Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1935)
- Date
- 1935-06-13
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450881--81343-2539229- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Feuilleton-* Beilage Der Israelit Nummer 24 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Sie fuhren die Allenbystraße hinauf und noch weiter in die Innenstadt hinein. Eine leuchtende Kuppel wölbte sich über einen großen freistehenden Bau. „Die große Synagoge und dort weiter rechts das Dach der Irijah", erklärte Baruch. Auf dem Platze vor dem Stadthaus war ein buntes wildes Treiben, ein Wagen- und Autoverkehr, der an - die belebtesten Verkehrsstraßen der großen deutschen iStadt erinnerte. Auf einem Podium stand ein Polizist mit Bärenmütze auf dem Kopfe und weißen Aermeln und ordnete mit fast graziösen Bewegungen und in einem Tone, der mehr als Einladung denn als Befehl klang, den Verkehr. „Der Schoter," sagte Baruch, „der jüdische Verkehrsschutzmann." Um die Litfaßsäulen drängte sich viel Volk. Es war in der Woche vor Purim, und Riesenplakate in allen Farben kündigten in hebräischer Sprache Tanzvergnügungen, Maskenbälle, Theateraufführungen an. Eine große Tribüne mit karnevalistischen Kulissen und Attrappen zog ihren Blick an. An unzähligen Häuschen wurde Gasus (Erfrischungen) verkauft, alle paar Schritte lud ein Schild mit der Ueberschrift „Misadah" (Speisewirtschaft) zum Einkehren ein. Schaufenster zeigten reiche Auslagen. Kinder spielten auf einer umhegten Verkehrsinsel „Kadur Haregel" (Fußball) und rauften in schönstem Hebräisch. Vor dem Stadthause gab es einen, kleinen Auflauf. Ein unvorsichtiger Aiitolenker streifte leicht einen Radfahrer und bezeichnete noch obendrein den Radler als Chamo r. Der Radfahrer diente wieder mit „Gamal" und behauptete, der Nahag (Autolenker) sei „schikor" (betrunken). „Mag sein," gab der Nahag schlagfertig zurück. „Aber wenn ich morgen wieder nüchtern bin, bist du. -immer n o c h ein Chamor . . ." „0 nein," gab der Andere nicht nach, „dann bist du immer noch ein nüchterner Gamal! . . ." Der erste drohte mit „Mainas Jad", das Publikum folgte gespannt. „Da ihr doch, was Chamor und Gamal betrifft, beide recht habt, warum streitet ihr denn?" witzelte einer. Da war es Zeit, daß der Schoter von seinem Piedestal herabstieg und „ S c h e k e t! " (Ruhe) kommandierte.. Ein Zauberwort, das die Streitenden sofort auseinanderriß und den Menschenknäuel im Nu auflöste. Herr Wilde genoß dankbar diese köstliche Szene, als wäre sie eigens zu seinem Empfange gestellt worden. Man verstand auch das saftige Hebräisch, denn die Handlung war so plastisch wie im stummen Film. Ein bekanntes Großstadtbild ins Jüdische, ins Hebräische übertragen, dachte er. Aber Humor, das mußte, man sagen, hatten die Leute, und schließlich auch Disziplin. Andere Straßenbilder lösten jenen verschwundenen Spuk ab. Ein bunter Wagen kündete mit Lautsprecher elegante Tanzschuhe an. Aus der offenen Türe eines Kinos ergossen sich die schmachtenden Töne der „Valenzia". Bei uns schon vergessen, dachtp Herr Wilde. Ein kleiner Mann pirschte sich leise an sie heran. Ob sie fremd im Lande seien, ob eben erst gekommen, ob sie Hotel suchten, ob der Herr vielleicht ein Migrasch, ein Grundstück kaufen oder sonst irgendwie Kapital gut investieren wollte! Er habe gerade ausgezeichnete Sachen, prima primissimo . . . Herr Wilde wandte sich ohne Antwort ab. - ' „Ist das eigentlich Palästina?" fragte Frau Ida ganz leise und gab damit auch den Gefühlen der Anderen Ausdruck. Baruch schien auf diese Frage gewartet zu haben. Er hatte die Antwort parat; :- „Es gibt dreierlei Palästina: Ein betendes Palästina, ein arbeitendes Palästina und ein schach ern de s Palästina. Ihr habt bis jetzt nur das letztere gesehen." Herr Wilde, ein Mann,von Welt und Leben, fand die Bewertung zu hart: „Die Jungen, die sich so rasch und schmerzlos ins Extrem hinüber gefunden haben, urteilen scharf. Man kann aber nicht allein mit der Pflugschar ein Land aufbauen, man braucht auch Handel, Industrie. Die Schwielen an den Händen in Ehren, aber auch die Arbeit im Kontor muß da sein, Die Landwirtschaft braucht einen Markt, also muß es eine Stadt geben neben dem Dorf; braucht auch Kredite, also ist auch der Bankier kein so unnützes und überflüssiges Geschöpf. Es muß auch etwas Komfort und Luxus geben, von euren Windjacken und eurer Rohkostnahrung werden die Schornsteine der Fabiiken nicht rauchen, und dann hat der Arbeiter kein Brot. Es muß. auch das da sein, was ihr in eurer Einseitigkeit Schacher- und Krämergeist nennt." „Aber es sollen sich gerade in dieser Stadt viele schlimme Auswüchse herausgebildet haben," verteidigte Baruch seinen Standpunkt, „ich verstehe nicht viel davon." „Das mag sein und ist für den Anfang sogar sehr verständlich. Ich war in jungen Jahren oft und viel in Amerika und weiß, wie sich früher dort die Gier der ewigen Nutznießer aller Lagen auf ihre Beute gestürzt hatte. Es ist mit dem Aufschwung anders geworden. Das Leben muß sich erst konsolidieren, in ruhige Bahrien kommen." Er wollte milde urteilen, wollte. nur zunächst Gutes sehen, der etwas europamüde Herr Wilde. Allein bei * all der guten Meinung von der ersten jüdischen Stadt beschlossen sie, sich am folgenden Tage in aller Frühe auf den Weg nach Jerusalem, zum alten „betenden" Palästina, zu machen. XII. *Schmarjah, ein fertiger Referendar, der zum Kunstschlosser umsattelte und nun in Palästina als Chauffeur doch schließlich in etwas anderem Sinne, als er es sich stets dachte, zum „Führer in Israel" avancierte, fuhr mit seinem kleinen Vehikel, das nur zwei nicht sehr bequeme Plätze für Herrn und Frau Wilde und noch einen Platz vorne am Steuer für Baruch hatte, wie von Dämonen —, oder von den tausend Paragraphen der hinter ihm liegenden Straf- und Gesetzbücher — gejagt, über Stock und Stein. Nicht ganz wörtlich, denn es gab zunächst hier weder Stock noch Stein noch andere Hindernisse zu nehmen. Herr Wilde bewunderte eine asphaltierte Autostraße, wie er sie in dieser spiegelglatten Breite bis jetzt kaum irgendwo gesehen hatte. Es war für ihn die erste große Ueberraschung „im Lande hinter der europäischen Kultur". „Haben wir, wie vieles Andere, den Engländern zu verdanken," erklärte der Führer. Wo war es zu lesen: „Räumet 4en Weg, ebnet in der Einöde eine Straße unserem G'tte?" dachte Herr Wilde angestrengt nach. Richtig, in Jesajas stand der schöne Satz, den er jetzt im kleinen Wagen erlebte. Die Einöde war auch da, etwas weit im Hintergrunde; grauer Karst, der sich wie wuchernder Aussatz aus dem Leibe der Landschaft erhob. Dazwischen aber blühten rechts und links die Olivenbäume in jüdischen Gärten, Palmen standen mit leerem knorrigem Stamm und weit ausgebreiteter grüner Krone. Zwischen dem üppigen Grün auf den Weizenfeldern schössen Blumen in die Höhe von ihnen unbekannten Farben und Formen. Auf einer Wiese lagerte eine Beduinenkarawane mit auf dem Boden knieenden Kamelen und schwarzen zottigen Ziegen, lagerte hier, wie es schien, seit tausend Jahren. Moderne, vollgefüllte Autobusse kamen ihnen entgegen, andere überholten sie. Von den Serpentinen aus, die jetzt das Vehikel sich schlangenartig hinauf- und hinunterwand, hatte man einen Blick auf zwei sich berührende Welten. Oelbäume und Palmen, Männer im bunten Kopftuch, Kamele und schwarze Ziegen und die Kulissen der Karstberge dahinter waren die ewig ruhende Welt, in die die Unrast der Kultur mit dem Auto hineingerast kam. „Seht ihr die hohe Dachzinne da oben?' wandte sich Baruch um. „Es ist das erstsichtbare Haus von Jerusalem, das große Waisenhaus auf dem Hügel". Sie waren erst eine gute Stunde durch die Ebene Saron gefahren. Als sie in die heilige Stadt einfuhren, hielt sie zunächst nicht ganz, was sie von der Ferne versprochen hatte. Etwas trübe und schlechtgepflastert wellte sich die erste Straße zwischen den dunklen, rötlichgrauen kleinen Häusern mit vielfach brüchiger Fassade. Man sah wehige Menschen. In einer Art Mauernische stand ein stämmiger Mann mit rotem Fez auf dem runden Kopf, das bärtige flammende Gesicht dem offenen Feuer zugewandt, an dem er ein Eisen schmiedete. Neben ihm in der gleichen Werkstatt hobelte ein anderer Patriarch an einem Brett, und auf der Schwelle dieses betriebsamen Hauses saß ein kleiner dürrer Mann mit geringelten Seitenlocken auf seinen eigenen _ Beinen, klopfte mit einem Hammer auf Schuhsohlen und sang im Dreitakt der Hammerschläge Sätze aus dem Hohenliede. Ein paar Leute, Juden und Araber, standen oder saßen mit entblößten Füßen davor und warteten auf ihre Fußbekleidung, die in neuer Verjüngung aus dieser sonderbaren Werkstatt auf der Schwelle der Schreiner-Schmiede hervorgehen sollte. Schmarjah, der das Interesse seiner Fahrgäste an dieser sonderbaren Dreimeisterwerkstätte merkte, hielt einen Augenblick an und erklärte: „Der Rotbefezte am Ambos ist ein Schmied aus Saloniki, möchte keinem empfehlen, mit ihm anzubändeln, ein Simson und ein Schmeling zugleich. Der Schreiner daneben, der mit ihm die Werkstatt teilt, ist ein persischer Jude, an dem grauen Kopftuch zu erkennen, das er an Stelle eines .Hutes trägt. Und unten der Kleine ist, wie schon an seinen Ringellocken, seinem ausgemergelten Gesichte und vor allem an seinem angenehm näselnden Gesänge zu erkennen ist, ein Jemenite. Eine Sammlung der jüdischen Zerstreuung im Kleinen, wie Sie sie hier in dieser Stadt der blauen Wunder noch hundertmal auf Schritt und Tritt erleben werden." „Was sprechen die Leute?" erkundigte sich Herr Wilde. „Der eine türkisch, der andere persisch und der dritte arabisch, aber alle hebräisch. Es ergibt sich zuweilen, daß die drei auch in Streit miteinander geraten. Hart im Räume! und so weiter . . . Schimpfen kann jeder merkwürdigerweise nur in seiner Heimatsprache, fangen sie aber dann an, miteinander Hebräisch zu reden, ist die Versöhnung schon da. Die. hebräische Sprache hat noch nicht Schimpfworte genug, um, bei den Orientalen wenigstens, eine Plattform für den Hader abzugeben ..." Wenige Schritte weiter hielten sie vor einem stattlichen Barokhause und sahen durch ein kleines Tor in einen parkartigen Garten, in dem sich zwischen Palmen und Akazien weiße Kieswege schlängelten. ,,Wie in Deutschland," entrang es sich Frau Wilde. „Ist auch ein Stückchen Deutschland, eine deutsche Insel zu Eingang der Jaffastraße. Es ist das Schaare Zedek-