Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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6. Juni 1935 Der Israelit Nr. 23 Seite 3 " Mit "Tagesanbruch pflegte Trabbi Refoel in diesen Wochen aufzustehen, das Tauchbad aufzusuchen und mit den ersten frommen Frühaufstehern in der alten Schul neben seiner Wohnung zu beten. Dann ging es sofort an die Arbeit. Frau und Kinder schliefen nock Channah, sein Weib, die ihm später den Tee brachte, hatte Arbeit, bis sie überhaupt seine Aufmerksamkeit auf sich "lenken konnte. Die Werkstätte Rabbi Refoels war klein und lag in der Sonne. Der Tisch war an das gardinenlose Fenster gerückt, durch das man auf ein freies Getreidefeld hinaussehen konnte. Ein altes Talith deckte den Tisch und darauf lägen die~ heiligen Pergamente, Tintenfaß, Gänsekiel, Federmesserchen, ein ,,Tikkun" und was sonst. noch zum heiligen Handwerk nötig war. Eine kleine Uhr tickte an der Wand, die nur den Zweck hatte, Rabbi Refoel an die Gebetzeiten zu erinnern. ■ " - - -Diese, kurzen Gebetzeiten mußte Channah abpassen'', um sich in sein Zimmerchen zu schleicheri: und ihrem Manne dort das Essen auf einem Stuhle-neben dem Schreibtisch so hinzustellen, daß er "es nicht übersehen konnte..,Mitten in der Arbeit ihm mit solchen irdischen Anliegen zu kommen, hätte sie nie gewagt. Das Abendessen nahm er, wenn er von der Schul heimkam, mit seiner Familie ein. Aber bald war er schon wieder in seinem Zimmer, am bis in die tiefe Nacht hinein zu schreiben. . Die Tage zwischen Pessäch und Schwuaus waren ja,'bauch seine, eigentlichen Arbeitstage, die Iben ausgenutzt werden mußten. In den Sommermonaten pflegte er in die Städte und Kolonien hinauszufahren und die Kunden aufzusuchen, reiche fromme Leute, die ein Sefer bestellten. Gegen Sommerende, um die-.hohen Feiertage herum, hatte er genug mit sich und seiner Neschomoh zu tun. Diese Tage und Wochen gehörten der innerlichen Arbeit. \Sein heiliger Beruf erforderte eine intensive Läuterung, für die schließlich diese heiligen Tage da waren . . . Um die Sukkauszeit blühte die Konjunktur für Misrach- und andere Bilder. Rabbi Refcel war nicht nur Sofer, sondern auch Künstler, dessen Bilder und Holzschnitzereien für Synagogen- und Sukkahschmuck sehr gesucht waren. In den Wintertagen arbeitete , er wohl auch, aber nicht so intensiv wie im Frühling. Ein gut Teil des Tages ging für das Gebet, für das Talmudstudium, für Tillimsagen und. für das Lernen mit den eigenen Kindern darauf. Erst die Sefirahtage brachten das eigentliche Arbeitsfieber. Und immer war das heilige Werk am bestimmten Termin beendet, Am Neumondstage des Siwan stand Rabbi Refoel mit einer glücklichen Miene auf. Die Arbeit war beendet. Wort an Wort, Zeile an Zeile reihten sich, ein Wunderwerk, sauber und heilig. Es . galt nur noch, die einzelnen Teile zusammenzustellen und in die kunstvollen Griffe zu bringen. Schon am zweiten Siwantag legte Rabbi Refoel die Festkleider an und besuchte die Auftraggeber, um die Einweihungsfeier vorzubereiten. Die Feierlichkeit, die stets auf einen der „drei Abgrenzungstage" gelegt wurde, war die Krönung seines Werkes. Rabbi Refoel hatte sonst wenig in der Oeffentlichkeit zu sagen. Nie nahm er eine Ehrenstelle in der Schul, die er besuchte, an. In den drei Tagen vor Schwuaus sprach aber alle Welt von Rabbi Refoel, von seiner heiligen Kunst, von seinem Fleiß und seiner Frömmigkeit und von der Feierlichkeit, die wieder in der oder jener Schul stattfinden sollte. Man sprach auch ven den Notablen, in deren Auftrag die heiligen Rcllen angefertigt wurden. Die jüdischen Spiclkute sprachen sehen in aller Frühe bei Außenansicht des Jugendheims des Keren hatkora . .(Beth Chinuch] ' Rabbi Refoel vor, um ihre Dienste anzubieten. Kinderchöre aus den Talmud Thora-Schulen standen bereit, um "das Fest mit ihren frischen Kehlen zu verschönen, 1 f?M * § r" Mr. . »;? § fr ] * * ' -s» ™ & WC - ,m &vk £&lf**}- W^äüK - iäSS v Mfe-&i§ 4 . JäMBSsß^Sm — ^mMm?$^~rz%k * wbgsszzS^ W >^jmL' '^^^^■i^f^j^^m. lehrten und die Angesehensten der Gemeinde, um die letzten Buchstaben zu schreiben. Das ietzte Wort, „Jisroel", gab Rabbi Refoel um keinen Preis her, es gehörte ihm selbst. Der erste Inibiß wurde hier im engen armen Soferhause eingenommen. Nun ging es unter den Klängen der Spieileute zuerst in das Haus des Stifters und von dert in die Schul, wohin es bestimmt war. Unter einem Trautümmel wurde das samtbekleidete und silbergeschmückte neue Sefer abwechselnd von den gelehrten Männern getragen. Von allen Seiten strömten Menschen daher, mit Lichtern und Fackeln. In der Schul empfing der Vorbeter mit seinem Kinderchor den Zug. Es began-. nen die Rundgänge wie am Simchas Thora. Das Sefer wurde eingehoben. Mit einem letzten Kuß verabschiedete sich Rabbi Refoel von seinem Kinde, dem Werke, dem ein Jahr hindurch die ganze Kraft seiner Seele, die ganze Liebe seines Herzens gehörte. Jetzt evst begann das eigentliche Fest im' Hause des Notablen, der die heilige Rolle gestif-; tet hatte. In der Regel pflegte Rabbi Refoel zwei Rollen im Jahre fertigzustellen und die Arbeit mit zwei Festen zu krönen, am ersten und am zwei-! ten der „drei Abgrenzungstage" vor Schwuaus. Es ergab sich aber auch, daß er in diesen Tagen drei Sicrim fertigstellte und drei Feste an allen drei Tagen nacheinander beging. Im übri-; gen liebte aber Rabbi Refoel die Ueberstürzung! nicht. Arbeit mit Maß, aber gründlich und mit j Inbrunst, sc erforderte es sein heiliger Beruf.! Am ersten Schwuaustage pflegte Rabbi Re-i j feel die Schul aufzusuchen, die mit seinem letz— I ten Werke bereichert wurde. Mit großer Inbrunst feierte er das Wiedersehen mit seinem Sefer, da er zur Thora aufgerufen wurde und vciler Liebe und Andacht 'den Segensspruch betete. Wer heute noch einen wahrhaft glücklichen Menschen sehen will, der besuche Rabbi Refcei Sofer in der Schechunah Kerem zu Jerusalem an einem der letzten Rüstetage zu Schwuaus. (^^r^^^ Im. Speisesaal des Beth Chinuch Die Chaluzoth bei der Arbeit in der Küche des Beth Chinuch Der erste Teil der Feierlichkeit spielte sich natürlich im Hause Rabbi Refoels, das seine tapfere Channah mit Blumen geschmückt hatte, ab. Dort versammelten sich die Rabbinen und Ge- Mesaik ans Jerusalem Von Bas Zelofchod. Viele Jabre sind es her, :i\t ich zum ersten Male Männar -sah mit rundem S^mthut, 'kunstvoll gedrehten Pejes, in langem, schwarzem Rock — und mit ganz staubigen Schuhen. Ich erinnere mich noch genau, daß es in unssrer großen Stube war; ich stand an der Ofenkunst (ein aus Stein _ gebauter Ofen, wie er früher überall zu treffen war) und sah mir die Männer an. Sie hatten sich vom nahen Bücherbrett ein Sefer genommen, hatten den runden Hut auf einen Stuhl gelegt — sie trugen noch ein Käppchen außerdem — blätterten hin und her, ab und zu einen Blick auf die Anwesenden werfend. Die Tante im Hause sagte zu mir: „Die Männer kommen aus Erez Jisroel". Dabei kamen ihr Tränen, denn sie war besonders fromm, und ihr tägliches Gebet war mit den schönsten Techinoth im alten Jüdischdeutsch begleitet — ihre Sehnsucht blieb, Jeruscholajim zu schauen und Moschiach zu erleben. — — — Ich sah mir die Leute genau an: „Ihre Schuhe sind so staubig" sagte ich zur Tante; diese sah mich mit strengem Blicke an, nickte mir zu und flüsterte ganz mild: „Das ist doch Staub aus Erez Jisroel, den wollen sie nicht abputzen." Das konnte ich nun erst recht nicht verstehen — Staub aus Erez Jisroel. Ich frug nichts mehr. Ueber 30 Jahre sind seitdem vergangen. Viele, viele solcher Männer habe ich noch in meinem Elternhause gesehen und später auch in meinem eigenen bewirtet. Nie hätte ich gedacht, daß das Schicksal mich in das Zentrum dieser Menschen stellte, und ich hielt es für unmöglich, daß je die Scheu beim Anblick derselben fallen könnte, und daß dieselben mit rundem Samthute, kunstvoll gedrehter Pejes, langem schwarzem