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Der Israelit · 1935-05-16 · Heft 20 (16.5.1935) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 20 (16.5.1935)
Date
1935-05-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 20 Der Israelit 16.: Mai. 1935- Prozent vertreten. Erst 1934, nachdem die These von der Entstehung der Protokolle auf dem Zionistenkongreß zusammengebrochen war, suchte man die Verbindung der „Protokolle" mit den Bne Brith herzustellen. Entgegen einer Aeußerung Fleischhauers stellt Loosli fest, daß es in Ungarn keine B. B.-Loge gibt. Zuletzt verliest der Experte die Statuten der B. B., aus denen klar hervorgeht, daß die Vereinigung nur humanitäre Zwecke verfolgt. Nach einer Klärung des Begriffes der „literarischen Fälschung" bejaht Loosli die Frage, ob die „Protokolle der Weisen von Zion" eine Fälschung sind, Die zweite Frage ob die Protokolle ein Plagiat seien, wirc unter Hinweis auf die wörtliche Benutzung älterer Schriften ebenfalls bejaht. Schließlich müsse auch die Frage, ob die Protokolle unter den Begriff ^Schundliteratur" fallen, bejaht werden. Das Schlußwort Baumgartens. Nach einer kurzen Replik Fleischhauers, in der er unter heftigen Angriffen ge gen Freimaurer, Juden den Völkerbund unc den Obergutachter darauf besteht, daß die Protokolle echt jüdisches Gedankengut seien, erhält Professor Dr. Baumgart e.n das Schlußwort. Er weist nochmals auf seine mündlichen und schriftlichen Erklärungen hin und geht dann ausführlich auf die weltanschaulichen .Hintergründe des. Fleischhauer'sehen Gutachtens ein, Der Gegensatz zwischen der .Kulturauffassung beider Parteien sei unüberbrückbar, wichtig sei nur die Klärung und Aufklärung im Interesse derer, die noch keine feste Einstellung haben, besonders im Interesse der Jugend. „Der Gegensatz," fuhr. der Experte fort, „beruht auch nicht darauf, daß im Widerspruch mit der Ansicht von Herrn Fleischhauer Herr Loosli und ich uns auf den herkömmlichen Liberalismus und Individualismus festlegen würden. Dieser Liberalismus und Individualismus ist erstarrt und verknöchert, Er hat nicht dazu geführt, daß jeder Mensch seine Individualität frei entwickeln kann. Er hat dazu geführt, darin wird Herr Loosli mit mir einig gehen, daß viele, unzählige, Einzelne ihrem Egoismus auf Kosten ihrer Nebeitmenschen freien Lauf gelassen haben, und daß große und kleine Interessentengruppen einen tyrannischen, unkontrollierten Einfluß auf das menschliche Gesellschaftsleben ausüben. Für das Sozialleben wie für das Individualleben gilt der Satz, daß die bewußten Vorgänge nur einen kleinen Teil des Psychischen ausmachen. In welcher Richtung die dunklen Einflüsse sich im Gesellschaftsleben .geltend machen, das kann nur ein tiefgehendes Studium der gesamten ökonomischen und rechtlichen Struktur unserer Gesellschaft ergeben, denn aus ihr und .nicht aus irgend einem bösen semitischen Geiste gehen diese Einflüsse letztlich hervor. Es muß anders werden, darin sind wir uns, alle einig. Aber in dem „Wie", da liegt der unüberbrückbare Gegensatz. Für Herrn Loosli und mich heißt, die Wahrheit der „Protokolle" bejahen, auf den Sinn des geschichtlichen Daseins der Menschheit verzichten. Wären die Ideen der Aufklärung, die den Ruhm der ersten neuzeit-. liehen Jahrhunderte ausmachen, die Idee der Freiheit, des Fortschrittes, der Menschenwürde, der grundsätzlichen Gleichheit aller Menschen wirklich nichts anderes, als jüdisches Blendwerk, verwendet vom Judentum im Kampf um die Weltherrschaft, dann wäre keine Hoffnung auf eine Besserung der gesellschaftlichen Zustände gegeben. Wir sehen in diesen Ideen den wenn vielleicht auch nicht vollen Ausdruck des Wahrheitsstrebens der Menschheit und darum hat es für uns einen Sinn, uns für das einzusetzen, was uns an ihnen richtig erscheint. Wir wollen uns nicht das ganze Arsenal geistiger Waffen, mit denen die Schlachten der Zukunft geschlagen werden müssen, als „Judenflinten" konfiszieren lassen. Wir wollen nicht die geistige Erbschaft der neuzeitlichen Jahrhunderte ausschlagen, weil sie angeblich hebräischen Ursprungs ist, denn was bleibt uns, wenn wir das tun? Es gibt keine Denker auf sozialem Gebiet, die nicht von dem Gedankengut, das uns die „Protokolle" herabwürdigen, gezehrt hätten. Sobald wir mit dem Argument arbeiten, daß alles, was im Sinne der „Protokolle" und' der Protokoll^ gläubigen vom Geiste der Juden oder dier Judenhörigen beeinflußt ist, als jüdische Machenschaft aus der ernsthaften Diskussion ausgeschieden werden muß, unterbrechen wir den Geist des geschichtlichen Zusammenhangs und stürzen ins Leere. Man sage nicht; wir können mit Nilus zum Geist des Mittelalters zurückkehren, denn der Geist des Mittelalters steht unter dem Geist des Christentums, und das Christentum ist aufs dringendste verdächtigt, in dem, was . seine schönste Blüte ist, in der christlichen Ethik, aus semitischem Geiste hervorgegangen zu sein. Wenn wir uns aller geistigen Güter entäußern, die irgendwie vom Judentum infiziert sein könnten, dann müssen wir, um an den reinen Born geistiger Werte zu ge langen, iti eine vorjüdische, legendarische -Vergangenheit herabsteigen, oder alles aus uns selbst, schöp fen, wozu kein Mensch und keine einzelne Generation von Menschen, fähig is,t. Wäre das Judentum wirk lieh alles däs^, als was" es sich nach den „Protököl len" 'darstellt}.' dann würden seine Gegner zwangs läufig im Kampfe mit ihm immer mehr auf das mo raiische Niveau der „Protokolle" herabgedrückt werden. Wäre dann schließlich in dem Kampf mit gleichen Waffen über das Judentum der Sieg er fochten, dann bliebe den Siegern kein geistiges Rüst zeug mehr für die Begründung besserer gesellschaftlicher Zustände, Es bliebe ihm nichts als ein Kopie ren des so unendlich dürftigen und geistlosen söge . nannten aufbauenden Teiles der „Protokolle". Das ist," schloß Prof. Baumgarten, „wie mir scheint, der Kern der Erwägungen, die Herrn Loosli, und mich bestimmen, den „Protokoll"-Glauben für so unendlich gefährlich zu halten und daher mit aller Schärfe gegen ihn aufzutreten. In einem solchen Kampfe um die wichtigsten Menschheitsgüter kön nen unmöglich alle Worte auf eine Goldwage gelegt werden. In einem solchen Kampfe soll niemand persönliche Rücksichten nehmen und niemand sich gar persönlich gekränkt fühlen, wenn in der Debatte vor Gericht :.oder in der Presse Anschuldigungen gegen ihn oder gegen ihm nahestehende Menschen erhoben werden, die ihm als ungerecht erscheinen, Die Sache, um die es im Streit um die Wahrheit der „Protokolle" gehtji ist. von so unabsehbarer Bedeutung, daß die Person der . Streiter ganz zurückzutreten hat." Die Plädoyers. ] Mit dem Schlußworte Baumgartehs war die Gesamtexpertise abgeschlossen. Es begannen die Plädoyers mit einer Rede des Anwalts der fclägerpartei, B r u n s c h v i g. Er schilderte zunächst die Vorgeschichte des Straff alles. Es sei merkwürdig, daß in den verschiedenen Ausgaben der verschiedenen Länder je behauptet wird, die Juden würden ihre Geheimpläne gegen das Land, für das die Ausgabe berechnet war, ins Werk setzen. Der Anwalt schildert die gefährliche Judenhetze, die in der Schweiz die Veröffentlichung der Protokolle ausgelöst hat und die sogar 1933 zu Ueberfällen auf Juden, zu einer Friedhofschändung. und Einbrüchen in Synagogen geführt hätte. Obwohl^ im Berliner Prozeß Graf Reventlow bei einem Vergleiche bedau ert hatte, Achad Haam der Verfasserschaft der Protokolle beschuldigt zu haben, wurde in der Schweiz wiederum ungehemmt mit' dem Namen Achad Haam operiert. Er gibt eine Analyse des Protokollinhalts und faßt nochmals kurz alle Argumente, die diese als Fälschung charakterisieren, zusammen. Er bespricht auch die Aufdeckung des Protokollmärchens durch den Konstantinopeler Korrespondenten der ,,Times" im Jahre-1921. Er verliest Zitate aus Achad Haams Schriften, die die Absurdität der Annahme, dieser jüdische Philosoph habe mit solchen Geheimaktionen etwas zu tun, dartun. Das gleiche gelte auch von H e r z 1, dessen Tagebücher nicht anders zu bewerten seien, als die Memoiren anderer hervorragender Staatsmänner. Der Anwalt verliest auch programmatische Stellen aus dem Statut der Baseler B. B.-Loge, aus denen; sich klar ergibt, daß die Loge einzig und allein Wohl-' tätigkeitsziele verfolgt. Die Hintergründe der Fälschung in Rußland' schildert er im Sinne der Gutachten, Sodann geht er auf den eigentlichen' Sinn des Berner Prozesses ein. Es soll kein Kampf des Judentums gegen irgend ein politi-" sches System sein, es handelt sich!für die Kläger einzig und allein darum, die schwer angegriffene Ehre des Judentums zu verteidigen. Die von Fleischhauer angeführten Zitate aus dem Talmud seien aus <iem. Zusammenhang herausgerissen. Einer seiner Gewährsmänner, Weininger, sei mit zwanzig Jahren in geistiger Umnachtung aüs dem Leben geschieden, die anderen seien R e n e g a t e n , die sich am. Judentum rächen wollten. R o h 1 i n g sei des wissenschafliehen Meineidsbeschuldigt worden, ohne sich dagegen zu wehren. Geschichtliche Gerech-, tigkeit für . den Talmud verlangt der Anwalt, Unser- Buch des Lebens.^stamme von den;!spätereni Dezisoren, die aber aus dem Talmud schöpfen, Welcher wiederum auf der'Thora fußt,' und man könne darum nicht aus einzelnen Talmudaussprüchen sich Urteile bilden. „Die höchste Krone," heißt es im Talmud, „sei der g u t e R u f - und um,, diese Krone ikämpfen , wirsv Unsere\Kin-: der werden wir aber lehren, was in den" jüdischen Religionsschulen der Schweiz gelehrt wir$: .♦„Jeder ''Mensch Tst unser Nächster; dennJ jeder r Mensch'ist?l2in Kind G'ttes, der unser aller Vater ist, Tue also, mein Kind; jedem Menschen, wie du wünschest, das man dir tue." So lege ich denn mit Ruhe und Zuversicht die Entscheidung in die Hand unserer bernischen, demokratischen Gerichtsbarkeit. Möge von diesem Gerichtssaal ein Strahl der 'Wahrheit ausgehen! Möge er Lichtbringer einer Zukunft sein,, die nicht allzu fern ist. Mögen in dieser Zukunft nicht Gewalt und Haß, sondern Geist und Liebe die herrschenden Kräfte 'sein!" Aus de m Plädoyer des Professor Mattis. Der Vertreter des Schweizerischen: Israeli t .i .s c h e n G e m e i n d e b. u n d e s;, Professor Mattis (Nichtjude), bezeichnet es zu: Beginn seiner Rede als dringende Notwendigkeit, die seit einiger Zeit in der Schweiz aufgekommenen extremen Firmen antisemitischer Propaganda zu .{beseitigen. Da die Protokolle .einmal; ,die Basis dieser Propaganda bilden, war es nörtijg, einen Prozeß mit diesem gewaltigen Aufwand durchzuführen. 'Nach einem kurzen UeberblickV. über den Prozeß betrachtet Prof, Mattis den von den Beklagten 'versuchten Wahrheitsbeweis als zusammengebrochen. Auch könne für ihn kein Zweifel mehr sein, daß die Protokolle Schundliteratur darstellen. „Die schweizerische Verfassung," erklärte Prof.' Matti, „kennt keine Unterschiede zwischen Juden und Nicht-Juden. Mit der Idee eines demokratischen Staates ist es nicht, vereinbar, mit illegalen; Mitteln kleine Volksteile zu entrechten zu suchen. Der große Geschichtsschreiber Jakob Burchardt hat in seinen „Weltgeschichtlichen Betrachtungen": einen Gedanken, formuliert, den wir im Auge halten sollten. Der kleine Staat ist vorhanden, damit er einen "Fleck auf der Welt sei, wo die größtmöglichste - Quote der "Staats-• angehörigen Bürger im vollen Sirine sind. Denn der! kleine Staat hat überhaupt nichts als. die tatsächliche Freiheit, wodurch er die gewaltigen Vorteile eines Großstaates ideell völlig aufwiegt." Diesen. Ausspruch wolle der: Redner Wort für Wort unterschreiben.. Es wäre schlimmste Despotie, wenn man darauf ausginge, die Juden in .der Schweiz rechtlos "zu erklären. In dem größten Teil Europas herrsche für solche Ueberlegungen volles Verständnis und dieses Verständnis werde' sich imiiler und immer wieder durchsetzen. Die wahre Menschheitsgeschichte beruhe nicht in der Unterdrückung, sondern letzten Endes in der Freiheit, „Wir haben," erklärte, Prof. Matti, „das Reifezeugnis für eine vernünftige politische Betätigung gewiß schon erhalten. Es wäre schade, wenn durch solche unerhörten Angriffe auf einzelne; Volksgenossen — die Juden — das politische Reifezeugnis der Schweiz in Frage gestellt werden müßte. Wir. er-: warten von dem Ausspruch des Richters wenigstens das, daß die Schweizer, die bei einer Besserung unseres Staatswesens mitarbeiten wollen, sich rechtzeitig besinnen und aus ihrem Programm den ^Antisemitismus eliminieren, welcher unserem Staat nur schwere Nachteile zufügen würde. Wenn als Schlußergebnis dieses umfangreichen Verfahrens über' die unmittelbare juristische Lösung hinaus eine Welle in die Öffentlichkeit dringt, die zur Umkehr bestimmen kann, von der Verfolgung von Zielen, die als schädlich bekannt werden müssen, dann sind die Opfer ,an Zeit und Mühe vollauf" gerechtfertigt." Nach Prof. Mattis plädieren die Verteidiger der* Angeklagten auf Freisprechung ihrer Mandanten und Erkennung einer Entschädigung an sie. Dr. Ursprung legt die Gedankengänge der Erneuerungsbewegung in der Schweiz dar und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß das Gutachten Fleischhauers bald in keinem Schweizerhause fehlen würde. ' . ' - ü Bekanntlieh hatten . die; Angeklagten gegen zehn Zeugen, auf der Oktober Verhandlung Strafanzeige wegen wissentlich falscher Zeugenaus-■:: sage eingereicht. Die Anzeige gegen neun Zeuj gen1 wurde von .vornherein, zurückgewiesen, nunmehr teilte der/ Gerichtspräsident mit; daß auch der Strafanzeige , gegen Wladimir B u r z e f f - keine weitere Folge gegeben wird. Damit ist jene-; Strafanzeige gegen die Zeugen in der Oktober-.;. Verhandlung endgültig e rl e d i g t.

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