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Der Israelit · 1935-06-06 · Heft 23 (6.6.1935) · page 23

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 23 (6.6.1935)
Date
1935-06-06
Page
– (sequence 23)
Language
German
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D e t«*- 4 "*t a e i \ t'- 6/Juni; lS3o sein dessen, daß: er uns n ti r so" gegenwärtig wird. Die Zeit, in der wir leben, zu begreifen, die geistige Situation unserer Tage zu: überschauen, nach dem; Wesentlichen, nach?dem -u n s Wesentlichen* der geistig-seelischen Hältung zu fragen, die in der heutigen Welt erkennbar ' wird, d a s war jenes im Hintergründe wirksame Verlangen,' das Sie dazu (führte, zu.fragen: was hat jener große Jude uns zu* sagen, den man allgemein als ewig geltenden Denker verehrt? H a t er uns überhaupt etwas, zu sagen,- lohnt es sich, seiner Worte zu erinnern? ' - '''- Es gibt genug abendländische Denker, die die geistige Situation unserer Tage zu erhellen unternommen, am scharfsinnigsten und unvoreingenom- _"mensten hat es vielleicht Karl Jasp e r s getan, dessen kleine Schrift:, „die.geistige Situation der Zeit" sich, jeder geistig ganz aneignen sollte, wofern er. auf eine Uebersieht dieser Art Wert legt. Bildung ist Lebensform, ist Denken.k ö n n e ri; und Denken in einem, ist Wissen als Vermögen und als .Besitz. Unsere. Zeit erstrebt D a s e i n sor dnung als eigentlichen Wert, wobei politische und weltanschauliche Unterschiede., bei weitem k e i n e wesentlichen, die Sache selbst treffenden Unterschiede sind. Das praktisch. Nützliche, das Zugängliche steht im>Vordergrunde des geistigen; Interesses, über das Zweckhafte geistiger Leistung hinaus ist Geist nur jeweiliges Vergnügen. Zeuge dessen ist die Form des geistigen Ausdruckes, die dem Menschen unserer Tage zusagt: der Zeitungsaufsatz! Es gibt für den Menschen unserer Tage nicht mehr „Werke, die das Leben begleiten," er will eine Darbietung des Geistigen in Kürze, aber nicht in der, die zu eigener: Meditation. frauffqrdert, sondern ' in der,. Welche* schnell.:vermittelt. So gibt es nicht mehr universales Wissen*: sondern spezialistisches Können. So ist Bildung heute nicht mehr im Stande des Besitzens und in der. Besinnung auf. eben dieses. Besitzen, son1dern es ist „Intensität aus einer Leere h eraus-» zukommen/' in, die man stets wieder zurückfällt; Das ist das Kennzeichen der S ens ati on , die man in der Bildungerwartet undl die. man-; eben und. öh&ühiti. erfaßt wieder fahren läßt; 'iSö'wird> S p r a c h e dem modernen. Menschen .das-We-u sentliche am Geistigen, das „Neue" an einem.: Wor t e; an einer Sentenz wird aufgegriffen und für, geistiges Sein ausgegeben und dafür "gehalten. So wird das äuß er Ii c h A u f f a 11 e n d e, das schnei 1, Erkennbare an einem Menschen das, was ihn zum g e bildeten Menschen macht. So wird der Mensch danach beurteilt, ob er „neu" und. „interessant" ist,1 so werden schnell errungene Feststellungen zu Wertungen der Persönlichkeit des heutigen Menschen/1 j Was hat Maimuni uns hierauf zu sagen? Daß solche Menschen nie zu den; D'J^a , gehören können, zu denen, die, wie das. Jiddische es so unnachahmlich schön' wiederzugeben vermag: „sich einkucken!" Nie werden solche Menschen nrnn""^?! werden i können. Die; . das „ihnen" Nützliche,- das relativ Zweckhafte ^voranstellen, haben isich » micht von Leidenschaft 'rund. Gewohnheit befreit, und ohne . diese Selbst emanzipatipn fühfet kein. We^lzml Wahrheit^ Und. sollten sie selbst gelegentlichi:Jdenr' Versuch; mächen, einen; Gegenstand.tief er. =zuerfassen, ,einiiThema\i wirk*:' Hehl-ganz zu> durchdenken, es^;steht zu füffchteni, daß sie sich' den Weg hierfür btereits verbaut' haben, daß ihnen Gewohnheiten der ü'NnB. der Betörten, so zu eigen geworden, daß sie auf der tT^H lUTTO der Stufe, auf der das eindringende Denken arbeiten kann, keinen Bestand haben..; Aber die Philosophen, wird; niah einf wenden, aber idie von. Am ts wegen Forscher!am-:: Geist unserer Welt simd^siejudie uns?den Weg des Denkens zu\ weisetiberufen sind; sie;werdein, doch; von diesesfi .Kritik unmöglich 'getroffen, s i e zumindest sind doch echteö'J'JT»! v;Aber wiänn das! Wört w einest philosophischen Außenseiters, wie Emaiitiel:^L a s k e r,,8) de,r;aucfa im? Schach der ^Philosophie,, ein Meisterest, :nichts gelten sollte, ej-, derber. Philosophie unserer, Tage . Sterilität ^vorWaff-, da sib: sich als Fachwissenr: schaft hinter Terminologien verschanze, vor denen der gebildete Laie einen sträflichen Respekt empfinde, einen Respekt, der ihm den Mut zum eigenen philosophischen Denken nehme — : wenn das alles nichts gelten sollte, nun, so urteilt; der Philosoph von Fach Jaspers noch schärfer. Die Philosophie ist seiner Meinung nach seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts immer seltener die Gemeinschaft philosophischer Men- : sehen gewesen, sie wurde von ihrem Ursprung gelöst „ohne Verantwortung für das durch sie zu ermöglichende wirkliche Leben", sie war und ist weniger .ein „Aneignen der Ursprünge" als ein „Hantieren mit Lehrstücken, Problemen, Meinungen, Systemen" und trotz heftiger polemischer Atmosphäre waren wesentliche Unterschiede nicht erkennbar. . Hören wir nicht hier ein Echo der Worte Maimühis? „Es gibt Dinge, die zu erringen der ' Mensch ein stärkes Verlangen trägt und die Vernunft rüstet 'sich,: deren Wahrheit aufzusuchen und zu ergründen. Das findet sich bei jeder Nation in einer gewissen Klasse'Denkender und zu jeder Zeit. Und in jenen Dingen mehren sich die Ansichten und es entsteht Streit zwischen den Denkenden und es er neuere sich die Z W eif e l v weil -die V ernunft abhängig gemacht wurde von dem Erringen1 jener Dinge, d; h. von dem Verlangen nach ihnen."8) .; Die ganze Problematik gegenwärtiger Philosophie und der Grundlagen heutiger Wissenschaft ist hier angedeutet. Denn ob man die Aufgabe der Philosophie in der enzyklopädischen Zusammenfassung des Wissensstoffes zu einem Totalbilde der „Welt" oder in einem „systematischen"; Ordnen der Grundsätze ', und Voraussetzungen einzelwissenschaftlicher Erkenntnissieht — in i beiden Fällen ist die Philosophie abhängig gei macht, von der'Einzejwissenschaft, vom Stoff der „Erfa'hruri^", dl. h. aber nach'Maimuni vom „Erreichen der Dinge". , Es "ist^uns Jieute klär geworden, daß a 11 e r.'' wissejaschaftlicher Arbeit der „ G e s i c h t s pü h k t ' vorausgeht, daß bei . aller Bindung' an die Tateac^e.nforscHun^der' Uri- > tersehied . der einzehieh Disziplinen und der ein-! zelnen Meinungen innerhalb derselben in jenem ' Ge^cjatspunkt, J^eg^ es gibt kein i anderes Mittel, sichj ufeer'^diese Gesichtspunkte klar '_zü werden,' 'alsdaß man die weit ans c h auliclie n Hin t er grün de aufzuhellen sucht, die wir hier nur kurz mit den Schlagworten .charakterisieren Tcohnen: Idealismus, der. .das Unbedingte' und Absolute fixiert,, oder i N a t u r a l i s m.u s", "4'er. die jeweilige Ursache sucht und aller vorgefaßter Meinung vom Unbe- ' dingten den) Kampf ansagt.,, Subjel^tivisr m u s , der * den e i n z e I n e n Menschen\ zum Maß der Dinge macfit und eine wahre Eingliederung des Individuellen in ein absolutes Ganzes ablehnt, oder O b j e k t i v i s, m u s, der das Sachliche festzustellen, bemüht ist und dieser Möglichkeit von vornherein trotz, der Einmaligkeit der Erscheinungen, sicher ist. Diese und, ähnliche Gegensatzpaare sind di,e„. '.Alternative, die' dem Denkenden wie von selbsi gestellt ist.10) ... Sind aber diese ^Gesichtspunkte'* der Sphäre :des Denkens als solcher zugehörig, jener Sphäre, die Maimuni so scharf abgegrenzt wissen wollte? Nein! Ihre Erhellung durch das reflektierende Denken deckt gerade auf, daß Momente, die außerhalb jener Sphäre liegen, diese Gesichtspunkte aus sich entlassen, Die Institution der Universität als solcher, die allenthalben innerhalb der europäisch-ameri- |kanischen.WissenschaftsjWelt angenommene und durch: Tradition geheiligte...N o t w en d i gjkei,t. Vde.^| ,t,S:y:s,t emati si er ens"., des. von^verschiedenen: „Standpunkten" aus üblichen ,J3e-.?)'-Vgl. sei^e Schrift^pie Kultur,in '.Gefahr" 1928. S._ 19.' ^l.^äüch! das erste Kapitel in Franz Rosenzweig," Der Stern der Erlösung;.i921. -;:'u' . More:.^ewuÄV?:KÄpll;3Hi 10) Ygl.?um Ganzen E. Rothacker, Logik und-Systematikder 'Geisfes^isMißähaftbn^freil; I. üi derii von Ä|wBäümler-und E.': Schröter«'herausgegebenen StasH därdwerk „Häridhuch'Äer PhÜosopliiö'* 1926-J-30. i; : ...........Nr. 23 S&Us 3 ., ,. leuchtens der Probleme", die durch gesellschaftliche Position und Hoffnung auf Kanie r-e in jedem Denkenden unbewußt vorhandene ,.,Einstellung"--sind das nicht jene Gewohnheiten und Leidenschaften, jenes Verlangen, Dinge zu erreichen, die doch letztlich unerreichbar sind? Sind sie es nicht, die die „Gesichtspunkte" erzeugen, die, sobald sie in ihrer relativen Begrenzung bewußt geu . habt werden, den D'l'Sfa helfen würden^ ^o aber, unbewußt als Selbstzweck verfolgt, die wahre „Ein"sicht versperren, die „An"sich ten mehren, den Streit in die Welt bringen und jene polemische Atmosphäre schaffen innerhalb deren ein Vl3^3 aber keine nilin gedeiht? Ist nicht alles dadurch bedingt, daß „die Vernunft abhängig gemacht wurde von dem Erringen der; Dinge, d. h. vom Verlangen nach ihnen"? So ist dann das Leben, wie es „hier" und „heute" ist, nach Maimuni also; das Eingetansein Denkender in Volk und Zeit, was jenes Irre- Gehen heraufführt. Und daß es Irrungen und Wirrungen sind, was uns da als Ansichten über Welt und Mensch entgegentritt, beweist doch schon die Zahl der Meinungen. Denn, wie der, Rambam sagt, kann es über eine Erkenntnis, die i auf eineni. echten Beweise basiert, eigentlich •keine Meinungsverschiedenheit geben, keiner . kann dieser'Erkenntnis gegenüber, mit seiner Zustimmung zurückhaltend sein! Wir haben( überhaupt in uns die Vorstellung, daß es Eindeutigkeit und somit Wahrheit der Erkenntnis gibt und wir begehren auf, wenn man uns alles ins Relative verflüchtigt. Wir hassen den ewigen Sophisten .; und; wolle^ uns nicht vom Leben,!;dejn. flüchtigen, auf die Kniee werfen lassen, um stammelnd zu benennen: „Gewohnheiten sind —Gesetze, Lei.den- "; schatten sind — Naturgewalten, die Allmacht des; „natürlichen" Lebens und die Allgewalt der „wahren" Gesellschaft schaffen den Geist und nominieren, seine. |, Sachwalter! Ein Verbrecher oder ein Narr, wer diese Abhängigkeit der Phir; losophie, ja aller Wissenschaft, allen Denkens 'von diesen Mächten in Abrede stellt." Wir revoltieren dagegen, daß man uns den p£öventthront. Aber, Hand aufs Herz — wes> wegen revoltieren wir? Weil wir eine „Voristellung^^ wie etwas $elbstgegebenes haben, die Vorstellung, daß es ja doch ohne Eindeutigkeit und Wahrheit des Erkennens nicht abgeht, daß ja dieses Leben, in das wir eingetan sind, „sinn"- los wäre, daß es sich ja doch nicht ver„lohnen" würde zu leben, ohne die Gewißheit, daß Wahrheit sein muß! Erschütternd und unsagbar tragisch ist die Situation des „Kultur"menschen unserer Tage, i! Die Bildung als Denken und Denkenkönnen treibt ihn vorwärts, bis er an (jenes verschlossene i Tor kommt. Aber schon vorher ließ ihn der Relativismus nicht weiter, er legt sich an seine Füße, wie ein immer stärker wirkender Hemmschuh. Nun rüttelt er am Tor, er wiill nicht zurück,, weil er ess nicht kann> weil er es nicht w:aig en kann,!weil ihm ja nur: Si nngebung . degiDaseiris das Leben: lebenswert :imacht&: Er.ging den Weg; des D eil k e n s — wohüi Aber zu Anfang und zu Ende des Weges steht der Glau b e -—^kraftlos, machtlos! :,; Was sah aber Maimuni an: dem pya' der bis an die Grenze des Erkennens kam, an jenes verschlossene Tor? Er sah ihn nicht rütteln am Schloß,, er sah ihn nicht verzweifeln — oder aus Verzweiflung sich selbst preisgeben an Gewohnheiten und Leidenschaften. Er sah ihn wieder und abermälsi erkennen! Das Un-Erkennbare als solches' erkennen! Er sah eine Leistung eine schöpferische, befreiende Leisung.'darin, daß man wagte — umzukehren! Darin;; eben liegt der gewaltige Unterschied zwischen einem 'Rambam und denen, die sich unterfangen,. dem Das ein einen „Sinn" zu „geben". Der Rambam i1.) So ist auf Grund des arabischen Titels D'a.tta ^wiederzugeben; nach D. K*mfmann,, ßeschichte der 'Attributenlehre; S. 363;, ., ,;.;, iti.; v-,

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