Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 21)
- Language
- German
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Vom Denken und Glanben unserer Zeit*) Betrachtungen anläßlich des Maimuni- Gedenkjahres. Von Afi Wöhlgemuth In Riga. tPpHib r\W32 pE'IJ? |»K „Man errichtet keinerlei Monumente für Gerechte." proT jn jn nmai . „Ihre Worte — das ist es, was sie in der Erinnerung wachhält." Dieser Satz des Talmuds1) klang auf, als neulich in unserer Gemeinschaft die Rede auf eine Feier zum Andenken an den Rambam kam (bei uns Juden wird er entweder so oder Rabbi Möschen ben Maimon oder Maimuni, nicht aber JVtaimonides genannt). Man erinnerte sich dessen, daß der der Religion entfremdete A c h a d H a a m2) anläßlich der vor ca. 30 Jahren gefeierten 700. Wiederkehr von Maimunis Todestag gesagt: Gedenkfeiern solcher Art beweisen, wie fremd uns der Rambam geworden. Unsere Väter, die sich von dem Fluge des „großen Adlers" in die Höhen jüdischen Erkennens hinauftragen ließen, sie hatten in der Tat es nicht nötig, sich durch besondere Veranstaltungen auf die Bedeutung Maimunis zu besinnen. Wann immer und wo immer Worte dahingegangener Weisen von den Lebenden wieder aufgenommen werden, so meint der Talmud,3) kündet ihr Mund lebendigen Geist, als ob im Grabe ihre Lippen flüstern, - Daß man in unserer Zeit Veranlassung nimmt, von Maimuni zu sprechen, liegt sicherlich in der Absicht, jüdischer Tradition. Daß man aber in einem willkürlich fixierten Zeitpunkt diese Veranlassung sieht, daß man den 800. Geburtstag einer Feier für würdig erachtet, den 799. nicht, das ist. nicht im Sinne jüdischer Tradition. Denn Menschen vermögen nicht die Zeit objektiv zu fixieren. Philosophen ist es nicht gelungen, eindeutig „Vergangenheit" von „Gegenwart" zu scheiden, wo doch schon die Sekunde der Besinnung auf die gegenwärtige Sekunde sie zur Vergangenheit verwandelt. Nur wer „die Zeiten •wechseln läßt und die Sterne ordnet," nur wer den „Tag erschafft", an dem „wir jubeln und *) Nach einem Vortrag,- gehalten im staatlichen jüdischen Fröblerinnen-Iiistitut zu- Riga. Der Vortrag wandte sich vornehmlieh an nicht religiöse Juden und kam erst 'zum Schluß auf jüdisch-religiöse Fragen zu sprechen; *) B'abli Schekalim 7a. Bereschith Rabba 32. 2) Vgl. 'den Anfang seines dem Andenken an den Rambam gewidmeten Artikels "»»n 'ytöy im 4. Bd. „AI Paraschath Drachim". Vgl. gegen Achad-Haams Rambam-Auffassung J. ' Wo h l g e muf h , Achad Haam und das 'gesetzestreue Judentum, Jeschurun III. (1916) und Ä. K amink a Haschiloach XXX. (1914) 3) Babli Schekalim 7b. . ' I uns freuen", nur E r , der G'tt der Welten, weiß Monumente der Zeit zu errichten. Ist so. der Wunsch einer Rambam-Feier a n sich kein gutes Zeichen, auch wenn der Gesichtspunkt der Tradition hintangesetzt wird, so kommt noch das Moment hinzu, daß mit der Tatsache des Wünschens bei weitem nicht alles gefaßt wird, daß vielmehr hinter jenem Wunsche noch etwas aufzuhellen ist, sofern man auf eine klare Beleuchtung der Beziehungen des Gedenkenden zum Gedachten Wert legt. Man kann Vergangenes erstaunt bewundern, man kann sich erbauen lassen von der Kraft und Innigkeit, die den Worten längst dahingeschiedener Geistesheroen entströmt, ohne doch das Verlangen, das echte Verlangen zu verspüren, sein ganzes Ich von jener Kraft und Innigkeit erfüllen zu lassen. Die Frage ist für den Gedenkenden die: ist der Wunsch zum Sich-Erinnern im, Bewußtsein der Distanz oder ist er selbst schon ganz Streben und Sich-Verlieren-Wollen im Gedachten. Und wird die Distanz zwischen dem Heute und dem Einst „irgendwie gehabt", so kann der sich Erinnernde nicht den Anspruch erheben, dem Genius des Einst wirklich gerecht zu werden. Dann muß er bekennen, daß er irgendwie das Einst zur Stütze „seines" Heute benutzt) daß er also in unserem Falle von der Warte seiner Feier aus in Maimuni das aufspürt, was im Wunsche zur Veranstaltung verhüllt, aber durchaus vorhanden beschlossen war. Und sollte er dies Bekenntnis verweigern, so hat diese Weigerung doch nur darin seinen Grund, daß er Sich-Erinnern und Sich-Erinnern- Können, daß er Denken und Denken können nicht auseinanderzuhalteil vermag, kurz, daß ihm die Sphäre des Wissens und des vom Wissen unabhängigen Glaubens keine wahrhaft abgeteilten Bezirke des Innenlebens sind. Aber damit bin ich ja schon bei dem, worüber wir Ihrem Wunsche gemäß an Hand Maimunis sprechen wollten, indem wir jenem Talmudworte zufolge uns der „Worte" des Rambam „erinnern", ihn aber nicht zum Monumente erhoben feiern wollten: über die Bedeutung Maimunis für die Beziehungen von Glauben (im a 11 g er meinen Sinne!) und Denken in unseren Tagen. Aus unserer bisherigen Betrachtung ergibt sich schon, daß Sie auch von mir mit Recht verlangen werden, zuvor meinen „Standpunkt" zu beleuchten, von dem aus ich es unternehme, Maimuni zu verstehen und ihn dem Verständnis nahezubringen. Denn selbst wenn man dem zur Totalität der Thora sich, bekennenden Juden eine größere Vertrautheit mit der Welt dessen zugestehen sollte, der eben diese Totalität in seiner „Mischne-Thora" ganz bezwungen hat, so wird man dennoch mit Recht eine Distanz vermuten dürfen. Hinzukommt, daß, wie die mehr am Philosophen Maimonides interessierten Kreise des öfteren betonten und betonen, von einem Juden, der in den Rabbinen aller Zeiten die einzigen Führer des Judentums sieht, keine rechte Würdigung des ganzen Rambam erhofft werden kann, also auch des Rambam, der den „Moreh Newuchim" schrieb. Denn man habe ihn und seine Schriften ja scharf bekämpft. Gewiß, auch der gesetzestreue Jude hat „seihe" Stellungnahme zu Maimuni. Auch der zur Thora stehende Jude unserer Tage hat seine Distanz, seine relative Haltung zu den Worten Rambams. Aber dieser Relativismus ist nicht eigentlich die Sache eines Standpunktes, einer festgelegten Position, die nur das zu erschauen gestattet, was in ihr Blickfeld hereinreicht. Der thoratreue Jude sieht nicht MamionideSf den Philosophen, der das Seine zur Erstarkung und Fortführung der philosophischen Spekulation des Abendlandes beigetragen, er sieht nicht den Rambam, den das jüdische Volk „besitzt" wie die Griechen ihren Sokrates „besitzen" und die Deutschen ihren Kant, er sieht nicht den Maimuni, der „unser" Regenerator und Reformator ist. Sondern er liest die Worte des Rambam und von Wort zu Wort geführt erstaunt er darüber, daß hier eine Stimme redet, die immer wieder ein Echo hinterläßt, einen Widerhall, dessen Eigenart, dessen Herkunft und dessen Fernsein wie ein Lockruf ist, dem man folgen will, folgen muß in dem klaren Bewußtsein, daß man den Rufenden nicht erschauen wird. Der thoratreue Jude hört den Rambam, und er hat ihm mehr .und mehr zu sagen, so daß er weder Zeit noch Lust hat, innezuhalten, Bilanz zu ziehen, einen .Ueberschlag zu machen und zu sagen: das ist Maimuni! Das Relative seiner Position liegt im Bewußtsein des Unvermögens, liegt darin, daß er nie vermeinen kann, dem Fluge des großen Adlers mit seinem eigenen Flügelschlag zu folgen, daß er nur hoffen darf, — welch beseligende Hoffnung! — sich unter seinen. Fittichen zu bergen. Warum dem so ist, das zu erörtern, liegt außerhalb des Bereiches unserer heutigen Betrachtung. Hier gilt es nur zu betonen, daß ein solcher Relativismus von allen Relativismen der günstigste ist. Denn er bewahrt uns davor, z u früh Schlüsse zu ziehen und Thesen aufzustellen, die dem Sinne und dem Wollen des Rambam nicht gerecht werden. Dieser Relativismus schließt in sich das A und O echter Wissenschaftlichkeit: die Gewissenhaftigkeit des Geistes! Aber — der Kampf, gegen den Rambam? die Verbrennung seiner Schriften? Nun, dieser Kampf ist längst entschieden und der Brand ist längst gelöscht. Die rabbinische Welt hat ihren Frieden mit dem More N?wuchim gemacht, man hat