Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-05-16 · Heft 20 (16.5.1935) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 20 (16.5.1935)
Date
1935-05-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450877--81270-2539152
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 8 Nr. 20 L> e r Israelit 16. Mai 1935 terbringung in Schu1ungs1agern ent schlössen, schon deshalb, um den heimischen Stellenmarkt nicht weiter zu belasten. Als Stichtag für die Maßnahme sei der 28. Januar 1935 festge setzt, so daß alle nach diesem Termin heimgekehrten oder noch zurückkommenden Emigranten sich darauf gefaßt machen müssen, interniert zu werden Der zweite Artikel befaßt sich unter der Ueber schrift „Der Zionismus marschiert" mit der jüdischen Auswanderung nach Palästina. Die Masse der Auswanderer denke nicht daran, nach Palästina zu gehen, wo sie schwer arbeiten müßte, sondern wolle lieber in Nachbarländern Profit machen. Seit Herbst v. J. erhielten Auswanderer, im Gegensatze zu früheren Jahren, sofern sie nach anderen Ländern als nach Palästina gehen, überhaupt keine Barbe träge mehr genehmigt. Ihre Finanzierung könne nur noch in der Form des Clearing erfolgen, wodurch die legale jüdische Auswanderung ins euro päische Ausland und nach Uebersee fast völlig ein geschlafen sei, während die Auswanderung nach Pa lästina unter ganz besonderen Umständen weiter anhalte. Im dritten und letzten Artikel geht das Blatt auf die wirtschaftliche und politische Zukunft der Juden in Palästina näher ein Diese Zukunft sei für Deutschland nicht ganz ohne Wichtigkeit, so wird ausgeführt, weil zum Teil auch von diesem Faktor die Lösung des Judenproblems im Reich© abhänge. Entwickle sich Palästdna in den nächsten zehn Jahren so, wie die Zionisten es hof fen, so dürfe damit gerechnet werden, daß nach dieser Zeitspanne eine Abnahme der Juden in Deutsch land Tatsache werde. Palästina sei an sich durchaus imstande, mindestens eine Million Juden zu ernähren. Es gebe dort so viel üppiges Kulturland, daß bei einigem Fleiß ein zahlenmäßig sehr beträchtliches Bauernkontingent sein Auskommen fände. Allerdings ständen diesen Aussichten der heftige Widerstand der eingeborenen Araber gegenüber der jüdischen Einwanderung und dann die große Unlust entgegen, die die Juden dem anstrengenden Feldbau bisher bezeigten. In dem Aufsatz heißt es, daß die Verbitterung der Araber vor allem auf die rücksichtslose Bodenspekulation die geldkräftige jüdische Einwanderer betreiben, »zurückzuführen sei. Dies sei auch einer der Hauptgründe (neben der deutschen Reichsfluchtsteuer), weshalb viele an sich auswanderungslustige, vermögende Juden im Reiche die Entwicklung der Grundstückspreise in Palästina erst mal abwarten wollen. Andererseits mache dort die Kultivierung von Oedland rasche Fortschritte. Emigranten, die die Kraft aufbringen, .sich von ihren bisher in Deutschland ausgeübten kaufmännischen oder intellektuellen Berufen völlig zum Landwirt umzustellen, fänden in dieser neuen Tätigkeit' anscheinend Auskörnen. Der Aufsatz geht sodann auf die wachsende Größe der Einwanderung nach Palästina ein und wendet sich der Frage zu, ob die Juden in Deutschland aussterben. Es wird ausgeführt, daß der Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Deutschland zwischen 1925 und 1933 in seiner Berechnung insofern nicht stimme, als das verhältnismäßig starke Kontingent jener Juden, die sich in den Volkszählungslisten nicht als mosaisch, sondern als konfessionslos, Protestanten oder gar als Katholiken bezeichnet habe, nicht zur Zahl der religiösen Juden addiert worden sei. In Wirklichkeit sei die Zahl der Juden in Deutschland stets wesentlich höher gewesen. 1927 sei die Zahl der jüdischen Rassenzugehörigen im Reiche auf 615.000 geschätzt worden, Seitdem seien bekanntlich erhebliche Zuwanderungen von Ostjuden nach Deutschland erfolgt; in den letzten fünf Jahren vor der nationalsozialistischen Revolution insgesamt 15.000 bis 20.000 Personen. Gegenwärtig müßten immer noch rund 535.000 Juden im Reiche vorhanden sein. Ueber die weitere Entwicklung bemerkt der „Völkische Beobachter", daß die erste Panik, wenn von einer solchen überhaupt die Rede sein konnte, schon längst verpufft sei und einer philosophischen Auffassung der Lage in jüdischen Kreisen Platz gemacht habe. Man besitze Geld und'könne leben, häufig sogar sehr gut. Der Aufsatz spricht sich zum Schlüsse gegen die Berechnung aus, die Direktor Georg Kareski im „Staatszionisten" angestellt habe und wonach die jüdische Seelenzahl in Deutschland schon; in zehn Jahren auf wenig mehr als 100.000 zurückgehen dürfte. Direktor Kareski schätze die Zahl seiner Rassegenossen in Deutschland auf nur unwesentlich über 400.000, was irrig sei. Pflegeeltern arischer Kinder müssen arisch sein. Berlin, 10. Mai. Die „Juristische Wochenschrift" veröffentlicht einen Beschluß des Reichsgerichts, der wegen seiner grundsätzlichen Bedeutung zur Aufnahme in die amtliche Spruchsammlung bestimmt ist. In ihm wird festgestellt, daß bei der grundlegenden Bedeutung der- Rassenfrage im nationalsozialistischen Staat die Heranbildung des jungen Menschen arischer Abstammung zu einem art- und rassebewußten -Volksgenossen einen untrennbaren Bestandteil des Erziehungs Werkes bildet, und daß diese Heranbildung nicht gewährleistet sei, wenn zwar die Pflegemutter, nicht aber der Pflegevater eines Kindes arischer Abstammung ist. Das geistige und sittliche Wohl des arischen Pflegekindes lasse eine Erziehung durch einen nichtarischen Pflegevater nicht zu. Ein Widerruf des Pflegevertrages könne durch das körperliche, geistige oder sittliche Wohl des Kindes schon dann geboten sein, wenn die Pflegeperson nach dem pflichtmäßigen Ermessne des Jugendamtes nicht die Gewähr dafür biete, daß das Pflegekind durch sie die nötige körperliche Pflege, sowie die richtige Erziehung in geistiger und sittlicher Hinsicht finde. Auf ein Verschulden der Pflegeperson komme es dabei nicht an, Unter Pflegekinder sind grundsätzlich alle Kinder zu verstehen, die sich regelmäßig in fremder Pflege befinden. Die Aufnahme eines Pflegekindes bedarf der vorherigen Erlaubnis des Jugendamtes. Diese Erlaubnis kann widerrufen werden, Im vorliegenden Falle handelte es sich um die Entscheidung über einen solchen Widerruf. Ist die Bezeichnung als Jude eine Beleidigung? Berlin, 10. Mai. Wie die „Nationalsozialistische Korrespondenz" meldet, hat der Leiter des Rassepolitischen Amtes der NSDAP, nach Bekanntwerden des' Urteils des Königsberger Amtsgerichts, in dem es'hieß, daß die Bezeichnung als Jude eine formale Beleidigung darstelle, ein Telegramm an den NS-Juristenbund gerichtet. Es lautet: „Betrachte Königsberger Urteil als völliges Fehlurteil, das jedem rassischen Empfinden widerspricht. Erbitte ganzen Einfluß dahin geltend zu machen, daß zukünftige "Wiederholung derartiger unverständlicher Entscheidungen unterbleibt." Die „Nationalsozialistische Korrespondenz" bemerkt hierzu nach dem Bericht des „Völkischen Beobachter": „Wie weit auch heute noch die Rechtssprechung auf Grund des römischen Rechtes dem völkischen Rechtsempfinden zuwiderläuft, das zeigt eindeutig das Urteil de« Königsberger Amtsgerichts^ nach dessen Auffassung allein das Aussprechen des Wortes „Jude" in jedem Falle bereits eine strafbare. Handlung darstellt. Die Ablehnung eines Beweisantrages zur Feststellung der jüdischen Abstammung des Klägers (namens Seraphim) ist bezeichnend. Wir glauben vielmehr, daß das deutsche Volk auf Grund der gemachten Erfahrungen ein erhebliches Interesse daran hat, ob jemand deutscher Abstammung ist oder ob seine Vorfahren in Palästina und Galizien ihrem Handel nachgegangen sind. Die Erörterung der vermutlichen Abstammung als eine Beleidigung zu bezeichnen, dürfte im nationalsozialistischen Deutschland auf geringes Verständnis stoßen." . Jüdische Kulturbünde, :■' B e rlin , 12. Mai. Am 27, Und 28 April 1935 fand in Berlin, wie bereits berichtet, im Beisein von Vertretern der staat-. liehen Behörden sowie je eines Delegierten der Reichsvertretung der Deutschen Juden und des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, Berlin, eine Tagung von 46 Vertretern der in Deutschland bestehenden Kulturbünde und Vereinigungen ähnlicher Zielsetzung Statt, um über einen Zusammenschluß der ijüdisch-kulturellen Organisationen in Deutschland zu beraten. Nach Begrüßungsworten von Herrn Dr. Singer, der in großen -Zügen das Wesen, den Zweck und die Notwendigkeit einer Reichsorganisation der Kulturbünde schilderte, erläuterte Herr Staatskommissar Hinkel im Einvernehmen mit den Staatspolizeistellen die Zweckmäßigkeit der Errichtung" einer solchen Organisation und beantwortete im Verlauf-der Sitzung Fragen, die aus dem Kreise der Delegierten an ihn gestellt wurden. ■ _ Es wurden folgende Referate gehalten: Dr. Kürt Singer: Die Notwendigkeit einer Zentralorganisation. Dr. Werner Levie: Wirtschaftliche und organisatorische Aufgaben der Reichsorganisation. Dr. Heinrich Levinger, Köln: Der Kulturbund im Reich und die Reichsorganisation. -Dr. Friedrich Brodnitz: Reichsorganisation und jüdische Oeffentlichkeit. — Nach anschließender eingehender Aussprache über, alle in Betracht kommenden prinzipiellen Fragen beschloß die Versammlung einstimmig die Gründung des Reiohsverbandes der Jüdischen Kulturbünde in Deutschland mit dem Sitz in Berlin. Die Aufgabe dieses Verbandes besteht darin, auf Grund organisatorischen Zusammenschlusses aller jüdisch-kulturellen Verbände, jedoch unter vollständiger Wahrung der Selbständigkeit der Kulturarbeit und der Verwaltung, eine wirksamere Förderung der gemeinsamen Ziele und eine einheitliche Vertretung gegenüber den zentralen Reichsbehörden zu ermöglichen. Am folgenden Tage traten von der Versammlung gewählte Kommissionen zusammen^ die über Fragen der Verfassung, der wirtschaftlichen Grundlagen, der Kulturarbeit berieten und die Ergebnisse ihrer Beratungen der Vollversammlung unterbreiteten. Auf Grund dieser Vorschläge wurde ein vorläufiger Satzurigsentwurf angenommen und ein Vorstand gewählt. Aus diesem Vorstand wurde ein engerer V o r s t a n d (geschäftsführender Vorstand) gewählt, welcher von der Versammlung u. a. beauftragt wurde, die endgültigen Satzungen vorzubereiten und die wirtschaftliche Grundlage des Verbandes, beruhend auf dem Prinzip der Beitragszahlung, zu schaffen. Gemäß diesem Auftrag trat der engere Vorstand bereits am 29. April zu einer ersten Sitzung zusammen. Die in dieser Sitzung gefaßten Beschlüsse werden den beteiligten Vereinigungen und Gemeinden' zugesandt werden. (Es ist selbstverständlich, daß die rein religiösen Lernvereine und ähnliche Institutionen mit dem hier geschaffenen Kulturverband nichts zu tun haben, da sie ja ganz andere Ziele verfolgen und von anderer Struktur sind. Red.) Kundgebung der Antijüdischen« WeltKga . in Nürnberg. Nürnb erg , 10. Mai. Wie der „Fränkische Kurier" in Nürnberg meldet, fanden die angekündigten / Massenversammlungen der Antijüdischen Weltliga mit dem Thema: ,,Wer ist der Weltfeind in ^Wirklichkeit?" unter sehr großer Beteiligung statt. Nach dem Bericht des Blattes begrüßte Oberbürgermeister J a k o b , Fürth' namens der Antijüdischen Weltliga die Erschienenen. Danach sprach Gauleiter Julius Streicher über die B edeutung der Rassenf rage. Der französische'Schriftsteller Jean Boissel erklärte u. a., er sei gekommen, um den Feind 2u entlarven, der in gleicher Weise der Feind Frankreichs wie der Feind Deutschlands sei. „Nationaldeutsche Juden". — Eine Aeußerung gegen den Naumann-Verband/ Essen, 6. Mai. Die „Nationalzeitüng" in Essen schreibt: ,;Nationaldeutsche Juden" — welch eine Cortradictio in adjecto/ Die Auslandspresse will von einem Protest dieses von einem gewissen Juden Naumann geführten Klubs gegen den Flaggenerlaß Dr. Fricks" beim Führer und Reichskanzler wissen. Ein „Protest" also gegen das elende Judenspiel mit den alten, und neuen Fahnen des_ Reiches/Die Abfertigung auf: diese Unverfrorenheit wird eindeutig und immer gültig sein. Wir wundern uns,'daß dieser Klub unter dieser herausfordernden Bezeichnung überhaupt, noch bestehen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.