Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1935)
- Date
- 1935-06-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 26 Der Israelit 27. Juni 1935 brüderliches Verständnis für die Motive der selbständigen Orthodoxie, für die Motive jener 60 Thoragrößen und Thoralehrer erwarten, die aus dem eindeutigen Tatbestand des Vorhandenseins einer prinzipiell nicht mehr thoratreuen Gemeinschaft eine andere Konsequenz zogen, wie Herr Oberrabbiner Kuk und seine rabbinischen Anhänger? Gewiß: man kann sagen, es sei besser, die „Knesseth Israel" besitze üb erhaupt noch ein Oberrabbinat, das mahnen und lehren kann, ein Besdin, das Kidduschin und Gittin erteilt, Schechita, Mikwa- und Kewura-Institutionen, die dem Din entsprechen — als daß einer uferlosen Entwicklung nach links nach dem Vorbild der Berliner Haskala oder des moskowitischen Bolschewismus Tür und Tor geöffnet wird. Aber ist denn in dem Kuk'schen Kreise jedes Verständnis dafür erstorben, daß auch ein andrer Gedankengang auf dem Boden der Thora möglich ist, daß Heroen wie Chatham Sofer, Ksaw Sofer, Samson Raphael Hirsch nicht umsonst gelebt und dem jüdischen Volke nicht umsonst die Lehre ans Herz geredet haben, es gelte vor allem einmal — bevor man unter tausend Konzessionen der sicherlich dereinst eintretenden Rückgewinnung leider entfremdeter Massen nachjagt — für das echte, totale, konzessionslose Thora - Judentum gesicherte Heimstätten in Gestalt autonomer Thora- Gemeinschaften zu schaffen und zu erhalten? Ja, noch mehr. Entscheidend für die Beurteilung der ganzen Frage ist ja nicht bloß die Verfassung der Gemeinschaft, nicht allein der Charakter ihrer Institutionen, sondern es muß, zumal in einem ganz im Fluß des Werdens befindlichen Lände, vielmehr die Tendenz der geistigen Entwicklung in Betracht gezogen werden, die in der Majorität der neu eingewanderten palästinensischen Bevölkerung, in den A r b e i - termassen sowohl wie in der sogenannten „Intelligenz" vor allem, vorherrschend ist. Diese Massen sind es, die der „Knesseth Israel" notwendigerweise ihr Gepräge verleihen und Frauenwahlrecht, sabbatschändende Führung und t h o r a 1 e u g n e n d e s Bildun.gssystem — von dem Waad leumi der „Knesseth Israel" gedeckt und verantwortet — — sind nur äußere Symptome einer fortschreitenden Verweltlichungstendenz, deren Ende nicht abzusehen ist. Wenn die 60 Rabbinen von 5686, wenn die Rabbinen der „Agudas Jisroel" in dem fünften Abschnitt ihrer halachischen Proklamation nicht die Konsequenz zogen, man müsse schweigen, dulden und v o n innen zu bessern suchen, sondern vielmehr rück sichtslos erklärten, man "sei religionsgesetzlich verpflichtet, aus den Kehilloth der Knesseth Is rael, natürlich nur solange sie die Erfüllung der vier allgemein anerkannten Postulate ablehnen, auszutreten — sogar ohne jede Rücksicht auf die Möglichkeit eines Eintritts, — so haben sie möglicherweise der Wirklichkeit des geistigen Geschehens im heiligen Lande tiefer ins Auge geblickt als ihre rabbinischen Gegner. Sie fühlten, daß unsrem Geschlechte die Männer fehlen, die die Riesenkraft besäßen, dem Rad der kulturgeschichtlichen Entwicklung in dem neuaufblühenden europäischen Erez Jisrael in die Speichen zu fallen und dem Geiste religionskritischer Leugnung und glaubensloser nationalistischer Aushöhlung der Thorakultur mit Aussicht auf nahen Erfolg in offener Feldschlacht entgegenzutreten. Ihr an Thora und Jiras Sehomajim geschulter, durch das T»n TriS» tP'N "»IIPN vor Selbstüberschätzung bewahrter Instinkt sagte ihnen vielleicht, daß es die größte Liebestat für die ganze, auch für die entfremdete jüdische Gemeinschaft sei, erst einmal dem Abfall negativ den Protest der T a t entgegenzusetzen und dann erst der Thora das Refugium gesicherter Heimstätten, die einheitliche Atmosphäre der aus thoratreuen Menschen bestehenden unabhängigen Thora- Gemeinde zu schaffen. Wahrscheinlich war es auch ihnen vollkommen klar, daß das Ziel der Schöpfung dieser Thoragemeinden nicht von heute auf morgen erreicht werden könne, zumal in einem Lande, in dem mannigfache geschichtliche und zeitbedingte Faktoren, die Herausarbeitung wahrhaften Gemeindegeistes eminent erschweren. Aber immerhin konnte es ihnen — und wird es manchem auch heute noch — als ein wesentlich leichter zu lösendes Problem erscheinen, aus dem viel umkämpften „Waad hair hoaschkenasi" beispielsweise mit Hilfe begabter Kräfte, eines Tages eine wirkliche K e - h i 11 a zu machen und analoge Zentren unverfälschten Thorageistes auch anderwärts zu schaffen — als die Riesenaufgabe, die in Tel Awiwy Haifa, Jerusalem von den vier Enden der Erde zusammengeströmte, halb oder ganz nach liberalem oder nationalistischem „Steiger" der Kultur der Völker assimilierte Menge und gar noch alle die aus den zionistischen Schulen jahraus, jahrein hervorgehenden Atheisten und Offenbarungsleugner dem niDVö'der Herrschaft der Thora zu unterwerfen. Wir hätten es im Interesse des Friedens und der Verständigung gerne gesehen, wenn in der Kundgebung der 60 Rabbinen die Solidarität a 11 e r auf dem Boden der Thora stehenden Rabbonim durch ein ernsthaftes Wort der Würdigung, des Verständnisses und des Respektes vor der Lebensarbeit derer zum Ausdruck gekommen wäre, die, im Geiste ihrer großen Lehrer ttfSJ Till für die kompromißlöse Anerkennung der Thoräforderungen in der Gemeinschaft gekämpft und geblutet haben. Denn es sind ja nur die Früchte dieses zwanzigjährigen agudistisehen Kampfes, den die 60 Rabbiner, an der Spitze Oberr ab b i n e r Kuk, nunmehr pflücken m öchten, und möglicher w e ise — wir hoffen es aufrichtig — ernten werden. In dem achten, letzten Absatz nämlich ihrer Proklamation erheben die 60 Rabbinen nun ihrerseits die Forderung, die bisher Agudas Jisröel allein politisch vertr e t en hat, die Forderung nach einer U m f ormung -der bestehenden Knesseth Israel-Gemeinden, die Forderung nach einem entschlossenen Verzicht auf 'Frauen"- Wahlrecht und Wahl v o n Gesetzesübertretern in alle diejenigen Organe der Kneses Israel, die mit der Leitung und Ueber w a c hu n g der religiösen Angelegenheit e n befaßt s i n d! Woher erwächst den 60 Rabbinen plötzlich der dankenswerte Mut, diese -— fünfzehn Jahre innerlich gebilligten, aber nicht vertretenen — Postulate geltend zu machen, wenn nicht ans der Zuversicht, daß jetzt der'Augenblick gekommen sei, in dem die politischen Machthaber der Knesseth Israel u n t er dem Druck de r a g u - d. istischen Gewissen Forderungen endlich geneigt seien, die bisher bestehende profan-nationale Gemeinde mit aufgepfropften religiösen Institutionen endlich in eine religiöse Gemeinde mit aufgepfropften profan-nationalen Institutionen zu verwandeln? Gebührt es sich, die Welt gegen die rabbinischen Führer der „Agudas Israel "'zu mobilisieren in dem gleichen Moment, in dem man mit „ihrem Kalbe pflügt" und eine Konstellation ausnützen will, die ausschließlich durch sie geschaffen worden ist? III. Aber wir wollen aus der Feststellung dieser Tatsache, die u m de r historischen Gerechtigkeit willen hervorgehoben werden Der Ort „Eschkol". Bemerkung zur Sidro. Im Satze 23 Kap. 13 lesen wir bsv» bm ny ikwi „Und sie kamen bis zum Tale Eschkol." Dann heißt es im folgenden Verse weiter; ^«psn nrwt by bm mp> Kinn nipaV „Diesen Ort nannte man Tal Eschkol, wegen der Traube, die dort Israels Söhne abgeschnitten haben." Die Frage ist: Wenn sie schon in. Eschkol ankamen, also Jen Ort unter diesem Namen antrafen, wie kann es dann stimmen, daß sie den Platz nach ihrem Erlebnis mit der Traube so benannten? Es ist hier bekanntermaßen eine der zahlreichen Thorastellen, auf die sich die Bibelkritik stürzt, um sie auf ihre spekulative Art gegen den Glauben anD'nwn p min auszuschlachten. Aber die Stelle bedarf auch für uns der Erklärung. Der Wilnaer Gaon lenkt unsere Aufmerksamkeit auf den Wechsel von *ba und "ion (mit und ohne Waw) in diesen Sätzen. Sie kamen an in b2V& (ohne Waw) und nannten den Ort ^wrx (mit Waw). ■Nach talmudischer Auffassung bedeutet ein Substantiv „voll" (mit Waw) geschrieben, ,stets ein Doppeltes (siehe Talmud Sanhedrin nnp — rmnp und nwios.' —M03)' während das fehlend« Waw auf den singulären Charakter der Gegenstandes hindeutet; Damit wäre auch der Zusammenhang in unserem Texte vollkommen verständlich:. „Und sie kamen ins Tal des Eschkol". Das Tal wurde immer schon so genannt, vielleicht nach dem Urbesitzer («IttttV Vs&K iay) dieses Tales. Nun, da sie noch die Riesentraube dort pflückten, hatte der Ortsname für sie von jetzt an eine zwiefache Bedeutung: in Hinblick auf den ersten Besitzer und auf das große Erlebnis. Von jetzt ab heißt es immer nur noch bnvx> „voll", mit Waw, womit die doppelt erhöhte Bedeutung des Ortsnamens genau angezeigt ist. Eine ganz analoge Stelle finden wir in M, I, Kap. 33. nwo «inn mptb mp p by "ßi n»a p'i nnso yoi apyi „Und Jakob zog nach Sukkoth usw. und für sein Besitztum errichtete er Hütten. Darum nannte er den Ort Sukkoth.'.' Hier besteht die gleiche Schwierigkeit darin, daß man einem Orte einen Namen gab, den dieser scheinbar schon vorher trug. Aber auch hier fällt die Merkwürdigkeit ins Auge, daß der Platz bei der Ankunft (Satz 17, Kap. 33) MD. (ohne Waw) heißt, und nach dem Hüttenbäu erst denNamen JTOD (mit Waw) bekommt. Auch an dieser Stelle handelt es sich offenbar darum, daß einer historischen Stätte eine neue Sinndeutung gegebenwird, und dieser neue, Sinn durch eine kleine Variation in der Schreibweise zum Ausdruck kommt. Man darf sagen, daß keine Hypothese der findigen Bibelkritik so einleuchtet und so klar in unser Verständnis eingeht, wie diese ganz einfache Erklärung des Gaon zu: Wilna. Kleines Feuilleton, Zwei Gedichte/) Adam, Und da im Abendwind des HERRN Stimme Im fruchtenden Geäste sich verfing, Barg Adam zitternd vor des Schöpfers Grimme Sich ^in der Farrengräser Dichtgeschling.. Nun, da er spürte, daß er nackend war, Verhüllte er die ungekannte Blöße Und wußte plötzlich um das Böse, Und in den Bäumen raunte die Gefahr. Und wehte mit der Stimme her im Winde Und füllte alle Poren seiner Haut, Bis er erschauernd lallte: „Sünde!" Und G'ttes Garten widerhallte laut. * Malki-Zedek. Als Abraham mit dem Troß der Knechte Niederzog zum Tale von Schalem, Neigte sich der Priester und gerechte König erdwärts und er. reichte; dem, *) In diesen Tagen erschien im Verläge B. Heller, München, ein neuer Gedichtband vom bekannten Dichter und-Schriftsteller Ben Chörin (Fritz R ose n t h a 1) unter dem Titel . „ Das M a l der S eniuu g". Aus dieser Sammlung jüdischer Verse aus, der Zeit für-die Zeit entnehmen wir, hier mit Genehmigung des Autors zwei Gedichte.