Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1935)
- Date
- 1935-05-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 20 Der Israelit 16. Mai 1935 Neuland nicht für alle; wenigstens nicht in gleichem Maße für alle. Deutschlands thoratreue Juden, die in unseren Tagen den Weg ins Heilige Land finden, trifft die Zeitenwende und die durch sie bedingte Konfrontation der Thora mit dem Leben immerhin vorbereiteter. Ein Großer in Israel hatte seine Hand über sie und hatte sein Ideal vor sie hingestellt, das sie wohl bei weitem nicht erreichten, das wohl in der Golah überhaupt nicht bis zur Idealnähe erreicht werden kann, das aber gleichwohl für sie einen erhebliohen Teil der Gefahren der hier besprochenen Erziehungsumgestaltung bereits weggeräumt hat. Deutschlands thoratreue Juden, allzumal Schüler Rabbiner Hirschs y'pw haben immerhin gelernt, inmitten einer nichtjüdischen Wirtschaft, inmitten nichtjüdischer Kunst und Wissenschaft, Berufe ausübend, die ganz im Zeichen dieser Faktoren stehen, sich und ihren Kindern die Thoratreue zu wahren. Deutschlands thoratreue Juden, allzumal Schüler Rabbiner Hirschs ^"piXT' werden, im Heiligen Lande sich niederlassend, Größeres zu leisten und zu bewähren haben: in einem jüdischen Gemeinschaftsleben sich erst recht zu behaupten, ihre Kinder unter der Fahne Rabbiner Hirschs VpXT' ganz anders als in Deutschland bisher, zu wirklichen •'„Söhnen der •Thora" zu erziehen, die alsdann als Pioniere der Thora die Grundsätze der Thora in alle Verzweigungen des jüdisch-gesellschaftlichen Lebens tragen und im Heiligen Lande erst den wahren und tiefsten Sinn der Devise erschließen, die der große Meister ihrer Väter einst für die ganze jüdische Welt ausgesprochen hat. Die Chorew- Schule in Jeruscholajim ist wohl jetzt noch ein einziger Stein. Aber auf diesen Stein sind sieben Augen gerichtet. Rabbiner Hirschs Verdienst stehe den edlen und ' opferfreudigen Gründern dieser Schule bei, schütze sie vor allen Anfeindungen des Unverstands, vor allen Anfechtungen des bösen und auch des guten Willens, gewähre ihnen den Frieden mit allen Ehrlichgesinnten des Alten Jischuw, lasse sie Gunst finden in den Augen der wahrhaften Thoragrößen des Heiligen Landes und vergönne ihnen, daß ihre Kinder, einst aufstehend als thoratreue und thorakundige Vorkämpfer der Herrschaft der Thora über - alle Gebiete des gesellschaftlichen Lebens, durch ihre thoradurchglühte Persönlichkeit die letzten Bedenken entwaffnen, die einem Prinzip entgegenstehen, von dessen Verwirklichung unsere ganze nationale Zukunft abhängt. Vor neun Jahren fragte mich R a b b i C h ajim Sonnenfeld V"plST sehnsüchtig: „Wo bleiben Frankfurts Juden? Warum kommen sie nicht? Wir haben sie nötig!" ,(Frankfurts Juden": er verstand darunter alle deutschen Juden, die Schüler Rabbiner Hirschs ^»"plST waren. Und als er auf meinem Gesicht eine stumme Frage las, fuhr er fort: ,,Sie sollen nur kommen, sie werden hier in ihrer Weise leben und ihre Kinder erziehen können." — — „Frankfurts Juden" kamen nicht. Sie kommen spät. Aber sie kommen nicht zu spät. Vielleicht sind sie dazu berufen, unter den Augen der Thoragrößen einem Erziehungswesen die Bahn zu brechen, das, nur ganz allmählich und nur unter der tatkräftigen Leitung der Thoragrößen, vom Cheder bis zur Jeschiwah das Leben ins Beshamidrasch trägt, um aus dem Beshamidrasch die Thora ins Leben zu tragen. Wochenrundschau. Erneuerung des Judentums, Es gibt ewig Unbelehrbare, nicht allein um Max Naumann, wo man durch taktlose Zudringlichkeit die jüdische Situation gewiß nicht erhebender gestaltet, sondern auch leider unter den Geistigen, die immer noch eine nach fester geistiger Nahrung schmachtende Jugend mit den alten Phrasen in etwas neuer, moderner Gewandung abspeisen zu können glauben. Wir wollen in keine Polemik mit Joachim Prinz über den Begriff der „jüdischen Erneuerung" eingehen. Für uns ist jüdische Erneuerung eine Umformung des jüdischen Lebens nach den alten und ältesten Grundsätzen, die uns nicht allein bis zum Mittelalter, — dessen Bindungen Prinz überwinden will, — sondern noch viel weiter, bis zum Sinai zurückführen. Ueber diese Kluft hinaus eine Aussprache zu versuchen, wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Wenn aber Joachim Prinz, — nach einem Berichte der „Jüdischen Rundschau" —, neuerdings auf seinen Vortragsreisen erzählt, „wie schroff nebeneinander die einzelnen jüdischen Epochen stehen, wie die Erzväter und Mosche und die Propheten und der Rabbinismus sich als krasse Gegensätze und nicht als Fortführungen, ohne jegliche Verbindung, gegenüberstehen" und nur das Mittelalter bewußt „auf eine Erneuerung verzichtet J und Stillhalten für tausend Jahre proklamiert hätte," so darf doch der Historiker zu dieser oberflächlichen und - dilettantischen Darstellung, zumal von! einem Manne; der sich auch! herausnimmt, historische Bücher zu schreiben, nicht schweigen. - Ohne Verbindung miteinander stehen die Gestalten und Epochen der Geschichte?r Prinz unternahm es auch einmal, auf seine Art freilich, den Kindern die biblische Geschichte zu erzählen und auch, er konnte^ ihnen nicht verschweigen, daß Mosche zu seiner Mission u n t e r Hinweis auf Abraham, Jizchak und Jakow berufen wurde, und daß die ganze Erlösung #aus Mizrajim, nach klarer biblischer Darstellung, die Einlösung eines g'ttlichen Versprechens an Abraham darstellt, wie sie zur Besiegelung des mit Abraham geschlossenen Bundes am Sinai erforderlich war. Was haben die Propheten denn anderes mit ihren Mahnungen und Unterweisungen getan und gewollt, als das allen Versuchungen unterliegende Volk seinem G'tte näher zu bringen und sein politisches wie Geistesleben in der von Mosche überbrachten g'ttlichen Lehre zu verwurzeln? Gewiß, G'tt wollte keine Opfer aus blutiger Hand, von Menschen^ die das Opfer des Herzens dem Bruder. lieblos verweigern. Das sagten die Propheten und wurden damit von den Aposteln der Reform so gründlich mißverstanden. Hat aber Prinz nicht das Kapitel 58 in Jesajas und unzählige Stellen im Jecheskel gelesen, die, über das kurze Wort der Thora hinaus, ein Bekenntnis zum Sabbat verlangen, zu m ganzen Sabbat mit allem, was erbietet, gebi et et und verbietet!? Hat der Rabbinismus, wenn darunter Talmud und Dezisoren zu verstehen sind, nur eine einzige Halacha je geprägt, eine einzige Agadasentenz gelehrt, die nicht ihren organischen Zusammenhang mit Thora und Propheten aufweisen, wie Frucht und Blüte des Baumes mit Stamm und Wurzel? _ Von einem „Stillhalten" des Mittelalters sprecheman am allerwenigsten im Rambam jähre, das schließlich nur einen aus dem Kreise der Unzähligen früher und später hervortreten läßt, dieden jüdischen Geist in lebendigem Fluß erhielten. Die schöpferische Kraft des Mittelalters war relativ nicht minder groß wie die der rabbinischen und prophetischen Zeit, aber die Kraft kam aus der gleichen "Wurzel,, aus derselben Quelle. Wer in der Kabbala oder im Chassidismus eine Revolution' oder eine Reaktion auf das „Stillhalten des Mittelalters" sieht, kennt den Sinn der Geschichte nicht oder geht bewußt darauf hinaus, ihn für seine Zwecke umzufälschen. ' Nocheinmal das „Wunder der grauen Haare" bei Rabbi Elaser ben Asarijah. Zu dem so lehrreichen Rambamartikel im „Israelit", in dem u. a. auch darauf hingewiesen wird, daß Maimonides in seinem Mischnahkommentar vom „Wunder der grauen Haare" bei Rabbi E. b. A. nicht spricht und das frühzeitige Greisenalter auf natürliche Weise erklärt, sei folgendes bemerkt: 1. Rambam selbst sagt in der angeführten Stelle wörtlich »nasa isaiutt lös wixia nx>ffn nVnnn ' ">m „Und so war der Anbeginn des Greisenalters von ihm freiwillig heraufbeschworen, wie in der Gemoro (Brachoth 28a) erklärt wird." Mit dieser Betonung des nbnnn und dem Hinweis auf die weitere Ausführung der Gemoro bejaht und bestätigt Rambam auch das in jeher Gemorostelle genau beschriebene Wunder. 2. Daß der Ausspruch von R, E, b, A. ps '3K nn 'Hl D'n» samt dem von Ben Sorna an dem Tag getan wurden, an dem Rabbi Elasar Nassi wurde, wird im Talmud nirgendwo gesagt. Diese Ansicht wird nur in Raschi und in Bartenora geäußert. Aus dem Wortlaut des Talmuds (man lese die Stelle nach) ist nur zu entnehmen, daß er seinen Ausspruch in ganz jungen Jahren getan hatte. Wie alt er damals war, ergibt sich aus dem Zusammenhange nicht. 3. Was Rambam übrigens zwingt, zu dem Wunder auch noch ein natürliches Altwerden hinzuzufügen, ist wohl die Tatsache, daß sein Ausspruch 'lll '38 'in im Zusammenhange mit dem W3T t6 an sich nicht verständlich ist. War er so jung noch und sah nur wie ein Siebziger aus, so brauchte es ja nicht Wunder zu nehmen, daß er sich bei den Kollegen im Rate, die sein wahres Alter kannten, mit seiner Ansicht nicht durchsetzen konnte. Wenn aber nach Rambam dieses 'iJi '-'« 'in ein Hinweis auf seinen übermenschlichen Fleiß bedeutet, dann wäre schon seine Klage 'ivst sbi mehr wie berechtigt. „Ich habe so intensiv an -mir gearbeitet und mich in die Materie so vertieft, und dennoch wollte man mich nicht anhören!" Unbeschadet des im Talmud erzählten und auch von Rambam anerkannten Wunders erklärt der Kommentar mit der Vernatürlichung des vorzeitigen Altwerdens des Rabbi den Zusammenhang zwischen dem '38 'in und dem tpst *b<\- 4. Erwähnt sei auch eine hoch beachtenswerte Bemerkung im Werke ns'aon pos im Namen von Rabbi Levi ben Chawiw, {genannt Raibach). Dort wird die Lesart des „Jeruschalmi'' zitiert, wonach Rabbi E. b. A. schon mit dreizehn (nicht achtzehn) Jahren zu seiner hohen Stellung gelangt wäre. Aehnliche Angabe befindet sich auch in Abudraham zu der Pessachhagadah- und auch in anderen alten Kommentaren. Um die Altersangabe des „Jeruschalmi" mit der im Babli in Einklang zu bringen, meint der Raibach, daß „Jeruschalmi" mit den Worten rav a"' p M'ara sram m~ 13'» nur die Jahre zählt, die der Rabbi in der J e - s c h i w a zu g e b r a cht h a 11 e. Bedenkt man, daß er, nach dem bekannten Ausspruch des Perek, mit fünf Jahren in die Jeschiwa eintrat, und zählt man diese fünf Jahre noch dazu, 50 ergibt sich die gleiche Zähl von achtzehn Jahren wie im Talmud Babli. Dow Jossef Gorfinkel, Frankfurt a. M. Kleines Feuilleton. Neue Palästinaliteratur. Steinmatzk y's Paläst i na- Fü h r er, herausgegeben von Zev Vilnay unter Mitwirkung von Dr. A. Bonne (450 Seiten, Steinmatzky Publishing Comp. Jerusalem), ist ein zuverlässiger.Führer nach und durch Palästina. Wir haben hier eine landeskundliche Uebersicht von bisher nicht erreichter Vollständigkeit. Alle nötigen Ziffern über Bevölkerung, sprachliche und konfessionelle Gliederung, alle Angaben über Klima, Wasserverhältnisse, Fauna und Flora in jeder Stadt, in jeder Gegend, ja an jedem Punkte, der heute für eine jüdische Ansiedlung in Betracht kommt,. Verwaltung, Rechts- und Gerichtswesen, Finanzen und Steuern, Einbürgerungsmöglichkeit, die Verhältnisse, der * Landwirtschaft und der Industrie, des Handels und des Bankwesens, nicht minder das geistige Leben in all seinen Ausläufern treten in lebendig gehaltenen Kapiteln uns vor Augen. Wer nach Palästina will, wird schon vor der Ausreise die Informationen und Hinweise in diesem Buche genau studieren, wird aber diesen Führer