Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1935)
- Date
- 1935-05-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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23/ Mai 1935 Der Israelit Nr. 21 Seit« 9 Die Fortschritte der Palästinakolonisation. Jerusalem, 13. Mai Die hebräische Presse teilt mit, daß yom Früh jähr 1934 bis zum Frühjahr 1935 25 neue jüdische Siedlungen in Palästina mit Hilfe nationalen und privaten Kapitals gegründet, wurden. Vier Siedlungen in denen sich 800 Familien niedergelassen haben wurden von Juden aus Deutschland gegründet. Ins gesamt wurden bisher 180 jüdische Kolonien geschaf fen, die ein Areal von 1,300.000 Duriam umfassen. . Wie die Tageszeitung „Hajarden" mitteilt, hat die Palästinaregierung -3er Stadtgemeinde Tel Awiw ein Gebiet von 700 Dunam nördlich des Jar kon-Flusses zur Erweiterung der Stadt überlassen. Vor kurzem hat der Tel Awiwer Bürgermeister Meir Dizengoff im Stadtrat bekanntgegeben, daß die Regierung einen. Plan zur Erweiterung Tel Awiws nach Norden genehmigt habe. Mit dieser Erweiterung soll die Verlängerung der jetzt anläßlich des Regierungsjubiläums König Georg-Straße benannten Straße und der Ausbau eines „Drei Königs-Platzes" an ihrer Kreuzung mit der König"David- und der König Salomon-Straße. verbunden sein. Auf einer in Haifa abgehaltenen Konferenz des arabischen Jugendverbandes Palästinas wurde eine Resolution gefaßt, in der die Ver anstaltung von Protestdemonstrationen für den Fall angedroht wird, daß die Palästinaregierung nicht auf hören sollte, die jüdische Einwanderung nach Pa lästina zu erleichtern. Am 15. Mai fand im Em ek Sebulun (Haifa Bay Gebiet) die Grundsteinlegung zu einer neuen Sied Jung statt, die zu Ehren des ehemaligen Ministerpräsidenten und jetzigen Justizministers der Südafrikanischen Union, General Smuts, den Namen Kfar Smuts tragen soll. General Smuts gehört bekanntlich zu den Männern, die sich besonders warm für die Verkündung der Balfour-Deklaration eingesetzt haben. Er hat sich auch später bei den verschiedensten Anlässen als ein aufrichtiger Freund der Juden und der zionistischen Bewegung erwiesen. Der Schaden, den die Orarigenpflanzungen in Palästina durch die letzte Hitzewelle erlitten haben, ist außerordentlich groß. Nach dem Urteil von Sachverständigen ist mit einem 50prozentigen Ausfall bei der künftigen Ernte zu rechnen. Die Pflanzungen im Hügelgelände haben ungleich stärker gelitten als diejenigen in den Ebenen. Bei einer Brunnenbohrung in der nach Dr. Chaim Arlosoroff Kirjath Chaim benannten Siedlung im Haifa Bay-Gebiet wurde in einer Tiefe von 40 Metern unter dem Meeresspiegel Süßwasser in reichlicher Menge gefunden, Ausweisung aus Palästina trotz rechtsgültiger Verheiratung mit Palästinabürgern, Jerusalem, 15. Mai. In einem Eisenbahnzuge vollzogen Während der Fahrt von Haifa nach Jerusalem zwei palästinensische Bürger die rituelle Trauungszeremonie mit den Schwestern Guella und Helena Gr.eenber£, Trotz ihrer Verehelichung wurden sie aber als „illegal" deportiert. Wie das Oberrabbinat Palästinas der ITA. mitteilt, war die Trauungszeremonie den Gesetzen der jüdischen Religion und den palästinensischen Landesgesetzen gemäß vollzogen worden, so daß rechtsgültige Ehen begründet wurden. Die Betroffenen sind demnach in der Lage, Rechtsmittel gegen die Deportierung zu ergreifen. Wochenkalender. Vom 25. Mai — 1. Juni 1935 / Vom 22. — 29. Ijar 5695 Samstag Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag Samstag w 25 22 'SO R33 10 26 23 TO 27 24 no Mai 28 25 : t>0 29 1"K 26 : * 30 27 8» 31 28 Juni 1 29 . m 'n p>is Ttpnz tOp UM OV »in in» "i pis *vn»a er.m ranara Vla'uled: Samstag abends 8 Uhr «/s Min. _ Personalien. Bezirksrabbiner Dr. Joseph Wohlgemuth s. A. Kitzingen a. M., 20. Mai.' Ein ^na' ein Mann, der trotz seiner jungen Jahre das Epitheton eines verdient, der jedenfalls zu einem i>ro sich zu entwickeln, die gediegenste Aus sieht bot, wutfde uns am "9. Ijar entrissen. Bezirks rabbiner Dr. Joseph Wohlgemuth in Kitzingen wurde seiner Familie, seiner Gemeinde, seinem Rab binatsdistrikt, seinen Freunden und dem ^kh?' bbs entrissen. Vor sechs Wochen hat der teure Verblichene seinen 50, Geburtstag begangen. Wie viel Verehrung und Liebe' hat man dem teueren Mann an diesem Markstein seines Lebens entgegengebracht! Wie viele fromme Wünsche und Gebete wurden zu G'tt emporgesandt, daß er dem seit längerer Zeit leidenden Mann eine rmbv hkist senden möge. Eine kurze Widmung in dieser geschätzten Zeitschrift angesichts des Geburtstags schloß mit den Worten; „Wir wünschen Herrn Dr. Wohlgemuth noch ungezählte Jahre segenreichen Schaffens im Kreise seiner Frau und seiner Kinder."' Die Vorsehung in. ihrer Weisheit hatte es anders beschlossen. Joseph Wohlgemuth ist nach kaum sechs Wochen von der Schaubühne dieser Erde abgetreten, seine Familie und seine Gemeinden in tiefstem Schmerz zurücklassend. Mit ihm ist einer der befähigsten und bewährtesten Schüler des Hildesheimer'sehen Rabbinerseminars in Berlin ins Grab gesunken, in dem sich die hervorragendsten Eigenschaften, die herrlichsten Vorzüge des Geistes und des Gemütes vereinigten. Joseph ^Wohlgemuth war eine imponierende Gestalt von Stattlichkeit und Schönheit. Er war ein Mann wahrer Vornehmheit in der äußeren Erscheinung und noch mehr in seinem seelischen Gehalt. Er war ein lauterer fleckenloser Charakter, ein gerader, aufrichtiger Mensch. Joseph Wohlgemuth genoß die uneingeschränkte, volle Freundschaft seiner Studienwie seiner Amtskollegen. Ihm ward die ungeteilte Hingalbe seiner Gemeinden zuteil, er besaß die Liebe und Verehrung. der Erwachsenen und die Zuneigung seiner Schüler, der Kleinen. Joseph W. genoß die unbezweifelbare Achtung und ein uneingeschränktes Ansehen in der weiten Öffentlichkeit, ohne Unterschied der religiösen Richtung und der Partei. Joseph W. war ein Mann von hervorragenden Geistes- und Gemütseigenschaften, ein Mann von bemerkenswertem Wissen auf allen möglichen Gebieten, ganz besonders im Bereich der jüdischen Religionswissenschaften, des Tin des Talmuds und der Dezisoren. Hier hatte er den Grundstock zu seinem Wissen bei seinem gelehrten Großvater Rabbi Jesajah Wohlgemuth s, A. und seinem in jüdischen und profanen Dingen in gleicher Weise gebildeten Vater Levy Wohlgemuth b"i gelegt. Auf diesen Grundlagen baute der Verblichene weiter im Berliner Seminar unter Anleitung und Führung seines philosophisch und talmudisch in gleicher Weise hochgebildeten älteren Vetters Dr. Joseph Wohlgemuth und seines berühmtesten Lehrers, des Seminarrektors Dr. David Hoffmann s. A. In ganz jungen Jahren übernahm er in der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt in Würzburg das Amt des Religionslehrers und talmudischen Dozenten. Bei seinem Probeunterricht imponierte allen Teilnehmern die klare, logische, auf den Gesetzen der Grammatik und der streng wissenschaftlichen Exegese basierende Methode. Die Schüler Wöhlgemuths aus jener Zeit bewahrten ihrem tüchtigen und sympathischen Lehrer fort und fort ihre Sympathien, ihre Dankbarkeit und Anhänglichkeit. Zwei Jahre wirkte er am Seminar. Er wurde alsdann nach Königsberg in Preußen an die dortige orthodoxe Gemeinde berufen, um nach wenigen Jahren das durch das Ableben von Rabbiner Immanuel Adler s. A. verwaiste Distriktsrabbinat Kitzingen zu übernehmen. Joseph Wohlgemuth hat hier in der Erziehung der Jugend, in der Anregung der Erwachsenen außerordentlich glücklich gewirkt. Er genoß .das volle Vertrauen seiner Gemeinden; ihm schlugen die Herzen aller zu. Seine gesinnungsgenössischen Kollegen sahen in ihm einen der begabtesten, fähigsten und zuverlässigsten Führer. Er schuf in seiner Gemeinde ein Milieu wahren Thorageistes, so daß in dieser doch kleinen Gemeinde es selbstverständlich war, daß ' jeder nixn 13 mit einer nam vor die Gemeinde trat. Ganz besonders mächte sich Joseph Wohlgemuth durch die Leitung der in regelmäßigen Intervallen abgehaltenen Lehrerfortbildungskonferenzen verdient, bei denen er aus seinem reichen Wissensborn das Beste darbot. Joseph W. hat als-langjähriges Mitglied des Kuratoriums der Lehrerbildungasnstalt in Würzburg direkt und indirekt die Lehrerbildung gefördert und gehoben. Zu Ehren des nsw sei auch erwähnt, daß er während des Weltkriegs, als die Lehrer der Mittelschulen zumeist im Felde standen, sich dem Staate und Vaterlande zur Verfügung stellte und neben den Rabbinatsgeschäften auch einen Teil des neu-philologischen Unterrichts an der Realschule in Kitzingen übernahm und längere Zeit fortführte. t Joseph W. wurde durch das . Vertrauen seiner Amtsbrüder auch zum Vorsitzenden der im Jahre 1897 gegründeten'Pensions- und Reliktenkasse bayrischer Rabbiner berufen. Er hat dieses Amt in Sachkenntnis und Gewissenhaftigkeit mehrere Jahre bekleidet, bis die Pensionskasse durch eine andere Organisation abgelöst wurde. Das Vertrauen der Kollegen berief ihn auch zu dem Amt eines Mitglieds der Tagung des Verbandes bayrischer israelitischer Gemeinden und von Jahrzu Jahr zu der Funktion des konservativen Etatsredners. Auch wurde ihm das ehrenvolle Amt des stellvertretenden Vorsitzenden der Tagung übertragen. Dr. Wohlgemuth genoß die volle, ungeteilte und unterschiedslose Achtung und Wertschätzung aller Mitglieder des Verbandes. Mit großer Sachkenntnis, mit bemerkenswertem Mut und Tapferkeit vertrat J. W. im Verband die Interessen des konservativen Judentums. Er hat dort durchaus seinen Mann gestanden und im Zusammenstehen mit den gleichgesinnten Kollegen das Vertrauen seiner Wähler gerechtfertigt. Daß er überall, wo es galt, nun paia zu sein, zur Belehrung von Jung und Alt, zur Stelle war und, wenn immer der Ruf an ihn erging, zu Vorträgen und Referaten bereit war, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Joseph W. war ein Mahn, ein ganzer Mann, der überall, wo er stand und wirkte, den von ihm vertretenen Interessen zum Segen gereichte. Sein Andenken wird ein stets gesegnetes sein. Möge der allgütige Lenker der Geschicke der schwer getroffenen Familie Trost und Stütze gewähren! Möge er dem schwergetroffenen V?o Ersatz verschaffen! Der hier skizzierten Bedeutung des teueren Mannes entsprechend gestaltete sich auch die am 14, Ijar in der Synagoge in Kitzingen abgehaltene Trauerfeier, sowie die sich daran anschließende Beerdigung in Rödelsee, zu einer seltenen Kundgebung der Verehrung, Liebe und Dankbarkeit. Je4e Miene in den Gesichtern der zahlreichen Trauernden verriet ehrliche, aufrichtige Verbundenheit in Liebe und Treue. Dieselben Gefühle sprachen aus den Ausführungen der zahlreichen Trauerredner. Den Reigen eröffnete in meisterhaften Ausführungen Herr Dr. H a n o v e r , Würzburg; ihm schlössen sich an Herr U 11 m a n n , der Vorstand der Gemeinde Kitzingen, Justizrat Dr. 0 e s t r e i c h , München, der im Namen des Verbandes sprach; Justizrat Dr. Haas, Würzburg im Namen der größten Nachbargemeinde, Dr. Köhler, Schweinfurt; Dr. Klein, Nürnberg, Lehrer N. Bamberg e r, Kitzingen, der auch, neben seiner Rede, in wunderbaren Gesängen dem Schmerz der Versammlung beredten Ausdruck verlieh; . Direktor S t o 11. Den Abschluß bildeten die schmerz- und dankerfüllten Ausführungen zweier Schüler des Ver- . blichenen. Die Menge der Teilnehmer — auch der nach Rödelsee mit hinausgezogenen — war schier unübersehbar. In Rödelsee sprachen noch Herr Dr. Weinberg, Regensburg und Dr. Münk, Ansbach. Wir schieden von der Stätte der Trauer und des Schmerzes mit dem Bewußtsein, daß wireinen der Besten und Edelsten der Erde zurückgegeben haben, von dem das Psalmwprt gilt: p?"tt "»n1» zby I3i^> St. Ein Altersjubilar. Emden« 21. Mai. Herr Hermann von der Walde wird am Freitag, den 24. Mai, 85 Jahre alt. Es ist ein Altersjubiläum, dem jugendliche Kraft ausströmt. Wenn in dieser früheren Hirsch-Gemeinde die starken Spuren jener Glanzzeit noch nicht verwischt sind, wenn dort Synagoge, Schule und Institutionen alle echtjüdischen Geist atmen, so ist es das Verdienst der Q'3pT> in denen die Landrabbiner, die seitdem das heilige Gut in der Gemeinde hüteten, die festeste Stütze hatten. Herr Hermann v. d. Walde, der Fünfundachtzigjährige, gehört zu den treuesten Wächtern der heiligen Tra- - ditionen in Emden, Sein Haus, das er mit der tapferen, gleichgearteten Gattin teilt, war stets eine Heimstätte schlichter Frömmigkeit und stiller jüdischer Wohlat. Wie eine Säule aus alter Zeit stand Hermann v. d. Walde da, wenn neue Strömungen aufkamen und am Alten rüttelten. Er, der keinen G'ttesdienst in der Synagoge, keinen Lernschiur versäumte, war und ist Vorbild und Wegweiser für die Jugend. Und Jugendkraft strahlte aus diesem Hause nach allen Seiten aus mit den Söhnen, die sich tapfer und führend in Gemeinde und Gemeinschaft betätigen, den Töchtern, die überall gut jüdische Häuser im Sinne der Eltern führen. Im Stammhause, wo die ehrwürdigen Eltern zusammen mit einem der Söhne wohnen und drei Generationen um jüdischer Lehre und Tat vereinigt sind, trifft sich auch die jüngste Jugend bei Schiurim und jüdischer Belehrung. Im Weiterwirken des v. d. Walde'schen Hauses ist die lebendige Bestätigung der S. R. Hirsch-Erklärung zum Psalmsatze enthalten: 1 tPliMn '3313 1135 t»s D'xns „Pfeile in der Hand des Helden sind die Söhne der Jugend". Losgelöst von -des Schützen Hand, nehmen sie immer noch die Richtung, die ihnen der Meister gegeben hat . . . Am Jubiläumstag des Herrn Hermann v. d. Walde verbinden wir mit unserem Glückwunsch den Dank der Thoragemeinschaft in Deutschland. Möge er an ■der Seite der Gattin das Aufgehen der von ihm in einem langen Leben gestreuten Saaten an Kindern und Kindeskindern in vollem Maße erleben. '.nw Q'-iwsi n«a ty Sch. niMr^r^]^T~~'~TTT