Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1935)
- Date
- 1935-05-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 21 Oer Israelit 23. Mai 1935 Abgeordneten der Jüdischen Partei R.-A. Dr. Angelo Goldstein, Prag, und Dr. Chajim Kugel, Munkacs. Die beiden jüdischen Abgeordneten versprachen feierlich, im neuen Parlamente ausschließlich die Interessen der jüdischen Staatsbürger wahrzunehmen und in ihrer Stellungnahme zu den einzelnen Fragen völlig unabhängig von jeder anderen Partei, auch von der der Sozialisten, vorzugehen. Bezeichnend für die Wahlkampagne ist, daß bei den Demonstrationen Prager Studenten vor und nach den Wahlen vielfach die Parole ausge geben war: „Gegen Deutsche und. Juden!" unc daß nach dieser Devise von jungen Ultranationa listen in deutschen wie in jüdischen Geschäfts häusern die Fenster eingeschlagen wurden. Die Verhandlungen zwischen Waad Leumi und Agudas Jisroel in Erez Jisroel, Ueber den Beginn und Gang der von der Regierung angesetzten Verhandlungen zwischen Agudas Jisroel und Wraad leumi (Waad Hair Aschkenasi und Knesses Jißrael) in Jerusalem berichten wir im Korrespondenzenteil ausführlich. Ueber den derzeitigen Stand der Dinge wird uns von unserem Korrespondenten mitgeteilt, daß die Beratungen das ganze jüdische Palästina in Atem halten. Die Führer der Aguda setzten sich mit allen rabbinischen Autoritäten der Weit in Einvernehmen. Vom Waad leumi wurde nun auch der Oberrabbiner der Sefardimgemeinde in Tel Awiw, Chacham U s i e 1, in die Delegation gewählt, während in den Rat der Aguda nun auch R.-A. Dr. B u x b a u m eintrat. Die zweite Sitzung dauerte über drei Stunden. Wie man hört, sind die Voraussetzungen für ein gemeinsames Zusammengehen in bestimmten politischen Angelegenheiten noch nicht geschaffen. Gerade am Widerstande der Misrachivertreter, der Herren Rabbiner Ostrowski und Usiel, seien die Vorschläge der Agudavertreter gescheitert. Man darf trotzdem den weiteren Verhandlungen mit Vertrauen entgegensehen. Der High Commissioner zeigte und zeigt dauernd sein leb haftes Interesse an einer Regelung der Dinge und Festlegung der Kompetenzgrenzen der beiden Gemeinden noch vor Einberufung der Gesetzesgebenden Körperschaft,, die ins Leben zu rufen, er als eine der wichtigsten Aufgaben seiner Amtsperiode ansieht. Ist ein Modus vivendi zwischen den beiden Richtungen im Judentum geschaffen, so will der Hochkommissar, wie verlautbar wird, sofort eine Verständigungskönferenz von Juden und Arabern in die Wege leiten. In dieser verantwortungsvollen Stunde für die Vertreter der unabhängigen Or thodoxie im heiligen Lande darf diese der Sympathien und der guten Wünsche des thoratreuen Judentums auf dem ganzen Erdenrunde sicher sein. Bes Jakauw in Erez JisroeL Die Bes Jaakauw-Bewegung in Erez Jisroel bekam in den letzten Monaten und Wochen einen vielversprechenden Auftrieb. Fast an allen Punkten des Jischuw gibt es jetzt B. J.-Schulen. In Tel Awiw, Petach Tikwah und den anderen bekannten Kolonien sind den bestehenden und florierenden Bes Jaakauw-Schulen auch Kindergärten angegliedert. In beträchtlicher Blüte steht die B. J.-Mädchenschule inTiberias. In Haifa wurde erst dieser Tage eine Bes Jaakauw-Schule gegründet, die zu guten Hoffnungen berechtigt. Die Bes Jaakauw-Zentrale in Jerusalem arbeitet mit Hilfe ihrer einzelnen Filialen emsig, um das Schulnetz möglichst zu verbreiten. Eine neue Schule wurde in der Schechunah „Ruchamah" ins Leben gerufen. Dank der Munifizenz der Familie K e s t n e r aus der Slovakei und auf Initiative des von der Familie zu Rate gezogenen Oberrabbiner Duschinski wird ein stattliches Haus in Jerusalem als Heim für B. J.-Zentrale dienen. Die Zeiirei Agudas Jisroel in der Slovakei brachten die Gelder für das Grundstück auf, während Familie Kestner auf ihre Kosten den Bau auszuführen sich bereit erklärt hat. Am vergangenen Dienstag (nays y*?) konnte bereits der Grundstein zu diesem Hause unter einer entsprechenden Feierlichkeit gelegt werden. Zahlen zur jüdischen Wirtschaftssituation in Deutschland, B e rlin, 16. Mai. Nach dem Bericht der „Berliner Nachtausgabe" vom 15. Mai über den Vortrag des Reichsminister Heß in Stockholm sind in Preußen 33.500 jüdische Erwerbstätige in. Industrie und Handwerk, 89.800 in Handel und Verkehr festgestellt worden. Wie die Statistische Abteilung der Reichsvertretung der deutschen Juden der ITA. mitteilt, beruhen diese Angaben mutmaßlich auf den Ergebnissen der Berufszählung von 1933. Vergleicht man sie mit den entsprechenden Ziffern aus dem Jahre 1925, so ergibt sich, daß die Zahl der Juden in Industrie und Handwerk bereits im Juni 1933 um fast ein Drittel zurückgegangen war, während die Zahl für die, Gesamtbevölkerung ziemlich konstant geblieben war. Die jüdischen Erwerbstätigen der Wirtschaftsabteilung „Handel und Verkehr" nahmen um ca. 20 Proz. ab, während die entsprechende Zahl der Gesamtbevölkerung um über 11 Proz. stieg. Von 100 Erwerbstätigen in Industrie und Händwerk waren danach 1933 nur noch 0,43 Juden gegenüber 0,63 im Jahre 1925. In Handel und Verkehr sank die jüdische Quote von 3,45 Proz. auf 2,46 Proz. Staatliche Neuregelung der Schulpflicht jüdischer Kinder? Berlin, 22. Mai. In der Zeitschrift des Nationalsozialistischen Lehrerbundes wird auf Grund einer Anfrage zur Schulpflicht der jüdischen Kinder in Preußen Stellung genommen. Die Kinder jüdischer Staatsangehöriger, so schreibtijdas Blatt, sind auf Grund bestehender Gesetze gezwungen, in Ermangelung, einer eigenen, eine deutsche Volksschule zu besuchn. Es sei anzunehmen, daß sowohl wegen des. jüdischen Volksschulwesens, als auch wegen der Erteilung jüdischen Religionsunterrichts von Reichswegen eine grundsätzliche Neuregelung erfolge. c Aerztliche Versorgung von Hilfsbedürftigen in Hamburg/ Hamburg, 20. Mai. Die Hamburger jüdischen und nichtarischen Aerzte, insgesamt 92 Juden und 8 Nichtarier, haben ein Schreiben von der örtlichen Bezirksstelle der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands erhalten, in dem ihnen mitgeteilt wird, daß vom 1. Juli ab die Behandlung von Hilfsbedürftigen der Wohlfa hr t s b ehorde, den sogenannten Wohl fahr tspatienten, nur durch a r i s ch e Aerzte zu erfolgen habe.. Eine Jüdische Rundfunkgesellschaft in England, London, 20. Mai. In London wurde eine Jüdische Rund» funkge Seilschaft unter der Bezeichnung „ Jewish R a d i o L i m i t e d " ins Handelsregister, eingetragen. Wie der ITA. mitgeteilt wird, wird sich die jüdische Rundfunkstation mit keinerlei politischen oder aggressiven Tendenzen befassen, sondern die Möglichkeiten des Rundfunks benutzen, um die kulturellen Leistungen von Juden auf allen Gebieten des künstlerischen und wissenschaftlichen Lebens darzulegen, dasallgemeine Verständnis für die Jüdenfrage zu wecken und auf diese Weise gleichzeitig der Widerlegung der Behauptungen über die Minderwertigkeit der Juden zu dienen. Eine Erklärung der Aguda und der Jewish Agency in Warschau. Warschau, 15. Mai. Ein in der gemeinsamen Sitzung von Vertretern der Aguda und der Jewish Agency ausgearbeitetes Communique hat folgenden Wortlaut: In einer Konferenz des Präsidiums des zentralen Palästinaamtes mit Vertretern der Aguda wurden eine Reihe von Fragen der Alijäh im Zusammenhang mit der Ausgabe der neuen Sehedule beraten. Bei dieser Gelegenheit gaben die Vertreter der, Aguda Informationen über die jüngsten Vorfälle im Zusammenhang mit der Unterzeichnung eines Nationalfondsaufrufs durch Mitglieder des Warschauer Rabbinats. Die Vertreter der Aguda erklärten, daß die Aguda trotz ihrer Stellung gegenüber den nationalen Fonds ihre Achtung vor der Rabbiner ehre dadurch bekundet hat, daß sie, obwohl die Unterschriften bereits vor mehreren Monaten gegeben wurden, in keiner Weise dagegen öffentlich aufgetreten ist. Die Aguda stehe den-jüngst in Wasrchau veranstalteten Protestkundgebungen fern und diese . Kundgebungen seien in einem offiziellen Communique der Exekutive der Aguda mißbilligt worden. Die Aguda'sei bereit, diejenigen Mitglieder, die mit der Veranstaltung dieser Kundgebungen in Verbindung stehen,, zur Verantwortung zie ziehen. (ITA.)