Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1935)
- Date
- 1935-06-20
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 25 1935 Flucht in die Heimat, Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) . Das erwartete große Urerleben" stellte sich nicht gleich ein. Die grauen, wie durch kosende, Hände glattgeplätteten und durch Tränen •weichgewordenen Steine sprächen nicht so unmittelbar zu ihren Herzen, in diesem Land?, uncl in. dieser Stadt, die ganz aus Steinen und, Mauern zu bestehen schienen. Mehr interessierten schon die menschlichen Ruinen, die in der Nische hockten und, in Lumpen gehüllt, mit Augen, die tief in den Höhlen saßen, die Hand nach einer „Nedäwah" ausstreckten. "Am meisten aber die hier versammelten Beter, die sie mählich - doch mit hinrissen. Vom Minarett auf der Höhe am Ausgang der Sackgasse näselte ein Mann etwas herunter, was nicht zu dieser Gebßtstätte gehörte. Kriegerisch bewehrt und gerüstet, standen zwei Polizisten und stellten mit kurzen Befehlen die Ordnung her, wenn sich die Menschen stauten und die eseltreibenden Araber gar zu nahe an die Reihe der Betenden herankämen. Ja, diese Betenden, sie gaben der Mauer das Relief, die Farbe und das Leben. Es war am frühen Nachmittag und es wurde Mincho gebetet, in mehreren Gruppen zur gleichen Zeit. Jeder suchte sich seinen Platz ganz vorne, um mit der Stirn, vielleicht auch mit dem Munde bei dem Gebete um Zion und^Jerusalem die kalten Steine zu berühren. Frau Ida wurde von einem langbärtigen Diener im Rabbigewand zurückverwiesen, da sie mit ihrem Manne vortreten wollte. Der Platz für die Frauen war unten. Herr Wilde schloß sich einer Gebetversammlung an. Frau Ida bekam von Jemand eine Gebetstabelle in die Hand gedrückt; mit der sie nichts Rechtes anzufangen wußte.- Als Herr Wilde, mit dem Gebete züende, vorkam, um sie abzuholen, sah sie, daß er nasse. Augen, hatte, die er durch ein Witzwort, zu dsm; er sich, wie immer in solcher Situation, zwang, nicht trocken wischen konnte. Frau Ida hätte sieh jetzt richtig ausweinen mögen und es hätte ihr wohl getan; allein einer von diesen grauen Steinen hatte sich' in ihr Inneres geschlichen und drückte auf Hetz und Auge, daß keine Tränen herauskamen . . . Hier konnte die nötige Entspannung nicht kommen. Sie brauchte Einsamkeit. Und. in einer Aufwallung der Empfindungen umarmte sie Baruch, der vorher an der Seite des Vaters, weil nicht das erste Mal, mit nicht mehr und nicht i weniger Andacht als in einer Synagoge; der Innenstadt gebetet hatte.! ' Schweigend gingen sie durch die alten düsteren Gassen: zurück, bis. zur Stelle* wo. der Wagen ihrer harrte. . , .; _ Eine Stunde später fuhren sie, auf glatter Straße südwärts, die kristallklare Luft gab glie Sicht frei zu den in ihrer grauen Kahlheit grandiosen judäischen Berken und hinunter bis ins Jordantal. Silbriges Wasser, leuchtete auf,.nicht größer und breiter, auch nicht schöner als ein Schwahenweiher in .der Anlage der deutschen Heimatstadt. Aber Eier, war Calles von besonderer Bedeutung, hatte alles seinen-besonderen Namen. Die „S also m o ni s c h e n Teiche", sagte der Führer. „Es wurde von hier: aus 'das;passer ' in die Stadt und den heiligen Tempel geleitet. Heilig war auch alles andere Wasser, wenn es dort in den Bereich der-• Heiligkeit kam. -Es. diente' für7 die: Tätiähbäd^ 4as^ Gußopfer ■am''Jjäüb^uii&iiesie:: Es waren Worte nur, wie sie so trocken in Reisebüchern standen, wie >sie aus dem Munde der Führer an alten Stätten und Burgen kamen. Nur wenigen wurde mit ihnen der Glänz und die Heiligkeit vergangener jüdischer Zeiten vor* Augen gezaubert. Herr Wilde forschte sachlich, wie tief und wie breit diese Gewässer sind und warum heute noch keiner" die Salomonische Weisheit besitze, sie für die wasserarme Stadt ganz nutzbar zu machen. Nun standen sie vor der würfelartigen Kuppelkapelle, die sie schon so oft auf Bildern, auch auf den Palästinamarken gesehen hatten, von der sie ein deutliches Bild im Herzen trugen, dem Rahelsgrab e. Sie traten durch ein kleines Tor. Am Vorplatz auf einem Tische, zitterten Lichtlein und Oellämpchen, daneben wurden Säckchen mit heiliger Erde, Schnitzereien und Ansichtskarten verkauft. Die ganze Mitte des Rundraumes drinnen war von einer hochgewÖlbten Säule voll eingekritzter Namen ausgefüllt, dem eigentlichen Grabsteine. Um den Stein herum standen oder lagen weinende und betende Menschen. Was war denn das*, was Frau Ida hier so gewaltig packte, daß der Alb, der an der Mauer auf ihr Herz drückte, sich hier löste und in Strömen dahinfloß! " Vielleicht die große Inschrift auf der Kuppel und das in den hier aufliegenden Gebettafeln immer wiederkehrende Wort: „Rachel mewake al boneho, Rahel weint um ihre Kinder!" Vielleicht weil von den weinenden Frauen um sie herum immer wieder wie ein Refrain der erschütternde Ruf an ihr Ohr drang: „Mein Kind!" „Meine Kinder!" „Mutter Rahel, laß mein Kind genesen", „Mutter, laß mich meine Kinder wieder sehen! ..." Frauen lagen neben ihr langgestreckt auf dem Boden, umklammerten den Stein und schluchzten lange Gebete, die in keinem Gebetbuche standen. Dichterisch wurden diese Frauen und 'Mutter aus dem Volke in der Wallung ihrer Gefühle, sprachschöpferisch in der Findung immer neuer Worte, neuer Ausdrucksformen für das, was ihr Herz bewegte, In eine Welle, einen Wir-, belsturm von Andacht, hüben und drüben war die einfache deutsche Frau hineingeraten, und vor ihr die harten kalten, grauen Steine. Sie, der das- Weinen erst so nahe stand, stand wieder stumm da. Es weinte in ..ihr." Sie wurde gerwahr, daß höchste Empfindung keine Worte,, größter Schmerz keine Tränen hatte. Von all den Fluten der Gebetworte rechts und links, blieben nur zwei bei ihr haften: „ M ein Kind! " Sie hatte nur dieses eine Gebet in der Seele, auf den Lippen. Wie betäubt zündete sie gleich allen, ein Lichtlein an und stellte es in die Reihe der anderen. 1 „Wo ist der eigentliche Tempelplatz?" fragte Herr Wilde, als sie wieder in der Stadt wären, '•' . '„Was wir gesehen haben, sind Reste der. Mauer um den Tempelberg, die zuletzt Herodes erbauen ließ," gab Baruch Auskunft. „Den Tempelberg selbst betreten wir nicht, ist uns untersagt." „Von den Mohammedanern, den Türken?" ,: „Nein, d i;e verwehren uns den Eintritt nicht, zeigen, uns gegen einen Bakschisch-willig alle ihre Heiligtümer)\ sogar den Ä11 a r s t e i ti hinter einem Gitter. Aber wir Verzichten auf Eintritt und Anblick, weil wir, bevor es Zeit ist und solange.j wij: :V<tdie. nötige Rüstung/ noch nicht hajben, unser Heiligtum? nicht betreten sollen i.und.^wollen. Auch' kennen wir die Grenzen nfätit^Öjiau, -um 211 wisse^r, (w;o der P i* i & s t e rr ä.u nieder ftir Nichtpriester gesperrt war, und wo ctas A I 1 e r h e i 1 i g s t e, das auch der Hohepriester nur einmal im Jahr betreten durfte, sich befindet." „Also sollten wir Jerusalem verlassen, ohne das Heiligste und Wichtigste, den Tempelplatz, gesehen zu haben?" Nein. Sie bestiegen das Dach eines hohen Hauses der Altstadt, und ein herrliches Bild entrollte sich vor ihren Augen. Das gewaltige Haus mit der wundervoll leuchtenden Kuppel war der Felsendom und der ebenso schöne Riesenbau daneben die Kksamoschee. Minarett und Kuppel schillerten in der untergehenden Sonne und ,der ganze Platz war mit fließendem Gold übergössen. „Dort," erklärte Baruch, „stand einmal das Haus unseres Lebens, dort versammelte sich das Volk an den Wallfahrtsfesten und sang sein Hallelujah. Heute stehen wir unten, in der hohlen Gasse, wie verbannte Kinder vor der geschlossenen Türe des Vaters und weinen. Zuweilen aber besteigen wir die hohen Dächer und werfen einen Blick in des Vaters Haus, wo sich Fremde breitmachen. Denn seht, unter jener Riesenkuppel ist der Grundstein des heiligen Altares, Ausgang der Erdenschöpfung, wie der Talmud sagt, hinter einem Gitter aufbewahrt . . . Danken wir G'tt auch dafür. Vielleicht sind sie dazu bestimmt, unsere Heiligtümer für die Zukunft zu hüten ..." Baruch, der sachliche und nüchterne junge Arbeiter, wurde poetisch in dieser Stellung, in dieser Stimmung, in Gesellschaft des Vaters, in der Nähe der Mutter, die ihre Hand von der seinen nicht ließ. Wieder Kind und wieder Eltern, dachte Frau Ida. Verbannte Kinder klopfen an Vaters Türe, steigen in die Höhe, um zu Vater und Mutter flehend - hinüberzuschauen. Alles lief auf dieses Bild zu, auf das Bild des Kindes, welches Vater und Mutter sucht . . . Wann werden sie suchen, wann werden sie kommen, eines von beiden wenigstens, das wohl noch am Leben ist? . . . „Meine Kinder!" schrie wieder aus ihr das Gebet an der Köthel, das Gebet des Steines an Raheis Grab ... Es war genug, ja zuviel der Eindrücke für diesen Tag. Sie sahen weder die Menschen, noch das wilde Getriebe, -als' sie schweigend durch dte Menge am Jaffatore vorbeifuhren. Im Hotelzimmer fand Frau Ida endlich für ein paar Minuten die Einsamkeit für ihre Tränen und dann die ersehnte Entspannung. XIII.........- Sie sahen in den folgenden Tagen so vieles, daß es ihnen schwer fiel, all das Geschaute in die Welt ihrer Vorstellungen richtig „buchmäßig", wie Herr Wilde kaufmännisch sagte, einzureihen. Sie fuhren zwischen den blühenden Orangengärten des Scharon und stundenlang durch brennend ödes Wüstenland zwischen Karst und weißem Kalk auf den rissigen weglosen Höhen bis zu den wogenden Feldern des Emek. Sie sahen Araber am Wege arbeiten und bärtige Juden, rocklos, mit zu Boden schleifenden Zizithfäden hinter der Pflugschar hergehen. Es war das Land der schärfsten Gegensätze. Eine wundervolle Märchenstadt lag am See wie ein heißer . Kessel vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, und wenige Stunden von ihr entfernt schaute eine andere uralte Stadt malerisch von einem Vierhundertmeterhügel (über dem Meere) herunter. Von der Höhe in Nazareth läuteten die Glocken ins jüdische Emek hinab, vom heißen Tale des Kinereth sah man zur Schneehaube des Hermon hinauf; und fuhr man bei Jerusalem den Oelberg hinunter, starrte einem das tote Auge des Salzmeeres aus der Tiefe entgegen, als könnte man mit der Hand danach greifen, und man hatte doch mehrere Stunden bis dahin zu fahren. Parkumgebene Villen mit reichem Blumenschmuck auf den dem blauen Meere zugewandten geschwungenen Balkorien an den Hängen des