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Der Israelit · 1935-05-29 · Heft 22 (29.5.1935) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 22 (29.5.1935)
Date
1935-05-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 22 1935 jpmg& '>*'*7%£?'-:>Jr'<'$'+iO' mm Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) Wie rasch die Smirothmelodien Nachum Chabads Gemeingut aller Kehlen wurden! Sogar die drei Jemeniten, die dabei waren und nicht einmal die hebräischen Laute der Abendländer nachsprechen konnten, sangen aus heiserer Kehle, näselnd, aber schmelzend und mit vielen eigenen Schnörkeln mit. Reden wurden gehalten, halachische und politische Disputationen geführt. Nationale Lieder ertönten zwischendurch und Horrasprünge stürmten in den Kreis der chassidischen Tänze. Man klatschte in die Hände, man sang und lachte. Auf den Tischen zitterten die Lichter. Es war Sabbat im ganzen weiten Räume. Und der Sabbat trug sich hinauf, auf Deck, über das Meer hinaus, dahin, wo die Lichter von Athen blitzten . . . Bis nach Mitternacht harrten Herr und Frau Wilde bei den Menschen aus, die auf den hohen Wellen, auf der Fahrt ins Ungewisse den Sabbat im Herzen trugen und ihn über die Meere und Inseln hinaus zu den Ruinen des alten Rom und Hellas singend kündeten. Also waren die Wildes doch ausgegangen und auch ganz auf ihre Rechnung gekommen. — — Am Sabbat Morgen gab es im Rauchsalon, wo in einem Schranke eine kleine Thorarolle ruhte, sogar zwei G'ttesdienste, einen für die Frühaufsteher und einen späteren für diejenigen, die sich im Schiffsbette wohlig fühlten. Herr Wilde war Frühaufsteher, und er wollte beim Gebete die Männer nicht missen, die nicht früh genug antreten konnten. Am Nachmittag fuhr das Schiff bei herrlicher Sonne an grauen zackigen Inseln vorbei. Eine Stadt mit Türmen und Mauern und hellen Fassaden leuchtete in der Ferne auf. „Rhodos", erklärte Heinrich, der allwissende Steward. Eigentlich war Heinrich ärgerlich, daß der von ihm versprochene Sturm nicht eingetreten war. Aber er blieb leutselig und gesprächig. Mit sicherem Bedienteninstinkt hafte er es längst herausgefunden, daß Herr Wilde zu den Menschen gehörte, denen es auf ein gut aufgerundetes Trinkgeld nicht ankam. Vom bequemen Liegestuhl aus spähte Frau Wilde mit dem Feldstecher nach dem fernen Ufer aus. ,,Wäre es keine Sinnestäuschung," sagte sie, „ich könnte wirklich und wahrhaftig glauben, da drüben stehen Menschen, die uns Grüße zuwinken." „Ist ganz und gar keine Sinnestäuschung," erklärte der kundige Heinrich. „Wir fahren alle vierzehn Tage den gleichen Weg, immer zur gleichen Stunde, an dieser Insel vorbei, und sehen stets dasselbe Winken. Wir erkundigten uns, und Leute aus Rhodos, die mit uns fuhran, erzählten uns, daß sich dort in der Stadt am Meere eine stattliche Judengemeinde befindet. Da sie wissen, daß am Sabbatnachmittag ein Schiff mit Palästinawanderern diese Stelle passiert, so spazieren die Juden zum Ufer hinaus, um ihren Glaubensgenossen Grüße zuzuwinken. Ein gutes Volk, die Juden," urteilte Heinrich, „sie halten gut zusammen ..." Ganz warm überkam es die Wildes. Juden einer fremden Insel, Juden aus . einer anderen Welt, von anderer Art und anderer Sprache, stehen am Ufer und winken den Brüdern, die nach dem Heimatlande fahren, 'Grüße zu . . . Sie winkten was sie konnten zurück, Herr Wilde mit der Hand und Frau Ida mit dem Feldstecher. Es gingen Grüße wie Lichtsignale von jüdischem Herzen zu jüdischem Herzen. Fast den ganzen Tag blieb der Rauchsalon Sabbatstube für die betenden, lernenden und singenden Menschen. Es gab regelrechte Vorträge, man sang und lernte, bis sich die Sonne hinter den Gipfeln Kleinasiens senkte. Ein Rabbi mit leuchtendem Gesicht unter der hellgelben riesigen Zobelmütze lernte aus einem alten Buche: „Da kam ein Ehepaar vor Rabbi Schimeon Sohn Jochais. Es sprach der Mann und weinte die Frau: „Ihr wißt, Rabbi, wie glücklich wir vor zehn Jahren vor euch unter dem Trauhimmel standen, da ihr unseren Bund segnetet. Er war nicht gesegnet dieser Bund, denn es sind nun zehn Jahre um in glücklicher Gemeinschaft und die Kinder blieben aus. Und es steht geschrieben: Ist eine Ehe zehn Jahre lang kinderlos geblieben, so sei ihr Zweck verfehlt und wieder aufzulösen. Wollt ihr nun, Rabbi, wie ihr damals unseren Bund gesegnet, ihn nun durch Anfertigung des Scheidebriefes auflösen?" So sprach der Mann, sp sprach die Frau unter heißen Tränen. Sagte Rabbi Schimeon Sohn Jochais: „Gewiß ist mir jenes frohe Fest noch in guter Erinnerung, mit dem wir euren Ehebund segneten. Trennung muß nun sein, nach Recht und Gesetz. Da ihr aber in ungetrübtem Glücke gelebt habt und in Frieden auseinander geht, so ziemte es sich, bei der Lösung ein ähnliches Fest zu feiern, wie damals bei der Schließung der Ehe. Wollt ihr das?" Sie wollten. Und im Hause des Mannes waren, wie damals, die Gäste zu einem Festmahle versammelt. Man hatte sich gütlich an Speis und Trank getan, und besonders der Ehemann, wohl um seinen Kummer zu ertränken, sprach -dem Weine mehr als üblich zu. In letzter Liebesaufwallung sprach er zu der Frau: „Wenn du jetzt aus meinem Hause gehst, so darfst du das, was dir am liebsten und köstlichsten in diesen Räumen geworden ist, mit in dein eigenes Haus nehmen." Darauf schlief "er fest ein. Und was tat die Frau? Sie lud, als die Gäste gegangen waren, den fest schlafenden Mann in die Sänfte und ließ ihn in ihr Haus tragen. Und wie er morgens erwachte und sich erstaunt in fremdem Räume umsah, sprach sie: „Hast du es nicht gesagt, Liebster, ich könnte das mit mir nach Hause nehmen, was mir am kostbarsten dünkt. Ich wollte dich ..." Frau Ida. zuckte auf und zog ihren Mann am Aermel. Hübsch erzählt, dachte sie. Aber erzählte der würdige Mann in seiner eigenen Sprache, aus dem alten Lernbuche heraus, die Geschichte von den Weibern in Weinsberg, jene Geschichte, die man von der Schulbank her kannte? Nein. Es war ein wenig anders. Während dort im Schulbuche die Geschichte damit z u Ende war, fing sie hier erst richtig an. Der Rabbi wurde warm, schaukelte heftig den Oberkörper und die Rede ging in Gesang über: „G'tt hatte sich Tochter Israel angetraut, wie es im Hohenliede und in den Propheten immer wieder heißt. Eine Störung trat ein durch Israels Verschulden und die Trennung war unvermeidlich, Trennung von G'ttes Haus und G'ttes Tisch, von Tempel, Altar und Boden. Etwas durfte Israel bei der Lösung vom g'ttlichen Gemahle mit ins fremde Heim nehmen. Was tat Israel? Es nahm seinen G'tt mit, und blieb nunFort auf allen Goluswegen von ihm ungetrennt. Und seht, Freunde, Brüder — der Gesang schwang sich wie ein warmer Strahl in die Höhe — wir fahren heim, und G'tt ist mit uns. Wandern von einem Orte zum andern, und G'tt ist bei uns, der Sabbat in uns. Seht ihr dort die Ruinen von Rom und Griechenland? Und in uns leuchtet das Heiligtum, das Rom und Griechenland uns einmal genommen, entweiht, zertrümmert haben . . ." Das war alles so schön und herzergreifend gesagt, daß alle, selbst die Chaluzim, aufmerksam aufhorchten. In B a r s i 1 a i, dem baumlangen, von Gesundheit strahlenden und strotzenden jungen Autoschlosser, regte sich aber Widerspruch. „Die Ehe," sagte er, „war aber von spätem Glücke gesegnet. Die Kinder stellten sich ein. W i r sind die Söhne, und wir kehren hei m." „Und wir nicht?" protestierten die Alten. „Sind wir keine Söhne und kehren wir nicht auf dem gleichen Wege heim wie ihr?" „Lange genug gewartet," parierte Barsilai, und viele seiner Freunde sekundierten ihm. „Wir bauen am jüdischen Lande seit vierzig Jahren, seit Herzl, ja noch länger, seit fünfzig Jahren, seit „Bilu". „Und w i r bauen seit zweitausend Jahren," ereiferte sich einer aus dem älteren Flügel. „Haben wir seit der Zerstörung überhaupt je aufgehört, von Zion zu sprechen und zu beten?" „Jawohl," triumphierten die Jungen im Chore, „sprechen, beten, weinen, Tränen und Seufzer, indes wir singen und arbeite n." „Arbeiten?" hakten die Anderen ein. „Haben unsere Alten, die den Weg nach dem- Lande fanden, bevor dort Wege und Bahnen gebaut waren, da es noch keine Kolonien und kein Tel Awiw gab, sich nicht mit den Händen, mit dem Herzbiut jeden Schritt des heiligen Bodens errungen? Waren Nachmanides, Bartenora, Scheloh und tausend andere später nicht die Chaluzim, die die Pionierarbeit auch für euch geleistet haben?" „Kommt mir nicht mit Geschichte," wurde Barsilai schroff und fuchtelte mit den sehnigen Schlosserarmen. „Schluß mit den Theorien und Ideologien. Heute gilt die Arbeit, und die habt ihr Ueberfrommen uns überlassen. Jetzt, da wir hundert Kolonien und ganze Städte aufgebaut haben, kommt ihr mit eurer Thora und wollt mitbauen, ja, uns sogar Ratschläge und Weisungen erteilen. Ihr kommt spät, liebe Brüder, wir sind euch um viele, viele Nasenlängen vorausgeeilt." „Was die Nasenlänge betrifft," warf ein witziger Alter ein, „wollen wir nicht streiten, wir können es darin mit euch aufnehmen . . ." Das überhörten Barsilai und seine jungen Freunde. Obwohl sie in vielem mit ihm nicht übereinstimmten, waren sie alle darüber einig, daß die Alten und Frommen doch reichlich spät, ja zu spät kämen. Es drohte ein ernstlicher Streit auszubrechen. Da griff Nachum Chabad ein: „Werde ich euch eine hübsche Geschichte erzählen, einen Traum." Alle schwiegen, denn Nachum Chabad wußte schön und anregend zu erzählen. „Also hatte ich vorige Nacht im schaukelnden Schiffsbett einen schönen, einen glücklichen Traum. Moschiach war da, ganz plötzlich. Wachten auf und hörten die Posaune rufen. Was meint ihr, wer zuerst dem Rufe folgte?" „Natürlich wir," schrieen die Chaluzim. „Natürlich ihr, wer denn sonst? Schon nach dem ersten Ruf waren alle Chaluzim und alle Jüngeren und Aelteren, die seit dreißig oder fünfzig Jahren Zion im Munde tragen, um Moschiach versammelt. Auch die Anderen in den Westvierteln der europäischen Städte, die bislang von Zion und Jerusalem nichts wissen wollten, zauderten nicht lange. Schnell rasiert, fein Toilette gemacht, Frack und Zylinder an, und schon waren sie unter Moschiachs Fahnen. Es gab aber welche, — Nachum dämpfte die Stimme — die ein wenig zögerten und zaudcr-

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