Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 19 (9.5.1935)
- Date
- 1935-05-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Feuilleton- Der Israelit Nummer 19 1935 Flucht in die Heimat. Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) IX. Wildes Hausarzt, Dr. Markus, langjähriger Freund der Familie, lächelte befriedigt. „Organisch alles in bester Ordnung, mein lieber Wilde, Herz gut, Blutdruck normal. Auch Ihnen, Frau Wilde,, fehlt nichts. Seelische Erschütterungen verschwinden mit dem Grunde der Depression. Eine längere Reise, See und Sonne, mehr Luft und Licht wären die beste Kur. Wie wäre es mit einer Mittelmeerreise, meine Verehrtesten? Tiefblauer Himmel, wärmere Sonne, milde Luft unter Palmen und Akazien, neue, braune Gesichter — das alles würde Wunder wirken." Blauer Himmel, milde Sonne, Palmen und Akazien, packte es Herrn Wilde wie eine plötzliche Eingebung „Sie schildern wohl Palästina, Doktor?" . „Palästina?" Dr. Markus überlegte. „Eigentlich dachte ich an den europäischen Süden, an die Riviera oder auch Nordafrika. Aber schließlich liegt auch Palästina am Mittelmeer . . . Und uitter den braunen Gesellen dort ist einer, der viel zu Ihrer Gesundung beitragen wird . . .* Also abgemacht, fahren wir nach Palästina!" Der kleine, rührige Doktor drückte ihnen warm die Hand, wie üm mit Handschlag all das zu bekräftigen und zugleich schon von ihnen Abschied zu nehmen. Ganze vier Wochen brauchte der Gedanke im Gehirn Herrn Wildes zu seiner völligen Ausreife. Weitere zwei Wochen nahmen die Vorbereitungen in Anspruch. Und nun hatte er Touristenpaß samt Schiffskarte für Palästina für. sich und seine Frau in der Tasche. Es wehte bereits weiche Vorfrühlingsluft, wenn um die Mittagszeit eine junge Sonne das Grau der Straßen vergoldete. In den Promenaden wagte sich das erste Grün hervor und die Wipfel der noch toten Bäume erhielten hellere Farbe. Es war genau ein halbes Jahr nach der Ausreise Baruchs. Herr und Frau Wilde fuhren in geschlossenem Auto an die Bahn und bezogen sofort ihr Schlafwagenabteil, ohne sich um ,die Mitreisenden und Abschiednehmenden und das beweg-te- Treiben am Perron zu kümmern. Nur Herr und Frau Berches, die übrigens auch längst ihre Bündel für Palästina gepackt hatten, und nur der Kinder wegen noch die Reise; Hinausschoben, waren anwesend. Auch Tante Rosihchen ließ es sich nicht nehmen-, Frau Ida einige Tränen und gute Ratschläge mitzugeben. Die Tränen für ihren' Seligen, für den sie an heiligen Gräbern beten möchten. Der liebe G'tt hätte ihm mancherlei zu verzeihen ... Dieses kleine Abschiednehmen' ging im Korridor des Schläfwagens vor sich, denn Herr Wilde wollte nicht Iii den Tru- _ , . j bei, der sich, wie jetzt immer i am Montag abend zu dieser Stunde - auf,'} [dem P,erron abspielte, mit; hineingerissen tvverden.; j; :Ueberhaupt sollte kein, Aufsehens und Wesens aus der'' Sache gemacht werden. Si'e}.träten/^em an, zu ihrer Erholung. Was . gab, es da zu 'reden und zuweinen? . , .... . .. ,■ ,. Frau Ida hörte im Halbschlummer im etwas unbequemen Qbejrbetter-noch die Chasak-Rufe; j.und^ Ha-tikwahiLiedert.- ,c(iej;irrr Rattern der Maschine langsam /ertranken;; dann wurde i^sie in ■; Träume gewiegt, die"'alle Angst und alles Leid der letzten Jahre, Monate und Tage in goldene Strahlen umschmolzen ... Eli, der Arzt, hatte einen schneeweißen Kittel und fast zur gleichen Zeit nagelneue, graue Offiziersuniform an. „Wie gefalle ich dir, Muttchen? . . ." James lachte sein helles Lachen; „Warum dich grämen, Muttchen? Daß ich ohne Abschied ging? War ja nur ein Spaziergang und ich bin ja wieder da . . ." Und Baruch stand im blauen Hemde über der Arbeiterhose da, senkte den Spaten tief in die Erde und bewarf die Brüder lachend mit Sand; als wollte er sie damit weihen . . . „Ihr habt auf fremden Weinbergen gegraben, Brüder, sie auch gedüngt, seid nun entsühnt ..." . Als sie in der bayrischen Hochebene gegen Morgen aufwachte", war ihr Mann nicht in seinem Bette, auch nicht im Wagen. Herr Norbert Wilde ging nach einer unruhigen, schlaflosen Nacht gegen Morgen aus dem Schlafwagen, durch den Zug, um sich ein wenig umzusehen. „Meine Brüder suche ich," ging ihm ein Wort aus der Bibel durch den Kopf. Dort waren sie alle, im Triester Drittklaßwagen, man hörte es schon im Gange bei allem JRattern der Maschine. Sie wunderten sich, als er zu ihnen kam, denn sie sahen ihn nicht einsteigen. Menschen, die daheim ohne Gruß an ihm vorübergingen, reichten ihm die Hand wie alte Freunde. Alle waren übernächtig, aufgewühlt,1 an- und aufgeregt. Es waren ältere Leute, Familien, deren kleine Kinder, in Decken eingehüllt, auf den Bänken schliefen, und viele Chaluzim. „Jetzt werden wir dawnen (beten)," kommandierte Nachum Chabad, der unter den Auswanderern war. „Hier, im Zuge?" erschrak Herr Wilde. „Warum denn nicht? Sind ja unter uns und fahren nach Erez Jisroel." Und Herr Wilde erlebte ein Wunder. Alle , Abteile des Triester Wagens schmolzen zu. einem G'tteshause zusammen. Die Männer hüllten sich in Gebetmantel und legten Gebetriemen an. Nächum Chabad stimmte nicht allzulaut, aber in süßer Innigkeit das Gebetlied dem „Herrn der Welt" an, „der regiert hat, bevor irgend ein Geschöpf geschaffen war," „Gelobt G'tt, der uns geheiligt, uns befohlen . . ." „Der dem Hahne Einsicht gibt . ..' „Der befreit und aufrichtet und Israel mit Kraft ausrüstet . . ." „Omen, Omen, Omen!" dröhnte es vierzig- oder fünfzigstimmig in die gewaltigen Bergzacken hinaus, über die sich eine heitere Vorfrühlingssonne noch langsam hintastete. Kinder auf den Bänken wachten auf und schrieen „Omen!" . Als Herr Wilde wieder in sein Schlafabteil gelangte, fand er seine Frau vollends wach. Warst fort, Norbert?", ' „Im anderen Wagen beten sie," berichtete er wie über ein sonderbares Erlebnis auf einer fremden Insel. ' „Und du willst nicht mitbeten?" „Das geht doch nicht, Liebe, stehen da wie in , der Synagoge, in Gebetmantel und Gebetriemen." - - Nach einer Weile wieder Frau Ida: „Möchtest nicht, Norbert, dort im braunen Koffer nachsehen, unter deiner Oberwäsche?" Im Koffer fand Herr Wilde an der bezeichneten Stelle den lilaseidenen Beutel-'mit dem Gebetmantel, den er nur an. hohen Feiertagen ge-. brauchte, und hoch dazu z^wei prallgefüllte, kleinere 6eutelcheii, Das eine trüg das. Monogramm' E. W., das .andere ..J.: W. Es waren die,Tefillih, die die beiden älteren Söhne, Eli und James, z;u ihrer Bar&izwaf>ier von den Berches bekommen hatten; .und,f;die seitdem' irgendwo unbenutzt herumlagen. - Daß \er selbst;.einmal so was besessen hatte, ■'■ konnte er i sich nicht entsinnen. ,: „Ich habe -das miteirigepack^,,, sagte Frau . Wilde wie zu ihrer Entschuldigung, „denn ich dachte, wir fahren ja ins jüdische Land . Schweigend verließ Herr Wilde mit dem Beutel das Abteil. Im Triester Wagen begann gerade Rabbi Nachum Chabad mit ungemein süßer und wohllautender Stimme „Ihn zu loben, der da sprach, es werde die Welt." Herr Wilde fand noch im Gedränge eine freie Ecke. Als er das Talith nach alter Gewohnheit wie ein Schal um die Schultern nahm, zog es ihm Jemand ganz leise ganz zum Rücken hinunter. Ein Anderer rückte ihm das Gehäuse, das ihm bis zu den Augen herabhing, nach der Stirn zurecht. Das alles geschah so diskret, so verbindlich, daß es nicht wie eine Zurechtweisung, sondern wie eine brüderliche Hilfeleistung wirkte. „Heil denen, die in Deinem Hause weilen und Dich beständig loben," betete Rabbi Nachum so laut und herzinnig, als stände er am Vorbeterpulte seines Beshamidrasch im Ostviertel der Stadt. Ein Beamter huschte mit knallroter Querbinde und Notizbuch in der Hand vorbei. „Na, sind wir schon ganz in Palästina?" grinste er breit und gutmütig und ging weiter. Ein Bedienter der Mitropa kam in weißem Kittel, ein Tablett voller Kaffeetassen auf der linken Schulter, riß die Türe auf und erschrak beim Anblick der weißen, sich schaukelnden Gemeinde so sehr, daß er sein Sprüchlein vergaß und beinahe Kanne samt Tassen fallen ließ. „Eh eh!" deutete ihm Jemand und wies auf die Bank und auf die Uhr, „Verstehe jetzt," dämmerte es im Kellnergehirn auf. „Ein Taubstummeng'ttesdienst." Einer, der mit seinem Gebete noch nicht so weit war und reden durfte, deutete dem.Ober die Zeichensprache, ■ „Kommen Sie eine halbe Stunde später und bringen Sie auch Tee mit, es wird sich lohnen." „Und führe uns aufrecht in unser Land . . ." ergoß sich kosend Nachum Chabads Stimme» „Denn wunderwirkender G'tt bist Du. Und uns erwähltest Du von allen Völkern und Zungen — ■— — Gelobt Du, der sein Volk Israel erwählte in Liebe . . ." „ S c h m a , Höre Israel . . ." schrie der Chor. Herr Norbert Wilde schloß die Augen und betete mit. Er sah mit geschlossenen Augen G'tt, den Hirten, der ihm in dunkler Nacht erschienen war ... Als der Weißbekittelte nach einer halben Stunde wieder kam, konnte er viele Gläser und Tassen mit Tee und schwarzem Kaffee auf die Holzbank des Triester Wagens stellen Fast den ganzen Tag hielten sich Herr und Frau Wilde, obwohl sie Zweitklaßbillete hatten, in der Hölzklasse bei den Palästinafahrern auf. Man rückte zusammen und machte ihnen Platz. Es war im Gespräche mit den: munteren. Jungen und Mädels und den in neuer Hoffnung glühenden Alten kurzweiliger, als auf dem weichen Polster des leeren Zweitklaßwagens. Kurz vor Mitternacht fuhr der Zug in die Bahnhofshalle von Triest ein. Ein Stab junger Menschen, Einheimische, nahm sich der Auswanderer in hilfreicher Weise an, versorgte ihr Gepäck und führte sie in die für sie bestimmten Quartiere. Ein älterer großer Mann, der, wie es schien, den Stab befehligte, machte sich auch an Herrn und Fraii Wilde heran. Ob die Herrschaften ebenfalls nach Palästina wollten,: ob sie schon Quartier für die Nacht hätten; wÖ: sie morgen zu. Mittag zu essen gedachten,1' ob er ihnen irgendwie .behilflich, sein könnte? Sie hielten ihn für einen Hotelagenten und schüttelten ihn kurz ab. Ein Gepäckträger hatte ihr Gepäck und die Äutodroschke wartete draußen, das Hotel war telegraphisch bestellt. Die Wilde's waren keine Auswanderer. (Fortsetzung folgt,)