Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-06-27 · Heft 26 (27.6.1935) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 26 (27.6.1935)
Date
1935-06-27
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450883--81369-2539257
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

37, Juni 1935 De r Israelit Nr. 26 Seite 5 m u ß t e , keine praktisch-politischen Konsequenzen ziehen. Vergessen wir die ungerechte und verständnislose Anklage gegen rechts; die in den e r^s t e n sieben Absätzen der rabbinischen Proklamation liegt und konzentrieren wir unsere Aufmerksamkeit auf den allein e n t s c h e id e n d e n achten P a r a g r a p.h e n , der uns die sechzig Rabbinen nun endlich als Anwälte eines Teiles jene r Forderungen zeigt, die vor neun Jahren von den agudis'tij sehen Rabbinen an die „Knesseth Israel" gerichtet wurden. In der Tat; die Zeit ist reif für die Befriedigung dieser Forderungen. Wir glauben bestätigen zu können, daß die Knesseth Israel in der Tat nunmehr bereit ist, zur Abwendung der drohenden Anerkennung der selbständigen orthodoxen Gemeinden, der in dem achten Absatz niedergelegten rabbinischen Forderung zu genügen. Es sollen gegebenenfalls im ganzen Lande durch einen lediglich aus männlichen Gemeindemitgliedern bestehenden Wahlkörper religiöse Räte, d< h. de facto Gemeindevorstände gewählt werden, denen nur thoratreue Jüd e n angehören dürfen und die die spezifisch r e 1 i g i ö s e n Gemeindeangelegenheiten autonomverwalten. Handelte es sich um G o 1 u s - Gemeinden, so wäre — vorausgesetzt, daß genügende Garantien für die loyale Ausführung vorlägen — das Problem damit der Losung erheblich näher geführt, und es könnte erwogen werden, ob die gesetzlich verankerte Wiederherstellung der Thora-Souv'eränität über die.Kehilla die ultima ratio des Austrittsrechtes und der Austrittsgemeinde entbehrlich macht) Aber wir befinden uns ja in E r e z J i s r a e 1, in der werdenden jüdischen Volksgemeinschaft, einer ganz anderen Situation gegenüber, wie in der verkümmerten Jüdengemeinschaft der Dia^ora. Die Kehilla soll ja zugleich die Trägerin der Politik, der W i r t s c h..a f t uncl vor allem der — Kultur sein, soll das höchste und heiligste Anliegen der jüdischen Nation vor allem, die Erziehung der heranwachsenden Generation für G'tt und seine Thora betreuen und garantieren. Es fehlt fürden Augenblick aber leider jedes Symptom dafür, daß die Machthaber der „Knesseth Israel" gewillt sind, auch diese drei Gebiete gemeindlicher Betätigung den zu wählenden religiösen Oberräten zu unterstellen und damit ihre Thoragemäßheit zu sichern. — Welchen G'tt erkor aus dem Geschlechte Der Verworfenen zur Segensfülle — Seine heilige und. echte Opfergabe in der blauen Stille, Der Gesegnete erhob die Rechte Ge*gen G'ttes hochgetürmten Thron Und verwärl die Beute gleich dem Lohn. Nur die Knechtschar, die geschwächte, Sprach er frei, auf daß sie zechte Aus dem Schatz des Königs von Sedom. Wochenkalender. Vom 29. Juni — 6. Juli .1935 / Vom 28. Siwan — 5. Tammus 5695 >ai» sp 'SB HS* 8p. a? ■'1 'n jns Samstag Sonntag Juni 29 30 ]V0 28 19 ■ , «rinn pman Mauled: Montag vorm. ' 8 Uhr 447/18 Min. . . \0? "I1B3 Dl» Montag Juli 1 30 *P erm v*n '* Dl' »Dienstag 2 nah 1 19 t?Tn Mll "3 Dl' ^Mittwoch 3 2 ■ "P (Donnerstag 4 3 1? Freitag - 5 . '."V 4 Tp Samstag ■ 6 5 np / 'i;a 'K?i& mp Indessen könnte man sich vorstellen, daß es auf dem Wege weiterer Verhandlungen gelänge, auch für die beiden ersten dieser drei Gebiete — Politik und Wirtschaft — Verstöße gegen das Thoragesetz und damit untragbaren Gewissensdruck für die Treugebliebenen auszuschließen, „ohne damit den Vertretern des Liberalismus irgendwelche Gewissensbedrängung 2uzumuten. Denn die Politik wird wirklich nicht schlechter, wenn ihre Träger das Opfer bringen — am Sabbat nicht zu reisen oder zu sehreiben und die religiösen Gefühle der Nation, der diese Politik gilt, nicht mit Füßen zu treten. Und was die Wirtschaft betrifft, so werden ihre Aufgaben schon im Hinblick auf die Notwendigkeit der gewaltigen Kapitalinvestitionen, die-alle wirtschaftliche Arbeit erfordert, auf unabsehbare Zeit viel mehr die Jewish A g e n c y als Vertreterin der Gola angehen als die Kehilloth des Jischuw, die dazu weder Geld, noch fachliche Kapazität besitzen. Schwerer lösbar dagegen erscheint das Problem des Schul- und Erziehungswesens im Rahmen einer der T hora unterworfenen e i n h ei 11 i c h e n „ K n e s s e t h Israel ". Erst vor zwei Wochen ist die Welt mit der Nachricht überrascht worden, daß auch die .Sc.hu 1 e n der ä u ß ersten Linken, der Histadruth Hoowdini von der „Knesseth Israel" übernommen worden sind, also fortan ihrer Verantwortlichkeit unterstehen. Und soeben macht folgende offiziöse Mitteilung die Runde durch die ganze zionistische Presse: Das Schulwesen der Knesseth Jisrael Di& Zahl der Schüler in sämtlichen Schulen der [ „Knesseth Jisrael" ist von 27 706 im Jahre 5692 auf 132 7 88 in diesem Jahre, d. h. um 18,3 %, gestiegen. Von ihnen besuchten 6028 Schüler die 167 Kindergärten, 23 516 Schüler die 133 Volksschulen, 2163 Schüler die Mittelschulen, 447 Schüler die vier. Lehrerseminare und 634 Schüler die drei Fachschulen. Von den 32 788 Schülern besuchen die a 11 g e m e n e n Schulen 19 428 oder 59,3 %, die M i s r a c h i - Schulen 8457 oder 25,7 %, die Histadruth.- Schulen 4903 oder 15 %. * Fast 60 % aller jüdischen Schüler besuchen die Schulen der Knesseth Jisrael. Wir stehen somit heute vor einer wesentlich k o mpl i z i e r t e r e n Lage als sie vor 9 Jahren die 60 Rabbinen im Gefolge von Rabbi Josef Chajim Sonnenfeld V'XT vorfanden. Damals besaß die Knesseth Israel kein Schulwerk. Vielmehr war ausschließlich die Agency bezw. waren die einzelnen Organisationen für die geistige Haltung und die materielle Existenz ihrer Schulen verantwortlich. Damals konnten sich die Rabbinen darauf beschränken, zu erklären, daß es verboten sei, einer Gemeinde anzugehören, die irreligiöse " Bestrebungen, z. B. irreligiöse Schulen oder Anstalten durch Geldsubvention forde r t. Heute ist die Knesseth Israel als solche die verantwortliche Trägerin eines Bildungswesens, das jahraus jahrein Tausenden von jüdischen Kindern die Treue zum G'ttesgesetz und die Erkenntnis der alten jüdischen Wahrheit aus der Brust reißt und sie vollendeter Glaubenslosigkeit überantwortet. Heute macht sich jedes Mitglied der Knesseth Israel, das durch seine freiwillige Zügehörigkeit zu dieser Körperschaft den Waad leumi zur Verwaltung und Erhaltung solcher Schulen bevollmächtigt, nicht nur der geldlichen Mitunterstützung eines Issurs schuldig, sondern es trägt ja die Mitverantwortung für Leben u nd E xistenz einer umfassenden Institution des Abfalls^ inmitten seiner Kehilla, die diesen Abfall neben den Misrachi-Schulen zum mindesten als gleichberechtigt und legitim anerkennt. Es liegt also für den Chinnuch die gleiche Konstruktion" gleichberechtigter Institutionen des flU^g und der nitföR vor, wie sie Rabbiner Hirsch V'XT nach dem Erlaß des Äustrittsgesetzes in den deutschen Einheitsgemeinden vorfand und verurteilte. Wenn bei der Neuordnung der Dinge vor allem dieses schwerste aller Gemeindeprobleme ernst ins Auge gefaßt wird, so sollte man eigentlich sicher sein, daß Oberrabbiner Kuk und seine Genossen mit der gleichen Entschiedenheit, mit der sie von jetzt an die Einrichtung religiöser Kehilloth fordern, orthodoxen Juden nicht zumuten, die direkte oder indirekte Mitverantwortung für das religionslose Erziehungswesen im heiligen Lande sich auf die Seele zu bürden.. Auf der anderen Seite scheint es uns undenkbar, daß man den Arbeiter - und Intellektuellen- Kreisen einen der Thora gemäßen streng religiösen Chinnuch aufoktroyieren könnte, der für sie, die ja nun einmal die Leugnung als innerstes Lebensprinzip betrachten, einen unerträglichen Gewissenszwang, bedeuten, und aus dem daher letzten Endes nicht einmal etwas Gutes für das religiöse Leben herauskommen könnte. Hier scheint uns daher nur der eine Weg gegeben, daß nur derjenige Teil des Erziehungswesens, der in der Tat aufs strengste den Anforderungen der Tradition entspricht, der Verwaltung der rel i g i ösen Kehilloth unterstellt wird und daß im übrigen die Verantwortung für das gesamte Bildungswesen von den weltanschaulich festgelegten einzelnen Organisationen außerhalb der Knesseth Israel getragen wird. Die Rabbinen beider Kreise sollten, das möchten wir vorschlagen, vor allem einmal zusammenkommen, um sich über diese Schicksalsfragen des Chinnuch auszusprechen — aber alle, nicht bloß die Führer. Möge dann die „Knesseth Israel" entschlossen auf die Wirtschaft — was kein Opfer für sie ist — wie auf den höheren Chinnuch verzichten, die Religion, die Politik und den elementaren Chinnuch, was ebenfalls kein Opfer bedeutet, der Autorität der ' Thora unterstellen, dann ist der Weg zur Verständigung geebnet. Sonst gibt es keinen Weg wie den der Trennung, um G'ttes und Seiner Wahrheit willen, und nicht die Orthodoxie ist es dann, die das „Haus Israels in Stücke zerreißt", so wie es nicht Ghatam Sofer und S. R. Hirsch waren, die durch ihre Lebensarbeit das „Haus Israels in Stücke zerrissen" haben, sondern jene Kreise sind es, die die Einheit der Nation, die nach der Proklamation der 60 Rabbinen, identisch mit der Einheit der Thota ist, ihrem subjektiven Wähnen und Meinen geopfert haben. IV. ' Aber auch der Aufbau eines Gemeindegesetzes auf dem Gedanken zweier selbständiger Gemeinschaften brauchte noch : keinen absoluten Verzicht auf die erf örder-' liehe Einheit des Jischuw in politischen und wirtschaftlichen Dingen zu bedeuten; der „Waad hair hoaschkenasi" hat vielmehr in Gemeinschaft mit der Jerusalemer. „Agudas Jisroel" — die Leitung der A. J.-Weltorganisation konnte dazu noch nicht endgültig Stellung nehmen — einen Entwurf vorgelegt, der dem objektiv vorhandenen Bedürfnis nach Einheit weitgehend Rechnung trägt, und der zwar nicht „Union" — um die Begriffe der englischen Jurisprudenz zu gebrauchen —, wohl aber „ f e d. e r a t i o n " schafft und letzten Endes alle Juden Palästinas in einer Z w a n g s g e m e i n s c h a f t un t e r d e m N am en „Ha jischuw hajehudi" zur Vertretung ihrer Interessen nach attß^n zusammenfaßt. Wollen die 60 Rabbinen gegenüber solchen Tatsachen wirklich wagen, der Welt zu verkünden, es sei „Agudas Jisroel", die das Haus Israels „in1 Stücke zerreißt"? Möchte über den weiteren, Verhandlungen der Wille zur Wahrheit und zum Frieden Schweben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.