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Der Israelit · 1935-06-27 · Heft 26 (27.6.1935) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 26 (27.6.1935)
Date
1935-06-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 Nr. 26 Der Israelit 27. Juni 1935 Im gleichen Artikel nimmt D. D o e r n e r Stellung zu einer Kritik des auch bei uns veröffentlichten Urteils des Königsberger Amtsgerichtes, das die vom Beklagten gegenüber dem Kläger zu Unrecht ausgesprochene Behauptung, er sei Jude, als schwere Beleidigung ahndete. Gegenüber den z. T. unrichtigen Prozeßdarstellungen und den im Zusammenhang damit erhobenen Vorwürfen stellt Dr. Doerner u. a. fest: „Das Gericht hat nicht schlechthin festgestellt, das Aussprechen des Wortes „Jude" stelle in jedem Falle eine strafbare Handlung dar; Zu einer solchen allgemeinen Feststellung lag in dem betreffenden Falle auch gar keine Veranlassung vor. Das Gericht hat . vielmehr , auf Grund der gesamten Umstände des Einzelfalles, im Hin blick auf die arische Abstammung des Privat klägers, dem Privatkläger wegen der Mißachtung, "die der Angeklagte ihm gegenüber durch den Gebrauch des Wortes „Jude" zum Ausdruck te bracht hat, den Schutz zugebilligt, der ihm nach dem Gesetz zukam." Kennzeichen für deutsche Geschäfte/ Berlin, 25. Juni. Wie die in Glogau erscheinende „Nordschlesische Tageszeitung" mitteilt, werden die in Betracht kommenden Unternehmungen in den nächsten Tagen aufgefordert werden, sich das neue Kennzeichen für deutscheGeschäfte zu beschaffen. Dieses Kennzeichen, schreibt das Blatt, erhalten nur die von der Partei anerkannten arischen Geschäfte, die Aerzte, Rechtsanwälte, Zahnärzte, Dentisten, Kaufleute und Handwerker, die in der DAF. organisiert sind Es soll dadurch erreicht werden, daß die deutsche Hausfrau, jeder kaufende deutsche Volksgenosse bereits am Laden feststellen kann, ob er in diesem oder jenem Geschäft kaufen kann.. Pflicht eines jeden deutschen Kaufmanns wird es daher sein, an seiner Ladentür das Zeichen anzubringen und den Käufer auf sein arisches Unternehmen aufmerksam zu machen. Aerztliche Versorgung Hilfsbedürftiger- Berlin, 26. Juni. Die Zentralstelle für Jüdische Wirtschaftshilfe teilt mit: Bis in die letzte Zeit sind jüdische Kassenärzte von einzelnen Kommunalverbänden von der ärztlichen Versorgung Hilfsbedürftiger ausgeschlossen worden, vor kurzem noch in Hamburg. Es ist deshalb bemerkenswert, daß der Detitsche Gemeinde tag und die Kassenärztliche Vereinigung Deutschlands allgemeine Richtlinien für Verträge betreffend die ärztliche Versorgung Hilfsbedürftiger aufgestellt haben. In diesen Richtlinien wird ausdrücklich festgesetzt, daß alle Mitglieder der Kassenärztlichen Vereinigung, sofern sie zur V. O.-Kassenpraxis zugelassen sind und mindestens .ein Jahr im Bezirk des Fürsorgeverbandes die Praxis ausüben, innerhalb der Grenzen desjenigen Fürsorgeverbandes zugelassen sind, in dem sie ihren Wohnsitz haben. Da von den Richtlinien abweichenden Bestrebungen grundsätzlich keine Unterstützung mehr zu Teil wird, ist diese Bestimmung für die jüdischen Kassenärzte von großer Bedeutung, Baronin Adelheid v. Rothschild r > Paris, 24. Juni. Im Alter von 82 Jahren ist heute Baronin Adelheid von Rothschild, die Witwe Edmond von Rothschilds, mitten im Trauerjahr um ihren heimgegangenen Gatten vom Schauplatz ihres irdischen Wirkens abberufen worden. Eine Tochter des in allen Kreisen der jüdischen Gemeinschaft als ein Vorbild religiöser und sittlicher Größe für alle Zeiten unvergeßlichen Barons Willy von Rothschilds in Frankfurt a. M., hat die Heimgegangene in ihrer Jugendzeit in Frankfurt eine sorgfältige jüdische und allgemein*? Bildung genossen und den Geist aufrichtiger Gesetzestreue, jüdischen Wohltuns und jüdischer Menschenliebe von frühester Jugend an in sich aufgenommen. Mendel Hirsch, der Sohn Samson Raphael Hirschs, gehörte zu ihren Lehrern, Aus Dankbarkeit für diesen Unterricht stiftete Willy von Rothschild an dem Tage, da seine Tochter ihrem Vetter Edmund von Rothschild die Hand zum Ehebunde reichte, der Religionsgesellschaft ein Kapital von Mk. 350.000 zur Errichtung ihres Schulgebäudes am Tiergarten. Baronin Adelheid von Rothschild hat in Paris ihrem Gatten als eine treue Kameradin und Helferin bei dessen großzügigem jüdischen Wohltun zur Seite gestanden, hat an seiner Seite zu wiederholten Malen das heilige Land besucht und dort mitgewirkt bei dem Aufbau des gewaltigen Kolonisationswerkes, in das Baron Edmund von Rothschild nicht weniger als 70 Millionen Goldfranken investierte und dessen Aufblühen und Weiterentwicklung er noch zu seiner eigenen Beglückung erleben konnte. Wie Edmund von Rothschild hat auch seine heimgegangen^ Gattin, ob sie auch in dem französischen Milieu die pflichtgetreue, streng orthodoxe Lebensführung ihres Vaterhauses nicht. beibehielt, zu allen Zeiten auf dem Boden einer konservativ religiösen Gesinnung gestanden und überall, wo sie dazu Gelegenheit hatte, zu deren Stärkung und Ausbreitung beigetragen. Persönlich mit reichen Geistesgaben, einer umfassenden Bildung, feinem künstlerischen Verständnis und außergewöhnlicher menschlicher Liebenswürdigkeit ausgestattet, wird ihr Bild in den Herzen aller derer fortleben, die ihr jemals nahegetreten sind, darüber hinaus aber wird ihre menschliche und jüdische Persönlichkeit mit der ihres unvergeßlichen Gatten in dem Gedächtnis des ganzen jüdischen Volkes zusammenfließen und dort, von unauslöschlicher Dankbarkeit getragen, ewig lebendig bleiben. , * . Unter außerordentlich starker Beteiligung der Pariser Oeffentlichkeit wurden am 25. Juni die sterblichen Ueberreste von Baronin Adelheid von Rothschild auf dem Friedhof Pere Lachaise beigesetzt. Das Leichenbegängnis wirkte trotz betonter Schlichtheit sehr eindrucksvoll. Tausende Menschen, zum größten Teil Frauen, folgten im langsamen Zug dem Sarg. Alle jüdischen und nichtjüdischen Wohlfahrtsgesellschaften hatten Abordnungen entsandt. Auch die Regierung und die wissenschaftlichen Institutionen waren vertreten. Die Trauerzeremonie wurde von dem Pariser Oberrabbiner Julien Weil und dem Direktor des Rabbinerseminars, Rabbiner L i b e r, geleitet. Ein großer Chor wirkte bei den Trauerfeierlichkeiten mit. Unmittelbar nach dem Sarg schritten die Söhne der Verstorbenen, Baron James Edmonid Armand und Baron Moriz Edmond Karl Rothschild. Ihnen folgten die Mitglieder des Konsistoriums der französischen Juden und des Vorstands der Alliance Israelite Universelle. Für Reform der Jewish Agency/ New York, 23. Juni. In einer zionistischen .Versammlung in Atlanta hat der Präsident der Zionistischen Organisation Amerikas, Morris Rothenberg, der bekanntlich bei der Bildung der erweiterten Jewish ,Agency eine führende Rolle gespielt hat; eine Umbildung der Jwish Agency und der Zionistischen Organisation Amerikas gefordert. " Die Jewish Agency in ihrer, heutigen Form," erklärte Rothenberg, sei zum Untergang verurteilt, weil die Unterscheidung zwischen Zionisten 'und Nichtzicnisten überholt sei. Diese Zweiteilung, weiter aufrecht zu erhalten, würde die Verewigung einer negativen Haltung bedeuten, die der Gesinnung derjenigen, die sich den Zionisten in. der Jewish Agency angeschlossen haben, nicht entspricht. An die Stelle der Jewish Agency in ihrer heutigen Form, meinte Rothenberg, solle eine einheitliche Körperschaft treten, in der auf der Basis des Palästinamandates alle Teile der Judenheit repräsentiert sind. Dadurch könnte die heute zerfallene. Jewish Agency jene das ganze jüdische Volk verkörpernde führende Kraft werden, als die sie gedacht War. In Bezug auf die-Reorganisierung der Zionistischen Organisation Amerikas erklärte Rothenberg, die Organisation könne sich nicht länger auf Einzelmitgliedschaften beschränken. Es müsse ein Weg gefunden werden,-um das neue allgemeinere Interesse am Zionismus organisatorisch zum Ausdruck zu bringen. Durch Einführung kollektiver Mitgliedschaft von Gemeinden müsse die Basis der Zionistischen Organisation verbreitert werden. Die Stunde sei gekommen, um mit weitblickendem Mut neue Formen, die der gegenwärtigen kritischen Lage des jüdischen Volkes und den Möglichkeiten Palästinas entsprechen, an die Stelle der alten zu setzen. Auf einem anschließenden Bankett forderte Rothenberg zu stärkerer Förderung des Jüdischen Nationalfonds auf. Obwohl die Juden 26 Proz. der Bevölkerung Palästinas bilden, besäßen sie nur 6 Proz. des. Bodens. Ein jüdisches Heimatland ohne Land wäre ein Paradox. Schutz des Asylrechts in Amerika» New York, 24. Juni. Das Mitglied des amerikanischen Repräsentantenhauses Mar c an tonio hat im Kongreß einen Gesetzentwurf zum Schut-z des Asylrechtes eingebracht, der besonders Bezug auf Personen nimmt, die in ihren früheren Wohnländern ihrer Abstammung wegen benachteiligt werden. Der Enwurf wurde der Kommission für Einwanderung und Naturalisation zugewiesen. Der Entwurf sieht vor, daß kein Ausländer aus Amerika ausgewiesen werden kann, der sein. Heimatland wegen seiner rassischen Zugehörigkeit oder seiner politischen und religiösen.Ueberzeugung verlassen hat. Außerdem sollen alle diejenigen nicht ausgewiesenwerden dürfen, die wegen ihrer Abstammung in ihren Heimatländern sozialer oder wirtschaftlicher Diskriminierung; unterworfen sein würden. Wochenfest und Bikkurim. Jer us a 1 e m , 20. Juni. Zu dem ausgefallenen „Bikkurimfest" am diesjährigen Schwuaus in Haifa schreibt M. Glücksö'hn im „Haarez" u. a.: „Die jüdischen Feste haben einen synthetischen Charakter; sie sind zugleich kosmische, allmenschlich universalistische Feste'und ebenso* national-historische -Erinnerungstage. Dieser dualistische Charakter kommt beim Wochenfeste in besonderer Weise ziftn Ausdruck, denn der höchste religiöse Inhalt, die Offenbarung G'ttes am Sinai, ist hier zugleich höchster nationaler Inhalt, denn im Bewußtsein des Volkes ist die Offenbarung, auf dem Sinai jenes Ereignis, durch das das Volk zum Volke geworden ist. Diese Synthese von menschlichen und nationalen Elementen zeigt sich in allen großen Erzeugnissen des jüdischen religiösen Genius." Aus dieser Erkenntnis heraus seien neuausgedachte Feste wie das der „Bikkurim" - in Haifa abzulehnen.

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