Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Saite 2 Ngi 21 _ . ihn kommentiert und man hat ihn zitiert, wenn immer es anging. Mit Recht ist darauf hingewiesen worden,4) daß es wie ein Symbol wirkt, wenn der R'ma, der den aschkenasischenj Juden den Schulchan-Aruch hergerichtet hat,, zu Anfang dieses allen areligiösen Juden ziemlich unsympathischen Werkes ein Zitat aus dem Möre Newuchim bringt, daß er zur Illustrierung des Grundgedankens jenes Kodex — die Lebensführung stets und allenthalben im ^Bewußtsein der Allgegenwart G'ttes zu gestalten — keinen anderen Helfer gefunden als den philosophierenden „Führer". Nein! Der ganze Rambam ist uns Führer. Was aber die Würdigung des einst geführten Kampfes anlangt, so geht es nicht an, Historie anders als historisch zu betrachten und zu werten. Es fehlt uns noch der Geschichtsschreiber und gewissenhaft sich einfühlende Schilderer jener geistigen Kämpfe des jüdischen Mittelalters. Der keineswegs orthodoxe Natiönaljude Josef K a - stein hat in seinem „Üriel 'da Costa".es meisterhaft darzustellen verstanden, daß sich in jenem wohl als Musterbeispiel religiösen Fanatismus bezeichneten Kampf zwischen den Rabbinen Amsterdams und dem heimkehrenden Uiriel Gesinnung und Gesinnung gegenüberstanden, daß die Tragödie Uriels, historisch gesehen, notwendig war, wenn anders die Amsterdamer Judenheit, die durch das Marraöentum geistig arg gefährdet war, überhaupt ©ine1; Geschlossenheit finden sollte. Ein Gleiches gilt für das Wesentliche, das die Kämpfe um Maimunis Werk verständlich macht. Es ist keineswegs angängig, von mittelalterlicher Beschränktheit und vom Martyrium der Gedankenfreiheit zu sprechen und das Judentum'f j ener Zeit dein Cnristentüm. gleichzusetzen. Die Kirche hätte'eine7 unumschränkte Macht im Mittelalter, sie'/konnte ihren Willen rücksichtslos durchsetzen, zudem führten die gebildeten Schichten ein mehr oder weniger, abgeschlossenes, sich der Masse üjber!egen wissendes Dasein. Sollte also . selbst 'Äufklarertüm Platz greifen, so drang das'nichi in die eigentliche Lebenssphäre des Christentums. Anders iin Ghetto, wo nur eine Macht herrschend war; die Macht der geschlossen auftretenden jüdidhen Geistesführer! Der Talmid Chachaih „wohnte inmitten seines Volkes", er war Vorbild für das Leberi jedes Juden und dn der Koinzidenz seines Lebens und seiner Lehre beruhte die einzige autoritative, für das geistige' ebenso wie für das gesellschaftliche Leben allein wahrhaft maßgebende Macht der Judenheit, Wehn da ein Riß entstand, wenn da nicht verhütet wurde* daß die von arabischen Theoremen beeinflußten Spekulationen1 aus dem Hause der Lehrenden auf die jüdische Gasse schritten, jener Lehrenden, die so 'innig'» mit dem Leben verbunden waren, dann drohte hier eine Katastrophe, die rückblickend auch 5 der erahnen muß, der in dem geschichtlichen Ger schehen des Mittelalters nur eine unerfreuliche Etappe auf dem Wege der Befreiung des abendländischen Geistes sieht. Gerade aber diese, relative Schau des . heute Lebenden:: muß ihn .davor , bewahren, [den* Stab über jene .'Rabbinen' zu brechen. :Denn- Wir leben heute, imi-Abendlande in einen. Zeit, da die Ge- ■ dankenfreiheit in .' den' verschiedensten. Ländern und aus den verschiedensten Gründen mehr oder, weniger stark eingeschränkt ist.: Eine Zeit, die sich damit aus politischen und wirtschaftlichen Momenten heraus abgefunden hat oder diese Einschränkung gar aus Ueberzeugung freudig bejaht, hat ihr Recht verwirkt, die Durchsetzung der religiösen Macht dm Mittelalter als fanatisch: zu j denunzieren,, geschweige denn die Augen vor der ungeheuren-rSeelermot zu verschließen,: in der sich-sdie Rabbinen als die Erhalter: der: Nation befänden. >;■' :■ v; .. ■ .: * .... . ■ : . :;!,:: Nach dieser Vor-Untersuchung greifen wir zumMore Newuchim und beschränken uns auf die Betrachtung zweier Stellen, die sich mit un- *) Vgl.'A. Klein in 'semem Aufsatz „Rambam öder*' Maimonides'' Rosenheim-Festschrift Sl 226»: '";1' 5 er-, 1 s r » SjiJ. t ■ ~; serem Problem, befassen. - Im ersten Buche des Werkes, das sich darum bemüht, vor allem das Nicht-Körperliche am Wesen G'ttes zu ,erweisen; kommt Maimuni im 31. Kapitel auf die Grenzen des Wissens zu' sprechen und meint, daß analog den körperlichen; Fähigkeiten des Menschen auch'die Fähigkeit des Erkennens begrenzt ist. Es gibt Menschen, denen Erkenntnisse auch beim besten Willen nicht beizubringen sind, aber auch d i e Menschen, deren Erkenntnisgabe unbegrenzt erscheint, stehen einmal vor einem verschlossenen Tor. Sie stehen dort solange, bis sie sich davon; uberzeugt haben, daß das Erfassen der von ihnen erstrebten Dinge unmöglich ist, bis sie Un- Erkennbarkeit erkannt haben und sich ihre Seele nicht mehr . nach dem Begreifen jener Dinge sehnt. Dennoch gibt es zu. jeder Zeit und bei jeder Nation Menschen, bei denen sich der ' Wille, solche-als unerkennbar erwiesene Dinge dennoch zu erkennen, erhält. .Dadurch, m ehren sich die An s i ch t e,n über ^e i n und denselben . Gegenstand, dadurch entsteht Streit zwischen den Denkenden, weil man den V e r s t and von jenem W u n s che des Erikennens abhängig, gemacht. So denken; denn . viele, sie.'hätten > den rechten Weg der Erkenntnis beschritten und sie : bringen doch kein r>Qlö keinen Beweis. Denn eine i Erkenntnis, die sich auf einen wirklichen Be- : weis stützen kann, kann "nicht abgeleugnet oder ' hintangesetzt werden. So entsteht' im'Wissen des Menschen ^11^3 ein Durcheinander. Vier Gründe sind wesentlich hierfür; 1. das Bestreben des Menschen, den anderen seine Ueberlegenheit fühlen zu lassen (rmim nwm mn8) \ wodurch der Mensch vom eigentlichen^ St'reben nach Walfrjieit-abgehalten"/wird'. , 2. Dfe;'SeHyHeT, , rigkeit der Materie als solcher; 'die man erkenf nen will(fjyn fllj?"T)urid die . Subtilität'des Begriffes, der zu erschießen ist. 3.''Das Uiiyer- ' ' mögen des Denkenden'an sich. 4. Die Liebe des Menschen / zu- Begriffen, und Erkenntnissen, dies. ihm ver traut und mit' denen er gewohnt istv so daß' 'er sich" von' ^ek'mcht freimeahen will.' und immer wieder V^Xilp V«v zu dem G e w o h n-. \t e n zurückkehrt.' '''•'!', ....... - Im darauffolgenden Kapitel, führt der Rambam 'dann aus: wer die G'jrenzeji, desi^rkenn^ns niqEt' 1 respektiert, verstehe im "Verlauie der• j Zeit auch; d a s nicht mehr richtig, was' ihm zu erkennen ■gegeben ist. Er vergleicht das recht anschaulich mit jemandem, der etwas ganz Entferntes sehen will und durch die UeBeranstrengung der Augen, dann selber einen in der Näh^ befindlichen Qe-r genständ nicht mehr, richtig sehen kann.' .7"'j . Da. wir uns hier mit dem allg em ein en Verhältnis Von Glauben und1 Wissen 'befassen! wollen, so erwähnen wir nichts von dem der | Bibel und dem Talmud 'entlehnten Zitaten; die 'der Rambam als Beleg und*! zur Weiterführung 'des Gedankens anführt. Im 50. Kapitel des ersten;; Buches nun äußert sich dör'feambam prinzipiell, •zum Wesen6) äes Gtau^ns; VBaä" tobki;pyn :)isn na»an "p^;.;nr« :. ..wirfe.«» «w^a^»»^■;• *".'■''." der Glaube, sei kein Gegenstand mündlicher Rar- .Stellung, sondern ein Gegenständ' der iin Seelischen stattfindenden Vorstellung niit dem Moment des Glaubens dar an,; daß er so ist, wie er vorgestellt wird; Wer' es 'sich.aoer "genügen läßt, die wahren Einsichten ode'r'-äls währ erachteten Einsichten in der mündlichen Aeußerung darzustellen und an sie zu glauben, ohne sie in der Vorstellung zu haben, geht den Weg der Vielen, die betört sind und einen G 1 a u b e n in , sich trafen, den sie in keiner Weise iur'; Vors; t e 11 u n g gebracht haben. Es gibt, keilten Glauben, es;; sei denk n a c h der Vofstellüng. Deim „Glaube" heißt „das - Gläüben^ : niMhn'i!an das, was vorgestellt wird, und zwar s ö! daß es" aölß e r ha 1 & der;VfernunH da ist;"wie es,,,wäre',. wenn es i n ne r, hj &' 1 jk' jejcj^%ftuj^^^a^ j; wa*£».';Und '.wenn;dieser^^^.ßo^^^^J^P^^:in ' jil?) "Ügl; die ,Erki'4ri#gnÄbarban.els zur .SteUe, .der> jbetQnt, i.daß;.es ^ich;-. pdas -;^ des Glaubens.:, iüb e r ^4.u p^![(a^öii;|ein6&|:falsc^enj^ ->mh : ';, ■ ■': ■ ■," ■'. .-;>;./■ 6; Junfcij935 sich schließt; daß ein■-, Wechsel: dieses Glaubens; keinesfalls möglich ist und es auch vom- Verstände her ausgeschlossen ist, diesen Glauben zu verwerfen, selbst, der Gedanke nur ani die M" ö g- 1 i c hk e i t der Aenderung des Glaubens ausge- ' schlössen ist,, dann ist der Gl aub e: wahr. Solches Verhalten ist nur ,■ m.oglichf! nachdem der' Mensch Leidenschaften und Gewiohnheiten abgelegt hat, erst dann wird er ein n313n"Vya ein Einsichtiger, der das1 Geglaubte nicht im Munde < führt, ohne .Vorstellung, ■> sondern der sich die; Wahrheit vorstellt und sie erreicht. •••(". Versuchen wir, diese Gedanken für uns übersichtlicher und faßlicher zu macken! Die Sphäre des Glaub e n s und. E r k e n n e n s wird scharf abgegrenzt, dem Erkennen sind deutlieh Gr e nz e n gesetzt, diese 'Grenzen sind r e l a t-iV'e , sie ' sind aber auch a b s oTu t gesehen Vorhänden. Dieses Absolute der Grenzziehüng zu sehen; ist denkerische Leistu'ng.; Demgegenüber besteht der Glauben iii'einer im: S-e'"e 1i s c h e n liegenden L;e i s tun g'j:diese Leistung: beruht in der Abstraktion0) von'der Wirklichkeit durch die Kraft' der Vors t e 11 u:n g und eben diese Leistung muß mit dein Moment der Gewißheit b e w u ß tr gehabt sein, um das Prädikat des echten Glaubens zu gewinnen. Beide Wege, der Weg des Erkennens und der Weg des Glaubens, ■ führen zur E i n s i cht, zum Erringen der Wahrheit. /; : V " Das' menschliche Denken vollzieht sich jedoch nur bei Wenigen in diesen ihm gemäßen Formen. Das Denken „will" oft nicht seine Grenzen, respektieren, im Hintergrunde wirken Leiden s'g h!ä-l^r'iund«'Gie"''w''-ö"li'n h e i't 'als* Antrieb ' denkerischer Leistung, wödürcli di'e Einsicnt in die N ötw.e n d i g k e i t e i n; e s e c ht e n B e - weise s für jede Erkenntnis v er t u s cht wird, mehrere Ansichten und Strittigkeiten wie Selbst-» zweck auftreten, aber nicht im Rahmen; > des : Wahrheitsstrebens verbleiben. Aus alledem; enti wickelt sichi aber allmählich eine' ' f a l"s b h e Methode des D enk en s. ' ■ Was i aberi die Sphäre des . Glaubens betrifft, \ so ward'-hier nicht über einen eigentlichen Fehler \ derjenigen geklagt, die ohne vorangegangene Vor-" : Stellung zu glauben meinen. Hier wird nur f e s ti g e s te l l^i. daß sie nicht das zueigen haben, was „das" Glauben zum Glauben macht, daß sie also keinerlei Leistung aufbringen,' sondern nur Nutznießer ohne eigene Arbeit sind und dalier; nicht den wahren Nutzen genießen: die Wahrjheit inicht erringen. v " 1 Es ist heute nicht unsere Aufgabe, zu zeigenf . welche Bedeutung diese Darlegungen Maimünis 'für das philosophische Denken des Mittelalters gewonnen haben, wie sehr die katholische Kirche diese Abgrenzung der beiden Sphären begrüßen mußte, nachdem viele; Geistliche sich die Behauptung von den „beiden Wahrheiten" zueigen gemacht 'hatten.7) Nach Rabbi Moyses Aegyptius, wie Albertus Magnus, der große katholische Denker--ihn: nannte, gab es eben hur eine Wahrheit, die;ibloß"-auf zwei verschiedenen Wegen' ztu ier;- ringen war. v r\; :!hui u-rir-u- \\r, \ \ ■ uSo hoch mani aber aüchMesrMaim'onides. phivv losophische : Bedeutung / einschärfen mag', Maimuni'selbst, Wart,an ihr nichts gelegen. Er wollte^ kein; HSystem'VSchaHenr er verhelfen. Philosophiegeschichtlicher' Relativismus mag ihn vor das Rampenlicht der Weltbühne der Spekulation zerren, er hätte, befragt, was er von der Welt da draußen erwarte, nichts anderes, geantwortet, als jene . schlichte, groß e Frau, •der; ein Prophet Empfehlung; bei den Mächtigen der Welt anbot:.na.'ay.-}'Jf)a inmitten m e ines Violkes wohne-ich!; Was wir aber jbeute;^ „Worte'' . des: Rambam vri,Qrlnnern:'f im 'Bewußtr .,^i:¥gl'; den!i| Kommentar aw nv> zumv?50. Kap. .zu den, Worten n»sn mK winjM'HV j - - ' ~ - 1 .'■'?) Vgl- J. Guttm>"mi,fiD|e 5chAlä^;'de8^i3/^alur-.•.. %un'derrts in ihren Beziehungen zum Jüdenfum. S. 85,ff. Vgl. auch Darstellungen der Geschichte der -Philpiföphie, etwa W. -Wind^lBand; .l^»,Aiifl.,'!.;i r.«jj_