Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-06-13 · Heft 24 (13.6.1935) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 24 (13.6.1935)
Date
1935-06-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450881--81339-2539225
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

13. Juni 1935 Der Israelit Nr. 24 Seite 5 Vom Denken und Glauben unserer Zeit. Betrachtungen anläßlich des Maimiini- Gedenkjahres. - Von Ari Wohlgemuth in Riga. . (Schluß.) Darauf zu antworten, sind wir nur dann imstande, wenn wir uns bei uns genau „umsehen", •erst dann können wir „in" uns sehen. Und die Umsicht auf die geistig-seelische Haltung der Juden unserer Zeit lehrt, daß es im Wesentlichen — jede Umsicht erfaßt nur das Wesentliche, nicht die Fülle der mannigfaltigen Nuancen — drei Arten solcher Haltung gibt: jene, die vom Glauben an die „Gesellschaft aller Mens ch en " ausgehend in Zeit und Volk nur eine Etappe sieht aüf dem Wege zu eben die-sem ■Glauben. Diese, die alles Völkische in derBedingtheit derZeiten s,ehend „un- .serer" Zeit und „unserem" Volk seih Dasein •ordnen will, um einer kommenden Zeit willen. Schließlich die, welche sich als Objekt der Geschichte wissend uns zu, unserem D a - S e i n verhelfen will," indem sie uns hinweist auf das, was wir geworden und das, was. wir sind, um .zu werden. Man wird diese Formulierungen einseitig-subjektiv nennen, mag sein und kann wohl auch nicht anders sein. Dennoch ist es für jeden -verständlich, daß die ersten beiden Gruppen jener Spannung von Denken und Glauben verfallen sind. Die e r s t e-kann nicht umhin, zuzugeben, -daß sie gleich den Gesinnungsgenossen anderer Nationalität sich einen „Gesichtspunkt" zum unumstößlichen Axiom erwählt und daß sie den Elan allen Tuns nur aus dem Glauben entnimmt, den wir oben als das „nun einmal nötige" F o r t f üh r en des Denkens erwiesen. Diese Gläubigen der Gesellschaft brauchen gerade um des „Programms" willen, gerade um ihre Kultur vor jenem Massentum zu retten, das Technisierung für Durchgeistigung hält — die „Wenigen", die man nicht gerne sieht, auf die man keine Arbeit verschwendet. Und wie diese den Glauben brauchen, den sie nur im Transzendenten finden können, das doch für sie keine gegenständliche Form annehmen kann, so ist auch die zweite Gruppe, die aus der Not eine Tugend macht und Zeit und Volk im Lande der Vater ein Dasein ordnen will, in Gefahr, Glauben und Glauben zu"verwechseln. Der Idealismus, mit dem ein „Gesichspunkt" zum Dogma erhoben wurde, der Opfermut/ mit dem rons, wenn er vor G'tt kommt. So trage Aharon das Recht der Kinder Israel auf dem Herzen .beständig vor G'tt." Die Urim und Tumim, die Steine, in denen G'tt sich der jüdischen Gesamtheit in schicksalhaften Situationen offenbarte: sie erleuchteten Israel den Weg (Urimf), sie bestätigten dem Volk die Richtigkeit und Ganzheit seines Handelns. Auf dem Herzen Aharons ruhten sie und doch durfte das Recht des Volkes nicht aus Aharofls Herz fließen, sondern aus der geheimen Sprache dieser Steine, durch die G'tt sprach! , Nicht der Sprache seines Herzens darf ein Führer folgen — es gibt kein untrügliches Gewissen in der Brust des Menschen — das Herz hat zu schweigen, wenn G'tt spricht! Und als der Raw dies einst aussprach: daß ein Kreis, der an Stelle des Schulchan Oruch das Gewissen setzt, aufhört^ sich orthodox zu nennen, wer wird es vergessen können, wie sie da über ihn herfielen! Und er sprach doch nur das aus, was ewige Wahrheit der Tauröh ist! Sprach es vielleicht nur aus, weil er. sich gegen des eigenen Herzens Weichheit selber wappnen mußte! — . Aber die Bedeutung Oberrabbiner Dr. Spitzers, lag vielleicht nicht in erster Reihe auf dem Gebiete ■der Gemeinden- und Gemeinschaftsführung, sie lag auf einem andern Gebiet:?llWM Ü*1M»n *Ptnnb. Und das Wort G'ttes war selten in jener Zeit: *"l " 4 -ann ova ip» n»n 'n *mr Die Fülle dessen, was man in den Ländern des Westens vom geistigen, vom geistlichen Führer der Gemeinschaft, verlangte, - hatte es mit sich gebracht, daß man den Maßstab verschoben hatte: der Rabbidie Konsequenzen aus dem Axiom: nur in Palästina ist für die Zukunft unseres Volkes ein Dasein zuordnen — gezogen worden, die Behendigkeit, mit der die ewigen Zeit-Gewaltigen das „Programm" zu verwirklichen gedenken — das alles kann den ■pjjö nicht darüber hinwegtäuschen, daß hier geglaubt wird, um die Zukunft zu meistern, daß hier ,,er"dacht wird, um das Dasein zu ordnen, aber nicht geglaubt wird, um in eben diesem Dasein den eigentlichen Sinn zu finden, daß hier überschaut und beherrscht wird, was sich dem Denken und Denkenkönnen entzieht Aber wie? so wird man mir entgegenrufen, sollen wir über Da-sein sinnieren, ohne das nackte Dasein gesichert zu haben? Sollen wir als Objekt der Geschichte uns zu Boden treten lassen und unser Elend allenthalben weiter durch die Zeiten schleppen? Nein, das sollen wir nicht! Aber wir sollen nur, was wir können, was das Leben uns als Können aufgibt. Wir wollen gleich Maimuni aus der Zeit schreiten, um in sie heimzukehren, von der Not der Stunde — sei es nun eine geistige oder eine materielle — uns dorthin führen lassen, wohin das klare, von aller Gewohnheit und Leidenschaft freigemachte Denken uns führt, vor dem Unerkennbaren halt machen — und unerkennbar ist die kommende Zeit, unfaßbar das Schicksal, das einer Gemeinschaft beschieden, alle Rechnungen und Erdichtungen, alle Programme und Planungen sind jener ^13^3 nur, der nicht nur den ü^'^a' mehr noch dem Ganzen schadet, das sich ihnen anvertraut. Wenige, wohlan! Wenige nur sollten der jüdischen Nation erstehen, die die Vielen warnen, über der Ordnung des kommenden Daseins das Da-Sein als solches, das „Heute" u n d d a s .'„ H i e r " z u vergessen. Die jene falsche Methode des Denkens, die der Rambam geißelt, als solche entlarven, die Methode, die vom „Gesichtspunkt" stillschweigend ausgehend, vor lauter Sicht in die Ferne wie jener, der das Auge überanstrengt, das Naheliegende nicht richtig sieht und so die ganze Arbeit verpfuscht. An die „kommende Generation" denkt man in nationalbewußten Kreisen soviel. So baut man denn Schulen, so errichtet man denn Kinderdörfer, so schult man den nationalen Sinn — aber man fragt nicht, woher sollen diese werdenden Menschen ihr Selbst erstellen können? Woher Pflichtgefühl, Verantwortungsbener, man zwang ihn förmlich dazu, mußte auf allen Gebieten etwas verstehen, mußte überall mitsprechen können! Die Folge war — von einzelnen genialen Ausnahmen abgesehen — Mittelmäßigkeit in allem; auch das Schreiten auf dem. Königsweg des Judentums, dem Talmud, nur ein unsicheres Gehen! Nur ein Mann, der selber erwiesen hatte, daß er Aas konnte, was die andern vermochten, der selber seinen philosophischen Doktortitel sich unter höchsten Ehren' erworben, konnte vor die Welt hintreten und in gewollter Beschränkung und im vollen Bewußtsein der Folgen, die daraus erwüchsen, das wahre Meistertum und die wahre Meisterschaft des Rabbiners zeigen: den Rabbiner a 11 e r Prägung, den die neue Zeit nicht kannte und an dieser Unkenntnis krankte sie, an ihr rankte sich die Mittelmäßigkeit auf. Den Rabbiner alter Prägung, den Lamdori höchsten Formats, den Pausek voll unfehlbarer Sicherheit, den Mann, der nicht mit der Halacha kokettierte, sondern sein ganz es Leben in ihren Dienst gestellt hatte. Dies bedeutete ein Anderssein in Vielem, bedeutete auf die Popularität in der Oeffentlichkeit verzichten, bedeutete Verken-; nung, Einsamkeit und manches schmerzliches Opfer anderer Art auf sich nehmen, ^aber es brachte dafür den höchsten Gewinn und das gerade in unserer Zeit nötigste Erfordernis: mifn oblil Den Hamburger Raw als den großen, gewaltigen Lamdon, den wollen wir uns einprägen, tief, ganz tief in die Herzen, daß wir einen untrüglichen Maßstab haben für Größe und Ganzheit! Daß wir uns nicht narren lassen von Scheingröße und Blendwerk, nicht das Aufgepröpfte für naturgewachsen halten. Wir wollen ihn uns einprägen, nicht um auf andere herwußtsein, Selbstgewißheit des Daseins nehmen, wenn" sie um sich herum nur den Apparat sehen, das „System der Arbeit", das den Menschen zur auswechselbaren Schraube erniedrigt. Man führt den jungen Menschen nicht dorthin, wo er sagen kann: ich weiß, warum ich bin, sondern dorthin, wo er sich sagt: ich will mich an diesen „Glauben" klammern, sonst geht ja alles in mir zugrunde ... Aber werden diese „Wenigen" sich vereinigen lassen? Werden sie mit ihrem Willen zum klaren Scheiden von Denken und Glauben Erfolg haben? Wird das Volk auf sie hören, die Zeit ihnen gehorchen? Ist dies alles nicht viel zu persönlich und verschiedentlich bedingt, als daß man dem Rad der Zeit in die Speichen fallen könnte? Und flugs ist die Resignation in der Maske des Schelmes da; mag kommen, was da kommen mag, mehr als meinen guten Willen kann ich nicht zu Markte tragen. Drum Humor und keine Philosophie! Aber wie kurz ist der Welt Gedächtnis! Als die Katastrophe des Jahres 1914 hereinbrach, in kurzer Zeit Staaten wie Kartenhäuser zusammenstürzten, Menschenschicksale grauenvolle Formen annahmen, unser armes jüdisches Volk wie keines gemartert wurde — da schmolzen auch alle Pläne dahin wie Butter an der Sonne und das Leben war ein Da-Sein geworden, für jeden ein bloßes „Hier" und „Heute". Und seitdem sich die Welt so langsam eingerenkt, ist doch in aller Herzen eine leise Erinnerung davon verblieben, daß der Apparat Europas und Amerikas seine Versager hat. Es scheint, daß diese unerfreulichen Möglichkeiten nicht völlig beseitigt sind, die Lebens-Angst des Menschen ist nicht gemindert und die Lebens-Resignation der jüdischen Menschen eher verstärkt. Wenn diese Resignation zu jener primitiven Form der Sorglosigkeit des in den Tag dahinlebenden Menschen ihre Zuflucht nimmt, dann muß sie wohl oder übel den Ballast über Bord werfen, den der Europäer mitschleppt: literarische Bildung, Extrakt aus philosophischen. Idealgebilden, Erinnerungen an eine pekuniär glückliche Zeit, Gebundensein an veraltete Formen des Intellekts und Gefühls. Aber das tut er nicht, er wird nicht umkehren, da er ja gar nicht bis ans Tor gelangt, da er ja dem fälschlichen Glauben sich schnell in die Arme geworfen, um nicht denken zu müssen — ein Denken, das zu entschlossener, fruchtbringender Tat führt, ein Denken, das in voller Erkenntnis der Tragweite des Verlustes — in der abzusehen, sondern um uns selber im Spiegel der Wahrheit zu sehen, daß wir nicht spielerisch und selbstgefällig vor der Gemoro stehen, selbstgefällig und zufrieden, wenn wir mal als blinde Henne den Pschat zugetroffen,.sondern in jenei^Scheu Und Ehrfurcht, mit der der dem Großen aufgeschlossene Mensch vor der Unendlichkeit des Meeres steht! Man hat gesagt,'daß der Hamburger Raw auf seine Ehre gehalten, daß er in Distanzierung von andern O'Mn »vnVn gelebt habe. Wahr ist, daß er die Würde seines Amtes und die mmn nas gewahrt wissen wollte, unwahr ist, daß er seine persönliche Ehre hochhielt. Wohl keiner hatte zu Zeiten, von dem Familienkreis abgesehen, so Gelegenheit wie wir, „im Zelt" zu weilen, ihn wiederholt auf Reisen zu begleiten, ihn also . im Persönlichsten und Alltäglichsten zu sehen. Der Verkehr mit ihmwar gewiß nicht immer leicht, es war schwer, von ihm die geringste Konzession — Und war es auch nur auf dem Gebiet des Gesellschaftlichen — zu erwirken, die sich nicht mit seiner aus den Tiefen fließenden Ueberzeugung deckte, niemals aber hat er über seine persönliche Ehre ein Wort verloren. Kaum ist uns im Leben ein Mann begegnet, der für die. eigene Person so anspruchslos war wie er, der so dankbar war, wenn man ihm etwas abnahm, der so gütig war, wenn ihm Reinheit und Unschuld in Gestalt von Kindern entgegentraten! Ein Glas Tee und ein Stück Zitrone -dazu — das waren die Bedürfnisse, die er an das Leben stellte! Frage man den alten Mann, der um ihn war während seiner Sprechstunde, ob es einen herzlicheren und rücksichtsvolleren Chef gab, frage man den Beamten des Verbandes, der ihn auf seinen Besuchen oft begleitete, ob es einen interessierteren, um Wohl und Wehe jedes Einzelnen besorgteren, väterlicheren

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.