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Der Israelit · 1935-06-20 · Heft 25 (20.6.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 25 (20.6.1935)
Date
1935-06-20
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr, 25 -Der Israe 1i t 20. Jüni 1935 gewiß dankbar anerkennen und es auch als Fortschritt buchen, daß man so wenigstens den Sabbat vor offizieller Entweihung bewahrte, wiewohl sich vereinzelt, wie uns aus Palästina berichtet wird, die jungen Siedler an das Verbot nicht hielten und mit ihren geschmückten Wagen dennoch anfuhren. Erklärlich! Warum sollte auch ein Verbot des N. F. schwerer wiegen als ein klares Verbot der Thora? Soll ihnen Menachem Ussischkin mehr gelten, als Mosche und die Lehrer des Gesetzes? •Immerhin, wir sind bescheiden geworden und danken auch für ein Minimum an gutem religiösem Willen. Stark getrübt wird aber diese kleine Freude durch ähnliche Vorgänge in der Gola am diesjährigen Schwuausfeste. Es gibt ja welche — und wir prangerten sie seinerzeit an dieser Stelle an, — die glauben, in Palästina ein Maß an Religion fordern zu dürfen, das sje in Europa für sich nicht als zu Recht bestehend ansehen. Wir meinen, daß unsere religiöse Verpflichtung keine Grenzen nach Ländern und Et'dteilen kennt, und daß, was in Palästina rechtens ist, auch in der Diaspora bindend und gültig für alle sein müsse. Darum *ist es sehr deprimierend, daß in Holland ein Fest zu Gunsten einer wirklich guten Sache unter gröblicher Verletzung der Sabbat- und Festweihe veranstaltet wurde. Darum ist es noch mehr zu verurteilen, daß der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der sich auch der Sympathie und der Unterstützung religiöser Elemente in reicher Zahl erfreut, in Berlin wieder einmal ein großes Sportfest auf die Tage legte, die wir als Geburtstage der Sinaiverpflichtung, heute mehr denn je, in Synagoge, Haus und Familie, still feiern sollen. Wir hören, daß die Frankfurter Bezirksgruppe des RjF. die Veranstaltung der Berliner Kameraden an den Festtagen sehr mißbilligte und auch Protest in Berlin einlegte. Es ist aber tief bedauerlich, daß immer und immer wieder solche Fälle zu verzeichnen sind, daß in einem Verbände, der alle Schichten und Richtungen in gemeinsamem Erleben, in gemeinsamer Erinnerung und in gemeinsamen Sorgen vereinigt, so wenig Rücksicht genommen wird auf diejenigen Mitglieder, die des Anschlusses an die Wegegenossen * von damals nicht entraten möchten, andererseits bei jeder derartigen neuen Attacke gegen die Religion doch erfahren müssen, wie fremd und vereinsamt sie sich in diesem Kreise fühlen. Haben die Kameraden schon vergessen, wie oft sie im Tale der Todesschatten nach dem kleinen Gebetbuch der Mutter griffen oder auch nur nach dem Luachbüchlein, dem Kalender, um an Hand der Daten mit der Seele in die Heimat,"*zu den Lieben am festlich gedeckten Sabbattische, im Fluge zu eilen? - Haben sie das alles schon so gründlich vergessen, daß sie heute am heiligen Festtage nichts Anderes und nichts Besseres zu tun haben, als im Kampf- und Wettspiel ihre Kraft zu erproben? Wollen nicht diese Menschen, die Schwerstes erlitten, weil sie Höchstes erhoffen zu dürfen glaubten, endlich das Zurück", zu dem sie die Welt von außen stößt, und wir sie rufen, begreifen? Die Frage der Beruf sergreif ung. Die Frage der Berufsergreifung, eine Schicksalsfrage für die jüdische Jugend Deutschlands, suchen verschiedene Instanzen, jede auf ihre Art, zu beantworten, ohne sich anzumaßen, ein Problem, das mit der Plötzlichkeit einer Naturkatastrophe über eine halbe Million Menschen hereingebrochen ist, im Handumdrehen lösen zu wollen. Die letzte Nummer der von der Reichsvertretung der deutschen Juden herausgegebenen „Informationsblätter" enthalten wiederum einige wichtige Angaben und Fingerzeige. Wir - erfahren u. a., daß zur Förderung der handwerklichen Berufsausbildung der jüdischen Jugend Deutschlands d emnächst in der Nähe von Haifa eine Handwerkliche Lehrstätte eröffnet wird, die besonders qualifizierte Handwerker, vornehmlich Schlosser, Tischler und Bauhandwerker heranbilden soll. Neben dem Kuratorium in Berlin werden in Palästina selbst einige bekannte Persönlichkeiten, die sich um die Ansiedlung deutscher Juden in Palästina verdient gemacht haben, die Verwaltung des Handwerklichen Lehrzentrums in der Hand haben. . Des Weiteren ist in der Reihe der Schriften der Zen t r alw o KT f a h r t s s t eil edeti Deutschen Juden und der Zentralstelle für j ü d i sehe Wirtschaftsh i 1 f e unter dem Titel ,,Was soll aus uns werden?" eine Broschüre von Dr. Otto Neuburger zur. B e r u f s - wähl und Berufs Umschichtung von Juden in D e u t s c h La n d erschienen. Nebeneiner einführenden Uebersicht ist in der Schrift auch eine Fülle von Rätschlägen zur Berufswahl und Berufsausbildung enthalten und wird auch Auskunft über die Möglichkeiten und Grenzen einer Berufsumschichtung gegeben. Das Verzeichnis der jüdischen Bezirksstellen für Beruf ausbildung.im Reiche wird manchem ein willkomme-% ner Wegweiser sein. Die Schrift ist bei der Zentralstelle für jüdische Wirtschaftshilfe, (Berlin- Charlottenburg 2, Kantstr. 158, II.) gegen Einsendung von RM. —.20 für Porto zu beziehen. Indem wir den Ernst all dieser Versuche hoch anerkennen, möchten wir doch an dieser Stelle insbesondere die jungen Menschen thoratreuer Gesinnung noch einmal auf die Aufsätze in der vorletzten Nummer des „Israelit" über die Lehrstätten, in denen sich j üdische Jugend f ür T h o r a und Palästina rüstet, verweisen. Es ist schwer, wenn nicht ganz unmöglich, unserer Jugend auf die Frage, „was aus ihr werden soll," eine restlos befriedigende Antwort zu geben. Sicher ist, daß ein oder zwei Jahre Jeschiwa den jungen Mann über die Fährnisse der Gegenwart hinwegführen und mindestens geistig und seelisch für eine bessere Zukunft wappnen. Ist mit_ solchem Thoralehrwerk, .wie das heute überall der Fall ist, auch eine Hachscharah verbunden, so findet hier der junge Mensch, der die Voraussetzungen dafür mitbringt, auch die Vorbereitung für spätere Berufswahl und die beste Rüstung für Palästina. Kibbuz Chofez Chajiiti. Ein Kibbuz der agudistischen Arbeiterbewegung in Erez Jisroel. Der Anfang, Im Herbste 5694 brachte der „Israelit" eine kurze Notiz, die mitteilte, daß in Rephowoth 6 junge Menschen aus Deutschland sich unter dem Namen .Chawurath Chofez Chajim zusammengeschlossen haben und beabsichtigten, eine Keimzelle für den thoratreuen Aufbau Erez Jisraels zu bilden. Damals bewohnten wir einen ausgedienten Möbel-Lift, in welchem wir . schliefen, kochten und unsere Koffer und Kisten-unterstellten. Drei unserer Chawerim schliefen in einem Zelt, welches der in Rechovoth befindliche Misrachi-Kibbuz „Schachal" uns freundschaftlicherweise leihweise überlassen hatte, welches aber einem Regen nicht mehr standzuhalten vermochte. Gleich am ersten Tag begannen wir mit dem Bau unseres Zrif (Holzhaus), der im Stande Sein sollte, uns vor Wind und Wetter zu schützen und der für Tange Zeit unsere feste Wohnung ... Sagt Raschi:! „Mal seh'n, was Raschi sagt!" —----- Von A. Mannheimer in Dettelbach. Wer einmal im Kreise Talmudbeflissener geweilt und dort zuhörte, der wird bemerkt haben, wie dort in kleineren Zeitabständen immer wieder in einem eigenen Tonfall — dem Lern-Nigun -— der Satz aufblitzt: Sagt Raschi . , . Oder auch: Mal seh'n, was Raschi sagt!--Es sind Licht- und Pfadsuchende aus dem Dickicht des Talmuds, in dem man nicht mehr recht ein und aus weiß. Man sucht Hilfe, Rettung aus dem Urwald an der Hand eines treuen und kundigen Führers. Er ist da. Wir sind geborgen in seiner Nähe. Seid beruhigt: Mal seh'n, was Raschi sagt! Sein Wort ist maßgebend wie das der höchsten Autorität. Wie das zaghafte Kind sich nicht allzuweit von der führenden Hand des Vaters, von der sorgenden Mutier entfernen mag, so der Talmudjünger. Schon nach ein paar Zeilen kommt es ganz automatisch aus seinem Munde: Sagt Raschi! Und nach kurzer Pause wiederum wie von selbst: Sagt Raschi! Als sei es nie anders gewesen, als habe nie ein Talmud ohne Raschi bestanden. In unserem Gefühl sind sie ©in unteilbares Ganzes. Wir sind rein verwöhnt. Kein Schrittchen möchten, wir allein wagen; vielleicht ists ein Fehltritt. Hat man ja einmal sich etwas weiter vorgetraut ins Gestrüppe, gleich wird man ängstlich und schaut besorgt nach Hilfe aus: „Na, mal seh'n, was Raschi sagt!" Und schon wird uns leichter zu Mute. * Wie die Mutter den Stein des Anstoßes von weitem sieht und vorsorgend ihr Kind mit festem Ruck an sich zieht, daß es nicht strauchle oder sich fürchte, so läßt Raschi oft schon in der Mischna wie zur Beruhigung die Worte einfließen: l»p^> «HB», wird weiterhin schon erklärt. Geduld! «man -«na»» wird schon erklärt werden in der Geniara. Wie klein fühlen wir uns dem Geistesriesen gegenüber! Die außerordentliche Belesenheit, * der durchdringende Scharfsinn, der klare, prägnante Stil, wir bekennen in Demut: Ohne Raschi ginge 'es nicht. Ob man in den verträumten, weltverlorenen östlicher Lande lernt, ob man in modernen Lehrhäusern Westeuropas den Talmud aufschlägt, ob in Ungarn, Amerika, Skandinavien sich Thoratreue mühen um das Verständnis jeher Folianten, überall erklingt es: Sagt Raschi!?<lal seh'n, was Raschi sagt! Für die ewig dankbare Verbundenheit des Schülers mit seinem Lehrer haben die Weisen ein ebenso schönes als zartsinniges Wort geprägt: Wenn jemand Thoräwojjte vorträgt, die ihm sein Lehrer beigebracht, so bewegen sich des Letzteren Lippen noch im Grabe. Nun, dann sind Raschis Lippen'-in den vielen Jahrhunderten seit seinem Tode nicht zur Ruhe gekommen, sondern in beständigem Vibrieren geblieben. Tausende und Tausende in der gesamten jüdischen Welt. waren seine dankbaren Schüler und trugen seine Lehrenvor. Er wandelt auch heute noch in unserer Mitte als Licht und Leuchte und Lehrer für Taufende, die seiner Geistesspur folgen. Raschi gehört zu den; Unsterblichen -in der Geschichte des Judentums, Wir ' stehen gegenwärtig im „Rambamjahr". Es heißt aber | nicht den Mannen des „großen Adlers" zu nahe getreten, wenn wir behaupten, an Popularität wird Maimonides niemals Raschi übertreffen können, Unaufhörlich wird das Wort erklingen:-„Sagt Raüschi . . ." — — „Mal sehen, was Raschi sagt!"' — — Kleines Feuilleton. (Wege zum Glauben.) Bei der Eröffnungsfeier des Kölner Jüdischen Lehrhauses hat Prof. Dr. med. Bruno Kisch einen für die Entwicklung des jüdischen Geisteslebens in Deutschland besonders charakteristischen Vortrag; gehalten, der jetzt in Broschürenform vorliegt.*) Kisch ist Naturforscher und bereits vor vier Jahren mit einer Schrift: .„Naturwissenschaft und Weltanschauung" hervorgetreten, in der die Geltung des jüdischen G'ttesglaubens gegen die Irrtümer und Uebergriffe einer die Grenzen ihrer Kompetenz überschreitenden mechanistischen Naturwissenschaf t'verteidigt wird. Die jetzt vorliegende Lehrhausrede ist ein begeistertes Plädoyer für das gesetzestreüe Judentum und. zwar sowohl nach seiner Glaubensgrundlage, der Anerkennung des g'ttlichen Ursprungs seiner Thora, als auch in seinen .Ansprüchen Jauf Beherrschung und Gestaltung des werktätigen Lebens;- Man mag vom Standpunkte des geschichtlichen Judentums: einzelnen zweideutigen. Wendungen in der Darstellung des Verfassers {z. B, der von den< „unzweckmäßigen Zäunen" um das Heiligtum) kritisch gegenüberstehen *) W e g e zum Gl aub en.. Vortrag zur sechsten Eröffnungsfeier des Jüdischen Lehrhauses < in Köln, gehalten von. Prof. Dr. med. Bruno Kisch. Köln. 1935; Verlag P. Fink. Preis 80 Pfg. .. ' .

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