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Der Israelit · 1935-06-06 · Heft 23 (6.6.1935) · page 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 23 (6.6.1935)
Date
1935-06-06
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 4 Nr. 23 Der I 8 r a e 1 i t 6. Juni 1935 t. Rock und — staubigen Schuhen, Alltäglichkeit werden können, Das war Theorie, die Praxis lehrte mich umlernen. In vielem geht es einem so, von der Wurzel heraus muß man umlernen. Die Hiesigen nennen es „sich zigeweinen". Wir Eingewanderte wissen oft nicht, ob dieses Wort von „weinen" oder, „gewöhnen" kommt, es ist individuell und daher absolut verschieden bei den einzelnen. Schwierig ist vieles und wunderbar eigenartig das meiste. Das wenigste kann man durch die allgemein gehaltenen Zeitungsartikel erfahren. Hier ist nur Erlebtes maßgebend. So oft ich nach hält er einen riesengroßen Fischkopf, an einem Besenstiel aufgespießt, nach -allen Windrichtungen hin in die Luft. — Beim Metzger ist es weniger poetisch; er ist nicht sehr liebenswürdig und schneidet das Fleisch „pinkt verkehrt", wie wir es aus chuz laarez gewöhnt sind. Einmal stand ich vor seinem Kaufstand mit etwa 25 anderen wartenden Frauen. Es war kurz nach 6 Uhr morgens an einem erew Jomtow. Plötzlich drängt sich eine ältere Frau, vor und ruft: „Joine, du hast a Herz?" „Äwade, ich hab eins", „Nu gib mir gich (sofort) zwei Onzes". „Nein, ich darf es for mir" (E r meinte sein eigenes Herz, sie „Ja". „Er is of Innerlechkeiten, of Operatsjes". „Of Operatsjes". . . „Of Operatsjes?,. of Innerlechkeiten?. a neier> a frummer vun Daitschland — wo sitzt er?" (d. h, wo wohnt er?) „In Rumemah". „Taijere Madam, soll sen mit Masel, mit Gliiig, soll hoben a Parnusseh un Naches vun "die Kinderlech." Chaluzimgruppe im Beth Chaluz des Noar Agudati Schiurstande im Beth Chaluz des Noar Agudati Machaneh Jehudah auf den Markt gehe, denke ich an die riesige Markthalle am Osthafen.. . . Bevor man hier zum eigentlichen Markt kommt, führt ein ganz schmales Gäßchen zum arabischen Markt. Da hocken die buntbemalten, tätowierten Araberinnen zu Dutzenden mit verschränkten Beinen auf dem Boden. Vor ihnen liegt in großen Binsen- " körben ihre Ware aufgetürmt. In einem Kauderwelsch halten sie ihre. Früchte und Kräuter bis zur Nase des Käufers feil: ,-,Madame, Gewereth, schalabi, sisse, gutte", wobei man ihre feuerrot bemalten Fingernägel und die vor Schmutz strotzenden Hände z u deutlich zu sehen bekommt. Mitten im bunten Kram sieht man eine junge Araberin aus ihrem vielfarbig gestickten Rückensack ein kleines Wesen hervorziehen, das sie ohne Rückseiht auf ihre Umgebung an ihre braune Brust legt und säugt, während sie mit der freien Hand ihre Kräuter anbietet. Auf dem eigentliche» Markt von Machaneh Jehudah bietet sich uns ein anderes Bild. Zwar kann man auch hier eine säugende Frau treffen, die abgewandt von ihren Waren, in einer Ecke sitzt und ihrer Mutterpflicht nachkommt. Die Händler hier sind meist Sephardim mit Fez und langem, buntem Chalat. Sie sind durchwegs fromme Menschen, ihre Frauen gehen bedeckt. Mit manchen kann man französisch sprechen, was mir jedes Mal von neuem komisch vorkommt. Durch die große Alijah hat schon mancher von ihnen ein paar deutsche Brocken gelernt, die er stolzbewußt anwendet, vielfach bei falscher Gelegenheit. An jedem Gewölbe hängt der *w?yn- Zettel. Bekanntlich muß vom Ertrag in Erez Jisroel "raya gegeben werden; jeder kann das bei sich zu Hause machen, wenn er die Dinim kennt. Es ist die verdienstvolle .Arbeit von Raw Benzion Jadler, der einen Waad ha-metakeiach al hatrumot weal hamasarot gegründet hat. Diesem Verein bezahlt man je nach der Personenzahl seines Haushaltes einen monatlichen Beitrag. So oft neue Anfuhr von Obst und Gemüse kommt, kann man Raw Benzion Jadler auf dem Markte treffen, wie er, durch ein Augenleiden etwas unsicher geworden, von einem Jüngeren begleitet, von Gewölbe zu Gewölbe geht und seines Amtes waltet. Buntes Treiben ist beim Fischhändler am Erew Schabbos urid am Erew Jomtow. Er ist ungefähr 12 Jahre im Lande.und hat sein Jargon noch stilgerecht beibehalten. Mit einer Gewalt der Stimme ruft er aus! „Jiddische Waber, Madames, Geweret$f koilt Fisch lichwod Schabes, gutte Fisch, lebeddige, bluttige, roite Fisch, gebt a Kik lekowed Schabes". Dabei meinte — Fleisch!) Einmal telefonierte ich zu Jojne. Ich merkte, daß er nicht selbst am Telefon ist und sagte: „Ich will sprechen zu Joine". „Do sprecht der Mensch von Joine" (sein Angestellter). Im Speisesaal des Beth Chaluz des Noar Agudati (Sämtl. Aufnahmen in dieser Nr. stammen aus dem Fotoatelier A. Katz, Ffm.) Mit einem übervollen Einkaufsnetz stehe ich am 1 er Omnibus, um nach Hause zu fahren. Er kommt nicht. Dafür erscheint eine alte, breite Jiddene — besieht mich, stellt sich zu mir, und es beginnt ein Dialog. „Die Madam kummt 'vun Daitschland"? „Ja". Sie hustet, sieht mir intensiv ins Gesicht: „Vun Barlin?" „Nein." „NU , vun Barlin, abei* vun Daitschland — vun wannen dann?, von^Frankfurt?" (Der 1 er kömmt immer noch nicht.) ,'Vuun Fraankfuurrrt?" , „Ja". . r ■ ~ ■■ ■ . . „Die Madam hot efscher a Mann mit Kinderlech" (wo bleibt der -Omnibus 1} „Ja". „Was a Parnosoh hot Eier Mann?" „Es is a Doktor". „Aa Dokter — vun Daitschland, a frummer?" Endlich kam der Bus, ich bestieg-ihn, mit vielen Brochaus begleitet. — „Die Brochöh eines einfachen Menschen sei nicht gering in Deinen Augen" steht inrder Gemoröh; So sagte ich noch im stillen „omen" auf die guten Wünsche — „soll sein mit Gliiig!" —■" Ein Eingewanderter geht, vor sich her sinnend, durch die Straßen. Vieles bewegt sein Gemüt. Es ist doch manches schwieri-, ger, als man denkt. „Es werrd sein alles gutt" sagen die Hiesigen. Ihnen muß man glauben. — . Ein Meah Shearim-Jude mit rundem Hut tritt auf den oben Genannten zu: „Entschuldigt, vielleichtkennt. Ihr mir eppes klaren." „Ja, bitte sehr". „Vielleicht kennt Ihr mir erklären a Stickel Rabbiner Hirsch* ich verstaih nicht so git das daitsche, und ich will yerstaijen Hirsch". - „Ja, bitte sehr, selbstverständlich. Kommen Sie in meine Wohnung, ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung." „Wann kenn ich kummen?" „Am besten geht es Schabos Vormittag". „Ich danke und werd kummen." Die Beiden wechseln den Friedensgruß, und gehen jeder seines Weges.— Schabos vormittag. Ich sitze auf der großen Terrasse, lese eben den „Israelit" der vorigen Woche, studiere die Familiennachrichten (man mußdoch wissen, was vorgeht) als ein schabesdiger Jid auf mich zukömmt, in schwarzseidenem langen Rock, darunter einen ebensolchen weißen, auf dem Kopf den Straimel, die Pejes symmetrisch herunterhängend: „A gitten Schabes, der Mann is zu Heise", . ' „Gut Schabes, ja gewiß."; „Er hat mir zigesogt, Schabes Vormittag zu kummen, er will mir eppes weisen". Dabei zieht er oben aus der inneren Rockseite ein Hirsch-Chumisch hervor. Ich" weiß Bescheid, zeige ihm den Weg zur Wohnung. \ Drinnen wird Hirsch gelernt mit einem Meah Shorim-Jid, der vielleicht noch nicht weiter als bis Tel Awiw gekommen ist. -Interessiert sieht er nach der „Stunde" die vielen Bände des Tauroh-im-Derech- Erez-Meistefs an und staunt.^ Er sehnt sich dariach, sie alle zu erfassen. — ' " , - -. - u Jeden Schabes enscheint er pünktlich. und lernt mit Selbstverständlichkeit die weisen Worte unseres großen Lehrers. (Schluß folgt,)

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