Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 23 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Am Sonntag mittag hielt das Schiff vor L a r n a c ä, der Hafenstadt von Zy p ern, Vier Stunden sollte der Aufenthalt dauern, Zeit genug, um sich Land und Leute in der Nähe anzusehen. Mit vielen Anderen ließen sich Herr und Frau Wilde an Land booten. Im Hafen herrschte richtiger Jahrmarkttrubel, mit Verkauf sständen, Schaubuden und Karussels. Halbnackte Gestalten lungerten um die Auslagen herum. Barfüßige Menschen boten aus der hohlen Hand Feigeh und Orangen in der Sprache Homers feil, Zwischen den bunten Reihen schritten, gemessen und bedächtig, würdige hochbeturbänte Derwische. Ein wenig .ver trauen er wekkender Geselle bot durch Zeichen seine Dienste als Führer an und war nicht eher loszubekommen, als bis der Kutscher einer der vielen leichten Wagen ihn* mit dem Peitschenstiel davonjagte. Nun war es der Kutscher, der nicht locker ließ und mit der klassischen Beredsamkeit seiner Heldenahnen die Fremden in seine Kutsche zu locken suchte. Herr Wilde winkte ab, sie "wollten zu Fuß und langsam die Landschaft genießen. Aber der- Gute fuhr -im Schritte hinter "und neben ihnen her, verstellte ihnen, mit seiner Fuhre den Weg und ließ nicht nach, als bis sie sich in sein bequemes, von flinken Gäulchen gezogenes Wägelchen setzten. Mit erhobenen drei" von den fünf Fingern setzte er den Preis fest, es sollte drei Schillinge heißen, für zwei Stunden,Fährt um die Stadt. An einem kleinen Salzsee hielten sie; magere Wiesen umgaben das grüngraue, dickflüssige Wasser. Frau Ida leckte am breiigen Naß. „Wirklich Salzig!" konstatierte sie. ^err Wilde, den seit Antritt der Reise die gute Laune nicht verlassen hatte, freute sich über die Feststellung, daß Salz salzig schmeckte . . . * \ . Vor einer Moschee machten sie halt, wo ein Mahn mit buntem Turbanaufbau auf dem Kopfe die Rechte aufs Herz zum Gruße legte, und sie dann in einen reich mit kostbaren Teppichen belegten Raum führte, zu einem grünen Vorhänge, hinter dem — man nichts sah. Diese Feststellung kostete wiederum einreiches Trinkgeld. Nein, Trinkgelder gab es hier nicht. Hier begann schon, die Welt des Bakschisch . . . Sie mußten Filzpantoffeln über die Schuhe,stülpen, wodurch ihr Schritt etwas Feierliches und Geheimnisvolles erhielt. Im Hofe stand ein Orangenbaum, auf einer Seite voll reifer Früchte,. vom vorigen Jahre noch, auf der anderen Seite bedeckt mit den Blüten der kommenden ^Frucht.; Als sie nach knappen zwei Stünden am Hafen aus der Kutsche stiegen und die Entlohnung erfolgen sollte, waren dem griechischen Kutscher auf einmal neue Finger angewachsen. Er nahm auch die andere Hand zu Hilfe. Und in der sicheren Erwartung der Weigerung fing er schon gleich ein Geschrei an,. das einige Gesellen anzog. Es bildeten sich Parteien. Herr Wilde zählte, zwar nicht-nach dem Maßstäbe alier Finger beider Hände, aber wesentlich mehr als atisbedungen war/ U^ begleitet von lauten Rufen, von denen man nicht mehr wissen könnte, ob sie Flüche öder Dank ausdrückten, stiegen sie ins erste Boot, um sich aufs Schiff zu flüchten. Sehöü zwei Stunden - vor der Zeit. Nach dem Erlebnis auf Zypern fühlten sie sich unter dem Däche ihres Schiffes doppelt geborgen. Es folgte eine höch'st tinruhige Nacht, in der die wenigsten Lust verspürten, zu Bette zu gehen. Die „Nacht vor dem Einzüge", sagten die drei Jemeniten und näselten, mit untergeschlagenen Beinen auf dem Boden hockend, Stellen aus dem Hohenliede und kabbalistischen Schriften. Chaluzim sangen nationale Lieder. Nachum Chabäd feierte einen kleinen Sijüni auf die Mischnaordnung „Kodoschim" (Opferlehre),' die er auf dem Schiffe zu Ende gelernt hatte. Alles war erregt, aufgewühlt, in Erwartungsfieber. Während der Fährt betäubte und zurückgedrängte Hoffnungen und Aengste traten kurz vor dem Ziele wieder in den Vordergrund des Denkens. Es gab welche, deren Papiere ein glückliches Passieren durch die Landungsstation nicht unbedingt garantierten, diese vergaßen jetzt das Lachen und Singen. In den einzelnen Kabinen wurde gepackt. Die Unruhe trug sich von Deck und Zwischendeck auch bis zur zweiten und ersten Klasse, auch bis zur Kabine der Wildes hin. Als Frau Wilde nach kurzem unruhigem Schlafe im ersten Morgengrauen erwachte, schwiegen die Maschinen, das Schiff hielt still. Das Bett des Gatten war leer. Das geschäftige Hinundher der -Menschen über ihr wuchs beim Schweigen der Motore zu einem Jahrmarktslärm an. Da kam Herr Wilde, den langen grauen Schlafrock lose um den Leib gegürtet, die Treppe hinunter. „Haben es erreicht, liebe Ida, wir halten, auf der Reede vor Jaffa. Ein herrliches Bild da oben, die Türme im traumhaften Morgennebel. Alles ist auf den Beinen." Nach einiger Zeit verließen beide fertig angekleidet die Kabine. Heinrich — er hatte sich in der Einschätzung der Trmkgeldchance nicht geirrt — der ihr Gepäck bis zur Ankunft' des Sabal (Lastträgers), in seine Hut nahm, dämpfte als Kundiger ihre Erregung: „Keine Eile, meine Herrschaften, hätten noch zwei Stunden schlafen können. Die Herren vom Amte schlafen noch, dann frühstücken sie gut und e n g 1 i s c h. Es wird schon gut neune, bis Sie an Land gehen." Heinrich war offensichtlich nicht gut zu sprechen auf Menschen, die wie er für andere da waren, und dennoch gut und lang frühstückten. Oben waren die Menschen ein aufgestöberter Bienenschwarm. Die Grenzen zwischen den Klassen waren aufgehoben. Man stolperte über herumliegende Gepäckstücke. Vor ihnen rechts auf der Anhöhe entwickelte sich aus dem Morgennebel ein Panorama 'von grandioser Schönheit, Türme und Zinnen hoben sich mehr und mehr in die junge Sonne. Links in einiger Entfernung weiße moderne Häuser. Das Wasser dazwischen so ruhig wie ein Spiegel, still und friedsam. 7 Also das war es, dachte Herr Wilde, wovon man — es war lange her — in der Religionsstunde träumte, in der Synagoge betete und wovon heute aller Mund sprach, alle Federn schrieben, das war Palästina! Noch einmal sammelten sich die Reisenden im Rauchsalon zum G'ttesdienste, zum letzten Morgeng'ttesdienste auf dem Schiff, aber es ging hastig und hurtig her, ohne Einheitlichkeit, ohne innere Sammlung. Es war Montag und man hob. auch zum letzten Male die kleine Thorarolle aus. Aber zerstreut und abwesend hörten sie auf die Worte der Thora hin. Nasse Augen waren auf den einen "Punkt,. wo sich die Mauern und Zinnen, heller und heller in «die Höhe hoben, gebannt. Es war kein Raum in der Seele für was anderes. „Was ist das für eine Art?" ärgerte sich Rabbi Nachum, „Juden stehen im Angesicht von Ei?ez- Jisroel und daWnen ohne Kawonoh (Andacht)." „Ist schon so richtig," antwortete jener Rabbi, der am. Sabbat von Israel, das G'tt in seinem Herzen ins Galuth trug, vorlernte. Er hatte zur Feier des Empfanges langen Atlasrock und riesige Zobelmütze angelegt. „Laßt sie nur, ist schon so in Ordnung. Das ist die Andacht, Erez Jisroel ist in uns, Erez Jisroel vor uns, es ist schon Gebet für sich ..." Frau Ida, die nicht die Gabe hatte wie ihr Mann, für alles gleich die richtige Formel zu finden, sah gebannt auf eine alte Frau im Kopftuch, die laut weinte, und sie weinte still mit. Was da vor ihr lag, war ein Gebet in Wasser, Steinen und Mauern. Ihre Gebete gingen aber in letzterer Zeit stets, — um den einen, der gegangen ist, um nicht wiederzukommen und den anderen, über den vielleicht diese alten Mauern Kunde geben konnten. Und solche Gebete konnten nicht trocken bleiben . . . Heinrich hatte Recht behalten. Es war schon voller heller Tag, als ein Motorboot mit den Hafenbeamten angefaucht kam. Es gab eine kurze Aussprache mit dem Kapitän und Schiffskommissar, dann eine gründliche Revision der Papiere. „Erste und zweite Klasse steigen in die ersten Boote, dann folgen die anderen, soweit ihre Pässe kontrolliert sind," verkündete der Schiffskommissar. Herr und Frau Wilde saßen im kleinen Boot, das über das ruhige Wasser wie auf einem Binnenstrom, an Riffen und Klippen vorbei, glitt. Näher und näher rückten ihnen die Häuser, die Mauern und Menschen entgegen. Am Ufer sangen Gruppen junger Menschen die „Hafikwah" zum Empfang der Gäste. Die in den Booten sangen ebenfalls im Takte der Ruderschläge und die Strophen fanden und verbanden sich über die immer kleiner werdende Wasserspanne hinweg. Abseits sang eine kleinere Schar „Hikawzu achim! Sammelt euch, Brüder!" Und auch dieser Sang fand ein lautes Echo in zwei dem Ufer zuschwimmenden Booten. Aus der kleineren Gruppe löste sich, kaum daß die Wildes festen Boden unter den Füßen spürten, ein Jüngling, schlank und braun, und hing sich so stürmisch an Frau Idas Hals,' daß sie schier zu Boden gerissen wurde. „Sachte Junge," konnte Wilde in der erten Erregung und nach der ersten Umarmung nur herausbringen, „du wirfst uns ja wieder ins Meer . . . Wie glänzend du ausschaust, die Sonne Palästinas hat dich zu einem Mann ausreifen lassen." XL Als endlich alle Formalitäten in der Halle vor Paß- und Zollamt erledigt waren und das Gepäck auf der anderen Seite aus dem Labyrinth der Koffer und Kasten herausgesucht war, stellte Baruch seinen Freund Schmarjahu, einen Untersetzten, kräftigen jungen Menschen in der Kleidung des Chauffeurs, vor, der sie fahren sollte. „Lean, wohin?" fragte dieser, als sie im kleinen Wagen saßen. „Wohin?" Darüber hatten sie gar nicht nachgedacht. Sie fuhren nach Palästina und waren nun da. Wohin? „Wo hast du eigentlich dein Domizil?" fragte der Vater in seiner sachlichen Art. „Weit weg, im Emek. Meinen Palast werdet ihr noch früh genüg sehen. Ich .habe mich für drei, vier Tage gänzlich für euch freigemacht." „Also werden wir erst ins Hotel fahren." „In Tel Awiw oder in Jerusalem?" Tel Awiw oder Jerusalem, beide Städte lagen ja in Palästina. Wie sollten sie sich entscheiden? „Nach Jerusalem brauchen wir anderthalb Stunden. Tel Awiw ist hier," wies Schmarjahu gen Norden. „Ich denke, wir sollten an der ersten jüdischen Stadt nicht vorübergehen," meinte Herr