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Der Israelit · 1935-05-16 · Heft 20 (16.5.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 20 (16.5.1935)
Date
1935-05-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
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m^^^^^^^m^^^^W^^^^^^^^f!^^^^^ä^Y?- SlfijsjSjijSK^KS »•^^«,•«5^ lüglSi 16. Mai 1:935 1 i t Nr. 20 Seite 3 . Erez Jisroel-Probleme» •{Fortsetzung von Seite 1.) bestand Berücksichtigung finden, wenn es normativ erfaßt werden soll. Die jüdische Erziehung ist die Erziehung zum Recht der Thora. Das -Recht, der Thora wie auch die Erziehung zum Recht der Thora' bleiben reine Theorie, wenn sie nicht -das konkrete Leben einbeziehen, dessen Beherrschung durch das Recht der Thora die jüdische Erziehung erstrebt. - Das Galuth. des jüdischen, Volkes ist nicht nur zugleich das Galuth der Thora, sondern zÜP gleich das Galuth der jüdischen Erziehung. Wie die Thora im Galuth nicht die ganze Vielgestaltigkeit der menschlichen Lebensbeziehungen beherrschen kann, so muß auch die jüdische Erziehung im Galuth darauf verzichten, alle vom Schöpfer dem Menschen verliehenen Kräfte des Geistes und des Gemütes mit der Thora und durch. die Thora. zU entwickeln und kann für das Leben selbst insoweit hur abwehrend, nur hemmend, im günstigsten Falle nur ausgleichend vorbereiten, als eben dieses Leben außerhalb der Herrschaft der Thora, wenn nichtjJar im Geegnsatz zu den Grundsätzen der Thora sich befindet. Da die Wirtschaft im Galuth keinesfalls die Wirtschaft der Thora sein kann, bildet sie im künftigen Leben des jüdischen Kindes ein' an sich thorafremdes Element, mit dem man sich aus bitterer Notwendigkeit abfinden muß, glücklich, wenn dabei die. jüdische Seele nicht zu erheblicherem Schaden, kommt. Da das jüdische Volk im Galuth, zerstreut unter den Völkern und zumeist in tiefer Armut lebend, eine von der Thora genährte eigene Kunst und eine von der Thora geleitete und kontrollierte eigene Wissenschaft nicht zu entwickeln vermag, bleibt nur die traurige Wahl; sich entweder von Kunst und Wissenschaft ganz fern zu halten oder zu Kunst und Wissenschaft des jeweiligen Wirtsvolks in Beziehungen zu treten, die niemals ungefährlich sind und häufig genug die Harmonie der jüdischen Persönlichkeit gestört haben. So ist es durchaus begreiflich! daß Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft, sowie die Lebensberufe, ■ soweit sie. einen intimeren Zusammenhang mit diesen Faktoren erforderten, meist im jüdischen Erzieh hungsplan des Galuth kerne eigentliche1 .Berücksichtigung fanden, daß die Vertreter der Thora im Galuth diesen < Faktoren, deren Gegensätzlichkeit zur Thora sie ahnten oder zuweilen auch mehr oder weniger kannten, ablehnend gegenüberstanden, und daß als Galuthid'eal ^as Bild des .jüdischen Menschen erstand, der alle Tage seines Lebens sitzt und lernt und mit . der Welt da draußen, in der die Thora nicht herrscht, nicht in Berührung zu kommen braucht. Diese Weif zu „Vorhöfen unseres G'ttes" zu gestalten, -war ein aussichtsloses Unterfangen. So blieb man „eingepflanzt im Hause G'ttes'',;;und begnügte sich mit den Blüten, die im G'tteshause •selber reifen konnten. Aber diese Einstellung, im Galuth selber keineswegs überall unbedenklich, wächst-sich, wie mir scheint, zu einer geradezu unermeßlichen' Gefahr aus, wollte man sie ungeprüft auf das; werdende Erez Jisroel übertragen. Im werdenden Erez Jisroel hat die Thora, ganz anders als in der Golah, die Möglichkeit, nicht nur zu der sich dort entwickelnden Wirtschaft, sondern zu sämtlichen dort allmählich sich betätigenden Kräften des Geistes und des Gemütes in unmittelbare .Beziehung zu treten, und diese Möglichkeit ..stellt die berufenen Vertreter der Thora; vor eine Alternative, die ihnön eine Verantwortung ohne- /glisichen rauflädt: s i e.h en tw e d e r m i tte h e rn e r E nt s ch 1 o s's.enh eit d af ür\ e,i nzu -, s e t z e n* da ß: d ie im E n t st e h e n -be g r i ff e(n e: Ku4 t ur d e s H eil ige n Land e s!' d i e K u 1 tur d e r T hora w e r d e;, od er iid t e i m En t s f e h e n b e g r if f e n e -K u 1 t ur :>d e s H e i 1 i g e n L a n d e s ,v o h v o r n h e r e i n p r eil s z ug eben Uäd d a Hl H dag H e iIi g a Land mehr und mehr zu einer Tummelst ätte d e s j ü di s c h en Ab f all s in ein em Aus m aß e w e r d en zu lassen, daß ijeder gewissenhafte Vater es tausendfach vorziehen wird müssen, sein Kind selbst unter den e r - s c h W er en d s t en U ms tan den in der G 61 ah, inm i 11 e n einer n i c h t j ü d i - sehen Kultur, zu belassen, statt es im Heilig en L an d e d en unerhörten Gefahren einer jüdischen Kultur auszusetzen, die bis ins Mark unj ü d i-s c h i s t. In der Golah mag sich das „Haus G'ttes" ohne die „Vorhöfe" vielleicht halten. Verzichten wir aber im Heiligen Lande darauf, die „Vorhöfe" zu „Vorhöfen unseres G'ttes" zu gestalten, so wird vielleicht eine kleinste Zahl weitabgewandter Menschen, fern von jedem Beruf, sich im G'tteshause lernend und betend einkapseln können: aber die große Prüfung, vor die uns die Zeitenwende stellt, hätten wir mitnichten beständen, und die Rettung unserer nationalen Zukunft könnte uns nur G'ttes liebende und ■— verzeihende Allmacht allein noch bringen. Thorakultur: oft gebrauchtes, selten verstandene!?;, Wort! Nicht im „G'tteshause" erblüht die Thorakultur. Nur ihre Wurzeln finden sich dort. Nur in den „Vorhöfen" des G'tteshauses,' nur im Leben, im vielgestaltigen Leben, nur in der Bewährung der Thora in Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft, nur in ihrer „Bewährung in Lebensberufen, die aus Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft sich herleiten, nur in den Vorhöfen, wenn .sie selber „Vorhöfe unseres G'ttes" werden, wie die 'Wurzelstätte „Haus G'ttes" ist, kann die Thora ihre eigene Kultur zur Entfaltung bringen. Thora k u 11 u r ist nicht identisch mit Thora. Das Lernen der Thora senkt nur die Wurz ein der Thorakultur in die Herzen unserer Jugend. Thorakultur bedeutet Erstreckung der Herrschaft der Thora auf alle Kräfte des Geistes und Gemütes, die G'tt den jüdischen Menschen verliehen hat, daß ihnen, wo überall 'sie nach Wahrheit forschen, als wahr nur gelte, was vor der Wahrheit der Thora besteht, daß ihnen, wie mannigfach auch immer die Impulse sind, die in der Menschenbrust sieh finden und im tätigen Leben sich anmelden,: als gut nur bestehe,, was die Thora zu billigen vermag, daß ihnen, so lockend das Kleid ist, in das die Form, schlechterdings alles zu kleiden versteht, dennoch schön nur sei, was nicht die Weihe der Thora verletzt. Erst aus der Verbindung der Thora mit der ganzen Mannigfaltigkeit menschlicher Betätigungsmöglichkeiten, erst wenn die Thora diese ganze Mannigfaltigkeit beherrscht, entsteht Thorakultur. Sie zu erzeugen, ward Israel Nation, ward Palästina Land der Thora und IsraelsUl 'Sie wieder zu erzeugen, ruft uns G'tt ins Heilige Land zurück. Imwerdenden Erez Jisroel entstehen aus der Wirtschaft die Berufe, rjegen. Kunst und Wissenschaft!, natürliche Gaben des Menschentums als solchen, ihre Schwingen. Aus Wirtschaft, Kunst und /Wissenschaft wird -sich Kultur entwickeln. Wieiisfi^llt sich, frage ich, der Agudismus dazu? Er wird die Kulturentwicklung nicht verhindern .können, selbst wenn er es wollte. Von ihm aber hängt es ab, ob das jüdische Volk im werdenden Erez Jisroel zu einer — Balkangemeinschaft mit Balkänkültür entartet und'[damit; Unserer verheißenen nationalen Zukunft verloren geht oder ob das jüdische; Volk im werdenden Erez Jisroel noch Vjt^r dem Nahenjjdes Erlösers im Rahmen der Vorst^atlichkeit sich zu einer Thorakultur erhebt^ jjlie uns der Erlösung würdig macht. Nur aus 4em Schöße der Weltörthodoxie, zu der die Millidrijäh' .gehören, die ihre Wurzeln ins; G'tteshause senkten, zu denen'; 'die Thoragrößen sich zählen; | die;allein hier Führer sein könnten, wird; die Thorakultur inErezM «Jisi*öel allmählich zÜr Entstehung gelangen. Versagt die Weltorthodoxie, so ist das Schicksal des Nationalheims besiegelt. Es w i r d in Erez Jisroel den wissenden, in allen sozialen Problemen beschlagenen jüdischen Arbeiter, den auf der Höhe des Lebens stehenden jüdischen Kauf mann, den gewissenhaften und kenntnisreichen jüdischen Arzt, den modern ausgebildeten und praktisch klugen »jüdischen Juristen, den vom wunderbaren Hauch des Landes erfaßten und bis zur Erschütterung leidenschaftlichen jüdischen Historiker, den mit Menschen und Landschaft innigst verwobenen jüdischen Künstler, darstellend und bauend, den an die herrliche Natur hingegebenen Forscher geben: wenn die berufenen Vertreter der Thora verhindern wollen, daß all diese Menschentypen der Thora feindlich gegenüberstehen, wenn sie verhindern wollen, daß all diese Menschentypen, die am Werk der Kultur die Hände regen, allmählich einen Bau errichten, in dem kein treuer Sohn der Thora zu atmen vermag, so müssen sie das Erziehüngswesen der Weltorthodoxie im werdenden Erez Jisroel mit behutsamer Zielstrebigkeit also gestalten und gliedern, daß auch aus der Weltorthodoxie solche Menschentypen hervorgehen können, die als wahre und echte Pioniere der Thorakultur die Herrschaft der Thora über das ganze Menschentum verkünden und in ihrem Leben darstellen. . In der Golah waren wir gewissermaßen stets auf der — Durchreise. Wir mußten und müssen uns mit Notlösungen behelfen und abfinden. Von geschichtlicher Warte gesehen, stehen wir aber im Begriff, nach Erez Jisroel zurückzukehren Und uns mit himmlischer Hilfe dort einzurichten. Stellt es sich heraus, daß die Thora auch im werdenden Erez Jisroel die natürliche geistige und seelische Gliederung eines -gesunden Volkstu ms nicht in sich aufzunehmen vermag, so kann uns nur noch ein Wund er retten. Wir fordern in Erez Jisroel grundsätzlich, die Herrschaft der Thora auch über* Politik und Wirtschaft. Wir lehnen es grundsätzlich ab, die Thora ins G'tteshaus, ins Beth Hamidrasch einsperren zu lassen. Denn uns ist die Thora wahrhaftig die Lebengestalterin der jüdischen Nation. Wehn uns aber diese Forderung mehr als — Phrase ist: nun, so müssen wir doch auch dafür Sorge tragen, daß wir in Erez Jisroel jüdische Menschen erziehen, die in der Tat imstande sind, die: Thora in Politik und Wirtschaft wirksam und eindrucksvoll zu vertreten, die also alle Wissenselemente von Politik und Wirtschaft in sich aufgenommen haben, um an sie die Maßstäbe der Thora anlegen zu können. Oder wollen wir uns etwa auf alle Dauer darauf verlassen, daß uns der gütige Zufall von — auswärts solche Persönlichkeiten ins Heilige Land schicken wird, die ihr Wissen und Können einem Erziehungsgang verdanken, den wir im Heiligen Lande selber nicht dulden? Gewiß; die Umgestaltung des jüdischen Erziehungswesens im Heiligen Lande entsprechend den von den Verhältnissen der GolaK völlig abweichenden Notwendigkeiten des Nationalheims der Thora birgt große Schwierigkeiten in sich. Die Umgestaltung darf nicht dem Amhaarez Vorschub leisten. Die neu zu gewinnende Beziehung zum Leben darf dem intensiven Studium der Thora nicht Eintrag tun. Nur echte „Söhne der Thora" werden unserer Zukunft dienen können. Auch darf die Umgestaltung nicht die Möglichkeit rauben, daß das Heilige Land in Zukunft immer wieder aus sich heraus -eine hinreichende Zähl wirklicher Thoragrößen hervorbringt. Man wird sich daher gerade bei der Umgestaltung vor jeder Schematisierung zu hüten haben und wird, das Gesamtziel unverrückbar im Auge behaltend, ohne Ueberstürzung, mit viel Geduld, mit* viel einfühlender Schonung vorgehen müssen. Es ist Neuland, das wir betreten. Jeder unvorsichtige Schritt kann Menschenleben kosten.

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