Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1935)
- Date
- 1935-06-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 24 Der Israelit 13. Juni 1935 schicken. Prinz antwortete mit der Veröffentlichung der Ansprache in der „Jüdischen Rundschau", woraus zu ersehen ist, daß er in dieser Predigt, — wenigstens so weit die Niederschrift es bezeugt, — zwar nichts Bedeutsames, aber auch nichts Anstößiges gesagt hat. Er sprach über Nachbarhilfe in einer Zeit, da der Jude den nichtjüdischen Nachbar vermisse, Nachbarhilfe im weiteren Sinne, im Sinne des Ausgleiches auch bezüglich der Arbeitsverteilung. Darauf wurde vom Vorsitzenden des Vorstandes eine neue Erklärung abgegeben, in der es heißt, die Kanzelfreiheit der Rabbiner, ihr Recht auf Vertretung ihrer Anschauungen werde jederzeit gewahrt, sofern dieses Recht nicht mißbraucht werde. Aus einer Anzahl von Berichten aus den Kreisen der Synagogenbesucher müßte aber entnommen werden, daß die Grenze dieses Rechtes in jener Ansprache überschritten worden sei. Nachdem aber die Veröffentlichung der Predigt mit jenem Bericht nicht im Einklang stehe, wird eine Nachprüfung des Sachverhaltes versprochen. Es ist uns an dieser Stelle gewiß nicht darum zu tun, eine Lanze für Herrn Dr. Joachim Prinz, mit dem wir uns leider sehr oft auseinandersetzen müssen, zu brechen. Es soll nur auf das Groteske des Falles hingewiesen werden, das die Auffassung des liberalen Judentums vom Rabbiner deutlich widerspiegelt. In welchem Maße die Vorstände oder die Rabbiner selbst an diesem Zustand die Schuld tragen, ist die alte Frage, die uns an die unübersichtliche Grenze zwischen Ursache und Wirkung führt. Herrn Prinz selbst möchten wir aber an etwas erinnern: In einem seiner an dieser Stelle beanstandeten letzten Vorträge verstieg er sich zu der Behauptung, die einzelnen Perioden im Judentum ständen sich schroff gegenüber, ohne Anschluß und ohne Fortsetzung, — der Rabbinismus habe nichts von den Propheten; Chassidismus sei revolutionäre Reaktion auf den Stillstand des Mittelalters usw. Wenn man dergestalt die Einzelglieder in der Kette der Tradition auseinanderreißt, so darf man sich auch nicht darüber wundern, wenn in einer Zeit der Umwertung aller Werte „und Begriffe ein Gemeindegew/altiger sagt: Gestern hat der Rabbiner der Gemeinde gesagt, was sie >zu tun habe, heute aber befiehlt die Gemeinde — durch ihren Vorsitzenden — dem Rabbiner, was er zu sagenhabe. Andere Zeiten, andere Vögel, andere Lieder — auch im Judentum. Das hat ja der Rabbiner selbst gesagt! ... Eine Verbilligungsaktion in Berlin. Die hohen Preise .des importierten rituellen Fleisches in Deutschland bedeuten für die meist dem Mittelstand und der unbemittelten Bevölkerungsschicht angehörigen religiösen Kreise der deutschen Judenheit eine schwere Kalamität. Es ist darum, durchaus zu begrüßen, wenn eine Großgemeinde wie Berlin, die es sich leisten kann, durch Bereitstellung eines Zuschusses auf jedes Pfund Fleisch eine Verbilligung von 20—30 Pfennigen pro Pfund herbeiführt. Auch gegen die Heranziehung eines Fleischerei-Unternehmens, dem man erhöhten Umsatz zusichert, zu den Kosten dieser Verbilligungsaktion wird sich nichts einwenden lassen. Dagegen fordert die von der Berliner Gemeinde bei der Durchführung ihrer gemeinnützigen Aktion angewandte Methode, die ein höheres Verantwortungsbewußtsein gegenüber den religiösen Cxesamtinteressen vermissen läßt, zum entschiedenen Protest heraus. Von einem Berliner Mitarbeiter wird uns darüber Folgendes geschrieben: In der jüdischen Einheitsgemeinde zu Berlin, in der eine jeweils nach der politischen Konstellation zur Macht erhobene Verwaltungskörperschaft — nicht das Rabbinat — das Szepter führt, herrscht schon seit langem das Bestreben, eine Entlastung des Etats durch Streichung der für die Koscherversorgung den Gemeindeinstitutionen durch die hohen Fleischpreise heute erforderlichen hohen Subventionen eintreten ZU lassen. Dem Rabbinat wurde mit Umstellung der Institutionen und Einführung des von betäubten Tieren stammenden, also unrituellen Fleisches gedroht. Unter dem Einfluß dieser Androhungen haben ja die gemeindekonservativen Rabbiner tatsächlich nichts unversucht gelassen, um einen Hefter für die elektrische Betäubung zu erwirken. Von diesem mußte jedoch infolge des Einspruchs der kompetenten Thorakapazitäten Abstand genommen werden. Auf diesem Weg war nichts mehr zu erhoffen, und es wurde versucht, durch Uebernahme eines größeren Teiles des Berliner Fleischvertriebs die Rentabilität der Gemeindemetzgereien zu heben und so das Fleisch zu verbilligen. Da bekanntlich die Schechita der Adaß Jisroel auch heute noch größer ist als die der „Großgemeinde", setzte man hier den Hebel an. Mit der Ankündigung einer allgemeinen Beisteuer zum Fleisch, insoweit es" in den Aufsichtsgeschäften der Großgemeinde gekauft würde, wurde auf die der Adaß Jisroel angehörigen Metzgereien ein Zwang ausgeübt mit dem Ziel, durch dieses Lockmittel auch die Adaß- Firmen für die Großgemeinde zu gewinnen. Nach monatelangen Unterhandlungen mit verschiedenen Adaß-Firmen ist es nunmehr gelungen, die Fa. S.¬ Kaufmann u. Co., die mehr als drei Jahrzehnte der Adaß Jisroel unterstanden hat, dafür zu gewinnen, ihr Verhältnis au dieser zu lösen und sich der Großgemeinde zu unterstellen. Als Aequivaleht wurde ihr neben dem Einzelverkauf die Gesamtversorgung der Institutionen für zunächst 6 Monate übertragen. Im Zuge dieser Aktion soll den Gemeindemitgliedern eine Verbilligung »von 30 Pfennig je Pfund Fleisch gewährt werden. So lobenswert die Bestrebungen^ der Gemeindeverwaltung sind, das Kaschrut ihrer . Institutionen sicherzustellen, so verurteilenswert sind die im Zusammenhang hiermit angewandten . Maßnahmen. Die Abwanderung der in1 ihrer Art in Deutschland größten Metzgerei von der Adaß Jisroel-droht die. Existenzgrundlage der Adaß Jisroel-Gemeinde samt deren Institutionen zu erschüttern. Nach Lage der Dinge deckt das Schechitawesen in manchen orthodoxen Gemeinden, insbesondere in Berlin, einen erheblichen Teil des Budgets. Die Abwanderung der größten Firma mit vier Filialen in Berlin von der. Adaß Jisroel sowie die Notwendigkeit, auch ihrerseits für ihre "eigenen . Mitglieder zur Verbilligungsaktion Aufwendungen zu machen, zu denen die Zuschüsse der Großgemeinde in keinem nennenswerten Verhältnis stehen, unterminieren die Lebensfähigkeit der . Adaß-Gemeinde, ihres großen Schulwerks, ihres Krankenheims und der gesamten Beamten- und Lehrerschaft. Die angeblich im Interesse des Klall betriebene Verbilligungsaktion der Großgemeinde wird in weiten Kreisen heute schön als verkappter Vernichtungsfeldzug gegen die Austrittsgemeinden verstanden. Um eine grundlegende Verbesserung des Kaschrut in den großgemeindlichen Institutionen Berlins indirekt herbeizuführen, war seinerzeit die Schwarzorthodoxie gut genug. Der Mohr hat seine Pflicht getan,. ab durch die Mitte. Wir verwahren uns mit aller Entschiedenheit gegen das Verfahren der Großgemeinden, die dank ihrer wirtschaftlichen Ueberlegenheit Fangspiel auf die Lebensimttelgeschäfte der Austrittsgemeinden unternehmen. Wir appellieren an das Gewissen der konservativen Rabbinerkreise, vor solchem Vba t\xvn zurückzuschrecken, wenn solches auch dank der Geschicklichkeit des als Unterhändler vorgeschobenen Gemeindevorstandes bürgerlich-juridisch nicht nachweisbar ist. Wir protestieren gegen den Wahn des „Klair'-Einheitsgedanken'S, der seinen Weg über die Leichen der Bahnbrecher der Orthodoxie zu nehmen, sich nicht scheut. Fall Bauer in Frankfurt a. M. und Fall Kaufmann in Berlin sind keine Einzelfälle mehr. Aber die Orthodoxie. wird unter noch größeren Entbehrungen und Aufwendungen einen solchen mit der Macht.materieller Ueberlegenheit und daher mit fragr würdigen Mitteln aufgenommenen Kampf um überdauern verstehen und wird sich unentwegt ihre Selbsterhaltung zu sichern wissen btnff' bbs 1133^1 mvin Wir identifizieren uns nicht mit dem hier geäußerten Verdacht, daß das treibende- Motiv für das Berliner Vorgehen nun grade der Wunsch nach Vernichtung der unabhängigen Orthodoxie gewesen sei, aber etwas mehr sittliche Skrupel bei dem Hinwegschreiten über die idealen Lebensinteressen der thoratreuen Gemälden, der heute mehr als je unentbehrlichem Träger der vielverkannten alten jüdischen Wahrheit, hätten in dieser ernsten Zeit den Berliner Gemeindepolitikern schon zur Ehre gereicht. Leider scheint es keinen, jüdischen Gerichtshof zu . geben, vor dem man Gemeindevorstände wegen Uebertretung des MtfiY^OK zur Verantwortung ziehen kann. Oberrabbiner Samuel Spitzer VST. Am 15. Siwan (16. Juni) rundet sich ein Jahr seit dem Ableben des Hamburger Raw, Oberrabbiner Samuel Spitzer i>*xr- Aus einem tiefempfundenen Hesped des Herrn Rabbiner W. S. Jacobson, Hamburg, entnehmen wir zum Gedenken an den folgende markante Stellen: Der Hamburger Raw war, und gewiß in den Jahren der Kraft und der Fülle, eine Kampfnatur, wer will das leugnen? Wir möchten aber weiter fragen; Wer möchte ihn anders sehen? Wer hätte den Hamburger Raw sehen wollen, anders als in der geraden, ungebrochenen Haltung dessen, der kämpft für das, was seine Ueberzeugung ist! Er führte nicht den Kampf, weil er ihn liebte, er mußte in den Kampf, weil die Zeit und die Verhältnisse es forderten. Man hat oft von der kämpferischen Seite seines Wesens gesprochen und hat dabei gern — ebenso unrichtig wie taktlos — seinen Amtsvorgänger, den unvergessenen und unsterblichen Oberrabbiner Hirsch gegen ihn ausgespielt. Wir wollen doch fragen: Welche Frage war es, die den Raw zum Kampf zwang, welche letzte Frage? Und offen sei dies dahin beantwortet: Die Frage der Stellung und des Verhältnisses zu Rabbihern der sogenannten „liberalen Richtung"! Weil er da keine Konzession, keine Kollegialität, kein Nachgeben um Fingersbreite kannte, darum sprach man in vorsichtiger Umschreibung davon, daß — Oberrabbiner Hirsch der „Friedensfürst" gewesen! So sei es ausgesprochen: -der Hamburger Raw, unser Oberrabbiner Dr. Spitzer war auch in dieser Frage voll und ganz der taiptt K^ttö seines verstorbenen Amts Vorgängers, der in diesem Punkt von so unnachgiebiger Schärfe war, daß er von seinen beiden rabbinischen Schwiegersöhnen n"y die Nichtzugehörigkeit selbst zum Traditionell-Gesetzestreuen Rabbinerverband erbat, weil diesem auch einige Herren angehörten, die im Rahmen des Allgemeinen Rabbinerverbandes mit den liberalen Rabbinern Kollegialität pflogen! Wir sprechen dies aus, nicht aus politischer Tendenz, die uns in diesem Zusammenhang wahrhaftig fern liegt, sondern um zu zeigen, wie die Verhältnisse in Wahrheit lagen, daß der Raw — um mit seinen eigenen, oft wiederholten Worten zu sprechen, „nicht kämpfte — aus Prinzip, sondern ums Prinzip." Er wollte Frieden, aber nicht den Frieden um jeden Preis, auch um den Preis der Wahrheit. Er war ein mnnVn bm> um auf dem gepflügten und entsteinten Boden «ich dann zu betätigen als nipis MIT und n'BSö mvVi um auf ihm dann die Saat des wahren Zedek, der rechten Heilung zur Entfaltung zu bringen. Auch in Kämpfen — doppelt darin — lauschte er auf G'ttes Weisung: „Rede, denn Dein Diener hört"! Unerbittlich hart konnte der Raw sein, wenn es galt, Prinzipien zu verfechten, durch deren Wahrung er die jüdische Zukunft sicherstellen zu können hoffte. Da kannte er keine Schonung und keine Rücksicht, wo er glaubte, einem Geist zu begegnen, der die jüdische Mutter ihrer Kinder beraubte, der das Judentum in seinen Grundfesten angriff, da trat er diesem Geist mit dem Schwert entgegen, da war er ein ganzer Samuel. A b e r! Und dieses Aber sei unterstrichen: Nicht, wie die. oberflächlichen Beobachter glaubten und nicht, wie die, welche der Gegenstand seines Kampfes waren, verbreiteten, verbreiteten in geflissentlicher Böswilligkeit, daß diese Härte aus einem harten Herzen floß, nein und tausendmal nein, sie wurde einem weichen Herzen abgerungen, einem Herzen, das weich war wie das eines Kindes! Auch über seinem rabbinischen Wirken standen zwei große Erlebnisse, die seine Auffassung vom rabbinischen Beruf und Amt formten: auf der einen Seite schwebte ihm immer die Gestalt seines Schwiegervaters, des Großvaters seiner beiden ältesten Söhne, vor Augen, eines Mannes, bei dem er seinen Schimusch hatte und von dessen ungewöhnlicher, ja unglaublicher Herzensgüte und Weichheit er oft in Stunden, da er die Vergangenheit lebendig werden ließ, erzählte. , Aber auf der andern Seite sah er das unheilvolle Wirken der neologen Führer in seinem" Heimatland. Sie entstammten in der Regel orthodoxen Kreisen, oft orthodoxen Rabbinerhäusern, waren mit gutem, mit unserm Rüstzeug versehen und kämpften einen rücksichtslosen Kampf gegen die Orthodoxie, einen starken, aber doch verhältnismäßig erfolglpsen Kampf gegen die Orthodoxie, weil diese in festgefügter Organisation sich zusammengeschlossen und so mit gesammelter Kraft sich zu wehren wußte. Und so heißt, es im 28. Kapitel von Schmaus: „Auf, den Brustschild sollst du geben die Urim und die Tumim und sie sollen sein auf dem Herzen Aha-