Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1935)
- Date
- 1935-06-20
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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- Nitra 1× ep/1048039
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Seite 14 Nr. 25 Der "Israeli t 20. Juni 1935 Karmel versetzten sie an die Riviera und düstere fensterlose Lehmkaten an der Straße, in denen Mensch und Tier zusammen hausten, führten sie in die Uranfänge menschlicher Daseinsformen zurück. In den alten Städten wurde viel gebetet — und auch gebettelt. In den Kolonien und Kwuzoth wurde viel gearbeitet und gar nicht gebetet . . . Dort wurden sie von aufrechten, selbstbewußten jungen Menschen freundlich, aber reserviert empfangen. Bezahlung für gereichte Bewirtung wurde stolz zurückgewiesen. Gehoben und getragen wurden sie von einer verzückt schreienden und weinenden Frömmigkeit in Synagogen zu Jerusalem, Tiberias und Safed, und sie weilten wiederum in einer Kewuzah, in der man sie voll Stolz ins „Beth Am" zu einer Beethbven'schen Symphonie führte, während es an Bethaus und Koscherküche fehlte. Herr Wilde stellte in der Folge fest, daß der Weg von Jerusalem nach Tel Awiw viel weiter war als der von Berlin oder Frankfurt nach der jüdischen Stadt ... Sie trafen Juden in Meah Shearim zu Jerusalem, die den alten Kopf unter dem runden Samthute schüttelten, wenn man von Tel Awiw sprach. Und sie sprachen junge Menschen, die schon seit Jahren im Lande arbeiteten und die alten Mauern von Jerusalem noch nicht gesehen hatten. Sie interessierten nur Bausteine, keine Ruinen ... Gab es keinen Weg vom Alten zum Neuen; keine Pfeiler und Ziegel, die Kluft zu überbrücken, in diesem Lande der Steine, der Röhren und des Beton? grübelte Herr Wilde, wenn in schlaflosen Nachtstunden die Eindrücke chaotisch auf ihn einstürmten. (Fortsetzung folgt.) Mosaik aus Jerusalem. Von Bas Zeloicbod, (Schluß.) Meinen Spezereihändler habe ich schon etwas „europäisch" gezogen. Er ist in Vielem eine rühmliche Ausnahme, doch kann man auch bei ihm noch genügend Wunder erleben. Einmal frug ich ihn: „Habt Ihr Nelken?" „Neellkeen ich denk daß nein." „Das kann ich nicht verstehen, ein so großes Geschäft, und da solls keine Nelken geben?" Ich holte ihm zur Verbesserung des Verstehens aus meiner Besomimbüchse ein Muster, Da gehen ihm die Augen auf, er lacht ganz siegesbewußt und sagt: „Das is doch Nägelech." „Was," sagte ich, „Nägelech sagt Ihr dem, Nägelech klappt man doch an die Wand/' Nun ist e r wieder der Gescheitere und sagt: „Dos wos man klappt in die Wand, dos is a Nogel, dos was men derf (braucht) in die Kich, senen Nägelech." Ein andermal bestellte ich bei ihm ein Paket Nudeln. "Als er mich nicht zu verstehen schien, sagte ich: „Ich will Nudeln für die Suppe." „Nudeln für die Suppe? Nein, das ist nicht Nudeln, das is doch Lockschen, Nudeln das senen bei uns die Spilkes for die Primus." (Spilke Nadel zur Reinigung der Petrolmaschine). Hie und da ists doch noch zum Lachen — auch wenn draußen 40 Grad im Schatten ist, und wir eine Zimmertemperatur von 30 Grad als angenehm kühl empfinden. Man „geweint sich zi —." Einen Jomtow hier zu verbringen, ist viele Allr tägssorgen wert. Ein Pesach z. B. ist ein wahres Erlebnis, das eben nur in Jeruscholajim möglich ist. Die Mazzos bäckt man hier natürlich selbst, gleich darauf werden die Uebergebackenen abgesondert und — dabei muß ich unwillkürlich an Herrn Dajan Posen b"31 denken — man läßt aus den selbstgebackenen und ausgebrochenen Mazzos das Mazzemehl mahlen. Eineinhalb Stunden waren meine „Mazzebäcker" weg und brachten 9. Rottel Mazzen (ein Rottel ca. sechs Pfund) % Rottel Schmüroh und 1 Rottel fein gemahlenes Mazzenmehl nach Hause, tip top verpackt und glatt koscher, Die Mazzos mizwoh werden erew jomtow gebacken, und sie sind Handarbeit. Es gibt hier viele Stellen, wo welche gemacht werden, unsere wurden in den ungarischen Häusern im Ofen der Gerrer Chassidim gebacken. Während des Backens wird gemeinsam in einem Brummnigun Hallel gesagt. Diese Mazzos sind rund, Während alle anderen Mazzos hier viereckig sind. Trotzdem haben sie sich gut mit der runden "Sederschüssel und dem Frankfurter Mazzokörbchen vertragen. Der Sederabend kommt hier besonders zu Ehren, weil wir doch nur einen haben. Als wir schon in richtiger Stimmung . waren, sagte einer unserer Tischgenossen: „Ebe gehe sie in Frankfurt in Schul." Wir gedachten der guten Freunde dort und wünschten ihnen allen im Geiste einen schönen Jomtow. Der Seder war erfüllt von unzähligen Fragen und Antworten, die hier erschienene Rambam-Hagada kam sehr zu ihrem Recht. Um 12 Uhr kamen noch zwei junge Freunde, deren Seder schon beendet war, um mit uns noch weiter zu bauen. Um 1 Uhr lief die Schabbosuhr ab. Wir saßen beim Scheine von-vier großen Kerzen, in echter befreiender Sederstimmung um den Twch. Bei weif geöffneten Fenstern sangen wir die altvertrauten, frömmer Sedeflieder hinaus an einen endlos großen reichbestirnten Erez Jisroelhimmel: „Süßer G'tt, chenvoller 'G'tt, wahrhaftiger G'tt, nun bau Dein Tempel schiroh." Am Jomtow geht man zur Köthel. Dichtgedrängt die Menge, alles strömt dem kleinen Stückchen Ureigentum zu, dessen Beständigkeit unser Hoffen und Sehnen zur Geulah bejaht. Es wird dort geort, gelernt, geduchent — am laufenden Band. Endlos ist die Menschenmenge, „ wie auch ihr inniges Sehnen, daß die Zeit nahe sei, da kol Jisroel sich einig und vereint auf heiligem Boden wiederfinde! — An der Köthel trifft man sich, besser als bei der pünktlichsten Verabredung. Ist auch die Begegnung, oft nur durch ein stummes Grüßen oder Nicken bekundet,' man hat sich gesehen, man war da. Aus allen kleinen und kleinsten Ecken des Landes kamen sie, teils bewappnet mit dem Feldbett, um dasselbe in der engen Stube eines Freundes aufzuschlagen. Ein richtiges Festhalten des „auleh laregel-sein" ist die ganze große Wanderung nach der heiligen - Stadt. Der Chölhamoed wird hier hoch ganz im Zeichen des Jomtow gehalten. Der Straimel und der neue glänzende Chalat beherrschten die Straße. Die „Kleiden" (Geschäfte) der Schuster, Schneider, der Blecher (Spengler) und der Polsterer sind geschlossen; ihre Besitzer „spazieren sich" — als seien auch sie Gäste in der eigenen Stadt. Ein wunderbares Gefühl überkommt einen beim Anblick dieser harmonischen inneren und äußeren Ruhe, die ganze Straßenzüge erfüllt. Am Schewuos v. Js. hatten wir wie gewohnt unser Lernen. Es gab zwar für die Allgemeinheit keinen Käsekuchen, man wird bescheidener. Dafür erlebten wir Höheres. Als das Lernen beendet war, begann man ZU oren. Nach dem Leinen begab sich das ganze Minjin, mit weit geöffnetem Talis zur Köthel zu Mussaf. — Es ist schwer zu definieren, welche Gefühle dabei ausgelöst werden, bei einem solch befreienden Morgenspaziergang. Der Himmelnoch zart zitronengelb gefärbt und wolkenlos — in den Bäume» zwitschern die Vögel ihre Sprache, kein fremder Laut störte die Ruhe. Ich stand auf der Terrasse und sah der kleinen Gemeinde und ihren im Morgenwind flatternden Talessim nach. Von der anderen Seite der Straße, die von Meah-Scharim einmündet, kam ein Trupp großer bärtiger Männer im StraimeL mit weit geöffnetem Talis. Jüdische Ferien in Arosa* Eine Perle in der Perlenkette der Alpen, liegt A r o s a im lieblichen Be'rgtale dahingestreckt. Man atmet frei und froh die Höhenluft, die auch im Hochsommer nie zu heiß ist, die jenes Gefühl der Bedrucktheit, das man oft auf der Höhe, zwischen Felsenwänden eingeengt, empfindet, nie aufkommen läßt. Ob man die Straße hinauffährt, oder die herrlichen Badeanstalten aufsucht, ob man auf dem kühlenden See rudert oder sich in den Tannenwäldern am Rande der Bergkuppen ergeht und vom erhöhten Punkte aus ins tiefgrüen Tal hinunter und in die weiße Höhe hinaufschaut, überall die gleiche Größe und die gleiche Lieblichkeit, der gleiche grandiose Anblick und das gleiche befreiende Gefühl, mit einem Worte: überall Arosa! Und in diesem Arosa ist es dem orthodoxen Juden auch strengster Observanz gegeben, alle Freuden und alle Bequemlichkeiten einer Sommerkur bei strengster Beobachtung aller Religionsgesetze zu genießen. Das Hotel „Metropol" (Inhaber B. Lewin), verfügt über eine große Flucht heller, mit allem Komfort ausgestatteter Zimmer und auch über eine ausgezeichnete, streng rituelle Küche, Die Villa befindet sich direkt am See und bietet von den Baikonen und sonnigen Liegehallen; aus die schönste Aussicht ins weiße und grüne Gelände. Das jüdische Gemeinschaftsleben im Hause, besonders am Freitag abend und am Sabbat, wirkt erhebend. Die Sommersaison hat begonnen. Das Haus „Metropol" in Arosa hat seine Tore geöffnet für alle, die der Ruhe bedürfen, für alle, die nach echter Erholung schmachten undbesonders für alle, die die Wochen ihrer Erholung bei unvermindertem Komfort und ungetrübtem Naturgenuß in einem e c h t e n ] ü d i s c h e n M i 1 i e u verbringen wollen. - . r Vermischtes. Frankfurt a. M«, 17. Juni;; Zu "der in der vorigen Nummer aus Aleksince bei Nitra veröffentlichten Notiz, wonach die Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel dort ein Sekretariat eingerichtet habe, teilt unsdie Palästina-Zentrale, mit,; daß >es sich hier um -eine " Mystifikation handelt. Time solche Einrichtung'sei von ihr nicht getroffen worden. Sie steht vielmehr der in der Gründung zum Ausdruck gekommenen Sonderveranstaltung fern. . ' '~ " Berlin, 15. Juni. Im Rabbinerseminar hielt vor einiger Zeit im Rahmen der Vortragsreihe des . „Ba— churimvereins" Herr Kry nf i eß , Frankfurt a. M.,' einen Vortrag über „Das Verhältnis von T'nach und Gemoro". Der Redner führte aus, daß gerade in der heutigen Zeit und besonders im Hinblick auf. die kulturellen Probleme von Erez Israel ein tieferes und natürlicheres Verständnis der Thora und der mündlichen Lehre erforderlich sei. Der Kern seiner 'Ausführungen War, daß man die dreizehn Deutungsregeln nicht dogmatisch an die Thora herantragen" dürfe, sondern sie als Stilgesetze aus dem Text heraus er-. klärenmüsse. Diese Theorie, führte der Redher an einigen Beispielen näher auf. Auch streifte er Fragen der Bibelkritik. Die anregenden.Gedankengänge wurden mit reichem Beifall belohnt und in einer anschließenden Diskussion noch zu klären versucht. H. D. Berlin, 12. Juni. Die Generalversammlung der Chewra Kadischa Groß-Berlin fand am 2. Juni statt. Durch die Sonderstellung, die sie im Gemeindeleben einnimmt, weckt sie ein erhöhtes Interesse fürdie große religiöse Idee, die sie verkörpert. -Trotz der stillen Verborgenheit ihres Wirkens, ist ihre im großen Stadtgebiet geübte Liebestätigkeit in ihrer Bedeutung offenkundig, gekannt und allseits als überaus"" wohltuend anerkannt. So bot auch der vom Vorsitzenden Hermann Schwarz erstattete Geschäftsbericht ein erfreuliches" Bild von der im vergangenen Jahre geleisteten Arbeit. Auch die K»ssenyerhältöisse sind, obgleich einer schweren Belastungsprobe ausgesetzt, noch als befriedigend zu bezeichnen. Unter Einsatz und Anspannung aller Kräfte war die Chewra noch in der Lage, nebst ihren ursprünglichen heiligen Aufgaben an Sterbenden und Entschlafenen, in entsprechendem Ausmaße in schwergeprüften, ja verzweifelten Familien der bitteren Not zu steuern. — Diese Leistung ist um so höher zu werten, als-die Chewra -— auch in religiöser Beziehung vollständig souverän — von der Gemeinde keinerlei Subvention erhält und nur auf freiwillige Spenden angewiesen ist. Der mit großer Befriedigung aufgenommene Bericht gipfelte in warmen Dankesworten an die aktiv-tätigen Damen und Herren für den in dauernder Folge uneigennützig und unverdrossen ausgeübten Chewrädienst. Besonders dankte der Vorsitzende Herrn Rabbiner Dr. Link, der in ahrelangef, organisatorischer Werbearbeit die finanzielle- Basis der Chewra geschaffen nat und mit der seelsorgetüsxihen Tätigkeit die innere Freudigkeit des Helfenwoüens verbindet. Gefragen von diesem Geiste bildet diese schöpferische Gemeinschaft für echtes Gemilus Chesed einen. starken Stützpunkt im Leben der konservativ denkenden Berliner Juden. Durch ihre wirksame, ideelle Leistung wird sie auch unter den veränderten Gegebenheiten der Verinnerlichung und Vertiefung des religiösen Gedankens im Sinne wahrhafter Thoratreue dienen und in wachsendem: Maße Verständnis und Liebe zu unseren alten g'ttgebotenen Idealen jüdischer Lebenshaltung in Familie und Gesellschaft mehren helfen, >— der vom Sinaigesetze umfriedeten Lebensgestaltung — die, in aufgewühlter, schmerzbewegter Zeit, zur Einkehr und Rückkehr aufrüttelnd, Uns Trost und Hält geben wird, auch das Schwerste-in demütiger G'ttergebenheit zu dulden, zu tragen und in gläubiger Zuversicht zu überwinden. Bei den vorgenommenen Wahlen wurden die Herren Hermann Schwarz zum Vorsitzenden, Drv Erwin Galewski zum stellvertretenden Vorsitzenden, Rechtsanwalt Dr. Richard Treitel zum Syndikul, Max Rabau zum Schatzmeister und Emil Kochmann zum Schriftführer' gewählt. G. Recklinghausen, 13. Juni. Zu dem in Nr.. 23 erschienenen Berichte über die „Arbeitstagung des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden" und die von diesem veranstaltete Tagung der'Bezirksrabbiner ist noch ergänzend mitzuteilen, daß Herr Bezirksrabbiner Dr. Auerbach außer den genannten Gebieten ganz besonders auch auf die E rhaltung v o n M i k w o a tfcs und die T ä t i g.k e i t des Rabbiners für T aha ras Harnischpoch oh hingewiesen hat. So konnte er berichten, daß zwei Mikwo aus wiede rinstand gesetzt worden sidn, für die ein eein Zuschuß erlangt wurde und zweni oder drei weitere Mikwoaus wieder hergestellt werden sollen. - - /, Hirzenach (Landbürgermeisterei St. Goar a. Rhi), IL Juni. Die Religionsgemeinde wurde aufgelöst und die Synagoge an «inen Privatmann verkauft, der . sie abreißen und das Gelände als Bauplatz verwenden wird. Die Kultusgegenstände wurden in die Nachbargemeinden gebracht. In dem Orte wohnen jetzt-noch zwei jüdische Familien. Der schön gelegene, ehrwürdige Friedhof ein Beweis -für die ehemalige; Größe und das Alter der Gemeinde.