Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1935)
- Date
- 1935-05-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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23. Mai 1935 ,0 e r 1 s r a e 1 i t Nr. 21 Seite 3 >!• I! : / . ' ■. . " - - "... - . - . .-- ' .. ■ ■ ■ .- Erez Jisroel-Probleme- (Fortsetzung von Seite 1;) folie verlieh und den gegnerischen Einwand entkräftete, alsM handle es -sich 'bei ihren Forderungen und Wünschen um Ziele einer mönchsordenartig abgesplitterten kleinen jüdischen Sekte, die mit dem Gros des jüdischen Volkes in keinem lebendigen Zusammenhang stehe. Aber immerhin: die Führern des Waad Hair Aschkenasx Waren die Einzigen im Lande, die den offenen und mutigen Kampf gegen die organisatorischen Bestre- -bungen des siegenden Zionismus wagten und sich mit großer Konsequenz für jüdische Gemeinden einsetzten, in denen die Thora die Alleinherrschaft hat. Kein Schüler Rabbiner HirschsV'piXT konnte ihnen freudige Zustimmung und treue Gefolgschaft versagen. Ich war allerdings schon vor neun Jahren, nach einem Aufenthält von kaum vierzehn Tagen, fast ganz ausgefüllt von Verhandlungen mit Regierungskreisen, nicht ohne Sorgen und Bedenken. Ich sah unsere Freunde völlig vom Impuls der Abwehr beseelt . und sah nur geringe Zeichen der Arbeit an einem wirklich konstruktiven Gemeindebau. Ich sah die Enge des Kreises unserer Freunde, - und diesen Kreis selber wie einen eisernen Reifen, der sie zwar fest umschloß, aber auch kaum jemand von außen hereinließ. Ich sah ihre Beziehung zu unserer damaligen Arbeiterorganisation und ahnte ihre Problematik. Und ich sah auch menschliche Schwächen, — Noch aber war mir der Sinn für die ungeheure Schwere der Aufgabe, vor die das werdende Erez Jisroel da*s gesamte thoratreue Judentum stellt; nicht aufgegangen. Das werdende Erez Jisroel: ganz eingetaucht in das tiefe Geheimnis der Ir Atikah, ganz umwoben vom Hauch unserer nationalen Vergangenheit, die kurze Aufenthaltszeit -durch die mir übertragene Mission durchaus konsumiert, bekam ich das werdende Erez Jisroel kaum zu Gesicht. — - Aber das zweite Mal landete ich und verweilte ich in — Haifa. Aber das zweite Mal erforschte ich — Tel Awiw; lernte ich die Kolonien kennen; suchte und fand ich die Fühlung mit unseren und auch mit thorafernen; Arbeitern; sprach ich mit thoratreuen Agudisten auch jenseits des, Kreises unserer Freunde; traf ich unsere Freunde selber,; genau wie einst, nur ganzauf Abwehr eingestellt, ihren Gemeindebau ohne erkennbaren Fortschritt, ihr Prinzip, die Freude der positiven Tat entbehrend, fast bis zur düsteren Formelhaftigkeit erstarrt; spürte ich nach der agudistischen Landesorganisation und siehe, sie war nicht; sah die Tausende jüdischer Menschen mitten im brandenden Leben stehen, und siehe, die Stimme der Thora fand nicht den Weg ins Leben: werdende Wirtschaft ohne Programm der Thora, werdende Kultur ohne das spendende Wort der Thora,: und die Menschen hilflos und verzagt in ihrer' Thoratreue* irrend und immer mehr sich verlierend in ihrer Thoraferne, anmaßend und imme'kühner.in ihrer Thoräfemdscliäft --: ,,in jenen/* Tagen war kein K^nig in Israel, ein jeder tat, Was ihm recht schien." — — Ist nicht der tiefste Sinn des Agudismus die Idee des Königtums G'ttes? Erschließt sich nicht aus dieser Idee dem Agudismus das Wesen des jüdischen Volkes, die geschichtliche Bedeutung des Galuth, unsere unzerstörbare Beziehung zum Heiligen" Lande und das Geheimnis des außerordentlichen Erlebens unseres ganzen Zeitalters? Kann G'ttes Königsland zu neuem Leben erwachen," ohne; daß G'ttes Königtum in die Geschichte vorstößt? Mag Zionisten ihr Kongreß den „wandernde .Judenstaat" sein: uns ist die Wende der1 Zeifrdie Wende im Königtum Gattes, dessen Thora von' Land zu Land mit uns zog ins Exil und -nun .über G'ttes Königsland schwebt, zögernd, harrend, suchend, ob G'ttes Königskin-, der, ihnv dort die Stätte bereiten. — ' Nur Beth Hamidrasch? Nur Schechitah und "Rabbinat?( Nur kärglicher Schatten der Galuth gemeinde? Nicht aber das volle, frische, arbeit frohe L e b e n , das G'ttes Gnade vor unseren; Augen erstehen läßt? Und n ur — Austritt? Austritt woraus? Aus tritt — auch aus dem — Leben? Ohne ernsthaft und mit Einsatz letzter Kraft darum gekämpft zu haben? An unauffindbarer Stelle in Tel Awiw hängt -—auch heute noch? — das armselige Schild des agudistischen Rabbinats. Und"" im großen G'tteshause von Tel Awiw drängen sich die vielen Huberte zagender, zweifelnder, irrender jüdischer Menschen im Banne der Klänge des Sabbateinzugs— Damals erkannte ich, daß der Weg, den wir gegangen sind, um G'ttes Königstum im G'ttes Lande die Stätte zu bereiten, nicht der richtige war-;— In Vorstellungen der Golah befangen, ward uns Erez Jisroel fast ausschließlich zu einem Gemeindeproblem. Daß wir das Gemeindeproblem selber, ganz im Gegensatz zur Golah, auch nur mehr nach seiner negativen Seite' behandelten und: einen Austritt ohne einen Eintritt konstruierten, daß wir neben dem Gememdeproblem das Wirtschaftsproblem und das Kulturproblem fast ganz außer Acht ließen und dadurch keinen rechten Zusammenhang mit den — Menschen fanden, ließ den Agudismus im öffentlichen Leben des Heiligen Landes nicht zur Geltung kommen. In der Golah freilich kann die Thora sich meist nur in der „religiösen" Gemeinde entfalten. Wehe dem, der an die Reinheit und an die unverfälschte Wahrheit der einzigen Galuthzufluchtstätte der Thora die Hand legt. Es ist kein Zufall, daß der siegende Zionismus Gemeinden im Sinne der Golah in Erez Jisroel nicht antraf. Das ganze Leben in Erez Jisroel war unseren Vätern ein einziger, G'ttesdienst. Es fehlte der Zwang, zur Aufgabenäbgrenzüng, ZUr Scheidung von Heilig und Unheilig, von Lehre und Leben, ja selbst von Ort und Ort. Die zusammenhaltende Funktion der Ortsgemeinde der Golah übte hier Erez Jisroel selber; aus. Die Zionisten kamen ins Land und gründeten thorafremde Wirtschaft und thorafremde Erziehung. Der Alte Jischuw schloß sich vor ihnen ab. Zu einem tätkräftigen Gegenstoß der Weltorthodoxie auf dem Gebiete der Wirtschaft kam es nicht. Sie versuchte das Erziehungswesen des Alten Jischuw zu fördern. Erst als der Waad Leumi mit seinem Vorhaben der Kenesseth Jißrael auf den Plan trat und damit seine Hand auch auf den Alten Jischuw ausstreckte, erhob sich'dieser zur Abwehr. Nicht aus innerem Bedürfnis ist unsere Gemeinde in Jeruscholajim gegründet worden, sondern als Rettting aus der Schlinge des Waad Leumi, Ohne die: Gefahr des Waad^Leumi wäre sie niemals (entstanden. Die Negation des Waad Leumi war und blieb der' Sinn der Austrittbewegung in Erez i Jisroel. Einen? positiven Gemeindebegriff selbst nur im Sinne, der Golah erzeugte sie nicht. Zu dem Wirtschaftsproblem und zu dem Kulturproblem der einwandernden Massen trat sie in keine Beziehung. Sie war im Grunde der Willensa u's druck des Alten Jischuw, von all dem stürmisch Neuen, das über E r e z J i;s r o e 1 h e r e inb r a c h , i n Ruhe gelassen zu werden. Daß der Agudismus diesem Alten Jischuw zu Hilfe eilte, verstand sich von selbst. Daß er ihm die Freiheit vom Waad. Leumi erstreiten half, bleibt sein dauernder Solz. Daß er Hunger und Elend von-ihm nicht wirksam' fernzuhalten,1 seine Thorasjtätten und Thoraforsiqner nicht mit voller Hand zu; ^stützen vermochte,' -muß ihn aufs tiefste bedrücken!! Aber inzwischen sind Tausende thoratreuer oder der Thora zugänglicher Menschen neu ins Land gekommen. Diese Menschen wollen nicht nur nicht von den Stürmen des werdenden Erez Jisroel in Ruhe gelassen bleiben, sie können es vielmehr gar nicht. Und wenn es Menschen gibt, die den Agudismus nötig haben, so sind sie es. Sie an sich zu ziehen, sie zu erfassen, sie in ihrer Thoratreue lebens- und widerstandsfähig zu machen, ist eine unweigerliche Pflicht des Agudismusi Der Alte Jischuw, soweit er entschlossen ist, in seiner ererbten Lebensposition zu verharren und soweit er sich die Kraft zutraut, seine Jugend dauernd sich zu! erhalten, braucht den geistigen Agudismus nicht. Aber der geistige Agudismus braucht ihn. Und die neu einströmenden Menschenmassen brauchen den geistigen Agudismus. Der Alte Jischuw darf den Agudismus nicht zwingen, zwischen ihm, der ihn nicht braucht, den aber er braucht, und dem Neuen Jischuw, der ihn braucht, wählen zu müssen. Wie immer die Wahl ausfiele: die Gefahren des werdenden Erez Jisroel würden sich ins Unermeßliche steigern. Der Agudismus braucht den Alten Jischuw. Findet unsere nach Erez Jisroel strömende Jugend in all ihrer Eigengesetzlichkeit keinen verständnisvollen Rückhalt am Alten Jischuw, so droht sie zwischen dem Doppelfeuer der Thoragegner und der Thoraveteranen aufgerieben zu werden. Der Gegensatz zum Alten Jischuw ist schon dem Misrachi zum Verhängnis geworden. Es ist unsäglich schwer, seine Kinder unter dem feindlichen Blick von Männern der glühendsten Thoratreue zur — Thoratreue zu erziehen. Der Weg, den wir gegangen sind, mochte — vielleicht! — dem Alten Jischuw Genüge tun, mochte — vielleicht! — geeignet gewesen sein, den Männern des Alten Jischuw — Ruhe zu verschaff en, daß sie das Leben ihrer Väter einigermaßen unbehelligt weiter leben können. Nun aber müssen wir um das werdende Erez Jisroel,., um die Menschen des werdenden-Erez ' Jisroel kämpfen. Wir müssen dorthin, gelien, wo sie zu finden* sind, ins Leben, ^unÜ müssen die Thora in dieses Leben bringen. Aus diesem Leben, jüdischem Leben heraus werden sich die Gemeinden des werdenden Erez Jisroel gestalten, und die Krone der Thora .wir-a'-auf diesen Gemeinden des umfassenden jüdischen Gebens ruhen und wird keine fremde Krone neben sitoh dulden. Für diesen Kampf um das jüdische Leben des werdenden Erez Jisroel brauchen wir die Thor.agrößen des Alten Jischuw, die Thoragrößen der ganzen Diaspora. — — Mit neuer. Kraft beginnt der Agudismus, in Erez Jisroel praktische Arbeit zu leisten. Auch Männer des Alten Jischuw beteiligen sich führend daran. Aber mit ihr hat sich der Agudismus bereits, von Männern des Alten jischuw begleitet, dem neuen Leben des werdenden Erez Jisroel zugewandt. Hier 'aber gibt es nur ein entweder—oder. Sinnlos wäre diese praktische Arbeit, wollte man zugleich versuchen, das neue Leben in eine Daseinsform zu zwängen, die nur im Beth Hamidrasch möglich ist. Die Daseinsform des neuen Lebens kann nicht die Daseinsform des Beth Hamidrasch sein. Daß sie aber eine Daseinsform im Geiste des Beth Hamidrasch werde, dazu möge uns der Alte Jischuw, mögen uns all die Kräfte der Golah, die dem Alten Jischuw nahe stehen, verhelfen. Denn auch die Golah muß sich entscheiden. Lange genug hat sich der Agudismus von Problemen ferngehalten, die allzuleicht den Gegensatz der Seelen offenbaren. Der Agudismus hat sich, sozusagen, in die Innenverhältnisse der einzelnen Länder nicht eingemischt. Aber im werdenden Erez Jisroel, Strebeziel der Söhne der ganzen Golah, gibt es keine Innenverhältnisse. In Erez Jisroel wird der Agudismus zu beweisen haben, daß ihm eine zentripetale Kraft wirklich inne-