Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 Nr. 23 Oer Israelit 6. Juni 1935 mann ein jüdisches Unternehmen ist. Da der Name nicht auf jüdische Abstammung hinweist, ist der getätigte Vertragsabschluß nicht zu beanstanden. Auch ist eine vorzeitige Aufhebung des rechtsgültig abgeschlossenen Vertrages nicht möglich, ohne daß Schadensersatzforderungen gestellt werden. Im übrigen ist bereits zugesagt, daß eine Verlängerung des Vertrages nach Ablauf nicht in Frage kommt. Wir glauben daher, daß der Anregung der Westfälischen Landeszeitung damit in vollem Umfange Rechnung getragen ist." Die „Westfälische Landeszeitung'* bemerkt hierzu: „Es ist also zu erwarten, daß auch die Deutsche Reichsbahn jetzt dazu übergeht, Reklameschilder jüdischer Firmen endgültig dort zu entfernen, wo solche noch vorhanden sind." Israelitische Landesgemein.de Mecklenburgs. Güstrow (Mecklbg.), 29. Mai. Am Sonntag, den 19. Mai, kam hier die Israelitische Landesgemeinde Mecklenburg zu einer außerordentlichen Versammlung zusammen. Nach einem Referat des Rechtsanwalt Heinrich Stern, Berlin über die Bedingungen und Vorteile eines Anschlusses an den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden wurde einstimmig die Bereitwilligkeit zum Anschluß beschlossen. Ein Ausschuß, der zu diesem Zwecke gewählt wurde, wird den endgültigen Schritt Ende Mai vollziehen. Nach weiteren Referaten des Herrn L u b i n s k i, Berlin und des Frl. Hertz, Stettin, wurde beschlossen, die Wohlfahrtspflege dem Landesverband Pommern in Stettin anzuschließen. Bei Begrüßung der Gäste und Abgeordneten, bewillkommnete der Vorsitzende, Herr Direktor Siegmann, Rostock die Lehrer innerhalb der Landesgemeinde, welche vollzählig anwesend waren, insbesondere auch Herrn Lehrer Levisohn, Neubrandenburg, welcher seit 1. Mai im Bezirk tätig ist und wünschte ihm gutes Gelingen zu seiner Tätigkeit — Nach Schluß der Versammlung kamen die Lehrer zu einem Schiur zusammen. Herr Lehrer Levisohn, Neubrandenburg referierte über das Thema „Der jüdische Lehrer in heutiger Zeit". Nach angeregter Aussprache wurde beschlossen, den Schiur vierteljährlich stattfinden zu lassen. Polen. Aus den Beratungen des Zentralrates der polnischen Agudas Jisroel. Warschau, 30. Mai. Aus den weiteren Beratungen des Z. R. der A. J., über dessen Zusammentritt wir bereits in jüngster Nummer berichtet haben, ist noch zu melden, daß die Referate und Debatten auf hohem Niveau standen. Die gefaßten Beschlüsse betreffen die brennendsten Probleme von Israel und Erez Israel. Es herrschte gehobene Stimmung während der ganzen Verhandlung. Das größte Interesse fanden die Erez Israel- Referate, an deren Spitze ein Bericht des Luzker Raw, Rabbi Salman Sorotzkin, stand, der im Auftrage des Rabbinischen Rates vor kurzem Erez Jisroel besucht hatte. Er spricht in größter Begeisterung von dem wirtschaftlichen Aufschwung in Palästina, ohne die Schatten zu übersehen, die von außen und innen her das Bild verdunkeln. In geistiger und religiöser Beziehung bedürfe es der anstrengendsten Arbeit aller Gesetzestreuen, um den Zustand zu schaffen, wie wir ihn uns wünschen. In Jerusalem herrsche starkes jüdisches Leben, auch in Tel Awiw, das über 120 Synagogen und Bethäuser besitze, hätten sich die Dinge nach der neuesten Alijah wesentlich gebessert. Schlimmer lägen die Dinge in Haifa, das ganz in der Gewalt der Histadruth stehe. Ein Bild geistiger Verödung zeigten aber die neuesten nationalen Kolonien und Niederlassungen, wo auf N. F.-Boden der Sabbat und alle anderen Religionsgesetze anhaltend verletzt würden. Der Hochkommissar, von dem der Redner mit seiner Delegation in Audienz empfangen wurde, zeigte Verständnis für die Bestrebungen der Aguda. Redner schließt mit einem Aufruf zur geistigen Rettungsaktion für Erez Jisroel im Rahmen des Keren Hajischuw. Der Präses der polnischen Agudas Jisroel, Herr' I. M. L e w i n, gibt in einer umfassenden und päkkenden Darstellung, über die noch berichtet werden soll, einen Ueberblick über die jüdische Gesamtlage in der Welt, um dann ebenfalls auf die Erez Jisroel- Probleme überzugehen. Mit gleichem Interesse wurde das Referat des Herrn Ä. S. Friedmann angehört. Die Agudas Jisroel dürfe sich weder von der Massenpsychose in Bezug auf E. J. hinreißen lassen, noch mit -verschränkten Armen all den Dingen zusehen. Es müsse der Mittelweg gefunden werden. Auf diesem Wege liege der Kampf gegen den areligiösen Geist und die Regulierung des Lebens im Geiste der Thora. Zwischen Synagoge und Straße in Tel Awiw gähne eine Kluft. Misrachi trage noch zur Verwirrung der Begriffe bei. Die historische Aufgabe der Agudas Jisroel sei, die heiligsten Ideale nicht für schnödes Geld freizugeben und die Gesetzestreuen im Lande so zu sammeln, daß sie eine Macht repräsentierten. Im orthodoxen Schulwesen sei schon vieles erreicht, noch mehr aber bleibe zu erwünschen und zu erstreben übrig. Rabbi Zwi Hirschhorn verliest eine Erklärung im Namen von 500 Gruppen der Z e i i r e i Agudas Jisroel in Polen, die im Ganzen über 500 000 Mitglieder umfassen, in der gesagt wird, daß es glatte Verleumdung sei, wenn gesagt werde, die Zeiirimgruppen seien aus den Reihen der Aguda ausgetreten. Im Gegenteil stehe die gesamte religiöse Jugend Polens auf den Barrikaden im Kampfe für die heiligsten Ideale der Agudas Jisroel, und sie werde der Organisation ewige Treue bewahren. (Rauschender Beifall.) In der folgenden Sitzung hält Deputierter Oberrabbiner Lewin sein politisches Referat und erstattet Bericht über die parlamentarische Tätigkeit der Agudafraktion im Sejm. Es folgen Referate und Berichte des Parneß A. S. Friedmann über die Tätigkeit der Chinuchzentrale, wobei bedeutsame Erfolge zu verzeichnen sind; des Dep. M i n z b e r g über die Legalisierung der Chedarim; des Herrn Jakob Trockenheim über die Finanzlage des Keren Hajischuw. Man erfährt daraus, daß von Schwat 5694 bis Nissan 5695 der polnische Keren Hajischuw insgesamt die Summe von 347.835 Zloty aufgebracht hat. Nach lebhafter Debatte und gründlicher Aussprache über alle Referate und Punkte der Tagesordnung wurden folgende Beschlüsse angenommen: 1. Der Zentral-Rat nimmt die Berichte der parlamentarischen Vertretung der Agudas Jisroel zur Kenntnis und drückt den parlamentarischen Vertretern, den Deputierten Rabbiner Lewin und L. Minzberg und dem Senator A. Mendelsohn, für ihre energische und hingebungsvolle Arbeit Anerkennung und Vertrauen aus. Der Z. R. hat den Wunsch, sie auch als Mitglieder der künftigen parlamentarischen Instanzen zu sehen. 2. Der Z. R. fordert das Z. K. auf, darüber zu wachen, daß der jüdischen Bevölkerung im allgemeinen und der orthodoxen im besonderen eine entsprechende Vertretung in den künftigen parlamentarischen Körperschaften gesichert werde. 3. Der Z. R. stellt fest, daß zu diesem Zwecke die Schaffung einer jüdischen Einheitsfront nötig ist. Darum beauftragt der Z. R. die Exekutive und die politische Kommission, die geeigneten Schritte zur Schaffung eines solchen jüdischen Einheitsblocks zu unternehmen. 4. Der Z. R. beschließt, sich aktiv an der allgemeinen Aktion zu beteiligen, die von der Jüdischen Gemeinde Warschau zur Verewigung des Andenkens an den großen Führer und Erbauer Polens, Marschall Joseph Pilsudski, eingeleitet worden ist, 5. Der Z. R. protestiert als Vertretung des religiösen Judentums in Polen kategorisch gegen die verschiedenen Angriffe auf die jüdische Schechita und gegen die Versuche, auf verschiedene Weise die Schechita zu untergraben. 6. Der Z. R. stellt fest, daß die Schechita eine der Grundlagen des jüdischen Glaubens ist und den Grundsätzen der Humanität und Hygiene entspricht Jeder Angriff gegen rdie Schechita, der gleichzeitig ein Angriff gegen den jüdischen Glauben' ist, muß zu schärfster Abwehr seitens der jüdischen Gesamtheit führen. 7. Der Z. R. stellt fest, daß die Verkleinerung der Schächtabgaben die finanzielle Basis der Gemeinden untergräbt und ihre Existenz gefährdet. 8. Der Z. R. fordert die orthodoxen Parlamentarier auf, mit aller Energie bei den zuständigen Stellen a) Abwehr der Angriffe gegen die jüdische Schechita, b) Erhaltung angemessener Schächttaxen zwecks Sicherung der Existenz der Gemeinden, c) Maßnahmen gegen die Winkel-Schechita, die vielfach Anstoß erregt und Kaschruth sowie Gemeindeeinkünfte untergräbt, zu fordern. 9. Der Z. R. beauftragt die orthodoxen parlamentarischen Vertreter, sich bei den zuständigen Stellen darum zu bemühen, daß bei der bevorstehenden Novellierung des Gesetzes über die Wirtschaft der jüdischen Gemeinden die Forderungen des orthodoxen Judentums berücksichtigt werden. Ein Denkmal für Sarah Schenirer in Erez Israel. Warschau, 28. Mai Die Erez Jisroel-Zentrale der Agudas Jisroel in Polen beschloß ein B e t h 01 o t h, Heim für einwandernde Frauen und Mädchen, in Erez Israel zu errichten. Das Institut ist eine brennende Notwendigkeit im Hinblick auf die vielen Chaluzoth, die aus religiösen Kreisen in Polen nach Palästina auswandern. Das Heim wird den Namen der Frau Sarah Schenirer n"J7 tragen, die ihr Leben für die Sache der Thora und der Erziehung der jüdischen Töchter geopfert hat. So wird mit dem Unternehmen ein doppelter Zweck erreicht. Die Aktion in Polen für das Heim hat am letzten Sonntag mit einem Elan eingesetzt, der guten Erfolg verspricht. Es sind besonders die Mädchen und Frauen aus den Kreisen der Aguda, die das Sammelwerk in Händen' haben und es ist das erste Mal, daß eine Keren Hajischuw- Aktion von Frauen für Frauen durchgeführt wird. Schwere Schlägereien im Lodzer Stadtrat. Lodz, 2. Juni. Was am Dienstag abend im Lodzer Stadtrat vor sich ging, war kein Zwischenfall mehr, sondern schon ein regelrechter pogromartiger Ueberfall. Die Sitzung begann sehr feierlich mit einem Nachruf auf Marschall Pilsudski durch den kommissarischen Vorsitzenden, den alle Abgeordneten stehend anhörten. Zu Beginn der sachlichen Verhandlungen brachten die Sozialdemokraten eine Interpellation über die Schlägereien in der Stadtratsitzung vom 2. April ein, über die aber der Präsident eine Aussprache ablehnte, da sie nicht auf der Tagesordnung stand. Bei der Abstimmung über einzelne Positionen des Budget zeigte sich, daß die National demok r a t e n in der Minderheit waren, so wurden sie in allen Teilen überstimmt. Als sich ein Sozialist zu einem Zwischenruf hinreißen ließ, vollführten die Nationaldemokraten ein wahres Bombardement mit Stühlen und Bänken und Tintenfässern auf die Reihen der Juden und Sozialdemokraten, worauf sie zum Nahkampf mit Stöcken und geballten Fäusten übergingen. Das ganze Haus glich bald einem Schlachtfelde. Die Angefallenen schlugen die Fensterscheiben ein und riefen laut um Hilfe, worauf die Polizei und die Rettungswachen zur Stelle eilte. Die Aerzte und Sanitäter bekamen reichlich zu tun. Ratmann Gutkewitsch vom „Bunde" mußte mit einer schweren Kopfverletzung ins Spital überbracht werden, sein Zustand ist bedenklich. Der Agudavertreter und Präses der Lodzer Kehilla, Dep. Minzberg, hat eine schwere Verletzung an der linken Hand und einen Armbruch davongetragen. Leichter verwundet sind die jüdischen Ratmänner G a - linski. Fein, Ruß, Bialer u. a. Die Polizei nahm an Ort und Stelle ein Protokoll auf und stellte die Ruhestörer fest. Die Sitzung mußte unterbrochen werden. Verhaftungen fanden, trotz gegenseitiger Meldungen, bisher nicht statt. Vom kommissarischen Vorsitzenden ist dem Ministerium des Innern Bericht erstattet worden und man spricht' davon, daß der Lodzer