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Der Israelit · 1935-06-06 · Heft 23 (6.6.1935) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 23 (6.6.1935)
Date
1935-06-06
Page
– (sequence 24)
Language
German
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Seite 4 Nr. 23 \i « r Israelit 6. Juni 1935 wollte den „Unschlüssigen"11) einen Weg zeigen, „Dir und denen, die Dir gleichen, wenn sie auch wenig sind", denen, die rCr'^JD wahrhaft religiöse Menschen sind, geschlossen in Lehre und Leben und durch philosophische Kenntnisse, die sie erwarben, „unschlüssig" dastehen, der Gefahr vielleicht nicht entgehen könnten, manche Lehren der Thora mißzuverstehen12) und in große Seelennot zu geraten; „Beseitigung religiöser Zweifel und Darlegung der verborgenen, der Masse unverständlichen Grundlagen der Thora"1"} — das ist die wiederholt betonte Absicht. des Verfassers. Sie ist sich ihrer Grenzen, ihrer relativen „Lebens"-Bedingungen bewußt — sie erhebt sich nicht über das Leben, um ihm selbstbewußt einen Sinn zu „geben", sie will nicht die Abstraktion, um ein Reich der Ideen als absolut zu begründen, das das Reich dieser Welt sich zu verpflichten wagt, ohne selbst ihm im geringsten verpflichtet zu sein. Diese A b s t r a k t i o n ist es, diese Flucht aus dem Dasein in das Reich der Phantasie, in der dann das Denken arbeitet — dieses Hinaus-Wollen, um zu überschauen, zu beherrschen — dieses Glauben, um Denken zu können — was der Welt den Dienst am Götzentum eingebracht, einerlei ob es in Stein seine Form gefunden oder im philosophischen System. Sei, der Du bist und denke und glaube, löse nicht Dein Denken von Dir selbst und — mach' das Glauben nicht zum Vorspann des Denkens — nur s o kannst Du zu „Einsicht" kommen, nur so kann eine Gemeinschaft philosophischer Menschen erstehen, die der Welt wieder Selbstgewißheit geben kann. Nur so kann die Philosophie, wie Jaspers richtig erkannt, denen, die nicht mehr aus traditionell-religiösem Leben heraus da-zu-sein vermögen, Helferin werden. Adolf Harnack, einer der umfassendsten Denker des letzten Menschenalters, definierte einmal Bildung als „wiedergewonnene Naivität". Das Rückwärts-Gewandte des Denkens, das hier als wertvoll gekennzeichnet wird, es ist für Maimuni eine große denkerische, fruchtbringende Leistung, es ist die Hinwendung zum Glauben, der nun nicht mehr ein einfaches Sich-Aeußern und unverstandene Mitteilung ist, sondern der durch die Befreiung des Geistes von der Meinung, es gäbe noch „etwas", vielleicht Störendes zu erkennen, nun zu seiner Innen-Arbeit voll befähigt wird. Aber diese Befähigung zum echten Glauben, dieser Gewinn einer Vorstellung mit der Gewißheit, daß sie so wahr ist wie sie im Menschen da ist, dieses Glück kann doch nur d e r erringen, der das Denken nicht vom Da-Sein gelöst, sondern es immer in der Wirklichkeit gesehen und ihm auch bei seinen Wegen auf die gefährlichen Höhen der unwirklichen Abstraktion die Verbindung mit dem ganzen Menschen erhielt. Nur so kann das Erkennen der Unerkennbarkeit das Tor öffnen zum Leben, d. h. zur Gewißheit, daß dieses Leben in sich seinen Sinn hat, zur Gewißheit, die echter Glaube , ist. So ist denn Glauben und Erkennen ganz verschiedener Art. Sie marschieren zwar getrennt, aber sie schlagen vereint, sie sind nur dann echt, wenn sie im Leben des „Hier" und des „Heute" verharren, wenn sie das Größte vollbringen, was der Mensch vollbringen kann: nicht mehr sein zu wollen, als was er sein kann! Die Welt spricht heute viel vom Glauben. Aber wo man von ihm s p r i cht, ist der Glaube nicht da, und wo man am wenigsten seiner gedenkt, ist er am stärksten vorhanden. Die Menschheit Europas und Amerikas plant allenthalben ihre großen Pläne zur Verbesserung und Verschönerung unseres Daseins, sie nimmt ihre Programme und sucht sie zu verwirklichen. Sie rechnet kraft minutiösen Denkens, bei der alle wissenschaftlichen Disziplinen und alle weltanschaulichen Kategorien mithelfen, und wirft, falls es bei der Verwirklichung Störungen gibt, die Schuld auf die „anderen", auf Mächte, die letztlich in genau der gleichen Methode Aehn- ") Vgl. Petichah des M. N. «) M. N. II, 2. liches erstreben. Immer und überall aber heißt man die Menschen — „ g läuten! " Man versichert ihnen, daß die Störungen unvorhergesehen, daß es vom Erdenken bis zum Erstellen ja weit sei, daß aber der „Glaube" an den „Sieg" ja doch alles durchsetze. Aber fern ist dieser Glaube von dem, den Maimuni als echten erwiesen. Jenen stellt sich bewußt außerhalb der Sphäre des Denkens, er bezieht seine Kraft aus der Vorstellung, die nur bei denen gesichert ist, die zuvor bis zu „Ende" gedacht haben. Der Glaube, zu dem die Welt aber heute immer wieder aufgerufen wird, ist die Fortführung des Denkens, und das Denken selbst war ein „Er-Denken", also an „Vorstellung", an das „Verlangen nach Erreichen von Dingen" gebundenes Denken. Denn alle jene Planungen, die zur Durchführung des Glaubens nicht entraten können, haben ihren weltanschaulichen, in Gewohnheit und Leidenschaft unserer Zeit eingetanen „Gesichtspunkt", haben auch den Glauben als Vorspann. Und von diesem Glauben redet man gar wenig, von ihm — hütet man sich zu reden! Denn man fürchtet, daß wenn dieser Glaube als solcher erkannt wäre, das ganze „Programm" in Gefahr käme, die Menschheit nicht mehr jenen so „nötigen" Glauben besitzen würde: den Glauben an. die Möglichkeit der Verwirklichung des Programmes, die sich so langsam anläßt. Man ist sich also des Glaubens nicht sicher, man hat also nicht jene Gewißheit, die Maimuni als Kennzeichen des echten Glaubens verlangt: daß man des Glaubens außerhalb des Denkens ebenso sicher wäre, als stände er innerhalb dieser Sphäre, daß also keinerlei" Denkoperation ihn je umstürzen könne. Nein, man redet nicht davon, daß sich innerhalb der europäisch-amerikanischen Welt alles, aber auch alles um den besten Weg zur besten Daseins-Ordnung dreht. Daß man das Dasein als einen ganz großen Apparat auffaßt, dessen Teile und dessen Ablauf man auf das Genaueste vorausberechnen könne. Man redet nicht davon, daß Produktion und Verkehr, Stoffe und Energien, Hygiene und Eugenik, Arbeitszeit und Zeitvertreib — daß dieses alles die Erde zu einer Riesenfabrik umzugestalten beabsichtigt, die — — trotz allem „er"dacht ist und nicht durchdacht, an deren absoluten Wert „geglaubt" wird, geglaubt werden muß, wenn anders der eingeschlagene Weg,, das in diesen Formen festgefahrene Dasein „noch" einen Sinn haben soll. Jaspers betont mit Recht, daß alle Technisierung nicht in der Lage ist, sämtliche Fehlerquellen zu verstopfen, daß Krankheiten und Kriege, Naturkatastrophen ebenso wie unvorhergesehene seelische Umwälzungen innerhalb der Menschheit alles schön Errechnete über den Haufen werfen können. Es gibt keine Gewißheit für diese Sinngebung menschlichen Daseins, es gibt im Sinne Rambams gesprochen keine Vorstellung, die, außerhalb des Denkens befindlich, mit dem Momente der absoluten Gewißheit auftreten könne. Es ist ja doch alles gedacht und erdacht zusammen, durch das Leben bestätigt und y,on eben diesem Leben wieder erhofft, es ist ja doch alles abstrahiert, um verstanden zu werden, und zugleich vorgestellt, um verwirklicht zu werden. Hier ist nicht „wiedergewonnene Naivität"; denn sie ist aufgegeben worden aus dem „Verlangen, Dinge zü erreichen". Hier ist nicht lebehkräftigender Glaube; denn D a - S e in ist n ^c h t ein „Hier" und ein „Heute", sondern ein Verlangen nach einem „Dort" und einem „Morgen". A.lso kann es auch kein 1 e b e n s e c h t e s W e r d e n geben, sondern nur ein erdachtes und darum nicht das Leben wirklich ansprechendes Werden. Was bleibt denn nun „übrig", so fragen wir uns, in dieser „Weif des ViaVa? Wer ist denn noch da er,selber', ja kann man denn noch „selbst" sein? Eins steht fest — das hat Jaspers als Quintessenz seiner umfassenden Erhellung der geistigen Situation unserer Zeit herausgehoben^ nur Wenige werden noch Träger der Kultur bleiben! Und er fügt hinzu, daß diese Wenigen nicht eine Klasse und nicht eine Rasse, nicht eine geschlossene Gemeinschaft und keine Gruppe' klar hervortretender Geister sein werden, son~. dern nur die, die sich, jeder in seiner Art, von dieser Welt zu distanzieren verstehen,* aus ihrem eigenen Grün de heraus in G 1 äub i g k e i t leben. Sind sie religiös, so .haben sie's am leichtesten, sind sie es nicht, so bleibt nur eine aus dem Glauben an das Transdenzente erwachsende philosophische Haltung als Basis des kulturell irgendwie werthaften Lebens übrig. Näheres darüber zu sagen, ist diesem in musterhaft verantwortungsvoller Weise denkendem Geiste nicht möglich. Weiß er doch, daß es eine Schande ist, vorzugeben, mehr zu wissen, als man weiß, keine Schande — wie Sokrates zu sein, der wußte, daß er nichts weiß ... Also wiederum und abermals das ferne Echo der Worte, an die wir uns „erinnert" haben: „Dir und denen, die Dir gleichen, wenn sie aucli wenig sind" — so grund-persönlich, so ganz unzweckmäßig wie der Rambam in seinem More Newuchim spricht die Selbstbesinnung des Geistes unserer Tage zum Menschen. Die Hinwendung des seiner Fesseln ledigen Geistes zu irgend einer selbstgewählten Bindung, das ist die Konsequenz jenen Erkennens des Unerkennbaren. Aber — diese Selbstbesinnung der Gegenwart hat mit dem Rambam nur das gemeinsam, was wir unter Nicht-Beachtung seines „Hier" und „Heute" für unser Thema von ihm uns sagen ließen. Und so formell, so bar allen praktischen Rates, wie uns die Selbstbesinnung nach Jaspers in unserem „Heute" und bei uns e r e m „Hier" entläßt, so scheidet niemand von Rabbi Mosche ben Maimon, wenn er seine Lippen „heute" und „hier" lebendigen Geist flüstern läßt ... Wir kamen als Juden hierher, zu dieser Stunde, die uns den großen Mosche zum Reden bringen sollte. Wir haben ihn bisher zu unserer Zeit, zu unserer Generation als solcher sprechen lassen. Aber wir sind ja doch Juden dieser Zeit, wir tragen unser jüdisches Schicksal und hegen unsere jüdische Hoffnung, wir leben doch eine ij ü d^ s c h e Zeit — zu ihr in erster Reihe muß doch Maimuni sprechen. Es wäre wiederum „Abstraktion", vorausgenommenes „Axiom", durch Gewohnheit und Leidenschaft fixierter „Gesichtspunkt", wollten wir" uns als Juden aus dem Rahmen dieser Zeit herausstehlen, wollten wir vermessen sagen: da sind nur die „anderen" gemeint, da sind wir nicht getroffen. Unsere „jüdischen" Ideale und Hoffnungen, unser „spezifisch" jüdisches Eigendasein gestatte in keiner Weise, diese Klarstellung der Beziehungen» von Glauben und Erkennen auf unser „Hier" und „Heute" anzuwenden. Der Rambam selbst v/arnt uns davor, wenn er meint, daß das Abirren vom rechten Wege des Erkennens in j e d e r Nation und zu jeder Zeit zu finden sei und zwar. bei denen, die sich für Denkende will sagen G e b i 1 d e t e halten. Wohl! Wir tragen unser besonders schweres Schicksal, wir fühlen die zusätzliche Not, als Juden in dieser Zeit zu leben, wir sehen unsere wirtschaftlichen Positionen in weit höherem Maße schwinden als bei anderen Nationen, wir sind politischen Krisen überall als besonders schwer betroffene Opfer ausgesetzt; Aber ist mit all' dem Besonderen schon gesagt, daß wir zum S i n n des Daseins eine s i c her er e Beziehung gefunden als die „anderen"? Besteht nicht umgekehrt die Gefahr, daß eben diese besondere Not des Juden, seine größere Abhängigkeit von den äußeren Kräften des Daseins, sein höhereSjjMaß an alltäglicher Sorge ihm den Blick auf sieh selbst umdunkelt, ihm nicht mehr die. Sicht ins Helle des Denkens und ins Strahlendedes Glaubens ermöglicht? - (Schluß folgt.) Die Bücherbesprechungen folgen in den nächsten Nummern;

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