Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1935)
- Date
- 1935-06-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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i\l * : ■}.'■ BS! Seite 12 Nr. 26 ^^^^^^^^^^^^^^^^P^P^^^^^Ü^^P^P^^^^^^^^P^^^^^^^^^^p^^P^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^p^^^p^S X D I e 1 i t 27. Juni 1935 Kleine Kehilla in dieser Zeit, IL Ueberhaupt die Jungen! Fast scheinen sie der neuen, jüdischen Situation eher gewachsen als die AI ten, die so ganz in die kulturelle Emanzipation ver wurzelt sind, daß sie an der Härte des Ausschaltungs prozesses seelisch schier zerbrechen. Den Großvater Veteran von 70, trifft es besonders schwer. Mehr aber als alles andere, mehr als Verlust von Geld und Existenasorgen seiner Familie schmerzt es ihn, daß der Turnverein, sein-Verein, dem er über; 60 Jahre angehört, ihn zuguterletzt noch ausgeschlossen hat Darüber , kommt er nicht hinweg. „Und dabei habe ich ihn doch mitgründen helfen," so jammert er ständig. „Siehst Du Großvater," entgegnet schließlich schalkhaft sein Enkel, „hättest Du lieber damals einen Lernverein gegründet ..." » * Chamischo-Oser Schewät-Feier. Die Schuljugend sitzt vergnügt im gemütlichen, wenn auch etwas muf figem Lerhstüblein. Rings um einen langen Tisch. Darauf 15 oder gar noch mehr verschiedene Früchte aufgestapelt sind. Die Welt draußen ist versunken, sie macht halt vor diesem fröhlichen Kreis, Es wer den die Brochaus gesagt und auf die Bedeutung des Festes hingewiesen. Daß dieser Tag auch ganz anders gefeiert werden könnte, sie ahnen es noch nicht einmal. Sie kennen es nur so,"daß der Geburtstag der Bäume in einem Zimmer gefeiert wird. Zugegeben in einem'behaglichen;Zimmerehen, aber doch immerhin in einem muffigen. Höchstens daß sie noch wissen, daß die Fenster nicht geöffnet "werden sollen, 'damit der Lärm nicht auf die Straßen dringt; Nie haben sie es anders gekannt. Wie sollen sie es sich da vorstellen können, daß an diesem Tage Scharen jüdischer Jugend hinausziehen aufs freie Land, mit Fahnen, entfalteten Fahnen und daß sie, die Kinder, Bäume setzen, keine künstlichen in Kübeln, sondern lebendige, die wachsen und einmal ihnen gehören werden, ihnen und ihrem Land. O, man kann auch im Stüblein fröhlich sein. Und die Kinder sind es auch-. Sie lachen, sie plaudern, sie benschen. Und ihre Lehrer erzählen ihnen von der Geschichte ihres Volkes. Da das Volk noch im eigenen Land gesessen und — denkt Euch — einen eigenen, richtigen König gehabt hat mit einem Thron, einer Leibwache und einem herrlichen Palast. Daß die Zahl der Juden viel, viel kleiner gewesen ist, wie heutzutage und daß trotz der geringeren Zahldie Juden damals Großes und Gewaltiges geleistet hatten, Die Kinder berauschen sich an den Worten. Es wird immer lustiger1 und lauter. „Eigentlich könnten wir doch jetzt einmal ein Lied singen." Einer der Erwachsenen ruft es. Und schon stehen die Kinder-auf. Sie sind nun einmal mit dem Lande verwachsen. Sie können nicht anders. Und kräftig stimmen sie an: „Deutsch ist die Saar". * Manchmal fährt ein Auto durch die Gassen. Ein schon bekannter Wagen. Er kommt unregelmäßig. Oft dauert . es Monate, oft aber auch bloß Wochen. Immer ist er bis oben hinauf bepackt. Zwischen Kisten und Koffern schauen Gesichter heraus. Zumeist jugendliche, seltener auch einmal ein graues Haupt. Immer, wenn der Wagen durchkommt, bleiben die Menschen wie gebannt stehen. Die- Lippen flüstern die Birchas Chohanim. Hände winken. Aber durchaus nicht lebhaft und froh. Sondern schwer und gehemmt. Brennende Augen sehen dem Wagen nach, bis er verschwunden. Auch dann noch dauert es Minuten, bis die Starre sich gelöst. Die Straße ist wie versteinert. Dann gehen die Menschen langsam wieder an ihre Arbeit. Etwas lastet auf ihnen. Ein jüdisches Haus hat sich wieder geschlossen! Manchmal fährt ein Auto durch die Gassen.; Dr. H. in G. Bücherbesprechungen- Die Idee des Menschen. Von Heinrich S c h a 11 e r, München und Berlin. 1 935. Verlag Rudolf Oldenbourg, In dem kleinen Heftchen widmet der Verfasse? der Frage nach Sinn, Wesen, Bestimmung des Menschen im Kosmos drei erregende Kapitel. Den Schritt vom Dasein zum Wachsein sucht er im ersten Kapitel in seiner ganzen Wunderbarkeit aufzuzeigen. „Das Urwesen schafft sich . . . ein Organ, sich selbst zu schauen, und dies Wachsein erfordert eine so konzentrierte Anspannung-aller Kräfte, daß es nur vorübergehend-, möglich ist und regelmäßig durch den Schlaf . . . abgelöst'werden muß.' Dabei sei es ganz gleichgültig, woraus der Mensch geschaffen ist, ob aus einem Erdenkloß oder aus, einem Tier. Das Wunder bleibe das Gleiche, daß plötzlich der Geist in einem Geschöpf erwacht, der ihn von der Triebgebundenheit tierischer Intelligenz freimacht, daß er frei zu denken beginnt um des Erkennens willen, nicht mehr um des . Nutzens willen. Im zweiten Kapitel schildert er die Ueberwindung des Dämonischen- „Edgar Dacque hat diese Ueberwindung eindringlich dargelegt undsieht-. in ihr die eigentliche Bestimmung des. Menschen, der als Urbild und Idee der gesamten Entwicklung, der organischen Welt innewohnend und richtunggebend zugrunde gelegen habe;" Das dritte Kapitel ist der Leidenschaft des Ungenügens gewidmet. Zwischen Tier und Engel, gebunden an dasr Dämonischej ist. der Mensch voller Sehnsucht, aus ihm erlöst zu werden Ihm als dem einzigen Weesen, genügt es,, zur Bestim mung seines Wesens nicht zu sein, weis er war und was er ist, er muß entscheiden, was er sein will und sein wird. „Die Empörung aber und die Leiden schalt ,'des großen Ungenügens sind der Anfang der Rückkehr G'ttes aus . seiner Kreatur zu. sich selbst d e-n n Religion i s t n^i c h,t.. 4'e'r V.e r z i c h i. sondern der Ansp.ru c-h a U f' O.B-e ,, litt .Vergleich zu der.-es nichts 'Größeres, geben 'kann, da .sie das unendlich Große, denUrgrund, da.s Weltall in seinen jenseitigen Möglichkeiten umfassen möchte." —s. Erziehung zur Persönlichkeit. Ein Zyklus in acht Be trachtungen. Nach dem Tode des Dichters veröffentlicht. Von Albert T r e n t i n i. Miin c h s n. 1 9 3 5. Verlag Rudolf .0 1 d e n bourg. 125 S. Brosch. RM. 2.50.- . Auf der Brücke zwischen zwei Zeitaltern, auf den Höhen gereifter Erkenntnis faßt der deutsch-österreichische Dichter in diesem Buch seine Einsichten 'noch einma! zusammen, indem er der Zukunft das Ideal der gememschaftsgebundenen Persönlichkeit als Kulturziel aufstellt. Trentini spricht aus dem Bewußtsein der Gegenwart.. .Er sieht die Gefahr kollektivistischer Vermessenheit; aber ebenso auch den Zerfall der reli giösen, sittlichen und politischen Werte, den das libe rale Zeitalter^ gefördert hat. Vom neuen Menschen verlangt er die Erkenntnis der Werte und ihrer Ordnung und in ihrer eigenen und ihrer zeitbedingten Wahrheit. In Trentinis Weltbild ist allen Aeußerungen des Menschen ihr Platz angewiesen. Wahrheitstrieb ist ebenso bejaht wie die Demut Vor dem Geheimnis in der Schöpfung. Das Leiblich-Sinnliche wird mit dem Geistigen in Wechselwirkung gesehen, Sünde und Schuld als notwendiger Widerstand gegen überhebliches Vollkommenheitsstreben. Ueberall im Religiösen und im G'ttlichen, im Persönlichen und Gemeinschaftlichen ist das Wesentliche von den Grenzen des Menschen her bestimmt und geordnet. Das Zurückgehen zu den Grundlagen des menschlichen Lebens ist das Sympathische an diesem Buch, das jaden von uns angeht. E, Wider den Ungeist. Eine ethische Orientierung. Von Paul H ä b e r 1 i n. Zürich. 1935. Schweizsr Spiegelverlag. Dieses Werk des Basler Philosophen will zur Besinnung auf den Geist rufen. Die Anfangskapitel Wahrheit und Erscheinung und Geist wenden sich vor allem gegen die Verwischung der Wahrheit der Sprache im Sehen und Denken. Das wahrhaft Seiende ist das, was in Wahrheit ist, nicht nur scheinbar. Und was in Wahrheit im wahren Sinne ist, d.. h. weder nicht ist, noch nur in einem uneigentlichen Sinne des Wortes ist. An es muß man glauben. Und darüber hilft keine Forschung hinweg, es ist grundtöricht, dem Glauben ein Wissen gegenüberzustellen. Wir wissen das, was wir glauben, und sonst gar nichts. Wir haben nicht zu wählen zwischen Wissen und Glauben, wir haben zu wählen, was wir glauben wollen. In dieser Weise sucht Häberlin - eine grundsätzliche ethische Neuorientierung und mit ihr einen Weg aus in Chaos der Gegenwärt. Er weiß, Wahrheit ist nicht nur unbeliebt, sie ist verhaßt. Aber sie ist die Voraussetzung, die er erfüllen zu müssen, glaubt, wenn er anderen helfen will. Es ist hier wie überall: „Geist wächst am Geiste und helfen, pflegen können wir nur durch das, was wir sind. Dr. E. Giljonoth, hebräische Unterrichtsherte, Lesestoff für die Schulen der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Ausgewählt und bearbeitet von Nissavn B'erggrün und Betty B e r g g r ü n. Berlin- Charlottenburg 4. 1 9 35. Verlag Rubin ' Maß. Teil II. 'y' Die Unterrichtshefte fallen besonders durch ihren .wunderschönen Druck und die sorgfältige Punktatiöri , in die Äugend Aber auch die Stücke sind gut gewählt und der Lesestoff durch einen grammatikalischen Anhang für den systematischen Unterricht gut verwendbar. Nun hätte ich im zweiten Teil etwas schwierigere Aufgaben gestellt. Das .ist -ein Wunsch, der in den nächsten Heften hoffentlich berücksichtigt werden wird: eine Aufeinanderfolge von Heften, die der Form und dem Inhalte nach einander voraussetzen und mit den wachsenden Aufgaben aufwärts führen. Gemeinschaitsethik. Nach Vorlesungen über prak-. tische Philosophie, gehalten an der Universität Wien. Von EmiL R e i c h..„ W i e n, Prag, Leipzig; Brünn, 19-3 5. Verlag Rudolf M'ohrer. ..523i;S„ RM. 4.20. . Reich gibt in seiner Gemeinschaftsphilosophie eine Weitanschauung. [Fortentwicklung zur Gem«inschaft durch -Gemeinschaft. Nach einer gründlichen Auseinandersetzung mit den; bestehenden Moral^ystemen, mit den von der französischen. Revolution ausgerufer nen . Schlagworten. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, entwirft der-Verfasser ein Bild von der Regelung des Daseins auf Grund der durch die Gemeinschaft, und zwar nicht nur mit allen. Lebenden, sonrdem auch mit den;,kommenden Geschlechtern, bestimmten ^Etbik, im- Staate _im .Recht, in der ' Wirtschaft und in der Kunst. Alles menschliehe Leber* erhält ihnivetst Sinn. urid-BedeütüiEg' ^dürch'Uen'^week, deih.'es idierit, durch da's^Zjel, das es sich Vejzt. J-fer Verwässerest überzeugter Anhänger derr Idee der Fcftr entwieklüäg. Freilich kann er nicht anöden .RuckscKJägen Vorjbeis'ehen u^d^Heri/- Aufstieg - Aicht als ^atürgesete. ausrufen; Er is^ni^£t. b|in.d -für^die dem geschieht^ lichen^VsrJau^ Hemmungen. Aber heute mehr als je bedürfen wir des mutigen Vertrauens^ daß auchf auf Wellentäler immer wieder Wellenberge^. kpmme4, - die schließlich, vorwärts und aufwärts führen. Der Trend führt aufwärts. Elias. Das Buch der Zwölf. Verdeutscht vöh-Martin B" ü b & r, der 13. Band . von Die Schrift» B e r l.in. S c h o c k e n - V 0* l-'ä g. .»••;' . .,' Jeder Bibelvertraute weiß, daß das Buch der sogenannten zwölf kleinen Propheten, diese Sammlung; der prophetischen Aussprüche aus einem Zeitraum von über drei Jahrhunderten, wohl der schwerste Teil der Bibel und für den Uebersetzer., di© ganz eigentliche. Kraftprobe ist. Hier ist fast jede Uebersetzung tatsächlich .eine neue Texterklärung; hier hängt von der Deutung eines Verdes oft der Gesamtzusammenhang ab. Es war uns zwar außer Zweifel,'daß, wer .den Jesajas gemeistert hat, an diesem Buche nicht. Schiffbruch leiden wird. Dennoch,haben wir mit besonderer Spannung diesem Bande (.entgegengesehen, vor allem in der Neugierde, wie Bub er mit dem Hosea fertig werden wird, diesem lakonischen, schwergehaltigen, abrupt sprechenden Propheten mit seinen eigenwilligen und Unnachahmlichen Wendungen.; " Nun das Buch uns vorliegt, können wir nicht anders als die ungeheure Summe . wissenschaftlich-forscherischer Arbeit bewundern, die ihr vorhergegangen sein muß) aber'eben so sehr die sprächgewaltige Kraft, die den scheinbar eigenbrödlerischsten. Ausdruck sicher und treffend wiedergibt. Es existiert, schlechterdings für diesen Uebersetzer keine unmögliche Aufgabe. Er braucht nie eine Umschreibung; seine Uebersetzung bleibt immer Uebersetzung, d. h, er sieht sich nie gezwungen, zu einer erklärenden Umformung seine Zuflucht zu nehmen, weil etwa das Analogon zum Hebräischen in der deutschen Sprache ihmfehlt. ,; '"' , . ' Gerade bei diesem Buche kam es uns aber störend zum Bewußtsein, daß alles Neue, Einmalige, Außerordentliche, was sich nur in dem Vokabular der Tre-oßor findet, glücklicher und sinngemäßer wiedergegeben ist als diejenigen Ausdrücke, die sich durch die ganze Bibel hindurchziehen und für die der Uebersetzer ein für allemal dasselbe Wort in der Uebersetzung anwenden will,, die daher allzuoft gekünstelt und nicht zutreffend erscheinen. Daß jaza immer ausfahren, pakad — zuordnen, jescha Freiheit, zaddik der Bewährte u, a. m. heißen müsse, ist gezwungen; solche stereotypen Wendungen muten wie sprachliche Petrefakten an statt wie lebendige ..Rede. Wollten wir nun alle Einzelheiten hervorheben, in welchen wir dem Uebersetzer nicht folgen,, wo er in Verblendung den Text verstümmelnd ändert, oder wo wir dem Uebersetzer Bewunderung zollen, es. müßte das ganze Buch Vers um Vers bei der Rezension durchgegangen werden. Wir müssen es uns deshalb versagen. Und so wollen wir nur eine einzige Stelle aus dem Buche Chabakuk, dessen Uebersetzung u. E. am vollkommensten gelungen ist, als Probe hier zum Schluß folgen lassen;" Ströme spaltest du zu Erdreich, dich sahn und zittern die Berge, der Wetterschwall des Wassers stürzt nieder, seinen Hall gibt der Abgrund aus, in der Höhe streckt ihre Hände die Sonne,' der Mond bleibt in seinem Söller stehn, Licht zu machen gehn deine Pfeile, Schein zu spenden der Blitz deines Speers. Im Groll schreitest über die Erde, ' . im Zorn stampfst Weltstämme „du! . Du ziehst, aus,. deinem Volke zur Freiheit,. zur Freiheit für deirien Gesalbten, - du zerhaust dem Frevlerhause das Haupt, blößest den Grund bis zum Hals. Anbetung! Mit seinen eigenen Lanzen durchbohrst du das! Haupt seiner Mannschaft.; '. Sie stürmen; an, uns .zu zerstieben, .; ,<:> ihr Frohlocken ist, als könnten sie den Armen im Verborgenen fressen,, da schreitest du, deine Rosse, ins Meer, die Brandung der großen Wasser. J. C. Alfred Mond First Lord Melehett. Von Hector ' B o 1 i t h ö:. Ins Deutsche übersetzt .von* Prof. Dr. Walter Roth. Verlag Ludwig Näth, Wien. 1 ...... . Ein schöner, prachtvoll gebundener Band von 316 Seiten, der Anhängern von Lord 'Meie h e 11 "' urirl Freunden des englischen Lebens, wo Juden , in eine soziale Höhe hineinwachsen können, wie sie der in diesem Werke geschilderte Lebensweg1' der Familie Mond zeigt,'viel Freude machen wir.d. Es-ist auch manches. Kulturhistorische neben der Famiiienküride in-diesem Buche enthalten».«Sonst ist niclit. viel.darüber zu sagen. ' '" ', ..' '.>,.