Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1935)
- Date
- 1935-05-29
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 22 Oer Israelit 29. Mai 1935 ten und mehr Zeit brauchten, und sie kamen, wie immer und überall, etwas spät . . ." „Natürlich die Alten, die Frommen, wie immer und überall," jubelte der Jugendflügel, „Reb Nachum gibt es ja selber zu." „Natürlich wir, die Frommen, wer sonst? Bald zweitausend Jahre hatten wir auf Moschiach gewartet, und nun war er plötzlich da; konnte man so mir nichts, dir nichts aufspringen und laufen? Man weinte erst ein wenig vor Freude, reinigte und rüstete sich in einem Tauchbade, betete lange und inbrünstig. Kleinigkeit, Moschiach! Darf man unvorbereitet, innerlich ungewaschen, sich ihm nahen? Und so wurde es etwas spät, als wir hinterher nachgetrappelt kamen. Schon war Moschiach mit all den Frühgekommenen ein Stück Weges vorgegangen. Jetzt wandte er sich um und sah die schwarze Schar im Abstand. „Wer kommt denn da noch her?" fragte er. „Es sind auch Juden," antworteten die Vorwärtsdrängenden gnädig und etwas herablassend . . ." Fast alle verstanden die beißende Ironie. Und für diejenigen, die sie nicht ganz verstanden, erklärte noch Nachum Chabad wie zum Ueberfluß: „Zu spät? Gewißlich, wie sollten wir nicht etwas später kommen wie die Anderen, die ungehemmt, ohne Bedenken, ohne nach rechts und links zu schauen, vorwärtsstürmen können? Wir haben unsere Hoffnungen, wir haben unsere Tränen, wir haben unsere Gebete, wir haben unsere tausend Hemmungen, wir haben unser Gesetz, an das wir unser Leben gebunden haben, wir haben unseren G'tt, der über der Heimat steht. Wir kommen etwas später, mag schon sein. Aber, glaubt es mir, liebe junge Brüder,- Moschiach erkennt uns, er wartet auf uns, stellt uns vielleicht sogar an die Spitze, denn wir sind, wie keiner sonst, innerlich gerüstet . . ." Es war bei dem herzinnigen Tone, in dem Nachum die Geschichte seines Traumes erzählt, ja hinaussang, einfach unmöglich, den Streit noch weiter fortzusetzen. Er endete denn auch gegen Abend bei der „dritten Mahlzeit" im Speisesaale der dritten Klasse mit Gesang und einem Tänzchen, das die Mitte hielt zwischen einem chassidischen „Rikud" und der chaluzistischen Horra. Ein Sabbat auf hoher See ging zu Ende, ein schwimmender Sabbat, wie ihn Wildes schöner und weihevoller im Westen -der großen deutschen Stadt mit ihren großen Gemeinden nie erlebt hatten. (Fortsetzung folgt.) Schriften der Zeit. Ein Buch der Zeil ist „Das jüdische A. B. C." von Emil Bernhard Cohn (Verlag Erwin Löwe, Berlin), der Zeit der Enzyklopädien und Lexikons, da man lieber über das Jüdische „nachliest", „nachschlägt", als daß man es gründlich lernte. „Das jüdische A B C" hat nicht die Ausführlichkeit des großen Lexikon und nicht die Handlichkeit des kleinen (Philo-Lexikon), übertrifft aber beide an Oberflächlichkeiten und Ungenauigkeiten. Auch in traditioneller Hinsicht ist hier nicht alles einwandfrei, bei aller gewollten Objektivität, insbesondere in den Kapitelchen, die sich mit Richtungen und Strömungen im Judentum befassen. Bei Behandlung biblischer Namen und Themen bleibt die Bibelkrilik nicht immer in gewünschter Entfernung aus dem Spiele. Das Hohelied beispielsweise ist nach diesem ABC des jüdischen Wissens, „ein einfaches Liebeslied". Der Leser erfährt nicht einmal, daß es noch eine andere, tiefere, midraschische Deutung gibt. Daß das Buch Ruth „aus der Zeit Esras stamme und als Protest gegen die von ihm verbotene Mischehe anzusehen sei," sollte ein Rabbiner eben so wenig schreiben. Die Quellen und Literaturangaben sind stellenweise zumindest sehr mangelhaft. Wenn zum Schlüsse eines an sich sachlichen Artik«lchens über S. R. Hirsch als Literatur eine Abhandlung in der Zeitschrift „Der Jude" empfohlen wird, so muß man ßich doch wundern, daß ein so kundiger Mann wie Cohn nicht weiß, daß eine S. R. Hirsch-Jubiläumsschrift existiert, die 1908 im Israelit- Verlag erschienen ist und alles Wissenswerte über den Regenerator des Thorajudentums in Deutschland in vollkommenster Zusammenstellung enthält. Sein Wissen über den Chassidismus bezieht er aus Dubnow. Horodetzky und Buber, das grundlegende Buch von Ahron Marcus wird verschwiegen. Uebrigens: Die B r un n en ve r gif t ungsl e g e n de mit ihren fürchterlichen Folgen für die deutschen Juden kam nicht, wie hier unter dem Stichwort „Deutschland" angegeben wird, 1450, sondern 13 5 0 infolge ' der „Schwarzen Pest" auf. Der Vater des hohen Rabbi Low hieß nicht Bezatel, sondern Bezalel und er selbst wurde M a h a r a 1 genannt. Die falschen Namen könnten möglicherweise auch auf Druckfehlern beruhen. Man sieht aus all dem, daß bei einer Neuauflage, sollte das Buch wirklich einem Bedürfnis entgegenkommen, vieles zu ändern und zu bessern wäre. Leo Hirsch bietet uns auf 150 Seiten Praktisches Judentum (V ortrupp-Verlag, Berlin]. Es werden da die elementarsten Dinge behandelt, aber das Einfachste kann das Wichtigste und Bedeutsamste sein für Menschen, die bisher nicht einmal durch die Vorhallen des Judentums gegangen sind. Wäre die Zahl der Heimkehrer wirklich so groß, wie anfänglich vermutet wurde und suchten sie alle wirklich den Weg zum vollen Judentum, sie könnten aus diesem Buche leicht erfahren, was das Judentum von ihnen an primitiver täglicher Pflichterfüllung erfordert, von dem Händewaschen, den Zizith und Tefillin am Morgen, bis zum großen Nachtgebet am Abend, zwischen denen der jüdische Tag verläuft. Es ist ein gutes Buch, ein Führer durch den jüdischen Tag und das jüdische Jahr und sollte bei keinem, der den Willen zum Judentum, aber die Kenntnis des Judentums nicht in genügendem Maße hat, fehlen. Allein, wie gesagt, nur Führer durch die Vorhallen. In den Hallen selbst steht das Lernen, stehen die Quellen, aus denen zu schöpfen jeder Jude sich die Fähigkeit verschaffen muß. Wir vermissen in diesem nützlichen Buche der praktischen Judentumskunde ein eigenes Kapitel über das Lernen. S—tz. Gute Worte. Warum ist den Kohanim verboten, sich mit Leichen zu befassen? Der Kohen war der religiöse Führer des Volkes. Dürfte er sich mit Toten befassen, wie leicht könnte er zum amerikanischen Reverend sich entwickeln, dessen Aufgabe einzig darin besteht, auf dem Friedhof Klagereden zu halten, Kaddisch vorzusagen und ähnliche hohe Amtshandlungen auszuüben, Diese Karriere wird mit dem Thoraverbot dem Kohen von vornherein abgeschnitten ... Vom Kohen heißt es: „Du sollst ihn heilig halten", vom L«vi: „Du sollst ihn erfreuen," vom J i s r o e 1: Du sollst dich seiner erbarmen, vom Ger: Lasse ihn bei dir leben. Den nichtjüdischen Sklaven darf man nicht beschämen und jdas Tier nicht quälen. Also jedem das Seine! In einer Disputation wurde dem Rabbi der Segensspruch ""W kI>p vorgehalten. „Ein Mißverständnis," antwortete der Rabbi. „Wir danken in diesem Gebete G'tt, daß Er uns zu Juden gemacht hat, daß wir durch Sein Gebot zu dem geworden sind, was wir sein sollen und nicht erst abwarteten, bis die nichtjüdische Welt von außen her uns zu unserem G'tte hintrieb." Personalien. Isaak Jacobson ^"ST- Hamburg, 15. Mai. Mit Isaak Jacobson, der im 79. Lebensjahre von uns ging, ist einer der typischsten Vertreter jenes alten, guten Hamburg von uns gegangen, das einst in ganz Deutschland weiten Klang und hohes Ansehen hatte. Es ist das Hamburg, das seine lokalen Traditionen pflegte, sie in treuem Gemeindesinn hütete, das aber seinen Stolz und seine Würde vor allem darin suchte und fand, der Welt ein Vorbild orthodoxen Gemeinwesens zu bieten. In diesen alten Hamburgern kam diese Mischung zu schönster Entfaltung: sie liebten ihre Gemeinde und weil sie sie liebten, wollten sie, daß die Stadt des „Chac h a m " (Chacham Bernays) den G e i s t d e s „C h ac h a m " hüte! Isaak Jacobson war eine Persönlichkeit, in der und durch dieses Hamburg noch lebte: er war orthodox bis in die fernsten Ausläufer seines Wesens und er war Hamburger durch und durch! Und beides, diese tiefe und echte Frömmigkeit und diese Anhänglichkeit an die jüdische Gemeinschaft, sie ließen ihn fast sechs Jahrzehnte im treuen und selbstlosen Dienst der Oeffentlichkeit stehen: war er in jungen Jahren schon einer der tatkräftigsten und redegewandtesten Führer des Mekor Chajim-Vereins, leitete er auf der Lebenshöhe viele, viele Jahre die Geschicke des Synagogenverbandes mit, als zielbewußtes, fleißiges Mitglied seines Delegiertenkollegiums, so sah ihn auch der Abend seines Lebens bis in die letzten Monate hinein als immer dienstbereiten Gabbai der Chewra Kadischa der Gemeinde. Er konnte wie jene Chassidim und Ansehe Maase ausrufen: „Heil meiner Jugend, daß sie mein Alter nicht beschämte!" Und so wie sein öffentliches Leben vom ersten bis zum letzten Tag. eine gerade Linie zeigte, sich in geschlossener und charaktervoller Festigkeit vollzog, so war auch seine private Lebenssphäre von einheitlichem Guß. Es ist gewiß.keine Üeberireibung, wenn man sagt, daß Isaak Jacobson jahrzehntelang niemals eine Tefillo bezibbur verfehlte und immer der erste im G'tteshaus war, daß er keinen der zahlreichen Schiurim, die er besuchte, jemals versäumt hat, daß er nie einen Piut gesungen, eine Kinno geklagt, ineiner Slicho gefleht hätte, ohne sich Jahr um Jahr gründlich aufs neue vorbereitet zu haben, obgleich er die ganze Literatur all unserer Gebete bis ins Detail beherrschte, daß er nie einen Jaumkippur Koton anders beging als fastend vom Morgen bis zum Abend, daß er nie von einem Kranken gehört hätte, ohne ihn zu besuchen, von einem Gestorbenen, ohne ihn auf seinem letzten Weg zu begleiten — und all dies in selbstverständlicher Frömmigkeit, all dies kein gemachtes, sondern g elebtes Judentum! Als „einen Mann nach dem Herzen G'ttes" bezeichnete einmal bei festlicher Gelegenheit der jüngst verstorbene Hamburger Raw ^*st den Dahingeschiedenen. G'ttes innerstes Wesen, Sein Siegel ist die Wahrheit! Und Wahrheit und Treue waren auch die Säulen, auf denen sein Familienleben ruhte: drei Jahrzehnte lebte er im Witwenstand, weil er nur so dem Weib seiner Jugend ganz treu, der Erziehung seiner, ihrer Kinder ganz hingegeben sein zu können glaubte! In Wahrheit und Treue erzog er diese Kinder im Dienste des Judentums — und G'tt segnete seine Treue: alle seine Kinder gehen den vom Vater vorgelebten Weg, sind vorbildliche Jehudim und stellen wiederum freudig und charakterfest ihre Kräfte in den Dienst der orthodoxen Allgemeinheit/ Am laiya i"b ist er gestorben, es ist v-n vb\bn kbi» vxrc ia< der Tag, an dem der große Fromme starb, um vor seinem Sterben seinen Schülern seine Lehre zu offenbaren, daß sie in ihnen weiterlebe und er in dieser Lehre. So ist ■dieser Tag als ein Tag des Trostes hineingestellt in die Trauer der Sefiroh. Auch uns, allen Freunden und Verehrern, vor allem aber seiner Familie fließt aus diesem Sterben am Lag b'aumer Trost zu, weil wir wissen, daß Isaak Jacobson vor seinem Sterben die große Lehre seines Lebens in seine Kinder gepflanzt: ein Judentum der Treue im Größten wie im Kleinsten, ein Judentum, das lebte und das ganz war — „vom Morgen bis zum Abend": "\ra wn tp! Darmstadt, 27. Mai. Eine echtjüdische Frau ist am 13. Nissan ds. Js. von uns geschieden: Frau Babette Mainzer geb. Mainzer, die ein Alter von 66 Jahren erreichte. Aus einem frommen Hause in Lorsch a. d. Bergstraße stammend, hat sie die in der Kindheit erworbenen jüdischen Kenntnisse und Traditionen des Elternhauses in ihrem eigenen Hause weitergepflegt. Durch ihr frommes Gemüt verstand sie es, ihr Heim zu einem auf G'ttesfurcht aufgebauten us» cnpa zu gestalten. Wie sehr sie für ihren Gatten und ihre Kinder lebte, zeigte ihr letztgesprochenes Wort. Es galt ihrem in der Ferne weilenden Sohne. Bei der Ueberführung vom Trauerhause am Erew Pesach nach flnmp nVon war eine sehr große Anzahl von Menschen erschienen. Auch die reiche Beteiligung bei der miap war Zeugnis für die Achtung, die diese Frau in unserem Kreise genoß, ""asan Kleinheubach a. M-, 27. Mai. Vom Schicksal schwer betroffen wurde die allseits geachtete und angesehene - Familie Amalie Sichel Ww. Noch im Trauerjahr um ihren treubesorgten Gatten Moses Sichel S>~st» der unserem ganzen Kreise ein musterhaftes Beispiel von o-bp jik-p und pnra gewesen ist, folgt nun dem Vater auch der jüngste Sohn Simon, fern von der Heimat in Wien, im kaum vollendeten 32. Lebensjahre nach. Ausgestattet mit den besten Charaktereigenschaften, vereint mit klugem Wissen, folgte er der Tradition seines Elternhauses. Durch seine Herzensgüte, seine Aufgeschlossenheit und Empfänglichkeit für alles Jüdische und Gute hat er sich die Wertschätzung der weitesten Kreise erobert. In Wien, woselbst er mehrere Jahre seinen Beruf in treuester Pflichterfüllung ausgeübt hatte, fand er auch seine letzte Ruhestätte. Im Trauerhause Kleinheubach gab Lehrer Heß, Miltenberg während der nsa» den schmerzlichen Gefühlen um den Heimgang dieses hoffnungsvollen Sohnes und geliebten Bruders in einem *ioon Ausdruck. n-assn Wochenkalender. Vom 1. — 8. Juni 1935 / Vom 29. Ijar — 7. Siwan 5695 ■»ai» 5p Samstag 1 29 'SB K33 jy Sonntag 2 1 t» Montag 3 2 ns Dienstag Juni 4 3 15 Mittwoch 5 Jl'O 4 IV Donnerstag 6 5 m Freitag 7 6 w Samstag 8 7 B nn nna 'i pno "maa vma panan Mauled: Samstag abends 8 Uhr Va Min. ijR mnv ai» n p^pan any 'R ot> nwap nn 'a av nwap