan, unvergleichlich/viel.strenger zum Sinndenken als zum grammatischen Formdenken zu erziehen, Kinder so gut wie Große ... Fast ist es vielerorten schon nötig, dieser an sich vertiefend wirkenden. Entwicklung ejn wenig zu steuern und die Betenden zu belehren, daß formlose Worte auch gar leicht formloses Denken und Wollen zur Folge iiäben. Sollen die Gebete in der Seele weiterwirken, und sogar bei gelegentlich, fehlender Andacht nicht unwirksam bleiben, so müssen sie vor allem auch diejenige Form genau innehalten, welche ihnen die Weisen geprägt haben, und diese Formtreue kann ihre Aufgabe als Wahrerin der Sinntreue doch nur bei denen erfüllen, die nicht ohne jedes grammatische Verständnis dahinleben. 4. Besteht' dieses Verständnis, dann allerdings wirkt auch das ohne genügende Inbrunst gesprochene Gebet nicht ohne tiefen Segen in uns. Einem jeden Menschen prägen sich bestimmte Gedanken- und Wortreihen seines Lebenskreises selbst wider seinen Willen ein. Den tiefsten Charakter, d. h. die tiefste Prägung des Menschen erkennt man an dem, was er geläufig spricht, was ihm wie^ ohne sein Zutun entschlüpft. Wehe dem Menschen, dem Unflätigkeiten geläufig sind! Heil ■dem Menschen, dem Worte 'der Huldigung G'ttes und Worte des Gebetes geläufig sind! — Schon an dieser Geg&nüberstellung erkennt man, wie heiligend selbst ein gelegentlich uhandächtig gesagtes Gebet zu wirken imstande ist; es würde nicht Gelegenheit zum „Prägen" des Menschen erlangen, wenn es jedesmal bei'1;nachlassender Andacht in.. Fortfall käme oder abgebrochen würde, '; 5. Heute sind alle diese Ahnungen des; Segens den dunklen Seelenbereichen entwachsen. Heute bewährt sich der Sprecher unserer Gebete, der Erbe unserer Gebote als offen von ihnen erhoben und gelenkt in Geist und Tat. An;jeden Zizithfaden eines jüdisch gebliebenen Mannes knüpfen sich die Hoffnungen zehn anderer jüdisch geborener Menschen, und sie sprechen: Der da weißr wozu er schwere Zeiten erleidet; wer aber wird es uns lehren? Der da findet Worte für die Bitten,' die auch unsere sind; wer lehrt uns solche Worte? Der da fand Halt gegen Entsittlichung*, und Wohlleben im Ehrenkleide seiner Schaufäden; wer rettet aber unsere Jugend vor ihren nihilistischen und selbst im nihilistischen Kreise mit Recht als Jugendleichtsinn bearg wohnten Verirrungen? Diese Frgaen sind nicht erdacht, sondern gehört. Ihre Entscheidung wird durch-Alle von uns erhofft und stellt uns vor große Aufgaben. Man sagt zu uns wörtlich; Ihr besitzet doch die Schlüssel der Geheim nisse;|könnt ihr uns nicht auch den Weg zu ihnen öffnen,? 6. Es hilft nichts, gerade jetzt demütig tun und die- Verantwortung ablehnen zu wollen/ Unsere Heimkehrer wollen wieder mit uns beten können. Sie sind noch nicht so heimisch im Gebete wie wir und vertragen noch nicht im gleichen Maße wie wir die Flüchtigkeit und Gleichform unseres alltäglichen Betens und Gebote-Erfüllens, ohne, nach äußer jüdischem Vorbilde, daran in ihrem Willen zu Gebot und Gebet zu erkalten. Wo wir das Glück haben, neue Gesichter im täglichen Gebetdienste erscheinen zu sehen, sollten wir daher nach Möglichkeit diesem Dienste selbst alltags eine innigere Weihe als bisher zu geben suchen. Und wo am Familientische der „Neuling in der Jüdischkeit" sich einfindet, darf selbst dem Tischgebet, selbst dem Händewaschen vor (und wo es üblich, nach) Tisch getrost ein ernsteres Gesicht und ein innigerer Vollzug gegeben werden, als wir es gewöhnt sind. Das würde nichtN*inT>, scheinreligiöse Anmaßung, sondern DIPIT, Ansporn zur Nacheiferung sein. Wenn später der Neuling den g'ttlichen Gesetzgeber wieder als liebenden Vater und dessen Haus auch wieder als Heimat seiner Seele lieben gelernt hat, über die ehrfürchtige Scheu sich erhoben und ZUr vertrauten Liebe zu den Gesetzen sich erhoben hat, — dann allerdings wird es Zeit sein, ihm die G'ttgefälligkeit auch des schlicht gesprochenen Gebetswortes und des schlicht erfüllten Gebotes zu zeigen, — wofern ihm diese bis dahin nicht von selber einleuchtet. 7. Es wird nicht immer leicht sein, Zeitmangel, angeborene Schlichtheit und andere Hindernisse täglich soweit zu überwinden, daß unser tägliches Gebote-Erfüllen und Gebete-Sprechen auf zaghafte Heimkehrer hinreißend wirken kann; dennoch scheint" es, als könnte man das Irregehen der Heimkehrenden auf diesem Wege vielfach wirksamer als durch die an sich auch nötigen Diskussionen gegen den Buber'schen Kreis und gegen seine uferlose Mystik verhüten. Es ist nicht die zwittrige Stellung dieses Kreises zum Thöragesetz, die ihm so. viele Lauscher zutreibt, sondern sein quasi prophetisches Gehaben zieht manchen Trostbedürftigen heran, den wir mit einiger Verinneflichung u n s e r e s Thora- und Gebetslebens ebenso leicht gewinnen können. Fast unlösbar mag darüber hinaus die Aufgabe sein, und vielleicht auch selten von Bedeutung, — selbst solche g'ttsuchende Opfer der Zeit für das Gesetzesleben zu gewinnen, die durch die Armseligkeit des jüdischen Lebens ihrer Gegend ihren Trost schon in der Kunst oder in fremdem Bekenntnisse zu suchen in Versuchung sind. Dennoch darf in alledem das Wort „g a n z un m ö glich" n i cht g e s pr o c h e n werden: Ein Jeder von uns 'möge nach seiner Möglichkeit die für uns heimischen Tore der G'ttinnigkeit dem wahrhaft Suchenden öffnen. Die Suchenden werden bei uns finden, was ihnen verstiegene Grübler, Sprech- und Klangeskünstler und fremde Bekenntnisse nicht schenken: die G'ttinnigkeit des schlichten Alltagstuns und Alltagsgebets. Sie werden uns danken, von Herzen danken für Taten und Worte, die wir oft scheinbar sinnlos geübt, in Wirklichkeit aber durch diese s t e - " t i g e U e b u n g für uns lund für die Welt erhalten haben. Sie werden diesen Dank abstatten,; indem sie ohne Aufsehen Glieder unser er;^Gemeinschaft der schlichten Befolger und Beter" werden, Wochenrundschau. Auswüchse. Je mehr wir Juden vom allgemeinen Kulturleben zurückgedrängt werden, um so intensiver sucht sich die jüdische Kultur, oder das, was man däfür hält, im eigenen Hause in Feiern und allerlei Veranstaltungen auszuleben. Dabei kommen aber Auswüchse an den Tag, die, unbeanstandet, uns allen zur Last fallen. Aus unserem Leserkreise in Bayern wird uns geschrieben: „In unserer Nachbargemeinde B„ die -unter einem liberalen Bezirksrabbinat stehtr wurde vergangenen Sonntag eine Gedenktafel für' die Kriegsgefallenen dieser Gemeinde eingeweiht. Es erfolgten in üblicher Weise Ansprachen -des Herrn Rabbiner, des Bundesvorsitzenden der Ortsgruppe des RjF. Und ges&ngliehe Vorträge des Oberkantors. Die Feier verlief so weit in harmonischer Weise. Da bestieg zum Schlüsse eine Dame den Almemor — die Feier fand nämlich in der Synagoge statt — und trug ein deutsches Lied vor, b der der G'ttesname in deutsch-hebräischer Aussprache in der uns verbotenen Sprechweise mehrmals vorkam; von der Stelle aus, von der wenige Tage vorher das kea erklang und in einer Synagoge, die seit den 98 Jahren ihres Bestehens noch nie eine Frauenstimme gehört hat." Wir würden diesem Fall keine so große Bedeutung beimessen, wäre er nicht typisch für ähnliche Verstöße, die in . letzterer Zeit schon beinahe epidemischen Charakter annehmen. Neue jüdische Schriften (so beispielsweise auch das Phüolexikon) sprechen den h UV aus, selbst da, wo nicht der mindeste sachliche Grund dafür vorliegt, als hätte es nie ein Rtffl ein« Warnung für H DE? 3j?13 gegeben, als hätten nie Dezisoren das Verbot des diesartigen Aussprechens des g'ttlichen Namens halachisch festgelegt und begründet. Bei der Aufführung eines Nebukadnezar- Stückes. im Berliner Jüdischen Kulturbünde, so teilen uns Berliner Freunde mit, wurde mit dem „heiligen Namen" gerade so um sich geworfen. Jüdisch fühlende Besucher, die dabei erschauerten, bekamen auf ihre Einwendungen von zuständiger Stelle die naive (oder ironische?) Antwort, das Verbot sei erst späterere Datums, die Handlung des Stückes spiele aber in einer Zeit, da man diese Einschränkung noch nicht kannte ... Daß diese halb religionsgeschichtlichen, halb ästhetischen Erörterungen bei der Betrachtung des Problems völlig belanglos sind, sollte auch der Kulturbund sich zum Bewußtsein bringen. Wenn jüdische Schauspieler für Juden spielen, so haben sie das ganz und gar nicht religionsgeschichtlich oder kunsthistorisch orientierte, vielmehr höchst g e g enwärtige religiöse Empfind e n eines großen Teiles ihrer Hörer als absoluten Selbst wert zu respektieren, und nicht in grober Taktlosigkeit das' heiligste Geheimnis des jüdisch-religiösen Bewußtseins, die ehrfürchtige Liebe zum unaussprechlichen G'ttesnamen^ dem Rampenlicht einer recht fragwürdigen historischen „Echtheit" preiszugeben, Das jüdische Publikum hat die Abstellung des Unfugs in der Hand, indem es Schriften und Veranstaltungen meidet, in denen mit solchem Traditionsbrüch das jüdische Empfinden aufs schwerste verletzt wird. Der Tod des Apikoires. In So wj etrußland, wo leider so viele Hungers sterben, könnte 'auch gelegenlich ein Epikuräer seine Seele aushauchen, ohne damit viel Aufsehen zu erregen; „Nach mir die Sintflut!" und Aus! . . . Aber der Tod dieses „Apikoires", der nicht aus Fleisch undJ31ut, sondern j^^iSfe^iefc&is^

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