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Der Israelit · 1935-06-20 · Heft 25 (20.6.1935) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 25 (20.6.1935)
Date
1935-06-20
Page
– (sequence 5)
Language
German
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20. Juni 1935 Der Israelit Nr. 25 Seite 5 werden sollte. Noch war dererste Regen nicht ' -; ■■• : . i ■' ■ "• ' ■ - - ■ gefallen und wir hofften, daß er mit seinem Eintreffen warten würde, bis wir den Zrif fertiggestellt hätten, damit das Holz durch die plötzliche Feuchtigkeit nicht platze. Unsere Hoffnung erfüllte sich ^nicht; kaum waren die Wände fertiggestellt, als ein fürchterlicher Regen anhub, der mehrere Tage dauerte, der in Zelt und Lift eindrang und der am halbfertigen Zrif ungeheuren Schaden anrichtete. Unser Mut und unsere zuversichtliche Stimmung, die anfangs so hoch geschlagen hatten, gingen rapide abwärts, und ich erinnere mich, daß wir eines Tages, nachdem wir den ganzen Vormittag gegen das Wetter angekämpft" hatten, den Hoffnungslosen Kampf aufgaben, alles liegen ließen und uns mittags um 2 Uhr schlafen legten. Nur unser Idealismus, . unser p'ttvertrauen und unsere innere Festigkeit ließen uns solche Momente der Niedergeschlagenheit überwinden; und,.als am dritten Morgen die Sonne wieder schien, war unser Mut und unsere Arbeitsfreude wieder hergestellt, während der Sachschaden natürlich sehr erheblich blieb; Die Entwicklung. Sobald der Zrif fertiggestellt war, gingen wir auf die Suche nach Lohnarbeit. Diese zu finden, war anfangs nicht ganz leicht, da wir einerseits der religionslosen Histadruth nicht angehörten und, andererseits auch von den wenigen orthodoxen Arbeitgebern mißtrauisch betrachtet wurden, denn den thoratreuen tüchtigen Arbeiter kannte man bis dahin nicht. Etnweder war er ein tüchtiger Arbeiter, dann war er nicht recht fromm, oder er war religionsgesetzlich zuverlässig, dann verstand er nichts von der Arbeit. Nach langem Kampfe, der etwa vier Monate währte, gelang es uns endlich, uns in Rechovoth einen guten Ruf zu erwerben und uns sogar niölpö D^ynp' feste Arbeitsplätze zu schaffen. " Die Zahl unserer Chawerim wuchs zuerst nürsehr langsam. Bis Adar waren wir erst 8 Menschen, bis Siwan 11, bis Aw 17 und bis<Tischri etwa 20 Personen. Die Ursache dieser langsamen Entwicklung war wohl in erster Linie das Fehlen einer starken Chaluzim-Organisation, wie sie heute der Noar Agudati darstellt, die uns festen Nachwuchs garantiert. Schon im Herbst spürte man die erste Wirkung des neügegründeten Noar Agudati;. wir waren bald 30 und sind heute 40 Menschen. Anfangs waren wir Chawerim gezwungen, die notwendigen Hausarbeiten selbst' zu verrichten, Nach der Tagesarbeit mußten wir unser Erbsengericht selber kochen, und Freitags mußte stets ein Chawer von der Arbeit zu Hause bleiben, um den Sabbat in der Küche vorzubereiten. Später fanden wir eine zuverlässige Frau aus der Kolonie Rechovoth, die gegen hohen Arbeitslohn das Kochen besorgte. Erst zu Schabuoth, also sechs Monate nach Entstehung des Kibbuz, fanden sich zwei Mädels, die von nun an für unsere" Ernährung sorgten. Bald hörten auch die Krankheiten auf, die sich durch die schlechte und nicht ausreichende Nahrung eingestellt hatten. Die Krankheit war es aueli, die uns im ersten halben Jahre finanziell so sehr geschädigt hatte. Wenn wir auch teilweise durch die Krankenkasse, der wir auch heute alle angehören, gedeckt waren, so war der Verlust, den wir durch Arbeitsausfall erlitten, erheblich. Es gab Tage, an denen von den 8 Chawerim nur einer zur Arbeit gehen konnte. Wie sollte dieser eine Chawer die ganze Chewrah ernähren? Und trotzdem ist es uns gelungen, durchzuhalten, ohne von privater oder öffentlicher Seite irgendwie unterstützt zu werden. Wir halfen uns durch Kredite, die wir im Laufe der Zeit langsam abbezahlten, es gelang uns sogar, die hohen Kosten eines koscheren Pessach zu erschwingen. Der Boden, auf dem-wir in »Rechovoth-wohnten, war uns von der Leitung der Kolonie zur Benutzung . überlassen worden, solange der Eigentümer den Platz nicht benötigte. Ende Tamus erhielten wir die Mitteilung, daß wir den Platz schnellstens zu räumen hätten. Wir empfanden diese Nachricht deshalb nicht so tragisch, da wir in Rechovoth ohnedies keine großen Entwicklungsmöglichkeiten für unseren Kibbuz sahen. Denn dort gibt' es eine große Anzahl alter, eingeführter Kibbuzim, die wir niemals in der Entwicklung hätten einholen können, so daß wir dort niemals zur Geltung gekommen wären. Um so willkommener war uns daher das Angebot eines orthodoxen Unternehmers, das uns nach Gederah führen sollte. Gederah ist eine alte, aber in der Entwicklung zurückgebliebene kleine Kolonie, eine Viertel-Autostuncle von Rechovoth entfernt, die vor einer mächtigen Entwicklung stand. An dieser Entwicklung wollten wir teilhaben. Wir wollten mit der Kolonie und mit den Arbeitsmöglichkeiten mitwachsen. Tatsache, war aber, daß die Entwicklung Gederahs so schnell vor sich ging, daß wir mit ihr nicht Schritt zu halten vermöchten, daß wir bald nur die Hälfte, heute sogar nur ein Drittel der uns angebotenen Arbeitsplätze ausfüllen können. , Der Kibbuz in Gederah. Im Elul zogen war nach Gederah» Unser dortiger Boden, den wir noch heute bewohnen, ist uns zu den gleichen Bedingungen wie in Rechovoth zur Verfügung gestellt worden .Dorthin ha- — im großen Ganzen bedeutet es ein erhebendes Zeugnis für die sieghafte Gewalt der über alle Irrungen hinweg immer wieder durchdringenden alt jüdischen Wahrheit, daß hier ein offenbar von außen kommender Mann der - Wissenschaft unter deutlicher Ablehnung des Liberalismus wie des religionslosen Nationalismus das Banner der Thoratreue entfaltet und einem weiteren Kreise die Wahrheit und das Glück einer gesetzestreuen Lebensanschauung und Lebensführung ans Herz zu reden weiß. (Die koloniale Siedlung als „Rettung Europas.) Unter mannigfachen Gesichtspunkten behandelt das neueste Heft des „Ausweg", Paris, - nie Chauchat, Monatsschrift für Umschichtung, Wanderung und Siedlung, die" für Europa lebenswichtige Frage; wie seiner Bevölkerung und seiher Produktion Raum und damit Bestand und . Wachstum gesichert werden können. Ein französischer Spezialist wirbt für die Durchsetzung des Outre-mer mit Kleinsiedlungen; Prof. Dr. Ernst J ä c k h stellt Ueber einstimmung der Ideen des französischen Kolonialpolitikers G u e r n i e r und des deutschen Wirtschaftsdiktators Schacht fest, die beide großzügige Besiedlung im Gegensatz zur überholten imperialistischen Kolonialpolitik fordern. Fritz B us e r sieht keine andere Möglichkeit, die asiatische Gefahr, zu bannen, als die intensive und beschleunigte Durchdringung Afrikas mit europäischen Kleinsiedlern aller Nationen, s Anschließend zeigt eine interessante Diskussion über die K1 e i ns i ed 1 u n g i n P a 1 äs t i n a , daß die jüngste Praxis vollkommen die Gedanken der Theoretiker bestätigt. — Wie immer enthält „Der Ausweg", eine R u n d s:c ha u über die neuesten koloni^tar&ch^n Ereignisse in der ganzen Welt. (Weißrussisches Bauerndorf tritt zum Judentum, über.) Bereits vor' einiger Zeit hatten sich sämtliche Einwohner eines von weißrussischen Bauern bewohnten Dorfes bei Pinsk, 27 Männer und 16 Frauen, an das Warschauer Rabbinat mit der Bitte gewandt, ihnen den Uebertritt zum Judentum zu ermöglichen. Infolge der noch geltenden Gesetzesbestimmungen aus der zaristischen Zeit, die den Uebertritt von Christen zum Judentum verbieten, konnte die Bitte ■der Bauern bisher nicht erfüllt werden. Jetzt hat das Dorf abermals eine dreigliedrige Abordnung nach Warschau gesandt, die das Rabbinat bat, zu veranlassen, daß drei, Mohelim in das Dorf kommen, um die Beschneidung der männlichen Einwohner vorzunehmen. Die Abgesandten erklärten, daß sämtliche Familien des Dorfes schon seit langem als Juden leben und sämtliche Vorschriften der jüdischen Religion streng einhalten. Das Rabbinatssekretariat hat versprochen, sich um die Erfüllung der Bitte der weißrussischen Bauern zu bemühen. Wochenkalender. Vom 22. — 29. Juni 1935 / Vom 21. — 28. Siwan 5695 •»»•)■> sj*i Samstag 22 21 'S» 833 13 Sonntag 23 22 <ns Montag 24 23 12 Dienstag Juni 25 24 Mittwoch 26 ]V0 25 rra Donnerstag 27 26 OS Freitag y 28 27?: Samstag 29 28 «? "t 'j pns ini>yfn ''. 'fl. f»*IB , snnn ^s-wa Mauled: Montag Vorm. & Uhr 447/I8 Min. ben wir unseren Zrif aus Rechovoth überführt. Später haben wir noch zwei weitere Zrifim hinzugebaut, die heute als Wohnraum für unsere 6 Ehepaare dienen. Daneben haben wir im Lauf der Zeit 10 Ohalim (Zelte) anschaffen müssen, worin die unverheirateten Chawerim schlafen; zur Zeit sind wir gezwungen, noch weitere Zelte anzuschaffen. In jedem Zelt stehen drei Betten und jeder Chawer kann sich seine Schlafgenossenschaft selbst wählen. So bilden die Bewohner eine Zeltes jeweils einen besonders intimen Freundeskreis, eine Art „Familie", so daß die ganze Gemeinschaft eine Summe solcher Zellen darstellt, die harmonisch zusammenarbeiten und die sich stets bewußt sind, daß sie nur Bestandteile des Ganzen sind und daß ihre größte Sorge das Wohl des gesamten Kibbuz sein muß. Geistige Arbeit. In einem unserer drei langen Zrifim befindet sich der gemeinschaftliche Aufenthaltsräum, der sich auf eine Länge von 8 Metern und eine Breite von 6 Metern erstreckt. Die Hinterwand ist mit einer Bibliothek bedeckt, die mehr als 1000 Bände enthält. Dort hat jeder Chawer seine Bücher zur gemeinsamen Benutzung, aber unter Wahrung seines Eigentumsrechtes hineinzustellen. Die Vorderwand enthält ein Schiebefenster und zwei Durchgebeschränke als Verbindung zur anschließenden Küche, daneben einen Aron Hakodesch und ein Vorbeterpult. In diesem Räume stehen vier lange Tische mit der entsprechenden Anzahl Bänke, alles natürlich eigene Fabrikation. Hier wird gebetet und gelernt, dann finden die gemeinsamen Mahlzeiten hier statt, am späten Abend wird hier geschrieben und gelesen. Nach dem Abendbrot nehmen alle Chawerim hier an den regelmäßigen Schiurim teil. Entsprechend der Vorbildung der einzelnen gibt es hierbei drei Gruppen. Die Schiurim werden von denjenigen Chawerim geleitet, die im Lernen besonders weit sind; jedoch haben wir leider niemanden unter uns, der in der Lage wäre, auch am Abend nach der Arbeit einen wirklich guten und interessanten Schiur zu geben, wie wir es etwa in unseren Jeschiwoth gewöhnt sind. Denn wenn man auch nach schwerer Tagesarbeit bei gutem Willen und Energie noch durchaus in der Lage ist, einem Schiur zu folgen, ist jedoch die Leitung eines solchen Schiurs für unsere Menschen zu schwierig. Denn zur Leitung eines Schiurs gehört ein viel größeres Maß von Wissen, Aufmerksamkeit und Regsamkeit. Daher brauchen wir einen geistigen Führer, und es besteht die Aussicht, daß wir einen der Dozenten der Frankfurter Jeschiwah für die geistige Leitung unseres Kibbuz gewinnen. Täglich wird beim gemeinsamen Abendbrot ein Din vonmiin H2T27a Ü""n f an vorgelernt. Dies haben wir uns vorgenommen, als wir uns den Namen „Chofez Chajim" gaben, und bis heute stets durchgeführt. Wir wollen nicht sein Bild in unseren Zimmern aufhängen — das entspräche nicht seinem Wunsche —, wir wollen seine hohen Gedanken in uns aufnehmen und in die Tat umsetzen. II. Vom Sinn des. Kibbuz, „Kibbuz" heißt auf deutsch übersetzt Sammlung, heißt Zusammenschluß vieler Chawerim zu einer Gemeinschaft mit dem Ziel, die Leistungskraft der einzelnen zu sammeln und sie auf ein gemeinsames, einheitliches Ziel zu konzentrieren. Von jeher war es die Art der Menschen, sich zu Truppen zusammenzuschließen, wenn sie — etwa im Kriegsfalle — zu besonderer Kraftanstrengung gezwungen waren. Auch wir orthodoxe Chaluzim sind heute zu ganz besonderer Kraftanstrengung gezwungen, wenn wir es ernst meinen mit unserem Ziele, die Herrschaft der Thora in Erez Jisroel wahr zu machen. Daher sind gerade wir gezwungen, uns zusammenzuschließen, Kibbuzim zu bilden, zeitweilig Entbehrungen auf uns zu nehmen, um — den Soldaten gleich — durch Gemeinschaft stärker zu werden.

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