Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1935)
- Date
- 1935-05-16
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 20 1935 Flucht in die Heimat. Eine,Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) ■ X; Als sie im komfortablen Hotelzimmer morgens erwachten und. Herr Wilde die Rolläden hochzog, drang ein goldener Streifen früher Sonne in den Raum. Aus dem noch vom Morgennebel zart angehauchten Spiegel des nahen Adriahafens ragten hohe Schiffsschlote in die Höhe. Etwas abseits in vornehmer Reserviertheit stand blank und schlank mit blendend weiße rti Aufbau voll schwarzumränderter Bullaugen der große Lloyddampfer, der um die Mittagsstunde ihrer harrte. Man hatte noch viel Zeit. .Frau Ida streckte sich noch einmal in den weichen Kissen, so frei und bar aller Bindungen hatte sie sich seit frühester Jugend nicht mehr gefühlt. „Schon fertig zum Ausgehen?" rief sie noch ihrem Gatten, der schon völlig angezogen dastand, zu, und hörte im Halbschlummer dessen Antwort "kaum. Einen kleinen Morgenbummel durch die Strafen der fremden Stadt wollte Norbert Wilde unternehmen. In den Geschäftsstraßen der Hafenstadt war das rege Leben kräftig erwacht und pfiff und schrie und klingelte und hupte. Dazwischen riefen schrill Sirenen der Schiffe. Die Nebenstraßen lagen still und. verschlafen und sauber wie alle Städte des neuen Italiens da. Eine schmale Seitengasse führte zu einem geräumigen Vierecke, auf dem großes Markttreiben herrschte. Blumen, Früchte, Gemüse, Fische und Geflügel wurden an Ständen und auf Wagen feilgeboten und unter viel Gekreisch und Geieilsche erstanden. Frauen auf beiden Seiten arbeiteten emsig mit Mund und Händen. Männer, die Hände wie zum Schutze vor der Arbeit tief in die Hosentaschen vergraben, standen da und rissen Witze, die sie selber belachten. Ein lakaienartig prächtig uniformierter Polizist mit dem schwarzen Dreimaster auf dem runden ilömerkopfe schritt gravitätisch auf und ab und wachte über die Ordnung. Alles in allem konstatierte Herr Wilde welterfahren ein nicht unangenehmes Gemisch von altösterreichischer Lässigkeit und italienischer Grandezza. „Wenn man nur genug Italienisch beherrschte, um mit den Leuten zu reden und nach dem Wege zu fragen," dachte Herr Wilde. Eine Signora, die eben einen Korb voll Blumenkohl eingehandelt hatte, schien ihm ihren dunklen Augen, pechschwarzen Haaren und runder Fülle nach zwar von echtem italienischen Geblüte zu sein, aber zuverlässig genug, um eine Frage an sie zu wagen. „Synagoge,. Signora?" fragte er mit beredeter Bewegung der Hände. „Wos sogt Ihr?" „Ich meine, den Weg zur Synagoge." „Synagoge? A säu, Ihr meint die Schul, asäu kümmt schoin mit," lud die Signora freundlich ein, und er erfuhr aus ihrem Munde, daß es Sigriors und Signoras von dieser Art hier in Fülle gab, die schon zur österreichischen Zeit hierher aus, Galizien gekommen waren" und nunmehr den italienischen Markt als Konsumenten wie auch, als Verkäufer bevölkerten. . Signora Rosinenwein — so stellte sich die etwas dickliche und unterhaltsame Dame vor - — trottete mit dem vollgefüllten Korbe voran und machte in der ansteigenden Straße vor einer stattlichen Fassade halt. „Dos ist der Tempel ' und dort im ersten Seitengäßchen die Schül." „Ist das nicht das Gleiche?" wunderte sich Herr Wilde. „Ist schoin groißer Chiluk (Unterschied)," belehrte Signora Rosinenwein. „Im Tempel betet man, wann, weiß ich nicht. In der Schül davent man, itzt, und" später und immer . . ." „Vielen Dank!" „Und — Signorina 'hatte noch was auf dem Herzen — ich wohn auf Piazza Firenzo, hob eine Pension, wo man kann gut essen. Die feinsten Leut sein bei mir verkehrt. Der Herr kann heut bei mir essen. Wie Ihr schoin seht, gibt es Blumenköhl und jung Händel . . . Wenn Ihr fohrt kein Erez Jisroel, hobt Ihr noch viel Zeit. Ihr trefft alle Erez Isroeljuden bei mir. In meiner Stubhebt schoin a bissei Erez Jisroel an." Und damit verabschiedete sich Signora mit einer" echt italienischen Verbeugung, nachdem ihr Herr Wilde, gutgelaunt, versprochen hatte, heute auch seinerseits, wenn möglich, bei ihr „verkehrt zu sein," sogar mit seiner Signora. Herr Wilde wollte in den* Tempel und stand in einem sauberen, mit Fliesen gepflasterten Korridore. Eine vornehme Treppe führte zu Büros und Kanzleien hinauf. Wo war die Synagoge oder der Tempel.. „Im Hofe," sagte ihm Jemand. Hier stand der maurische Kuppelbau mit den hohen, bunten Fenstern und dem leuchtenden Dawidstern über der hebräischen Aufschrift an der freskenreichen Fassade. Die Türe war geschlossen. Ein kleiner untersetzter Mann in Jacke und hutlos wurde durch das Zerren an der Türe von irgendwoher hervorgelockt. v „Hab die Ehre, der Herr wünschen?" grüßte der Untersetzte auf gut österreichisch. „Hat der G'ttesdienst schon begonnen?" „Nee," sagte der Portier gedehnt, als erkannte er mit guter Portierwitterung, daß" es sich'lohnen könnte, die Unterhaltung ein wenig zu strecken, „nein, noch nicht, Herr." „Kann ich wohl warten, bis er beginnt?" „Dürfte dem Herrn zu lange werden. Erst am Sonnabend neun Uhr ..." Es war Mittwoch morgen gegen achte. „Sind die Tempelbesucher so wenig religiös?" wunderte sich Herr Wilde. „Religiös? Wie mans nimmt, lieber Herr," urteilte der Mann von seinem festumrisseneri Portiergesichtspunkte aus. „Ich seh viele, die am Sabbat mit Tram und Auto zum G'ttesdienste ankommen, sind aber zu fromm — um am Sabbat ein Trinkgeld zu geben ..." Herr Wilde verstand. Ein paar harte Lire wanderten in die fleischige Hand des treuen Hüters, der ihn ehrerbietig auf die Straße hinaus geleitete. „Hab die Ehre, küss' die Hand!" Im stillen Seitengäßchen suchte er nun die „Schül". In einem verfallenen Hause stieg er eine halsbrecherische Holztreppe hinauf und gelangte direkt in einen großen kahlen Raum, dessen einziger Schmuck der goldbestickte Samtvorhang an der Ostwand war. Das offenstehende Haus war angefüllt mit Menschen. Er sah sich bald von schwankenden Gestalten umringt, die sich heftig bewegten und schreiend beteten. Erst nach einiger Zeit entdeckte er, daß an zwei Stellen des Raumes zur gleichen Zeit zwei G'ttesdienste abgehalten wurden. Man sah neben Einheimischen auch viele Fremde, Palästina-, wanderer, die gleich mit Kind und Kasten hergekommen waren, um hier die Zeit bis zum Abgänge des Schiffes zu verbringen, Viele, die mit dem Gebete fertig waren, saßen an einem langen Tische und lernten singend aus alten Büchern. Andere, die ebenfalls, fertig waren, benahmen sich ganz leger, saßen hoch auf den Bänken, aßen, schwatzten, rauchten sogar Zigaretten. Diese Menschen, dachte Herr Wilde, standen alle mit dem lieben G'tt auf du und du. Immer noch besser als drüben im Tempel, wo der liebe G'tt — und der auf Trinkgeld angewiesene Portier — auf die Leute bis zum nächsten Sonnabend warten mußte . . . Auf der Nordseite fing die Gebetversammlung gerade mit „Borochu" an. Genau wie gestern in der Eisenbahn. Er fühlte in seiner Manteltasche. Schade, daß er das Beutelchen nicht eingesteckt hatte. Er hatte gerade richtig Lust zu beten: Hier lag auf dem Pulte so ein Beutelchen, scheinbar herrenlos. „Kann ich die benutzen?", fragte er einen langbärtigen Mann, den er wegen seiner Geschäftigkeit für einen Funktionär hielt. „Die Tefillin?" wehrte der Langbärtige erschrocken ab. „Es sind ja RabbenuT ams Tefillin ..." „Nun, bis der kommt, könnte ich ja fertig sein," meinte Herr Wilde treuherzig. Es erhob sich ein schallendes Lachen, an dem sich sogar die Betenden und Lernenden beteiligten. Menschen mit finsteren Blicken unter dicken Brauen, die so aussahen, als hätten sie nie im Leben gelacht, lachten laut mit. Und Herr Wilde wußte nicht, warum , , , „Ein Amhoorez," flüsterte einer. „Ein ganz bedeutender," ein anderer. ,,Darfst es laut sagen," bemerkte wieder einer, „er weiß gewiß gar nicht, was Amhoorez ist und hält es für einen Ehrentitel." „Einer von den deutschen Heimkehrern!" ließ sich eine Stimme hören. Wie ein Wunder wirkte dieses Wort. Alles Lachen verstummte. Hände streckten sich Herrn Wilde zum Gruße entgegen. Die schönsten Tefillin und das sauberste -Talith wurden ihm gereicht, ein neues Gebetbuch mit deutscher j Uebersetzung ihm in die Hand gedrückt. Und da an einem Tische eine Schar zum Jahrzeitsgedenken für einen Rabbi ,,Tikkun" trank, durfte er sogar eine Flasche spenden . . . Unbarmherzig waren diese östlichen Menschen in ihrem Spotte, aber ebenso unermeßlich in ihrer Bruderliebe. Als Herr Wilde nach neun Uhr wieder im Hotel war, fand er Frau Ida wohlausgeruht und, so glücklich wie ein Kind auf einer Blumenwiese, im Frühstückszimmer. „Hast viel versäumt, liebe Frau. Sind auch überdies für halb zwölf bei Signora Rosinenwein zu Tisch geladen. Gehen natürlich hin, denn es gibt Blumenkohl und Junghändel und außerdem fängt bei Rosinenwein Palästina an . . ." Viel gegessen hatten sie bei Signora Rosinenweih nicht, aber das Leben und Treiben in diesem jüdischen Restaurant war schon eines Besuches wert. Eine geräumige, schmucklose, aber leidlich saubere Stube war vollbesetzt von Menschen aller Art. Fast alle Mitfahrenden vom Zuge waren da und zu ihnen gesellten sich noch jüdische Typen aus allen Erdteilen, die hier auf den ersten Ruf der Schiffsirene warteten, um heimzufahren. Es war keineswegs übertrieben, d' Scs Haus als die Vorhalle für Palästina zu bezeichnen, in der die Leute noch die „letzte Mahlzeit" einnahmen, bevor sie den Staub Europas von sich schüttelten. Die Meisten saßen an den langen, nichts weniger als festlich gedeckten Tischen und aßen was." Frau Rosinenwein, sehr beweglich trotz ihrer runden Fülle, schien hundert Hände zu haben, und bediente mit Hilfe ihrer Tochter, einer fünfzehnjährigen Signorina, die Gäste mit Liebe und unverwüstlicher Dienstfertigkeit. Denn es blieb keineswegs bei dem Blumenkohl und dem „Junghändel", die offiziell auf der tingeschriebenen Speisekarte standen. Jeder und Jede hatte eigenen Geschmack, und die innere Aufgewühltheit der zwischen Land und Meer in