Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 23 (6.6.1935)
- Date
- 1935-06-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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6. Juni 1935 De r Israelit Nr. 23 Seite 3 Denn was soll aus unseren Kindern werden? ' Wir schichten sie um, wir lenken den Blick nach Er e z Ji s r o e1, wir reden von Hachsch o - roh, wir prüfen all Hie Möglichkeiten, die ihnen unter den veränderten Verhältnissen gegeben sind! Wir stellen im Rahmen unserer Ueberlegungen fest, daß die „höhere Bildung" ihnen mehr oderweniger versperrt ist— und in vielen Fällen endet die Ueberlegung in verzweifelter Ratlosigkeit! Wir waren es ja immer gewöhnt, daß wir unseren Kindern den Weg zur Karriere ebnen konnten, unser Geld, unser Ansehen, unsere Beziehungen bereiteten ihnen den Pfad zur Zukunft! Und heute spüren wir unsere Armut —; und halten sie für unser Unglück! Nun! Sind wir arm geworden, dann wollen wir die Konsequenzen ziehen: dann sind unsere Kinder die „Söhne von Armen" und es gilt: „Habet a.cht auf die Söhne der Armen, denn durch s i e wir d di"e T h o r a neu b e 1 eb t "! Früher pflegten wir den Lebensweg unserer Kinder genau im Voraus festzulegen: wir kannten seine einzelnen Etappen und ob wir unseren Sohn zum Kaufmann bestimm!, hatten, ob er eitT„Studierter" werden sollte, wir berechneten im Voraus genau die Dauer seiner Ausbildung, wir wußten, noch bevor der Weg begonnen war, wie er sich abrollen würde, und wenn etwas dazwischen kam, dann glaubten wir, berechtigte Ansprüche gegen die Vorsehung zu haben! Und heute? Wir wissen nichts über unser eigenes Morgen, wissen nichts über die nächste Zukunft, geschweige denn, daß wir über die Zukunft unserer Kinder etwas wüßten! Wir gestehen, daß wir völlig unwissend sind! Nun! Sind wir unwissend geworden, dann wollen wir die Konsequenzen ziehen: „Habet acht auf die Söhne der Unwissenden, denn durch sie wird d i e Tljora neu belebt!" III. Uns meint man, an uns ergeht das Wort: Habet acht, denn wir sind die Armen, wir sind die Unwissenden! Uns e r e Kinder, sie und niemand anders, sie sind von diesem Anruf erfaßt: Der Weg zur Jeschiwoh hin, dies ist der Weg unserer Kinder! Wir wollen in der Nacht die Sterne sehen, wir wollen erkennen, was aus dieser Zeit an. Gewinn und Segen für unsere Kinder und uns erblühen kann! Unsere höhere Bildung ist unseren Kindern nicht verschlossen, unsere Hochschulen sind ihnen weit geöffnet und in keinem Beruf, sei es hier, sei es in Erez Jisroei, wird unser Kind taugen, seihen Mann stehen und seihen Mann gegen alle Versuchungen behaupT teh, wenn es nicht auf einer unserer Hochschulen — und sei diese „hohe Schule" auch nur eine „Jeschiwoh ketannoh" — sein Wissen vertieft, seinen Charakter gestählt, seinen ganzen jüdischen Menschen geformt hat! Im Osten, im heiligen Land, < ' aber au chhier in Deutschland, sind diese Hochschulen, die gern und liebevoll unsere Kinder betreuen, G'tt schickte uns auch hier die Heilung vor der Wunde! Wir — und unsere Frauen — müssen nur begreifen, daß dieser neue Weg, auf den wir unser Kind führen, keine aus der Not geborene Lösung ist, wir müssen erkennen, daß er für uns und unsere Kinder — Erlösung bedeutet, ein Zurück zu uns selbst, zu den starken Wurzeln unserer Kraft, die uns niemand beschneiden kann, wenn wir sie nur sorglich pflegen und hüten! IV. „Unsere Kinder unsere Bürg en! Das jahrtausend alte Wort sei die Losung unserer Gegenwart! Indem wir unsere Kinder in die Jeschiwoh zurückführen, führen wir uns selber zu unserem wahren Wesen zurück! Der deutsche Keren Hatorah hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Ruf zurück zur Jeschiwoh in alle Herzen und Häuser zu tragen; unter dieser Devise soll seine Arbeit in den nächsten Monaten stehen, unter dieser Devise seine Schowuausaktion 5695! Jeder Jude, jede Jüdin, jeder, der fühlt und weiß, daß das über uns in den letzten Jahren gekommene Schicksal einen höheren, g'ttgewollten Sinn hat, zeige durch seinen Beitrag zu dieser Aktion, daß er dieses Schicksal richtig verstanden, seinen Sinn richtig gedeutet hat! Wir stehen am Beginn unseres eigenen Weges, wir werden ihn sicher und zuende gehen,, wenn wir ihn z u s a m m e n gehen! W. S. J. Wochenrundschau. Der Streit um die Führung^ i f j n Die judische Presse in Deutschland behandelt nach längerer Pause wieder einmal j das Thema der „Führung" in den Gemeinden' i; und Organisationen. Während die durch die Ereignisse geschaffene Palästina-Konjunktur sowohl, wie die immer selbstverständlicher werdende Nationalisierung der deutschen Juden der zionistischen Ideologie auf der ganzen Linie recht zu geben scheinen, sind in den Gemeinden und Organisationen, soweit sie nicht orthodox sind, ' nach wie vor, zumeist liberale Mehrheiten am Ruder.- Es. ist also begreiflich, daß man, von zionisjtischer!5ertie eine Korrektur der Führungsverhältnisse fordert, sei es auf dem Wege von Neuwahlen, sei es,/da sich solche in den Großgemeinden heute sicherlich schwer durchführen lassen, durch gütwillige Uebereinkünft auf Grund der in den letzten Jahren unleugbaren Erfassung weiterer jugendlicher Wähler massen durch " den Konjunktur-Zionismus. Dieser zionistischen Forderung steht aber der Selbstbehauptungswille der Liberalen gegenüber, die ihr deutsch-jüdisches National- und Kultur-Bewußtsein, wenn man es ihnen auch von außen streitig macht, als fundamentale Voraussetzung für eine Führung jüdischer Körperschaften in Deutschland betrachten, und denen Palästina kein Bestandteil ihrer Weltanschauung, sondern ein heute zufällig en vpgue gekommenes vorderasiatisches Einwanderungsland ist. : Vom^Standpunkf desf!dHhodöxen Judentums, das überall, Wo es sich;' nicht selbständig körperschaftlich organisiert hat,, ohnedies; eine Min-, derheit bildet, kann dieser Bruderkampf mit einiger Objektivität betrachtet werden; Die Zionisten sind auf religiösem; Gebiete irl'ihrer übergroßen Mehrheit nicht weniger liberal als die Liberalen, die Aushöhlung der religiösen Glaubenswerte auf dem Wege ihrer national-geschichtlichen Relativierung und die Degradation jüdischer Pflicht zur Volkssitte, ist der Substanz der g'ttlichen Lehre und ,'dein währen geschichtlichen Charakter des jüdischen Volkes mindestens ebenso gefährlich wie. der zahm1 gewordene Liberalismus/, ja, es seheintyuns, daß p r ä k t i s c h das Zusammenleben der; Gemeindeorthodoxie mit einer liberal vertretenen;, Mehrheit 'sich der Regel nach leichter und reibungsloser vollzieht als unter;, dem blau-weißen Banner mit seihen unter der Sonne der Zeitkonstellatiqhj stärker leuchtenden Farben. i I ' Ja noch mehr. Wenn und soweit überhaupt Hoffnung besteht, größere Teile der aus der Bahn geworfenen Jugend für die alte jüdische Wahrheit zurückzugewinnen, dürften die psychologischen Vorbedingungen hierfür — wiederum nur der Regel nach — eher bei der liberalen Jugend gegeben sein als bei der zionistischen, die im Nationalismus mit seinen handfesten, an materiellen Faktoren haftenden Interessen — trotz hebräischer Sprache und Folklore — einen ihr oft ausreichend erscheinenden Ersatz findet für die religiösen Werte und diesen dann saturiert gegenübersteht. Obgleich also dem Prinzipe nach, hinsichtlich der Bejahung des jüdisch-nationalen Momentes und der über alles Vergängliche weit hinausreichenden Bindung an das G'ttesland, das seine Kinder heimruft, es dem oberflächlichen Blicke scheinen könnte, als sei die Orthodoxie grade heute der geborene Bundesgenosse der zionistischen Gemeindepolitiker, so hält diese Auffassung aus den hier entwickelten Gründen einer tieferdringenden Prüfung nicht stand. Es besteht für die thoratreuen Kreise unserer Ansicht nach vielmehr kein Grund, die zionistischen Kastanien aus dem Feuer zu holen. Ein Revisionistisches Plebiszit. Nach Austritt der Revisionisten aus der Zionistischen Organisation arbeitet ihre Exekutive mit Hochdampf dahin, eine eigene Unabhängige zionistische Organisation auf revisionistischer Grundlage zu schaffen. Ein P1 eb i s z i t (Volksbefragung) soll demnächst die Zahl und die Kraft der hinter Jabotinsky stehenden Reserven feststellen. Zu diesem Plebiszit äußert sich Jabotinsky in einem Aufruf u, a,: „Das Plebiszit muß ein getreuer Spiegel der kollektiven Kraft und des stählernen Willens unserer Bewegung in allen ihren Abzweigungen sein." Er wünscht keine künstliche Vergrößerung der revisionistischen Reihen, aber daß jeder, der mit Herz und Verstand zu dem Revisionismus gehört, zur Urne gehe und seine Stimme für oder gegen die Gründung der altneuen unabhängigen Zionistischen Organisation in die Wagschale werfe. Der Wahlakt müsse geheim bleiben, jeder habe seine Meinung nur vor seinem eigenen Gewissen zu verantworten. Jabotinsky ist ehrlich genug, zu betonen, daß die Jasager eine gewichtige Verantwortung auf sich laden, denn man werde von jedem, der mit ihm den neuen Weg gehe, große. Opfer und die letzte Anstrengung seiner Kräfte fordern müssen. Es müsse eine klare und feste Entscheidung getroffen werden. Zur gleichen Zeit mit dem Aufruf wird durch die ITA. eine Meldung von einer erneuten J u - denstaatspetition der Revisionisten Palästinas verbreitet. Diese Petition mit der Forderung der Errichtung eines Judenstaates in Palästina wurde dem High Commissioner, Sir Arthur Wauchope, zur Weiterleitung an die Ständige Mandatskommission des Völkerbundes in Genf überreicht. Richtig verstanden, geht es bei dem Plebiszit nicht um die Frage: für oder wider Revisionismus, sondern um die Frage der reinlichen Scheidung. Die revisionistischen Mitglieder haben mit ihrer Stimme ihre Meinung darüber zu äußern, ob das Verbleiben in der zionistischen Organisation oder die Gründung einer eigenen Partei auf der Basis des Herzl'schen Judenstaatsprogramms im Augenblick das Gegebene sei. Wenn aber dem SO ist, versteht man nicht recht, warum diese „Volksbefragung" dem Austritt nicht vorausgegangen ist. Es ist auch nicht klar, was dann geschehen soll, wenn sich die Mehrheit gegen die eigene Gründung ausspricht; ob und wie der Wiedereintritt in die zionistische Organisation vor sich gehen soll. Daß die revisionistische Fraktion dann nicht gerade gestärkt ins zionistische Parlament wieder einzieht, ist klar.