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Der Israelit · 1935-05-16 · Heft 20 (16.5.1935) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 20 (16.5.1935)
Date
1935-05-16
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 12 Nr. 20 Der Israelit 16. Mai 1935 unbestimmter Erwartung schwankender Men sehen schuf Wünsche und Sehnsüchte auch in ku linarischer Beziehung, denen die tapfere Wirtin allen mit löblichem Eifer derecht zu werden O ■ suchte. Einem war die Suppe zu'Tieiß, dem An deren zu kalt, die Oestlichen fandensie zu mager und laß, die Westlichen zu fett und zu scharf. Von Salat und Gemüse behaupteten die von osther kamen, in ihrer Heimat würde man so was den Ziegen und Kühen vorsetzen, während Berliner und Frankfurter mehr Gemüse und Salat wünschten. Frau Rösinenwein kannte das alles schon seit Jahr und Tag, und ein freundliches „Bitteschön!" wirkte Wunder. Der Tee mußte kochend heiß sein und Wein^ mußte rot und süß sein. Viele saßen da, die überhaupt nichts bestellten, aus Eigenem ^auspackten oder gar nichts aßen. Auch sie traf die Sonne aus dem lächelnden Gesichte der Signora in gleicher Stärke. In der Vorhalle von Palästina konnten wie in feder anderen Bahnhofshalle auch . d i e ihren Platz beanspruchen, die dem Bahnhof swirte nichts einbrachten ... .„Sind Sie alleinstehend oder ist Ihr Mahn verreist?" erkundigte sich Herr Wilde, der für diese erste Triester Bekanntschaft ein unerklärliches Interesse gewann, nicht minder als für die Bahn, die Stadt, den Hafen und das Schiff, das dort ihrer harrte. Da erfuhr er, daß es wohl auch einen H e r r n Rösinenwein gab; der aber hier unsichtbar blieb, dieweil er den „Außendienst" versah. Er hielt sich ein gut Teil des Tages am Bahnhof und im Hafen auf, um die jüdischen Gäste, die nach oder aus* Erez Isroel fuhren,_ als erster zubegrüßen;und sie in: sein Speisehatis einzuladen. Er tat es, wie alle wußten, nicht aus " Gewinnsucht. Er hatte den Ehrgeiz, als erster die Heimkehrer aufzufangen, ihnen, auch wenn sie bei ihm nicht einkehrten, mit Rat und Tat bei- , zustehen, ihr Gepäck zu versorgen und sie vor Ausbeutung durch gewissenlose Träger und Kutscher zu schützen. Er wollte den Namen Rosirienweiri so eng wie irgend möglich mit der Heimfahrt des jüdischen Volkes nach seinem Lahde verknüpfen. War sein Haus die Vorhalle, SO war er, der Eigentümer dieses Hauses, der Wegweiser nach Palästina ... Jetzt mußte Herr Wilde an den großen, vornübergebeugten Mann denken, der sie nachts im Bahnhof, auffallend wißbegierig, angesprochen und ihnen zwar nicht zudringlich, aber, wie ihnen schien,, sehr interessiert, seine Dienste anbot. Ein merkwürdiges Land mit ebenso merkwürdigen Menschen, dieses Palästina, das schon bei Rosinenwein in Triest begann ... (Fortsetzung folgt.) Eine Gemeinde in Süd-Frankreich feiert Lag beaumer. Wollte man irgendeinen selbst noch auf alle Gebräuche haltenden Juden fragen, wie er sich eine Feier des Lag Beaumer denkt, er würde in Verlegenheit geraten. Alle Feiertage haben ihrig ^'Gebräuche, ihre höchst eigenen Sitten,. ihre: Leckerbissen,. ihren ■eigenen Thoravorträg, ihren .eigenen Nigun. oder sonst irgend' etwas, mit dem der Jude seine Feiertage, auszuzeichnen pflegt, Aber wie feiert er den Lag Beaumer? Vielleicht höchstens dadurch, daß er Jen Barkschneider in Tätigkeit versetzt, aber das ist doch eigentlich eine sehr dürftige Feier ... Nur eine Gemeinde begeht den Lag Beaumer als eine ganz besonders erhebende Feier, die Gemeinde Bayonne in Südfrankreich. Dort ist Lag Beaumer noch ein Fest, ein wirkliches Fest, das. freilich in seinem Ursprung nicht auf die altüberlieferte Ursache" der Lag Beaumer-Feier zurückgeht, nämlich das Auf-- hören des Sterbens der Gelehrtenschüler, sondern, ganz einfach die stets wiederholte Freudenfeier ist, die man einführte, als die Gemeinde Bayonne sich im Jahre 1720 ein neues G'tteshaus baute. Damals: war die Gemeinde in der Pyrenäenstadt, nachdem sie sich jahrelang mit einem G'ttesdienst in einem Zimmer hatte behelfen müssen, endlichso weit gekommen, daß sie eine Synagoge bauen konnte. Das neue G'tteshaus, „Schibah" genannt, wohl eine korrumptierte Form von „Jeschibah", war gleichzeitig Beth Hamidrasch, ein Lehrhaus. Es soll ein .ganz eigentümlicher Bau gewesen sein, von außen sah er wie ein gewöhnliches Haus aus, war jedoch von einem breiten Perron umgeben. Wenn man das Haus betrat, befand man sich nicht sofort dem* Oraun Hakaudesch gegenüber, sondern die Tür lag an einer Seitenwand, jedenfalls' eine Vorsichtsmaßregel für da® Eindringen Unbefugter, t? Die Einweihung dieses G'tteshauses war das erste große Ereignis in der -Geschichte der . Gemeinde Bayonne, und das Andenken daran ist noch heute nach über zwei Jahrhunderten so frisch und-lebendig, daß es alljährlich zu einer neuen Feier am Lag Beaumer Veranlassung bietej. 1 Damals'' wollte man den Freudehtag durch besön dere Gesänge verherrlichen, undes gab in der Ge meinde einen gelehrten Mann, der gleich vier Lieder dichtete, drei in hebräischer und eines in spanischer Sprache. Diese Lieder fanden großen Beifall, und man bestimmte, daß sie an jedem Lag Beaumer zum Andenken an die Einweihung der Synagoge stets beim Minchä-G'ttesdienst vorgetragen 1 werden sollten als Ausdruck "der Freude, die in jedem Jahre neu erstand. Der Dichter dieser Lieder,'Ledestma mit Namen, ist sonst in der jüdischen Literatur nicht hervorgetreten, oder vergessen. Seine Festgesänge bewegen sich etwa in der Manier der Piutinv zu den hohen Feiertagen, enthalten recht viele Zitate aus den Psalmen, huldigen dem Herrn im Himmel, der der Gemeinde diesen Freudehtag geschenkt hat, und bedanken sich mit poetischen Worten bei der Verwaltung und den Gründern der Synagoge, enthalten, viele Glückwünsche für die Mitglieder; die Schüler und die Lehrer der Schule. n . ' Am Lag Beaumer, mittags zu der frühesten Stünde, da man nach dem Religionsgesetz, das Minchägebbt' sprechen darf, gegen' ein Uhr, versammelt -sich die. gesamte Gemeinde in der Synagoge, die im Jahre'1 1837 an die Stelle der altengetreten ist. Die Säulen und Kandelaber sind mit Girlanden umwunden, Blumenbuketts sind überall angebracht, Kinder und Erwachsene füllen in Festeskleidern das G'tteshaus. Nach dem Vortrag der üblichen Gebete werden die drei hebräischen Gedichte von einem Chor gesungen. Das vierte Gedicht jedoch iUj,spanischer Sprache, das' gewissermaßen eiüe, Zusammenfassung der;he-, brä'ischen Gedichte .enthalt und fürdie bestimmt .war, J die das Hebräische .riieirfL so gut beherrschen - (spar" nisch war damals die Landessprache), wird.,Vers um Vers von-den Kindern vorgetragen. . Da .sich dieses Jähr um. Jahr wiederholt, ist es klar, daß " das Fest allmählich zu einem fönderfest geworden ist. /, Per Synagogerivorsteher belohnt, die Kinder _an diesem Tage für fleißigen Besuch im G'tteshaus durch einen Kuchen in traditioneller Form, damit sie, wie .es in dem einen der Gedichte heißt, „nicht mit leeren Händen heimkehren". Die Melodien, mit denen die Lieder vorgetragen werden, sind von einem eigentümlichen Reiz, .fröhlich und weich, angemessen der regelmäßig wiederkehrenden allgemeinen frohen; Stimmung.>tDie Kinder freuen sich da« ganze Jahr auf-diesen Tag, der ihr Fest ist, die Alten erinnern sich der . .Zeiten, da sie selbst noch jung waren und ihnen ihre Großväter von dem Anlaß dieses Festes erzählten. . Die Bewohner der alten Gemeinde.. Bayonne haben sich zum großen Teil über alle Welt zerstreut; man findet in allen Gemeinden Frankreichs., Juden, deren Wiege einst in Bayonne gestanden hat, — aber alle erinnern sie; sich mit Freuden an diesen 33. Aumertag, dem die freudige Begeisterung ihrer Jugend gegolten hat. Kleine Kehilla in dieser Zeit. Wenn der alte Raw dies noch hätte erleben dürfen! Welche innere Genugtuung, daß sein sehnlichster Herzenswunsch endlich in Erfüllung v gegangen. Da hat er ..nun Zeit .seines Lebens gepredigt, beschworen, gewettert und klar zu .machen versucht, daß der Schabbos Sochpr,. selbstverständlich genau so in seiner-Heiligkeit zu halten; sei, wie es sonst, das sei anerkannt, seine Gemeinde mit den .übrigen Schabbosim gehalten hatte. Aber dieser Gemeinde, eihger bettet in einer fastnachtfrohen katholischrsüddeutscher Gegend, steckte der, kommende Purim wochenlang schon in, allen Gliedern. Es . gab kein Halten. Schon während des; Gottesdienstes sammelten. :sich, die vermummten und verkleideten Vorboten des Purims auf den Straßen, um die Beter nachher mit Gejubel und Gesang und — leider auch mit Musik zu empfangen. Der alte Raw,. der eben noch sein Herzblut in seinen Ermahnungen gelegt, floh verletzt,,und, erbittert in sein Studierstüblein.;- Der alte Raw ist nun schon, .lange tot. Aber auch das Maskentreiben, der Trubel am letzten. Sqhabbos vor Purim hat aufgehört. Seit drei Jahren schön. Diesmal aber gab es so etwas, wie eine kleine Sensation.. Als nach , dem G'ttesdienst der immer noch große Strom der,tBeter sich .in;i.die Hauptdortstraße ergoß, da stockte -der Zug. Ein kleines. Kind, drei Jahre alt, stand . mitten in der Straße. ,: Ein jüdisches Kindi - verkleidet :als weißer, putziger Kqch» Es wurde bestaunt, getätschelt, bewundert, dieser letzter . Erinnerungsruf an. frühere Purim-Glanzzeiten. Manch Alter wischte verstohlen eine Träne. So wurden früher die größten,:Maskenumzüge nicht gewürdigt. und dankbar empfunden. Kein Tollen, kera};Konfetti-Werfen, kein Tanz. Ein einziges, kleines, maskiertes Kind! ' Noch" nie war die Gemeinde so erschüttert. Wenn das der alte Raw noch hätte erleben dürfen! Trostlos solch ein Schacharis-G'ttesdienst an einem „gewöhnlichen" Werktag. Verlassen steht der Vorbeter in dem großen Raum. Und wwenn er noch so dehnt : und zieht . . . es will und will, nicht reichen -zu def erforderlichen Zehnzahl. Er -wehrt/die sündhaften, .Gedanken von sich, will sichs - nicht eingestehen, ' daß er f ast mit . Neid denken muß an die Zeiten anno 14 beim Kriegsausbruch und - dann wieder an die April-Tage vor zwei Jahren, wie war da, das G'tteshaus brechend voll. Und jetzt schlafen sie wieder die Baalebattim, legen sich beruhigt auf die andere Seite, als wäre nun alles wieder in Ordnung. Verzweifelt schaut er um sich. Da greifen die Jungens ein, Buben von 5 bis 10 Jähren, die zusammen mit den ganz Alten früh immer auf Posten sind, Kinder noch unddoch schon erfüllt, mitkämpferischem Geist. Jetzt schon gestählt für die große Aufgabe, Jude, zu sein. Die Schule, durch die sie gehen, sie ist zugleich auch eine harte Schule fürs Leben. Es braucht einem keine Angst um sie sein» Es. wird, ein hartes Geschlecht, das. hier.= aufwächst, es wird sich durchschlagen. Sie werfen sich Blicke zu, stürzen hinaus und in wilder Jagd geht es durch die Straßen. Belustigt' sehen die christlichen Nacht baren dem Treiben zu. Vor jedem Judenhaus wird halt gemächt, Und zehn Fäuste trommeln an die Tür "und es wird gerufen und an der Glocke gezogen. Und da hilft kein Sträuben-und keine Ausrede. Die Kindel geben nicht nach, bis der Schläfer ans" Fenster kommt und schließlich, wenn auch widerstrebend, ins G'tteshaus folgt. So:' wird einer : nach dem anderen; -unter schadenfrohem Lachen;der Nachbarschaft herausgeholt. Und wenn der < Letzte auf die Straße "gebracht ist, dann stürmen sie zurück und laute Rufe durch die stillen Straßen: „Minjan! Minjan!" künden dem wartenden Vorbeter, -daß er nun ruhig in seinem Gebet fortfahren kann. ■ ■ V -'" * *, Ein Agitator:; ist int Dorf. Wirbt* leidenschaftlich und eindringlichfür -die * Bewegung,'1 die'drüben7 im Land Boden schafft für das jüdische Volk; Und fwena. es ihm im" "Innern" vielleicht'aüchi;weketut: Der Raw muß 'Weltanschaulich dagegen Stellung nehmen; Dies-" mal ist es ein junger Raw. Aber alles7 hebt sich. Es bleibt' das-prinzipielle Opponieren der -Gemeinde. Am anderen Tage klopft der Agitator ah den'Türea der Häuser, Einschweres Stüe'k' Arbeit, Limmer* wenn; es gilt,; vom-Anderen-'etwaszu wblleri. Alle Argumente zerschellenah der Härthörigkeit der Nichtwollenden. 'Schließlich spielt der Agitator seinen letzten1 Trumpf ausi „Und dann ist Euer .Räw dagegen", „Was? Unser Raw ist dagegen? .Das ~haben; wir gar nicht gewüßt. "Natürlich geben wir."- 1 Dr. S. H. G. Von den Rambam-Feiern in Amerika«! Es ließ sich erwarten, daß die' im amerikanischjüdischen Leben eine gewisse Rolle spielende Grupper der-'Halb- und Ganz-Reforaer, im": könservatlyeh Gelände, die sich; um den Seminardozenten K a p 1 a tt gruppierten, in der mißbräuchlichen Ausbeutung der Persönlichkeit -und der Lehre des Maimonides für ihre eigenen Zwecke alles Erdenkliche leisten werden. Das ist denn" auch geschehen. [Diesen Mißbräuchen tritt Rabbi Dr. Leo Jung in' einem kurzen, aber außerordentlich konzentrierten, und eindrucksvollen Aufsatz entgegen, den er — ohne dabei die Rambam- Ausbeuter ausdrücklich zu nennen— in der neuesten Nummer des „Jewish 1 Forum" veröffentlicht; Einige Sätze seien aus diesem Aufsatz hier..; zitiert; „Das G'ttes'bewußtsein lehrt den mittleren Weg zwischen einem arroganten -Nationalismus und"''oberflächlichen Küsmofcolitismus,.*" zwischen der" Reduktion-des Judentüms auf ethische Gemeinplätze und seiner3 Sterilisation durch einen dürren Intellektualismus oder undisziplinierte Gefühlsschwärmerei. , Niemand hat je.' mit. Recht behäuptet,^daß;• Jerstisalem zu eng für ihn sei, um. darin eine geistige Wohnung zu finden, Der Rambäm würde heute betonen; Schau auf das . Leben lün als ein . von G'tt gegebenes: auf die Thora als g'ttlichen Führer, zufrieden und glückselig. Erhebe die Vernunft zu. Deinem bevorzugten Diener, so daß es -Dir ^gelingt,'^nür solche Blicke in die Sphäre der letzten Wahrheiten zu -tun,\wie sie .•der"menschlichen' Denkkraft entsprechen. „Die Erkenntnis G'ttes," so sagt er selber, „ist die erste und oberste Leidenschaft/ meines Lebens gewesen,. In meirie'f' frühen 'Kindheit; war mir die Thora als'das- Weib meiner Jugend angetraut. Es ist wahr, daß ich fremde Frauen in mein Haus genommen habe, sogar Astronomie, Logik, Medizin und ähnliche Wissenschaften. Aber ich benutzte, sie , nur als Gehilfinnen Und Dienerinnen der Thora . . ." Dies ist des'Rambams eigenes Glaubensbekenntnis, das im zweiten und dritten Buch des More' immer wieder: unterstrichen wird; Maimonides betont, daß während es unsere Pflicht als Juden ist, .uns nüt der Thora zu beschäf-

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