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Der Israelit · 1935-05-09 · Heft 19 (9.5.1935) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 19 (9.5.1935)
Date
1935-05-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 19 D er 1 s i * e 1 t v gr. amm sei, das sie Marx und Chauvin entgegenzuhalten habe. Unsere Thoragrößen, des Heiligen Landes wie auch der Gola, müssen sich darüber klär sein, daß wir heute im Heiligen Lande. geradezu vor einer Krise der Thora stehen. Den Chofez Chajim ^piXT bewegte die Sorge, wir könnten über Nacht in die Lage versetzt werden, wie derum Korbanoth darzubringen, und es könnte sich alsdann herausstellen, daß Kohanim nicht in genügender Zahl vorhanden seien, die das Recht der Korbanoth sofort anzuwenden verstehen. So propagierte er das Lernen dieses Rechts im Hinblick auf kommende Aktualität. Allein meine Sorge ist, in tiefstem Respekt sei es gesagt, eine andere und eine weit größere. Das Recht der Korbanoth ist weit leichter anwendbar, als das Recht der Wirtschaft. Der Tatbestand des Rechts der Korbanoth, sein Untersatz, ist Wandlungen' in weit, weit geringerem Maße unterworfen, als der Tatbestand des Rechtes der Wirtschaft. Noch auch ist, leider, der Tag noch nicht gekommen, da die „Kohanim zu ihrem Dienst, die Lewiten zu ihrem Lied und ihrem Gesang" zurückgeführt sind. Aber schon beginnen die Zerstreuten sich aus ihrer Getrenntheit zwischen den Völkern zu .vereinigen, unsere Vertriebenen sich von den Enden der Erde zu sammeln, und sie kommen nach Zion, der G'ttesstadt, nach Jeruscholajim, der Heiligtumsstätte, und schaffen jüdisches Nebeneinander und gründen jüdisches Wirtschaftsleben und stellen die Handhaber der Thora vor die unmittelbare Notwendigkeit, diesem Nebeneinander das ordnende Herrschwört der Thora, diesem Wirtschaftsleben das richtungweisende Ideal der Thora zu künden. Es künden zu können, genügt die Kenntnis des abstrakten Obersätzes bei weitem nicht. Es künden zu können, bedarf es genauesten Studiums des Untersatzes, genauester Kenntnis der unsäglichen Kompliziertheit moderner Wirtschaft, bedarf es der geradezu genialen Kunst der produktiven Handhabung des Schlusses, der gerade dieser Wirtschaft und den ihr innewohnenden Tendenzen, im Hinblick auf das schöpferisch zu konstruierende Ideal, der Thora, das geltende Recht der Thora ausspricht. Haben wir, so frage ich in tiefstem Respekt, haben wir heute berufene Vertreter der Thora in genügender Zahl, die solches leisten können? Und gelangen wir zur Verneinung dieser Frage: Sind wir nicht verpflichtet, unverzüglich alle Maßnahmen zu treffen* um in kürzester Zeit eine genügende Zahl herauszustellen? Sieht man denn nicht, daß eine längere Stummheit der Thora zu all den brennenden Fragen des Heiligen Landes vor den Augen der ganzen Welt, auch an' der Gola, G'tt behüte, die — Lebensunfähigkeit-der Thcc avertreter der heutigen Zeit und damit, nach dem Urteil der-Masse; die Lebensunfähigkeit der — Thora selber erweisen wur.de? Bewährt sich die Thora im Heiligen Lande nicht auf dem Gebiete der Wirtschaft als wegzeigend, so besteht nicht die leiseste Hoffnung, die Jugend des Heiligen Landes dauernd bei .den Fahnen der Thora zu halten, geschweige denn, seine thoraentfremdete Jugend zu den Fahnen der .Thora zurückzuführen. Im Heiligen Lande der Gegenwart geht; der Weg zum Lehnhaus der Thora nur über den Weg der Wirtschaft der Thora. Diesen letzteren Weg müssen wir gehen. Sonst hat auch unsere neue Arbeiterorganisation keine Zukunft. Der heutigen, noch immer im Werden begriffenen Wirtschaft des Heiligen Landes das Wort der Thora zu sprechen, bereitet erhebliche Schwierigkeiten. Selbst die umfassendste Kenntni s der Thora bietet an sich noch keine Gewähr des Gelingens. Wir brauchen Thoravertret er , die die Wirt sc h ältlichen^ Verhältni s s e des Landes, die diei modernen Sozialproblerne der Wirt, sc haf t üb erhaupt aufs Genaueste kennen, und die außerdem zu dem gewaltigen Geschehen, das sich in unseren Tagen im Heiligen Lande vollzieht, die einzig richtige geschichtliche Einstellung haben. Die Verhält niss e-u n s e - rer Arbeiter im aufzubäueaden Erez Jisroel dürfen nicht mit dem Maßstab gemessen werden, der in der Gola, inmitt en einer fremden Wi r t s ch a f t, vi eil eich t der pa s s ende i s t. Der Tatbestand hier "und der Tatbestand, dort, ist, gerade historisch gesehen, ein gänzlich verschiedener. In Erez Jisroel gilt es nicht nur, aus dem Recht der Thora dem, was bereits ist, den Spruch zu erschließen, gilt es vielmehr, aus dem der Thora in ihrem Inbegriff zu entnehmenden sozialen Ideal die Forderungen zu entnehmen, die im Namen der Thora hinsichtlich dessen erhoben werden müss'en, was noch nicht ist, was aber sein soll, gilt es zü verhindern, daß diesem Soll nicht von vornherein der Weg versperrt, er vielmehr heute schon angebahnt und allmählich zur Durchführung gebracht werde. In Erez Jisroel fordert die Frage gebieterisch eine Antwort, ob denn die Figur des gänzlich besitz- und landlosen Arbeiters, der jeden Tag sich selbst für sein Leben opfern muß, überhaupt den Tendenzen der Thora entspricht, ob. diese Figur die Normalfigur' ist, an die die Thora gedacht hat, da sie uns das "Land verhieß, und: ob nicht vielmehr ^unsere Propheten einiges über den Kapitalismus zu sagen hatten, der Güter an Güter reiht und neben sich Armut und Elend duldet. In Erez Jisroel fordert die Frage gebieterisch Antwort, ob wir denn nicht n a m e n s. der Thora verpflichtet sind, die Lebens- und Arbeitsverhältnisse unserer* Jugend also, einzurichten, daß* ihr Geist noch frei genug bleibt, um alltäglich an den Quellen der Thora zu schöpfen, ihre Hand ausreicht, um die eigenen Kinder mit einer Erziehung zu versehen, die sie zu Vollbürgern der Thora macht und sie vor geistiger Pioletarisierung nachhaltig schützt. In Erez. Jisroel genügt es' nicht, bei den -wichtigsten Arbeiterfragen höchst bequem -auf den' jeweiligen. ,,Mmhag Hamakom-' zu verweisen, bedarf es vielmehr der. geradezu grundlegenden Einsicht, daß gegenwärtig in Erez Jisroel ja gerade der Kampf um die Entwicklung eines Minhag Hamakom tobt; uln d d a ß e s S a c; he d er berufenen Thoravertreter sein, muß, namens der Thora entschlossen in diesen Kampf einzutreten und dazu, beizutragen, daß der kom m e n d e Minhag Hamakom d e m freilich er st h er aus zuarbeitend e n Ide al d er Thora am eh e st e n entspreche. In Erez Jisroel darf die Frage der Awodah Iwrith etwa wahrlich nicht, nach den Hilchoth Zedäkah beurteilt werden. Das mag in der Gola — vielleicht! — richtig sein. Für Erez Jisroel aber muß allererst die Frage richtiggestellt werden, wenn die Antwort soll richtig sein können." ~:Für Erez Jisroel aber lautet die Frage also: 1. Billigt die Thora . den Versuch der Juden, in Erez Jisroel sich eine neue Heimat zu schaffen? 2. Wenn' ja: verlangt die Thora, daß die Juden sich dergestalt verhalten, daß die Schaffung dieser neuen Heimat ermöglicht und'nicht von vornherein verhindert werde? 3. Ist ohne Awodah Iwrith die Schaffung dieser neuen Heimat möglich? Wenn erst einmal die wirklich wissenden, wirtschaftlich und geschichtlich hinreichend unterrichteten. T h o ragrö ß e h das Wort zur Wirtschaft des . werdenden Erez Jisroel ergreifen: eine sichere innere Stimme sagt mir, daß wir a 1 s d a n n ein sozial es Program m der T hör a b e k o m m e n, das durch seihe innere Wahrheit und Gerechtigkeit die Einseitigkeiten und Verstiegenheiten des . Marxismus von innen heraus zu überwinden "geeignet wäre und zugleich allem kapitalistischen Ausbeutertum ein Ende bereitet. Und dann erst wüßte ich, daß die Thora in Erez Jisroel gerettet ist. " Was ergibt sich daraus? Jüdische Heiligkeit. Von Saly Geis in Jerusalem. Sich von A&a. Menschen zu entfernen, um seine Begierden zu ertöten und — bedürfnislos für alles Materielle — «einen Geist ins G'ttliche zu versenken, führt nach der allgemeinen Auffassung zur Heiligkeit. Ein großes Martyrium auf sich zu nehmen und schweigend zu leiden, auch das wird als Emporpfad nach diesem höchsten Ziele des Menschen gepriesen. Der hohlwangige Einsiedler im Bettlerkleid gilt als der gewöhnliche Typ des Heiligen. Ganz anders wertet das Judentum. Die Seele ist rein, und die Triebe sind neutral. Erst die Entwicklung der Triebe entscheidet über die Charakterisierung als gute und böse Triebe. Ungepflegt und unerzogen wuchern böse Triebe neben guten auf; gepflegt und erzogen kann aber jeder Trieb gut werden. Das Zehnte der Zehn Gebote des Judentums verbietet das Begehren nach dem, was einem anderen gehört, aber nicht das Begehren an und für sich. Das Begehren ist ein normales Blatt am Trieb, nur das unirechte Begehrüng wird zur Wucherung. Wer sein Begehren, seine Begierden, seine Triebe ertötet, sündigt ebenso wie der, der ihnen freie Entwicklung läßt. Den; Gattungstrieb zu ertöten oder ihm hemmungslos nachzugeben, — beides ist Sünde. Sich der Freude an Ge-< nüssen zu enthalten oder in Saus und. Braus zu leben, — das eine wie das andere müssen Sünde genannt werden. Wer ein Gelübde der Enthaltsamkeit getan hat, den läßt unsere Thora ein Sühneopfer darbringen. Ein Einsiedler kann unter Umständen einmal, ein Heiliger sein, der Typ des Einsiedlers Ast es aber nicht. Auch das Aufsichnehinen eines Martyriums zeugt noch nicht immer von Heiligkeit, vielmehr von Charaktergröße. Was heißt nun aber.heilig sein? Es gibt eine Heiligkeit G'ttes, des Menschen und einer Sache. Die Heiligkeit G'ttes ist absolut, die des Menschen relativ und die einer Sache symbolisch. G'tt ist als. die Vollendung des Guten heilig. Der Mensch ist, wenn er in jedem' Augenblick.seines Wollens nur das Gute erstrebt, auf dem Wege, heilig zu werden.!Eine Sache: kann nur als Symbol für den. Willen G'ttes heilig genannt werden; so eine Thora - rolle, da in ihr geschrieben steht, was G'tt von dem Juden verlangt, damit er das Gute tue und heilig werde. Heiligkeit ist das Höchste für den Menschen, — und dem ganzen jüdischen Volke hat G'tt als national e Aufgabe das Panier mit den Worten „Seid heilig" aufgepflanzt. Inder jüdischen Erziehung soll daher das begeisterte Verständnis dieser Parole erstrebt werden. Der Unterricht erfüllt nur dann seine Aufgabe, wenn er. das .Bewußtsein .-erweckt, daß,^ heilig zu wenden, des Schweißes der Edelsten würdig ist und überhaupt erst dem Leben Sinn Und Wert verleiht. ' ' 1 :- •' ' ---5.« f Im dritten Buche der Thoj-a widmen Kapitel 19 und 20 ihren Inhalt den zii 'bdoibä ch t enden -Voraussetzung gen^ wenn man hoffen,.will,,.nach menschlichem Vermögen1 .der Heiligkeit ^G'ttes nachzuahmen. - ,,;; Als erste Bedingung wird Ehrfurcht vor Mutter und Vater als den Trägern der Tradition verlangt. Die Tradition abeT basiert praktisch auf dem Sabbat und. gedanklich auf der Reinheit des : G'ttesbewußtseins. Hieraus entsteht dann das G'ttvertrauen, das stark genug ist, die Gebote der Gerechtigkeit und Menschenliebe, wie sae G'tteS Thora befiehlt, mit ganzer Seele, ganzem Herzen und ganzemmateriellen Vermögen zu beobachten. Diese sozialen Forderungen: höchster Gesinnungsreinheit gelten gegenüber allem, was Mensohenantlitz trägt, also, auch gegenüber dem. Fremden, eine heute noch selbst bei den Kulturvölkern unerreichte Ethik. Die Thora führt in der Hauptsache noch ewei Gesetzesreihen auf, deren Wahrung der . Weg zur. Heiligkeit erfordert. Das sittliche Verhältiiis der Geschlechter zu einander dient als "Gegenständ der eine'n Gesetzesreihe. Dieses Verhältnis geht nicht etwa hUr die zwei Menschen an, die zu einander in Beziehung getreten sind, wie so manchmal behauptet wird. Die Thora stellt, nicht zu überschreitende Grenzen auf. Ihre Nichtbeachtung zerstört die Familienreinheit und wirkt ungünstig auf das Geistige und Körperliche der Menschen, die aus solchen Verhältnissen entstehen. Die andere Gesetzesreihe betrifft die Speisegesetze. Indem diese zwischen Reinem und Unreinem-scheiden und letzteres; verbieten, müssen sie psysisch und. physisch veredelnd beeinflussen. Bei allen Gesetzen der Kapitel und 20 ist der ihnen gemeinsame Zweck'der Erziehung zur Heiligkeit betont. Man kann' sie daher unter diesem' Gesichtspunkte methodisch lehren. Methodische Züsammenfassungeh sindaber" einwichtigeis 'ErzieBÜhgsinstnunent. in unserer wissenschaftliche'' Systematik liebenden Zeit. * - ' .1 " i,H,:' "

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