Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 25 (20.6.1935)
- Date
- 1935-06-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 25 Der lsraeiit 20, Juni "1935 Das Ziel, dem wir unter Einsatz unserer gesamten Kräfte zustreben, ist ein dreifaches; es ist ein geistiges, ein wirtschaftliches und ein politisches Ziel. Ein jeder Kibbuz muß eine Idee, ein geistiges Ziel haben, da — wie aus unserer Definition des Wortes Kibbuz hervorgeht -— der Kibbuz stets nur Mittel zum Zweck, niemals aber Selbstzweck 'Sein kann. So betrachten die weitaus meisten Kibbuzim sich als Kampfgruppe für den Sozialismus. Wir kämpfen für die Thoratreue. Wir wollen ein thoratreues jüdisches Volk und ein thoratreües jüdisches Land, Wir sind der Ueberzeugung, daß ein orthodoxes Schulwerk und eine orthodoxe Organisation in Erez Jisroel so lange ohne den ersehnten Erfolg bleiben wird, solange die Orthodoxie keine positiven Leistungen auf dem Gebiete der Kolonisation aufzuweisen hat, solange die großen landwirtschaftlichen Leistungen der thorafremden jüdischen Bevölkerung den jungen Menschen blenden. Wenn aber auch wir Thoratreuen an der Eroberung und am landwirtschaftlichen Aufbau teilhaben werden, dann wird unsere Stimme nicht weiter ungehört verhallen, dann werden wir einen großen TeiJ der Jugend für unser Ziel zurückgewinnen. Wir wissen, daß wir für lange Zeit an Menschenzahl und Geldmitteln der thoralos aufbauenden Richtung, dem Zionismus, nachstehen werden. Wir. wissen aber auch, daß jede große Bewegung in der Geschichte mit wenigen Menschen und mit wenig Mitteln angefangen hat und daß Entschlossenheit und starker Wille die kleinste Bewegung groß werden, lassen kann. Wir wollen unser Kolonisationswerk unseren Kräften entsprechend klein beginnen und es dann langsam weiter entwickeln und weiter ausbauen. Zwei, drei thoratreue Arbeitersiedlungen können, wenn sie gelingen, von nicht abzusehender Bedeutung für die ganze Entwicklung des Landes sein. Es gilt zu beweisen, daß sich die Gesetze der Thora auch heute beim Aufbau des Landes, beim jüdischen Bauern wie beim jüdischen Arbeiter durchführen lassen, daß die Thora keineswegs veraltet ist, sondern daß ihre "ewige Gültigkeit, die sie am Sinai erhalten, selbst über unsere fortschrittliche Zeit hinaus, besteht. Das geistige Ziel unseres Kibbuz ist also, eine solche thoratreue Siedlung zu schaffen, die ein geistiges Zentrum für das thoratreue Judentum Palästinas darstellt. Das äußerlich sichtbarste Moment eines Kibbuz ist seine Wirtschaftsform. Man schafft eine Gemeinschaftkasse, die allen Chawerim zu gleichem Anteil gehört, in welche alle Erträgniss^ der Lohnarbeit oder der eigenen Wirtschaft fließen. Der Vorteil dieser Einrichtung besteht darin, daß der ^Verdienst nicht von den einzelnen Chawerim verbraucht werden kann, daß er vielmehr zum Wohle der Gemeinschaft aufgespart wird, um ihn dann produktiv anzulegen. Von dem auf diese Weise zurückgelegten Gelde. können dann Kühe, Hühner und Gespanne angeschafft werden, die ihrerseits wieder die Einnahmen des Kibbuz erhöhen. Der einzelne, Chawer muß wohl manche Annehmlichkeit und manche liebe Gewohnheit, die er aus seinem früheren Leben in der Großstadt mitbringt, vermissen, dafür hat er die Gewißheit, daß er wirtschaftlich vorwärts kommt, daß der Kibbuz sein Wirtschaft- . liches Ziel erreichen wird, nämlich die Ansiedlung der Chawerim auf eigenem Boden. Diese Ansiedlung, Hitjaschwuth, ist allein imstande, den Kibbuz unabhängig "zu machen von Lohnarbeit und von der Konjunktur, denn auch bei etwaigem Aussetzen der Außenarbeit kann er sich von den Erträgnissen des eigenen Bodens selbst erhalten. Daher muß die Ansiedlung auf eigenem Boden das wirtschaftliche Ziel eines jeden Kibbuz sein. Wie das wirtschaftliche Ziel, so ist auch das politische Ziel allen Kibbuzim gleich. Es heißt: Eroberung und Verteidigung des Bodens. Die Kibbuzim sind die Kräftreservoirs <ler jüdischen Bevölkerung, ihre Aufgabe ist es, dem Boden zu erlösen und die Sicherheit der jüdischen Bevölkerung zu gewährleisten. Wenn nun der Kibbuz sein ^eisti§es, sein wirtschaftliches und sein politisches Ziel erreicht Hat, wenn das erstrebte geistige Zentrum geschaffen ist, wenn der wirtschaftliche Kampf, der Kampf um Hitjaschwuth durchgekämpft ist, wenn schließlich die betreffende Landschaft fest in jüdischen Händen ist, dann hat der Kibbuz keine Daseinsberechtigung mehr, dann kann man ihn in eine andere Wirtschaftsform umgestalten, die der einzelnen -Familie mehr wirtschaftliche rFreiheit überläßt, und die vom einzelnen Chawer weniger Entbehrungen verlangt. Bis dahin ist aber der Kibbuz die beste und praktischste Lebens- und Wirtschaftsform, da je enger der Zusammenschluß desto größer die gemeinsame Kraft ist. Und es erfüllt uns mit Freude, daß wir diese Zielsetzung, welche wir vor anderthalb Jahren bei der Gründurig unseres Kibbuz uns gedacht haben, auch heute noch unverändert vertreten, daß wir diese unsere Zielsetzung in keiner Weise einer Revision haben unterziehen müssen, daß wir heute höchstens in manchen Dingen klarer sehen als früher. Bei einem derartig engen Zusammenschluß besteht die große Gefahr," daß der einzelne' sein persönliches Eigenleben zu; Gunsten des Gemeinschaftslebens einbüßt. Daher ging unser Streben seit dem ersten Tage unseres Bestehens dahin, dem einzelnen Chawer ein moglieht: großes Maß persönlicher Freiheit zu. gewähren; Die Kurist besteht eben darin, das richtige Maß zu finden, damit einerseits der einzelne sein Eigenleben führen kann und andererseits die Gemeinschaft dadurch nicht gestört wird» Dieses Maß ist in den verschiedenen Kibbuzim Verschieden groß. . So »liaben wir z. B. ein Taschengeld eingeführt, welches jeder Chawer und jede Chawera in Höhe von etwa vier Piaster pro Arbeitstag erhält, worüber er bezw. sie frei verfügen kann. Jedoch ist dieses Tsachengeld derartig-niedrig gehalten, daß es unmöglich ist, sich einen nennenswerten Betrag zusammenzusparen, was ja dem Sinn dieser Einrichtung widersprechen würde. Daneben hat jeder Chawer verhältnismäßig viel Freizeit zur Verfügung, da man stets nur acht Stünden im Tag körperlich arbeitet und die Gemeinschaftsverpflichtungen einschließlich der geistigen Arbeit nur etwa 3—4 Stunden in Anspruch nehmen. (Fortsetzung folgt.). Gedanken über unsere jüdische Erzienungsproblematik. Ein Vorschlag. Von Herbert Sonn in Halberstadt. Erziehung und Gemeinschaft sind aufeinander bezogene Begriffe. Jede Erziehung erhält ihren Sinn von der Gemeinschaft, auf die sich ihre Arbeit bezieht. Ihr eigenes Lebensgesetz wird von der Gemeinschaft bestimmt, in deren Kreis sie eingebaut ist. Daraus ergibt sich, daß in Zeiten tiefgreifender Veränderungen und Umformungen" des Gemeinschaftslebens und -denkens auch das erzieherische Denken und Tun vor neue Aufgaben gestellt ist. In dieser Lage wird wieder die Grundfrage nach der Existenz der Erziehung, ihre Sinnfrage aufgeworfen, Je gewaltiger die Erschütterung des Gemeinschaftslebens ist, desto grundlegender wird die Fragestellung im Bezirk des Erzieherischen sein. Wir stehen heute vor solchen radikalen Fragestellungen auch im Gebiet jüdischer Erziehung* Die zugespitzte Formulierung sichert ihre Wirkung. Diese Erfahrung macht jede Generation, die'in der Entscheidung steht.- Die Judenheit in Deutschland wird in der inneren Auseinandersetzung — nur von dieser ist hier die Rede — immer wieder vor neue Begriffe gestellt, die im ersten Augenblick5 viele gefangen nehmen. Diese überall gefährliche Form mag in praktischen Lebensfragen möglich'sein. Ihre Anwendung hat unübersehbare Folgen im Bereich erzieherischer Arbeit; denn hier sind die Objekte keine knetbaren Sachen, sondern liebendige Menschen mit eigengesetzlichem Aufbau. Jeder Versuch einer Klärung unserer jüdisch-pädagogischen Situation muß nach der geistigen Grundlage, der jüdischen Gemeinschaft suchen, um daraus die ewige und auch aktuelle Aufgabe jüdischer Erziehung abzuleiten. Es ist die Tragik eines Volkes, wenn der Zeitgeist seinen Ewigkeitsgeist verschüttet. Wir Juden leiden an dieser Tragik. Die jüdischen Generationen, namentlich Westeuropas, haben die ewige Substanz' unseres jüdischen geistigen Seins mit den wechselvollen Erscheinungen zeitgebundener Ideen nicht zü verbinden vermocht. Sie -glaubten,.; dem Zeitgeist Ewigkeitskraft: verleihen zu können. Die j ü d i s c h e Ewigkeitskultur haben sie aus ihrem Leben verbannt* In; dieser Divergenz buht unsere Not. Hier liegt die Wurzel des Galuthj diese Einsicht läßt in-, uns auch das Galuthgefühl re*feü. Viel«-von uns-hat die Schicksalsschwere unserer Tage die Tatsache einer Kluft zwischen Ewigem und Zeitlichem im jüdischen Lebensraum erst ahnen lassen. Die jüdische Gemeinschaft muß, eine Revision ihres Daseins vornehmen. Sie beginnt wieder in den Formen und Kategorien zu denken, die im jüdischen Erdreiche ihre Wurzeln haben. Sie denkt in geschichtlichen Begriffen. Der jüdische Weg von heute ist der Weg zum „Selbst" des jüdischen Volkes. Dieses Selbst erkennen wir in der Rückschau auf die Entstehung unseres religiösnationalen Daseins. Dort, wo unser Geist, unser „objektiver Geist" seine erste Berührung mit der Wirklichkeit dieser Welt erfahren hat, ist auch unser Selbst zu finden. Unser „objektiver Geist" trägt absoluten Charakter; jeder einzelne Jude ist verpflichtet, Geistträger zu sein in Gesinnung und Tat. Die Andersartigkeit unserer Entstehung und Geschichte, unseres Lebens in der Welt verlangt von uns auch ,die Anwendung besonderer Begriffe,' die mit. den; Lebensgesetzen der Völker nicht übereinstimmen. Nur aus der Kenntnis dieser Besonderheit gewinnt die Analyse der Zeit- Probleme ihre Zielsicherheit. Die Betrachtung "der jüdischen Geschichte als des Schlüssels für die Erkenntnis unserer^ Zeitipräerungen -macht uns 'nicht . traumverloren, sondern läßt uns zur Gegenwart erst die richtige Beziehung finden. Erst unter diesem Aspekt verstehen wir den Zeitgeist vergangener Epochen richtig zu begreifen. Jetzt beginnt die eigentliche Denkarbeit, die aus dem .objektiven Geist desvjüdischen Volkes, aus den g'ttgeschafferien Werken der Thora sch'biksaw und der Thora; schb'al pe die Maßstäbe .i ihrer Kritik . entlehnt. '.Unter^Vidiesein. Geistesschiöksäl müssen wiralle stehen. In diesen umfassenden Rahmen ist auch unser Galuthdasein gespannt. Auch die Weltkultur hat zeitgebundene, und ewige Werte. Es ist nicht möglich, daß die ewigen Werte der Menschheitskultur der Thora widersprechen, weil ja auch die Thora für die Menschen geschaffen ist/Es ist auch nicht möglich, daß die vergangenen Generationen nicht die Fähigkeit gehabt, hätten, das Wahre vom Unwahren zu trennen. Esgibt ewige Probleme, Formeln und Gestaltungen, die ihre erschütternde, und aufrüttelnde . Kr.aft "bewahren.. Hier liegt der Punkt, wo. der Erzieher einzugreifen hat. ' ' Der.-Erzieher soll der nachfolgenden; Genera-: tion den ,j objektiv eh Geist" des Volkes vermitr teln. Der jüdische Lehrer ist. der; Träger des objektiven Geistes, desr Judentums;;' Ineiner Zeit^: ini der die Gemeinschaft vor TieueävLefoetfsfrag?»