Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1935)
- Date
- 1935-05-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 20 Der Israelit ■ >-it>!jillll; 16. Mai-1935 die über alle Trennungstriche hinweg, im Zeichen der Vaterlandsidee :alle konstruktive Kräfte zusammenfaßt. Die Religion kann am wenigsten eine Scheidungswand zwischen Ungar und "Ungar bilden und es begeht jeder einer eine Sünde, der religiöse,, politische oder gesellschaftliche Streitigkeiten zu entfachen sucht. Dies zu verhindern, ist unsere Pflicht." Polen. Zum Tode von Marschall Pilsudski. Warschau, 14. Mai. Das Ableben Marschall Pilsudskis hat größte Bestürzung auch unter der jüdischen Bevölkerung hervorgerufen. Man konnte nie sagen, ob Marschall Pilsudski ein ausgesprochener Judenfreund war, denn er hat nie zur Judenfrage in Wort und Schrift Stellung genommen. Aber man wußte; In dem von Pilsudski zusammengehämmerten Staate und in der von ihm treulich gehüteten Verfassung dieses Staates hatten die Juden ihren Platz und ihr Recht, und vollends die religiös-positive Prägung, die er dem polnischen Staate gab und sicherte, ermöglichte dem gesetzestreuen Judentum in Polen und seinen legitimen Vertretern, die Stelle zu erlangen, "die ihnen nach dem Prozentsatz der gläubigen Massen zukommt. Pilsudski ist mit dem neuen Polen so eng verbunden, daß sich die Vaterlandstreue der Juden auch in Liebe zu dem alten Marschall äußerte. Die Trauer und Bestürzung ist groß, wenn auch diese nicht gleichbedeutend mit der Sorge um die Zukunft sein muß. Denn man hofft, daß die treuen Jünger und Mitarbeiter Pilsudskis den von ihm ererbten Staatsrahmen mit allem, was darin an Recht für die Nationalitäten und Konfessionen des Polenlandes enthalten ist, stets in Ehren halten werden. In den jüdischen Blättern Warschaus wird darauf hingewiesen, daß viele Juden unter den Fahnen Pilsudskis für die Selbständigkeit und die Ehre Polens kämpften und sich auszeichneten. Mit der Machtergreifung Pilsudskis war 1926 dem antisemitischen Kurs in Polen ein Ende bereitet. Wiederholt hatte Pilsudski jüdische Abordnungen empfangen, und jüdische Legionäre wie. auch sonst jüdische Bürger fanden für ihre Petitionen stets bei ihm ein geneigtes Ohr. In Erinnerung ist noch, daß sich Frau Pilsudski, die in der öffentlichen Wohlfahrtspflege hervorragend tätig ist, dafür eingesetzt hat, daß. bei allgemeinen Fürsorgeaktionen, insbesondere bei Kinderspeisungen, die Juden berücksichtigt, werden und dabei auf die jüdisch-rituellen Vorschriften genau Bedacht genommen werde. TschechoslovakeL Sitzung des Moaze Gedeule Hatauro der Agudas Jisroel in der Slovakei. Bratislava, 10. Mai. Am Sonntag, den 25. Nissan fand unter dem Vorsitz des Herrn Oberrabbiner Akiba Schreiber, Bratislava, ©ine wichtige Beratung über akuelle Fragen im Gemeindewesen und des Waad Hair Hoaschkenasi in Erez Jisroel statt. Nachdem Herr Oberrabbiner S. D. Ungar über seine Erez Jisroel-Reise und Eindrücke eingehend referiert hatte, wurden auch andere, in die Angelegenheiten eingeweihte Persönlickeiten zur Beratung herangezogen. Zur Frage der selbständigen Orthodoxie in Erez Jisroel wurde konkrete Stellung genommen. Der zweite Teil der Sitzung erstreckte sich ausschließlich auf Aguda-Probleme, und es wurden folgende Resultate erzielt: 1. Podkarpatska Rus-Ostslowakei: Zu den in jüngster Zeit aufgetauchten separatistischen Bestrebungen besonders in der Ostslo vakei und in P. K, R. wurden konkrete Beschlüsse gefaßt, aus denen zu schließen ist, daß die Auswirkungen dieser Bestrebungen, die auf organisatorischem Gebiete auch für die Gesamtorganisation schädlich sein könnten, durch gewisse Maßnahmen baldigst beseitigt und somit eine Plattform geschaffen seih wird, die auch den Agudisten. in der C. S. R, die Möglichkeit gibt, für das Gedeihen uiad den Aufschwung der Agudas Jisroel einheitlich mitzuarbeiten. 2. „Sekretariat des Rabbinischen Rates: Der Rabbinische Rat hat Herrn Oberrabbiner S. D. Ungar als Präses und Herrn Öberrabbiner M. Frey als Vizepräses in den Landesvorstand der Agudas Jisroel delegiert. Zur Ermöglichung einer intensiven Arbeit des iV'Äffia wurde ein Sekretariat mit dem Sitze in Bratislava unter Leitung des Herrn Rabbiner Jaakow S n y d e r , Bratislava errichtet. Von nun an sind ■sämtliche Anfraßen, die in die Kompetenz des Rab binischen Rates fallen, sowohl seitens der Landes¬ und Jugendorganisation, wie auch ihrer Unterabteilun gen und Sonderverbände nur an dieses Sekretariat zu richten, welches auch stets die Entscheidungen des Rabbinischen Rates weiterleiten wird. 3. Jugendorganisation: In Anerkennung der intensiven Arbeit der Jugendorganisation für die. Agudaidee bestätigt der Rabbinische Rat die Selbstän d i g k e i t der Jugendorganisation auf organisatorischem Gebiete, die ihr auch weiterhin die Möglichkeit gibt, selbständig die Direktiven an die einzelnen Jugendgruppen zu erteilen, Selbstverständlich unter steht die Jugendorganisation in jeder Beziehung dem Rabbinischen Rate, dessen Weisnugen sie sich auch bis nun rückhaltlos gefügt hat. .4. Chinuch-Zentrale: Die von der Landesorgani sation vorgeschlagene Chinuch-Zentrale unter Lei tung der Herren Wilhelm Kok, Rabb. Simon Strasser, Rabb. Jaakow S n y d e r s und Akiwo S. Ungar wurde vom Rabbinischen Rate genehmigt und mit weitgehendsten- Vollmachten ausgestattet. Zum Obmann der Chinuch-Zentrale wurde Herr Ober rabbiner S. D. Ungar, Nitra gewählt. Am darauf folgenden Tage hat bereits die erste Beratung unter Vorsitz des Obmannes-stattgesunden, wobei die wich tigsten Richtlinien des Erziehungswesens aufgestellt wurden. Einen genaueren Bericht über diese Beratung behalten wir uns vor. 5. Erez Jisroel-Zentrale: Im Monat Adar II. hat die Erez Jisroel-Zentrale ihre Tätigkeit begonnen und steht ' heute auf der Höhe ihrer Aufgabe, sie, hat Vieles zur Hebung der agudistischen Erez jisroel Arbeit hierzulande, und auch in Erez Jisroes selbst beigetragen. Der Rabbinische Rat hat im ' Interesse einer intensiven Erez Jisroel-Arbeit die Notwendig keit einer selbständigen Erez Jisroel-Zentrale für richtig befunden und dieselbe zugleich legalisiert. Ueber die Zusammensetzung. dieser Zentrale haben wir seinerzeit bereits berichtet. Noch am selben Abend hat eine Sitzung des Landesvorstandes in den neuen Räumlichkeiten der Agudas: Jisroel, Republikplatz 37, stattgefunden, bei welcher praktische Maßnahmen getroffen wurden, um die Beschlüsse des Rabbinischen Rates möglichst bald durchzuführen. Bei dieser Sitzung, die bis nach Mitternacht .dauerte, waren auch der Präses der Agudas Jisroel-Landesorgandsation, Herr Oberrabbiner S.-D.. Ungar, Nitra, und Oberrabbiner M. Strasser, Sala zugegen. Italien. Berufung des Oberrabbiners von Alexandrien als Öberrabbiner nach'Rom. Rom, 8. Mai. In der letzten Sitzung des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Rom wurde beschlossen, den Oberrabbiner von Alexandrien, Prof. David* Prato, der früher Oberrabbiner von Florenz war, als Nächfdlger des verstorbenen Oberrabbiners, Prof. Arigelo Säzerdoti,. n a c h R o m z.u berufen. Als Vizerabbiner von Rom wurde der bisherige Leiter der Senator Vittorio Polacco-Aolksschule, Prof. Aid öl a'ttes, nominiert.!- Brief aus Mailand. Mailand, 13. Mai. Die Handelsmetropole des sonnigen Italiens, jenes Landes, das so gut wie gar keinen Antisemitismus kennt, zog gleich im Anf arig der Auswänderungsperiöde der deutschen Juden einen beträchtlichen Teil der Emigranten an; Von der Behörde im; höchsten Grade loyal behandelt, wurden ihnen in keiner Weise Schwierigkeiten bereitet. Es kann sich bis, auf den ' heutigen Tag jeder ohne weiteres niederlassen, mit der einzigen Beschränkung, daß man keine Arbeit annehmen darf. Die Communita israeliticä, die Jüdische , Gemeinde tat und tat ihr Möglichstes, indem sie gleich im Anfang ein Emigrantenamt schuf, das jedem Emigranten mit Rat und Tat beisteht und aus der Mittender Ge-: meindemitglieder diesungeheuren Summen sammelt, die diese Fürsorge verschlingt. Die Juden Mailands5 haben seit dem Kriege bedeutend zugenommen und durch' Hinzukommen der deutschen* Emigranten, schätzt man die Zahl, der jetzt ansässigen jüdischen Seelen mehr als 10 000. 50—60 Proz. dürften italienische Juden sein, während sich der Rest ■ aus 'Russen, Orientalen, Polen und Deutschen rekrutieren-dürfte. Es war dieser Aufschwung das Verdienst des jetzt im hohen Greiserialter verschiedenen Oberrabbiners, . Alessandro Daheno, der seine ganze Persönlichkeit dafür einsetzte, der Gemeinde ein festes Gefüge zu geben, und wurde auch auf seine Initiative der Tempel in der Via Guastalla 19 vor ca. - 40 Jahren erbaut, in dem alltäglich morgens und abends G'ttesdienst stattfindet. Vor wenigen Jahren gründete derselbe Öberrabbiner eine jüdische Schule mit einem, angegliederten Kindergarten, die sich von Jahr zu Jahr höherer Frequenz erfreut. Auch wurde vor. einigen Jahren eine neue Mikweh unter Assistenz des Öberrabbiner Schreiber, Gorizia, gebaut, die streng dem yi entspricht. Der Ritus im Tempel ist spaniolisch mit s'ephardischer Aussprache, so daß es dem nichtitalienischen Juden sehr schwer fällt, sich an den G'ttesdienst zu gewöhnen,, zumal der Kultus ein anderer ist, als der. in den west- und osteuropäischen Ländern geübte. Es ist daher recht erklärlich, wenn schon längere Zeit ein Bedürfnis nach einem würdigen Betsaal vorhanden ist, in dem diese Kreise besonders zu den Feiertagen in altgewohnter Weise einen G'ttesdienst besuchen können, der sie durch seihe heimatlichen Klänge zu einer , Stunde der Andacht Und religiösen Besinnung weckt. Drei junge Frankfurter Herren, die seit dem Sommer sich in Milano ansässig gemacht hatten, ergriffen nun die "Initiative, diesem Bedürfnis Rechnung tragend, eine Synagoge zu gründen, die in ihrem Ausbau und ihrer g'ttesdienstlichen Gestaltung die Möglichkeit_ bietet, .einen wirklich würdigen^ G'ttesdenst abzuhalten, in einer ästhetischen Form, die auch die ferner stehenden Kreise anzuziehen versteht. In wenigen Wochen gelang es diesen Herren, nachdem sie die Erlaubnis der Gemeinde, und des Rabbinats erhalten hatten, ihr Vorhaben zu verwirklichen. Ein . in der Via Sistori 24 im ersten Stock, Hof ganz für sich liegender Saal wurde unter fachmännischer Leitung eines Architekten umgebaut und nach einem einfachen^: aber sehr geschmackvollen Entwurf recht wirkungsvoll eingerichtet! Noch Sonntag vor nOÖ konnte die Einweihungsfeier abgehalten werden, die schon in ihrer würdevollen Gestaltung den Sinn und Geist der Initiatoren zeigte und allen Teilnehmern die Gewißheit gab, daß diese Synagoge der Anfang zu einer hoffentlich recht günstigen Entwicklung des echten Judentums bedeutet. Bei vollgefüllter Synagoge — einige Herren des Vorstandes der Gemeinde waren auch zugegen — wurde die Feier mit einem frischen Gesang des Matowu von Lewandowsky eingeleitet, der -von vier ausgebildeten jungen Sängern ausgeführt wurde; Herr Jacob M. Zippel, früher Frankfurt a. M., hieß die geladenen Gäste in italienischer Sprache herzlichst willkommen, drückte im Namen der Initiatoren der Gemeinde und dem Rabbinät den Dank aus für die Erteilung der Erlaubnis,, wodurch die Möglichkeit zum Bau einer Synagoge gegeben: war. Alsdann würden di'ö Q'HSO feierlichst von Mitgliedern des Vorstandes der Communita israeliticä und Ehrengästen eingeführt und nach Hakofaus in den. herrlich erleuchteten j?"nx eingehoben, worauf der Vertreter des greisen Oberrabbiner DajanU, Rabbiner A s t r o 1 o g o , die Segenswünsche des Oberrabbiners überbrachte und das Gebet für König und Vaterland prach. Darauf bestieg einer der drei , Initiatorenj Herr Rothschild, die Kanzel, um . den Sinn; und s, die Bedeutung der Synagoge als Mittelpunkt^;jeder Religiosität darzulegen. Nach einem kräftiigen; Ge,- sang des ' ersten Hallelabschnittes wurde in gehobe- .'<i Stimmung das Mihcha- und MaariW-Gebet--vorgetragen und mit einem y?}"» fand die erhebende Feier ihren Abschluß'.' Eine Feier von 'echt religiöser Anregung, wie sie Milano noch nicht' erlebt, wird sie bei allen Teilnehmern nachwirken ■ und uns un- (;. vergessen bleiben. J . -;,;;: *|f,