Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1935)
- Date
- 1935-05-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450879--81300-2539184- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 Nr. 22 Der Israelit 29.. Mai .1935 wesen sei. Nach längerer Aussprache wird in namentlicher Abstimmung der Antrag des Jüdischen Volksbundes mit 24 gegen 15 Stimmen angelehnt, und der Vertrag mit der Reformgemeinde mit dem gleichen Stimmenverhältnis bestätigt. Der Hilfsverein der deutschen Juden. B e r 1 i n , 15. Mai. Vor kurzem fand unter reger Beteiligung eine Sitzung des Geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der deutschen Juden unter dem Vorsitz von Herrn Max M. Warburg statt. Herr Warburg teilte nach einem Nachruf auf Generalkonsul Eugen Landau, mit, daß der Geschäftsführende Ausschuß erweitert wurde. Anschließend erstattet der Generalsekretär Dr. Wischnitzer einen Bericht über die Tätigkeit des Hilfsvereins. Er gibt eine Darstellung der Auswandererfürsorge seit April 1933. Angesichts der nicht nur auf dem Kontinent, sondern auch in den überseeischen Ländern bestehenden Einwanderungs- und Niederlassungsbedingungen war die Arbeit des Hilfsvereins besonders schwierig und verantwortungsvoll; die Beratungen erfordern in den meisten Fällen eine eingehende, individuelle Bearbeitung. In dem Zeitraum bis 31. März 1935 wurden über 100.000 Menschen beraten und mit Informationen jeder Art versehen, und zwar etwa 60.000 im Jahre 1933, 39.000 im Jahre 1934 und einige Tausend in den ersten drei Monaten des Jahres 1935. 11.416 Personen konnten die Auswanderung dank der Finanzierung durch den Hilfsverein antreten. Größer war die Zahl derjenigen, die ein planmäßiges Auswanderungsvorhaben erst nach Einholung umfassender Informationen durch den Hilfsverein verwirklichen konnten. Zwecks Beschaffung und Erteilung dieser Informationen setzt sich der Hilfsverein mit Gemeinden, Komitees, Privatpersonen in europäischen und überseeischen Ländern in Verbindung. In Deutschland arbeitet er mit Gemeinden, Provinzialverbänden und Wirtschaftsstellen, die bei den Gemeinden ins Leben gerufen wurden. Es gehen dem Hilfsverein Nachrichten zu, aus denen hervorgeht, daß es vielen Auswanderern gelungen ist, nach verhältnismäßig kurzer Zeit sich eine Existenz aufzubauen, und daß sie bereits in der Lage sind, ihre Angehörigen nachkommen zu lassen. Die Auswanderung nach Uebersee erstreckt sich auf etwa dreißig Länder. Uebergriffe amerikanischer Rabbiner. Berlin, 27. Mai. Unter obigem Titel berichteten wir in der Wochenrundschau der jüngsten Nummer über die unerhörten Uebergriffe amerikanischer Rabbiner, die darin bestehen, daß sie erstens eine eigenmächtige Zustimmung zu einer „Geburtenregulierung" ungefragt geben und zweitens, das schwierige Agunothproblem auf dem Wege der nun bv •pffrpp (bedingten Trauung) zu lösen suchen. Wir schrieben in diesem Artikel: „Die ITA. sprach von einem orthodoxen Rabbinerverbande, wir konnten aber auf Grund eingehender Erkundigungen feststellen, daß diese Einmischung usw. von der sogenannten R a b - binical Assembly of America aufging." Diese Darstellung bedarf insofern der Richtigstellung, als in der entsprechenden Meldung in Nr. 59 der ITA. von einem „orthodoxen Rabbinerverband" nicht die Rede war. Es hieß dort nur „Exekutive des Rabbinerverbandes Amerika s". Die Mitteilung, daß es sich dabei um den obengenannten Verband handelt, erhielten wir, auf unsere Erkundigung hin, von einem rabbinischen Vertrauensmann in Amerika. Wir nehmen die Angabe, die ITA. habe von einem „orthodoxen Rabbinerverbande" gesprochen, mit Bedauern zurück, bedauern aber andererseits, daß in jener Mitteilung nicht gleich der Verband beim richtigen Namen genannt wurde, sondern von der Exekutive des Rabbinerverbandes Amerikas die Rede war, wodurch, gewiß ohne Absicht der ITA., eine gewisse Irreführung der öffentlichen Meinung entstand. Die Rabbinical Assembly ist nicht der Rabbineryerband Amerikas, sondern setzt sich aus einer Gruppe von Rabbinern zusammen, die keineswegs das Recht für sich in Anspruch nehmen dürfen, in grundlegenden halachischen Fragen ein entscheidendes Wort zu sprechen. Ruhestörende Elemente in München. München, 27. Mai. Die Münchener Polizeidirektion veröffentlicht mit der Unterschrift des Innenministers Adolf Wagner eine Bekanntmachung, in der es heißt: Unter der Führung einer Reihe von verbrecherischen Elementen, von denen die Haupträdelsführer ein gewisser Schmidt — ein früherer Stahlhelmer — und ein gewisser Karpf, der im vorigen Jahre wegen Unterschlagung aus der Partei ausgeschlossen worden ist, hatten sich in München Terrorgruppen gebildet, um, wie sie sich anmaßend ausdrückten, i.die antisemitische Bewegung vorwärtszutreiben." Auf Konto dieser Elemente sind die Vorkommnisse der letzten 14 Tage, insbesondere die Störungen am Sonnabend, den 18. Mai, und Sonnabend, den 25. Mai, zu setzen, die vom Beschmieren der Schaufenster jüdischer Geschäfte bis zum gewaltsamen Eindringen in die Geschäftslokale mit vorzeitiger Schließung führten. Ferner sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch für das Abreißen der bei der Caritas-Sammlung vertriebenen Abzeichen und die Störung der Ruhe im katholischen Vereinshaus in der Schommerstraße verantwortlich. Die Polizei wurde bei Ausübung ihrer Pflicht da und dort beschimpft, ja, in einem Falle tätlich angegriffen. Die Schuldigen sind festgestellt bezw. verhaftet. Ihnen wird wegen Landfriedensbruch, Störung der öffentlichen Ruhe, Sicherheit und Ordnung und Beamtenbeleidigung, ohne Rücksicht auf Person und Parteizugehörigkeit, der Prozeß gemacht werden. Warnungsschild und Kunstwerk". Nürnberg, 17. Mai. Unter der Ueberschrift ' „Warnungsschild und Kunstwerk" schreibt die „Fränkische Tageszeitung" in Nürnberg: „Der Bürgermeister der Gemeinde Oberasbach, Bezirksamt Fürth i. B„ ließ innerhalb seiner Gemeinde Schilder aufstellen, die die Einwohner und insbesondere die Bauern auf die Gefahr hinweisen sollen, die ihnen entsteht, wenn sie mit dem Juden Geschäfte machen. Solche Tafeln stehen in Oberasbach, Unterasbach und Altenberg. Das Warnungsschild stellt in Holzplastik einen alten vergrämten Bauern, einen feisten Juden und eine Kuh dar. Der Bauer sitzt vergrämt auf einem Stein und sieht zu, wie ihm der Jude seine schönste Kuh wegführt. Unter der Holzplastik ist folgender Spruch angebracht: „Schaut Leute, euch den Bauern an, welch Leid der Jud ihm angetan!" Entwurf und Holzschnitzerei stammen aus der Werkstätte des bekannten Nürnberger Bildhauers Hugo Ziegler, Nürnberg, die Malereien und Beschriftung von Kunstmaler Karl Lange, Nürnberg. Die Schilder sind ein Kunstwerk und zugleich ein weithin sichtbares Warnungszeichen für die Einwohnerschaft und die Besucher der Gemeinde Oberasbach. Es sollte heute keine Gemeinde mehr geben, in der die Einwohnerschaft nicht öffentlich vor dem ewigen Juden gewarnt wird. Wenn nun in Form von Schildern gewarnt wird, dann muß auch auf Kunstsinn ein Hauptaugenmerk gelegt werden; denn erstens bilden Schilder in der Art der hiesigen ein Kunstwerk für die Gemeinde und andererseits ist dem einheiniStchen und in so schwerem Existenzkampf liegenden Kunsthandwerk etwas aufgeholfen." Die „Fränkische Tageszeitung" veröffentlicht eine Abbildung des erwähnten Schildes. Tagung des Sächsischen Israelitischen Gemeindeverbandes in Dresden. Dresden,' 23. Mai. In Dresden fand unter starker Beteiligung fast aller Gemeinden eine Tagung des Sächsischen. Israelitischen Gemeinde verband es: statt. .:;' Den Verwaltungsbericht sowie den Bericht über den Haushaltsplanjür 1935 erstattete der Verbandssyndikus Dr.* Saalheimer. Der Etat1 weist"gegen-" über dem Vorjahre zwei wesentliche Erhöhungen in den Ausgabepositionen auf, die durch die erhöhten . Kopfbeiträge, die, umgelegt nach dem Reichseinkommensteuersoll der Gemeinden, über den" Gemeindeverband an die Reichsvertretung abgeführt werden und durch den vermehrten Bedarf der LandeswohlfaLrtsstelle bedingt sind. Die Landeswohlfahrtsstelle fungiert neuerdings gleichzeitig als Landesstelle für Wirtschaftshilfe. Bewilligt wurden einmalige Zuwendungen an die Hebräische Universität Jerusalem aus Anlaß ihres 10jährigen Bestehens und an den Keren Kajemeth zur Rothschild-Aktion. Der Etat wurde — gegenüber dem Entwurf unverändert — einstimmig angenommen. Die Prüfung des Rechnungswerkes für 1934 hat zu keinerlei Beanstandung geführt. Es wurde daher ihre Richtigsprechung beschlossen und dem Vorstand Entlastung erteilt. Die Tätigkeit des Verbandes soll namentlich auf dem wichtigen Gebiete der Jugendarbeit eine noch stärkere Aktivierung erfahren. In Aussicht genommen wurden u. a. Kurse für sächsische Jugendführer in Dresden-Oberrochwitz und die Weiterführung der von Leipzig bereits erfolgreich aufgenommenen Lehrerfortbildungsarbeit. Es wurde ein Ausschuß für Unterrichts- und Jugendfragen eingesetzt, dem neben Vertretern der Sächsischen Rabbinerkonferenz und der Sächsischen Lehrervereinigung die Schuldezernenten der größeren Verbandsgemeinden angehören. Dieser Kommission wurde ferner ein Antrag auf Schaffung einer Verbandsordnung zur Beaufsichtigung des gesamten Religionsunterrichts überwiesen. Es wurde ein dringender Appell an die Gemeinden gerichtet, das jüdische Schulwesen weiter auszubilden. Schüler, die nicht durch nichtarische Lehrer unterrichtet werden dürfen. Hamburg, 23. Mai." In Hamburg haben die Wohlfahrtsbehörden, nachdem eine Behandlung von Wohlfahrtspatienten durch, nichtarische Aerzte nicht mehr erfolgen darf, eine neue Anordnung getroffen, durch die mit sofortiger Wirkung untersagt wird, daß Schüler von Fachschulen, deren Schulgeld ganz oder teilweise von der Wohlfahrtsbehörde getragen wird, durch nichtarische Lehrer unterrichtet werden. Diese Anordnung betrifft in erster Linie Musikkonservatorien, an denen noch einzelne jüdische Lehrer tätig sind. Tagung des Provinzialverbandes der Jüdischen Gemeinden Nordwestdeutschlands. Hamburg, 21. Mai. Unter Beteiligung von Vertretern sämtlicher Gemeinden Schleswig-Holsteins, der Hansestädte, Oldenburgs und des preußischen Regierungsbezirks Stade trat in Hamburg der große Ausschuß des Provinzialverbandes der jüdischen Gemeinden Nordwestdeutschlands zu ejiner Tagung zusammen. Aus dem erstatteten Geschäftsbericht ergibt sich, daß der Verband für die kleinen Gemeinden fruchtbare Arbeit geleistet hat, indem er für den Religionsunterricht in den Landgemeinden gesorgt, die Juden in den entlegenen Orten wohlfahrtspflegerisch betreut, eine Darlehenskasse ausgebaut, sowie zahlreiche Veranstaltungen kultureller Art durchgeführt hat. Für das Besitztum von Gemeinden, in denen keine oder keine nennenswerte Anzahl von Juden mehr lebt, hat der Verband Fürsorge und Verwaltung übernommen. Zur dauernden Aufrechterhaltung der unmittelbaren Verbindung der Reichsvertretung der deutschen Juden und damit zum Geschäftsträger ihrer Wünsche und Maßnahmen beim Landesverband Schleswig-Holstein und der Hansestädte sowie der ihm angeschlossenen Gemeinden und einzelnen.-Juden wurde eine Kommission eingesetzt. Der Verband will künftig das Jugendherbergswesen für wandernde jüdische Jugendgruppen ausbauen und, wie es bisher schon in Einzelfällen geschehen ist, Kinder aus den Kleinst gemeinden in den größeren Gemeinden zusammenziehen, um ihnen an den Feiertagen einen Eindruck jüdischen Gemeinschaftslebens zu vermitteln. Es sind ferner Lehrtagungen und Lehrkurse in Aussicht genommen. ' .„ ■