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Der Israelit · 1935-06-27 · Heft 26 (27.6.1935) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 26 (27.6.1935)
Date
1935-06-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 26 1935 Flucht in die Heimat« Eine Erzählung aus unseren Tagen. ' (Fortsetzung.) •Einige " Ansätze waren da, ein paar Dutzend Baruchs, aber zu wenig und kaum mit einander in Fühlung. Aeltere Leute mit dem Glauben im Herzen — nicht allein dem an Palästina — gab es auch in der Stadt in großer Zahl. Aber man .sah sie nicht, sie traten nicht in Erscheinung. Ohne Verbindung miteinander standen diese Menschen als Masse von Einzelnen da. Jeder bestellte sein Haus, indes die Jungen und die Arbeiter in Stadt und - Land, bei allem inneren Hader, vereint am gemeinsamen Hause arbeiteten. ." - - " ' Norbert Wilde, der deutsche Jude, der, getrieben von äußeren und inneren Wandlungen, Judentum suchte und auf seine Art auch schon fand, stand hier im alten heiligen Lande einem Neuen, einem Fremden gegenüber. Er war jetzt aioch kein religiöser Eiferer, aber er verstand einfach den neuen Geist nicht. Sein Gestern und Heute schieden sich voneinander, wie sich Eigenes von Fremdem sondert. Er stand auf fremdem Boden gestern und wußte "es selber nicht, und glaubte heute, sein Eigenes zu besitzen. Menschen, die auf Eigenboden in jedem Sinne, Fremdes verpflanzten, verstand er nicht. Es gab daheim unjüdische Menschen, deren jeder - seinen eigenen Weg ging- Unjüdisches als K o 11 e k t i v b e g r i f f , aus Prinzip und Anschauung, sogar aus ,(jüdischer" Anschauung, wollte ihm nicht in den Kopf. Man war Jude öder war es nicht, man konnte doch aber nicht mit fanatischem Eifer nach dem jüdischen Ganzen streben, und dann dieses Ganze außerhalb der jüdischen Sphäre stellen . . . Sein in deutschen Lehranstalten geschul- . ies Gehirn begriff all die Dinge nicht, sein an breiten, geraden, übersichtlichen europäischen Straßen orientiertes Auge konnte die feinen Nuancierungen im jüdischen-Parteileben dieses altneuen Landes nicht erfassen. Und wenn er es in den Kwuzoth den Jungen ■ohne jegliche Schärfe klarzumachen suchte, verstanden sie ihn nicht. Mit Baruch und seinen Freunden, verstand er sich in diesem Punkte sehr wohl. Hier war ja die Fläche, wo sie das Gegengewicht, den Ausgleich mit noch sehr schwachen Kräften zu schaffen suchten. Aber in manchem verstand er auch diese nicht. Konnte es denn höchstes Lebensziel sein, in Baracken auf Stroh zu schlafen und bei schwerer Arbeit von Kartoffeln und Rüben zu leben? Er war noch zu sehr ein Kind der Zeit, in der jeder schulentwachsene Junge und jeder höhere Schüler nach dem Höchsten strebte, dem Katheder oder dem Chefsessel einer Weltfirma. Nicht immer wurde diesem Streben Erfüllung, selten wurde der Ehrgeiz ganz befriedigt. Entbehrungen und Enttäuschungen gab es auch. Man nahm sie aber als Entbehrung und Enttäuschung und machte daraus keinen Kult, kein stolzes Martyrium. Man schaffte und schuftete auch mitunter, aber man tat es nicht mit dem stolzen Ueberböwußtsein, mit dem heute die Jungen all das Schwere auf sich nehmen. Aus jenem Streben * und, Ehrgeiz wurde auehstarke Initiative geboren, stiegen vereinzelt auch Persönlichkeiten hervor. „Arbeit und auch Armut schändeten nicht," das wußte und sagte man schon vor vierzig Jahren. Aber den Stolz der Armut zu verstehen, dafür war er wohl, wie er einsah/zu alt, zu sehr das Produkt einer anderen Welt. Auch Herr Jackson, ein gutgepflegter älterer Herr mit grauem Spitzbarte, mit dem Herr Wilde wiederholt auf der Karmelhöhe zusammentraf und ins Gespräch kam, verstand das alles nicht. Noch ein Dutzend Tel Awiws wünschte und erwartete er. Herr Jackson war nämlich kein Deutscher, wie Herr Wilde erst meinte, sondern er kam aus Amerika. Im übrigen, meinte Mister Jackson, sei alles Gerede und Getue der Jungen wie der Alten belanglos, Begleitmusik — nicht ohne störende Nebengeräusche — großen Werdens. Das Wesentlichste und Wichtigste sei, daß die alte Mutter Zion, die in all den Jahrhunderten von unseren Liebesgaben lebte, heute ihre helfenden Arme ausbreite und statt von ihren Kindern etwas zu verlangen, sie aufnehme, ihnen Brot und Dach und auch die innere Ruhe,-die der Jude nirgends in der Welt finden kann, so gebe, wie es eben nur eine Mutter ihren Kindern geben könne ... Herr Jackson konstatierte das ganz sachlich, rechnerisch und amerikanisch. Herr Wilde hatte aber einige. Einwendungen, einige Vorbehalte. Nicht alles, was er im Lande sah und erlebte, entsprach dieser Auffassung. Die vielen öden Steine und die vielen ausgestreckten Hände . . . Für die aufblühenden Niederlassungen im neuen Jischuw konnte es schon stimmen, aber die Unzähligen in ihren Armeleutstuben und ihren engen Lehrhäusern in den alten Städten und Gassen? . . . Und dann die Araber! . . . Herr Jackson hatte die Antwort bereit: „Glauben Sie mir, mein Herr, alles lauter Bausteine, was Sie heute als Steine des Anstoßes ansehen. Die Ruinen und der graue Karst auf den kahlen Bergen bieten heute schon vorzügliches Baumaterial. Die Menschen bringen andere hervor, die nicht mehr die Hand um Almosen ausstrecken, sondern sie der ehrlichen Arbeit weihen. Eine Araberfrage gibt es natürlich auch. Die Gefahr ist nicht alcut, solange die Engländer ihre Tanks durch die Straßen spazieren fahren . . . Und zieht einmal England seine Hand von Palästina zurück, dann sind inzwischen so viele Juden im Lande, daß . . „Daß sie majorisiert sind?" „Nein, daß sie — die Araber — einsehen, daß es am besten sei, sich freundnachbarlich zu vertragen und gemeinsam am Aufblühen des Landes zu arbeiten." „Sie sind Amerikaner, Mister Jackson, das heißt Optimist." „Nein," wehrte Jackson ab, „nicht Amerika, Palästina machte mich zum Optimisten." Und Mister Jackson erzählte in kurzen Worten, fast ohne persönliche Note, wie er ins Land kam. (Er war in New York ein kleiner Bankier. Was man so in Amerika klein nennt, denn ein paar hunderttausend Dollar waren schließlich beisammen, als Bankkapital und in Industrieunternehmen investiert. Den Jungen genügte das nicht, sie waren amerikanische Kinder und konnten nicht hoch genug hinauf. Er mußte oft wehren, daß sie nicht alles auf eine Karte setzten. Damals schloß er sich mit seiner Frau einer Palästinareisegesellschaft an; Er blieb ein paar Wochen im Lande, es befand sich mitten im wilden Aufbaufieber, so um 1926 herum. Rührige und redegewandte Agenten in Tel Awiw — die Stadt hatte damals ungefähr 25 bis 30.000 Einwohner — machten sich an ihn heran und boten ihm. eine Orangenplantage, einen „Pardes" in der Nähe der Stadt zum Kaufe an. Eine Goldgrube, behaupteten die Makler, ein Spekulationsobjekt ersten Ranges beLdem rapiden Anwachsen der Stadt und der Bodenpreise in ihrer Umgegend. Er wehrte ab, er stemmte sich dagegen auf, die Leute ließen nicht locker und; verfolgten ihn auf Schritt und Tritt wie sein eigener Schatten und bekämen es mit Hilfe seiner Frau fertig, ihn zu überreden. Für 5000 Dollar (den 100.000 Dollarplan wies er zurück) erwarb er einen kleinen „Pardes", den er nicht einmal gesehen hatte. Er wollte zu Hause den Betrag als „Spende für das heilige Land" buchen. Als er mit seiner Frau nach Amerika heimkehrte, waren die Jungen inzwischen ganz hochgestiegen, Sie hatten ja freie Hand, Dann kam die Krise und der Sturz war um so entsetzlicher, als er von großer Höhe erfolgte. Ueber Nacht kam es. Er hatte keine Bank mehr, auch auf der Börse nichts zu suchen und Aktienbündel, mit denen man den Ofen heizen konnte. Er blätterte in seinen Geschäftsbüchern, die fast nur noch historische Memoiren für ihn waren. Eine Spende von 5000 Dollar für Geländekauf in Pa-" lästina stand darin. Er erinnerte sich, von Zeit zu Zeit auch Zuschriften, so etwas wie Abrechnungen, von Palästina im Zusammenhang mit diesem „Geschäft" bekommen zu haben, es waren ja fünf Jahre verstrichen. „Neue Schnorrereien," dachte er immer und warf sie ungeprüft, zumeist sogar ungelesen, zu den anderen in den Papierkorb. Nun aber, meinte die Frau, die eine andere Vorstellung von Palästina hatte, sollte man doch einmal anfragen, was aus dem „Pardeß" geworden sei. Es kam Antwort von der Gesellschaft, die das Gelände in Pflege genommen hatte. Das Land trage jetzt Früchte genug, um eine kleine Familie zu ernähren. Aber etwas Besseres sei herauszuholen. Bei der unheimlichen Ent- -wicklung der Stadt sei der Garten von Häusern überholt, er stehe schon fast mitten im Zentrum und werde sogar als Verkehrshindernis empfunden. Als Baugrund sei eine ganz große Summe zu erzielen. Was nun geschehen solle? Da packte Mister Jackson mit seiner Frau auf und sie fuhren '■— diesmal nicht im Luxusdampfer — nach Palästina hinüber. Die Jungen sollten selber sehen, wie sie fertig werden. Es sei in Amerika nicht üblich, daß sich die Alten Sorgen um die Jungen machten. Und so wären sie jetzt hier in Haifa, seit fünf Jahren schon . . . „Und das Land, der Pardes?" „Er trug gute Früchte, aber es lag mir nicht, man kann nicht, wenn man die Fünfzig überschritten, plötzlich den Kurszettel aus der Hand legen und nach Hacke und Spaten greifen. Gut, sehr gut verkauft. Hätte ich damals mein ganzes Vermögen in das mir angebotene Gelände gesteckt ... Nun, es reicht auch so, habe eine kleine Bank, gewissermaßen aus lieber Gewohnheit und um den " Tag auszufüllen,^ im neuen jüdischen Viertel von Haifa. Sie steht da unten nach dem Hafenbau auf gutem Boden und hätte sogar gewisse Aufgaben zu lösen. Nun sage noch Jemand, sie hätten nicht die Rollen getauscht, die früher bettelnde alte Mutter und die spendenden Kinder . . ." „Aber," pustete Herr Jackson mühsam nach einer Pause, „ich bin kein Jüngling mehr und auch tüchtig abgekämpft in der amerikanischen Tretmühle, Die Jungen wollen nicht hierher. Meine Frau aber kränkelt und soll zu den warmen Quellen nach Tiberias. Haben uns dort bereits ein niedliches Häuschen angesehen. Hätte ich nur den richtigen Mann, der das Geschäft unten, — als Teilhaber oder alleiniger Besitzer — übernähme. Es wäre allen gedient: uns, dem Mann und nicht zuletzt der heuen Schechuna unten, dem Lande . . ." Herr Jackson machte ihm kein Angebot, auch nicht die leiseste Anspielung nach dieser Richtung. Aber die Worte schlichen sich in Wildes Herz, er wurde sie nicht los. Zuerst aber gab es noch mancherlei zu sehen und zu prüfen. Am siebenten Tage nach ihrer Landung waren sie endlich in der kleinen Niederlassung, die die Heimat Baruchs war. (Fortsetzung folgt.)

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