Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1935)
- Date
- 1935-05-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 21 Der I s r. a eh J 23. Mai 1935 wohnt, die auch eine — Belastungsprobe auszuhalten vermag. Will die Golah sich mit der „Rettung" des Alten Jischuw begnügen, so möge sie es sagen. Alsdann würde ich dringend raten, für die Jugend der Weltorthodoxie die Grenzen von Erez Jisroel zu — sperren. Will die Golah aus der Masse der Einwandernden einen, thoratreuen Neuen Jischuw schaffen, so möge sie danach handeln. Hand in Hand mit immer wachsender praktischer Arbeit wird sie alsdann den hier behandelten Problemen, ins Auge schauen und für sie die Lösung suchen müssen. Diese Probleme tatbestandmäßig aufzuweisen und ihre Lösung anzubahnen, war der Zweck meiner Arbeit. Wochenrundschau- Ein Heiligtum der jüdischen Gemeinschaft ist bedroht. Eine kleine Notiz ging durch die jüdischen Zeitungen, die uns aufs Tiefste erschüttern müßte, wäre nicht das Judentum der Welt heute von anderen Sorgen und Lasten im Banne gehalten, die Werte des Gefühls und der Pietät in den Hintergrund drängen. In W i 1 n a , dem alten Zentrum des jüdischen Geistes, befindet sich an der Peripherie der Stadt das heilige Feld, auf dem Rabbi Elijah, der Wilnaer Gaon, ruht, und unweit von ihm der für den heiligen G'ttesnamen als Märtyrer dahingegangene Abraham Sohn Abrahams, der „Ger Zedek". Andere Namen, die nicht allein dem litauischen Judentum, sondern auch uns im Westen und überall auf dem Erdenrund etwas bedeuten, wie Rabbi Awrohom D a n z i g e r , der „Chaje Odom", Rabbi Salman und Rabbi Saul Katzen eil enbogen melden u. v. a. die alten Grabsteine. Wer als Jude mit jüdischem Herzen nach Wilna kommt, weilt eine Stunde in tiefem, beschaulichem Gedenken vor diesen heiligen Gräbern, die einmal Wilna zum „litauischen Jerusalem" gemacht haben, und empfindet es dankbar, daßüber diese toten Steine hinaus lebendige Denkmäler — in ihren Schriften — von diesen Großen zeugen. Wilna ist heiliger Boden im Reiche der jüdischen Geistesgeschichte, und dieses Totenfeld ist der heiligste Platz auf jenem heiligen Boden. Nun soll mit Spaten und Axt diese heilige Erde entweiht werden. Auf Beschluß des Stadtrates soll das Feld umgegraben und zu einem Sport- und Spielplatz für die Wilaner Jugend umgewandelt werden. . e Seit hundert Jahren ist der alte Wilnaer Friedhof geschlossen und seit Jahrzehnten hat die Gemeinde um dieses heilige Fleckchen Erde schwer zu ringen, es gelang immer und immer wieder, die Gefahr abzuwenden. Selbst in den ersten Kriegsjahren, da die Kanonen über die alten Gräber donnerten, glückte es, die Integrität des Friedhofes zu wahren. Die deutsche Okkupation und die darauf folgende litauische Herrschaft erkannten das jüdische Eigentumsrecht ohne weiteres an. Sollte jetzt unter dem Schutze Polens, im Zeichen der Trauer um den Mann, der dieser Tage dahin ging und der Garant aller nationalen und religiösen Rechte auch der Minderheiten im polnischen Staate war, dieses Heiligtum den übersteigerten Sport- und Spielgelüsten der neuen Generation zum Opfer fallen? Die Wilnaer Gemeinde setzte sich kräftig zur Wehr. Die jüdischen Ratmänner im Magistrat protestierten mit aller Kraft gegen den Plan, das Rabbinat unterbreitete der Behörde ein Gutachten, und eine Massenprotest Versammlung in der großen Schul brachte den Willen der jüdischen Bevölkerung eindeutig und einmütig in überwältigender Weise zum Ausdruck. Man darf hoffen, daß diese jüdische Stimme nicht ungehört bleibt. Findet sie aber nicht die nötige Beachtung, so hätte das Judentum der ganzen Welt auf würdige und im Rahmen des internationalen Rechtes liegende Art zu bekunden, daß der alte Wilnaer Friedhof, die Ruhestätte des Wilnaer Gaon, keine Angelegenheit von Wilna und Polen, sondern Heiligtum und Ehrensache der gesamten jüdischen Gemeinschaft ist. Diesem heiligen Boden muß der Schutz gesichert werden, wie er den Heiligtümern aller Nationen, wie er den geweihten Stätten in Palästina von jeher geboten wird. Übergriffe amerikanischer Rabbiner Mit^ereinfachtem, gut amerikanischem Verfahren suchen amerikanische Rabbiner die geistigen und religiösen Probleme des Judentums zu lösen. - Wir hatten vor kurzem Gelegenheit, die Entschließung eines amerikanischen Rabbinerverbandes zu dem Thema der Geburtenregelung, die in krassem Widerspruch zu den Anschauungen und Vorschriften des jüdischen Religionsgesetzes steht, hier aufs Schärfte . zurückzuweisen. Die ITA. sprach von einem ,, o rthodoxen" Rabbinerverbande. Wir konnten aber (siehe .Korrespondenzenteil in Nr. 19 vom 9. Mai) auf Grund eingehender Erkundigung feststellen, daß keiner der beiden orthodoxen Rabbinerverbände Amerikas, wie selbstverständlich zu erwarten war, mit jfener Entschließung etwas zu tun hatte, daß diese Einmischung in eine Gesetzesangelegenheit, die sich erst im Stadium der ersten Vorberatung befindet, von der sogenannten Rabb.inical Assembly, einer Körperschaft, die konservativ und liberal sein will und darum von beiden Seiten nicht ernst genommen wird, ausging. Daß sich diese Herren beeilten, ungefragt, „im Namen der jüdischen Religion", ihre Zustimmung zu dem von radikaler Seite eingebrachtem Gesetze zur Geburtenregelung zu geben, war, gelinde gesagt, eine Taktlosigkeit nach zwei Richtungen hin: eine Taktlosigkeit gegenüber der Regierung und den gesetzgebenden Behörden, die ihr Gutachten nicht eingeholt haben, und erst recht eine taktlose Anmaßung' gegenüber den berufenen Thoralehrern in Amerika und Europa, die allein kompetent sind, in solchen grundlegenden religiösen Fragen im Sinne und im Geiste von Tho.ra, Talmud und Dezisoren zu entscheiden. Obwohl die Herren von verschiedenen Seiten über ihr unverständliches Verhalten belehrt worden sind, lassen sie nunmehr jener F' tschließung eine zweite von nicht minder grundlegender Bedeutung folgen. Nach einem Bericht aus New York hat der gleiche Rabbinerverband auf feiner dieser Tage abgehaltenen Jahresversammlung den Beschluß gefaßt, das Pr o hl e m .-de r A g u n o t h (der von ihren Männern verlassenen Frauen) kurzerhand zu .„lösen". Die von ihnen beschlossene Neuerung besteht, nach einem Berichte der ITA., darin, daß der Ehemann vor Schließung der Ehe eine Erklärung unterzeichnet, wonach die Ehe als ungültig anzusehen sei, wenn er drei Jahre lang nicht für den Unterhalt der Familie sorgt oder drei Jahre lang verschollen bleibt. Also etwas wie b$ ptPITj?' Was die geistige Produktion langer Thoragenera- Die nnDin — unser Schicksalsbuch. Eine Sefirohbetrachtung. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Dumpf und ernst schlagen wieder die Töne der nnain, die Klänge der Zurechtweisung an unser Olm Als eine Schicksalsverkündigung für Israel, das Volk der freien G'tteswahl, erscheint dieses Kapitel mit all' seinen Strafandrohungen uns, den Spätgeborenen, die wir in seinen verhängnisvollen Worten die Spuren unserer Geschichte vorgezeichnet finden. Fast sträubt sich der Mund, alle diese Ankündigungen mit ungebrochener Stimme auszusprechen. Es ist die volle, tiefe Judennot, die hier angedeutet ihre Deutung findet. Israels Leidensweg durch das Golus aller Zeiten wird als die unmittelbare Folge seines bis zum Abfalle sich steigernden Ungehorsams geschildert. i wn n« oaianV — iDNan >npna oki;hpj?ji sVi — •>'? dki /D3^> J1KT nWJTK 'JN *]K — wenn ihr meine Satzungen verachtet, so daß ihr sogar meinen Bund zerstört —, dann werde auch ich euch dasselbe tun." Dasselbe! — eine folgenschwere Verkündigung, mn naia mn Maß um Maß! Abkehr von G'tt, Preisgabe seiner Lehre fordert den Zorn des ewigen Weltenschöpfers heraus, der auch der Allheilige ist, daß gebrochen werden die Stützen unseres Seins und versiegen die Quellen unserer Kraft. Anders wie die anderen Völker soll Israel sein. Nicht Macht und Größe sind die Bedingungen seiner Blüte. Aus.dem Boden der mirsprießt ihm Heil und Segen. G'ttes Wort soll ihm höchstes Gesetz sein und dessen Verwirklichung die Zielsrichtung seiner Aufgabe. Das ist der Bund, den der Allweise mit Israel geschlossen. Mit dem Treuschwur unserer Väter, dem Gelöbnis ihrer steten Hingabe und beharrlichen Opferfreudigkeit ward dieser Bund unverbrüchlich für alle Zeiten und alle Geschlechter besiegelt ... Wehe dem Geschlechte, das Untreue auf die abschüssige Bahn des Ungehorsams stößt. Es ist um sein Glück, um seine Ruhe, um seinen Frieden geschehen. Dieses Schicksal ist uns verbrieft. ,'ipa äs»? 'as ejx 'flsVni »ip »a» atnbm „Wenn ihr in Abkehr von mir wandelt, so gehe auch ich euch zuwider." aa^y sa '38 tjsn Im Zorn komme ich dann über euch .... so fügen hier die Weisen des Midrasch an . . . Israels Abfall wandelt die liebende Fürsorge G'ttes in zürnende Strafe. Doch im Zorne G'ttes quillt bereits seine Liebe, in der Strafe, die seine Vaterhand verhängt, keimt wieder die nahende Erlösung. Der nnain versöhnlicher Schluß wird zum Stern der Hoffnung im Dunkel der Nacht, isrtf» arbsb ovtoa aVi D->nö8» vtb orra-s psa Dhvna nst Da. t]8i . -OrtK 'fl'13 „Auch dann, wenn sie befehdet sind, habe ich sie nicht verschmäht und nicht verworfen, um sie zu vernichten und meinen Bund mit ihnen aufzuheben." Welcher Trost liegt vollends in diesem Worte doch für uns! Weit, weit dürfen wir da von uns' weisen, die etwa von uns reden wollten. „Kein Heil gibts für Israel noch von G'tt." Die Ueberzeugung vielmehr waltet in uns und erhält uns aufreshti daß wir sind und bleiben das Volk G'ttes, im Schutze seiner unendlichen Fürsorge, bestimmt in der Schule der Leiden zur Selbstläuterung und Selbstbesinnung zu erstarken und immer mehr abzustreifen die Zeichen der Entfremdung und Entjüdischung. Zeugt es nicht von der Liebe des himmlischen Vaters, von seiner unerschöpflichen Huld und Gnade, daß wir nicht von der Weltenbühne verschwunden und geblieben wie der Fels im Meere umspült von den brandenden Wogen und wir auch losgelöst vom Boden unserer Heimat und zerstreut in alle Weltrichtungen uns als Bekenner des Einig-Einzigen behauptet haben. * . bwjsvi wa urbs1? - dmv wa dv&m xbi - d^tim wa d->adk» t& Babel, Syrien und Rom -— sie waren alle die Zuchtrute in G'ttes Hand, nicht um uns zu vernichten, sondern uns den Weg zu Ihm, unserm treuen Hirten, zurückzuführen. Das bleibt uns Trost und Zuversicht. Das soll uns aber auch Weisung sein in der Gegenwart. Wir haben es wohl schon erkannt, wie weit wir von unserm jüdischen Wege abgebogen. Haben wir aber auch schon ganz uns zurückgefunden? Ist es nicht vielfach ein leeres Hemmtasten nur? Wozu erst neue Wege suchen, wo allein die alten, die .erprobten zum rechten Ziele führen? Wir wollen unser Judentum kennen lernen, von jüdischem Geist erfahren und jüdisches Leben in allen seinen Beziehungen und Ausstrahlungen uns zueigen machen. Dieser Wille ist gewiß löblich, er kann aber nur dann segeribringende Frucht reifen, wenn er zu den Quellen unserer heiligen Lehre drängt und: dort nach Befriedigung ringt, wo ungetrübt ihm G'ttes Wort gezeigt und gedeutet wird. Die . n*nn lernen, wie sie uns vererbt ist und sie so erfüllen, wie sie, vom Sinai her uns übermittelt