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Der Israelit · 1935-05-02 · Heft 18 (2.5.1935) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 18 (2.5.1935)
Date
1935-05-02
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilletön- Beilage Nummer 18 1935 Flucht in die Heimat* Eine Erzählung aus unseren Tagen. (Fortsetzung.) r : VIII. Baruch gab oft Nackficht von sich. Schon wenige Tage nach "der Ausreise kamen Karten und Briefe aus Brindisi, der Stadt am Stiefelabsatz des Mittelmeeres, in der trotz des Herbstes alles noch in sommerlicher Blüte stehe, dann von der Insel Cypern, der Hafenstadt Larnaca, wo vor der großen Moschee die Bäume voller Orangen und Zitronen, die ersten, die er im Leben sah, ständen. Schön nach zehn Tagen war d£r Bericht über die glückliche Landung da, und alle acht Tage kamen weitere Nächrichten. Frau, Ida, deren Lebensschmerz sich "aus Warten und Bangen zusammensetzte, war glücklich, die Verbindung mit dem dritten Kinde so aufrecht zu erhalten. Diese Briefe und Karten, sagte sie, waren die hellen Funken in der schwarzen Rauchwolke, mit der Baruch damals im Bahnhofe verschwunden war. Er sehrieb von einem K i b b u z , dem er sich auf ganz kleinem Platze zwischen zwei Kolonien angeschlossen, hätte. Wieder ein neues. Wort, „Kibbuz!" „Schlimmer und anders als auf der Hachscharah wird es dort nicht sein," beruhigte Herr Wilde sich und seine Frau. Aber ets sei dort noch einfacher, noch primitiver, schrieb Baruch. Sie wohnten in Baracken und schliefen aus Mangel an Betten auf Stroh oder in der Scheune auf frischem Heu. Sie gingen in der nächstliegenden Kolonie auf Arbeit, da die eigene Bodenfläche noch so klein war, daß sie weder ihre ganze Arbeitskraft beanspruchte noch sie ernährte. Es gab auch Tage in der Woche, die arbeitsfrei waren, sie wurden, tüchtig für die geistige Vervollkommnung ausgenützt.' „Man lebt nicht vom Brot allein," schrieb der junge, und „der Mensch ist nicht für die Arbeit, sondern umgekehrt die Arbeit für den Menschen da. Er muß sie meistern, sie zur Basis machen, von der aus er den Start zur Höhe nehmen kann." Also immer noch nicht hoch genüg im Geiste ünd Jüdischen, dachte Herr Wilde, ünd dachte an sich und an seine beiden älteren Söhne, 'die in diesem Alter sich mit maßlosem Behagen vom Zwange der Schule befreit fühlten. Es gäbe Arbeit und Entbehrung, schrieb Baruch, auch einige kleine Enttäuschungen blieben nicht aus. Es tiiußten schoü g & n z g r o ß e Entbehrungen und Enttäuschungen sein, dachte def Vater, wenn der Junge sie auch nur andeütete'. „Aber was macht däs alles?" hieß es in den Briefen. „Legt man sich abends müde und etwas zermürbt aufs harte Lager, so wird man morgens von einer herrlichen Sonne geweckt; wie sie nur in Israels Land in diesem weichen Glafize strahlt, ünd mafl ist versöhnt, zufrieden, ausgeglichen. Man lacht ünd die anderen lachen äüch ünd geht, einig und zufrieden, voll Mut und Freude, an die Arbeit." Gföße's iftid Gewaltiges bereitete sich im Lande vortf; und .er war lücklich, dankte es seinem Sebjöpf er .„ jeden Morgen im Gebete von neüfcm, daß ihm beschieden war,, an diesem Großen, an der Zukunft im heiligen Lande mitzubauen. Baute man nur, rjhilosophierte ~ der .Junge, wenn man auf dem Gerüste stand und. Ziegel auf Ziegel schichtete oder nur, wenn' man; unten im Felde mit dein Spaten'den harten ßoden auflockerte? Es gäbe auch auf anderen'Ge-; I bieten genug zu bauen, es sei Platz und Arbeitsraum für alle, auch für den Kaufmann, auch für den Bankier und ganz gewiß für den Industrieunternehmen „Wie wäre es, lieber Vater? . . . Ich schreibe morgens, da heute wieder arbeitsfreier Tag ist. Und wenn die Sonne so über das Land G'ttes strahlt, möchte ich alle Menschen, die mir nahe stehen, herbeilocken . . ." Natürlich hatte Baruch schon in den ersten Tagen seinen Lehrer Schmuhl Karpfenteich, der in der naheliegenden Stadt seinen Wohnsitz hätte, aufgesucht, und begeistert schrieb er von den Lernstunden, die er mit ihm wieder aufgenommen hatte. Auch andere Freunde und'Lehrer aus der Heimatstadt, die dort ihr Heim gefunden, kämen zuweilen in ihre Farm hinaus, dann gäbe es ein Fest. Er kannte diese Feste. Herr Wilde dachte seiner unfreiwilligen Teilnahme am Sijumf este des Rabbi Eilgut. Es war halt eine andere Welt, man mußte abwarten, ob es bei dem Jungen nur eine jugendliche Marotte war öder eine wirkliche geistige Heimfindung für alle Zeiten. Er hatte ja in dieser Zeit, tröstete er sich und seine Frau, hier so wenig zu verlieren und zu versäumen. Der Rückweg nach Hause stand ihm ja-immer frei, und die Geldbörse des Vaters zu diesem Zwecke auch. Man konnte in Ruhe abwarten. Da trat plötzlich etwas ein, das alles Bestehende im Hause des Bankier Norbert Wilde ins. Wanken brachte. Mit der Vorladung zu einer Amtsstelle in der Hand verließ Herr Wilde eines Morgens ahnungslos das Haus und kam erst nach gut drei Monaten wieder zurück. Es waren Monate, in denen Frau Ida vör lauter Weinen beinahe das Sprechen vergaß, und Herr Wilde selbst die Kraft des Lichtes, das die letzten Jahre mit Hilfe des jüngsten Sohnes in seinem Herzen entzündet hatten, erst Vichtig zu schätzen lernte. Schwach "und zaghaft flackerte dieses Lichtlein in ihm auf, aber in finsteren, einsamen Nächten der Pein brannte es doch lichterloh und wuchs. Er lernte Psalmen beten ... Es wüßte zunächst keiner, was sich ereignet hatte. War Herr Wilde zur Erholung weg, war er im Auslande? Das Geschäft war geschlossen, der Haushält aufgelöst, Frau Wilde bei Familie Berches einlogiert, wo Tante Rosinchen ohne zudringlich zu sein, nicht vori ihrer Seite wich. Als es nach drei Monaten zur öffentlichen Gerichtsverhandlung kam, schrieben die Zeitungen darüber und sprach alle Welt davon. Die Sache lag für Herrn Wilde so, daß der Staatsanwalt selbst seine Freisprechung beantragte, da zweifelsfrei erwiesen war, daß er „bei der Transaktion, die er als Bankier in den üblichen ürid gesetzlichen Formen vermittelte, keine Ahnung von der strafbaren Handlung haben konnte, der er Vorschub geleistet hatte." Es war eine Rehabilitierung in Ehren, Herr Norbert Wilde war, als er mit ' der nunmehr ganz still gewordenen Gattin den Haushalt «wieder auftiahrii, tim Jahrzehnte' gealtert, aber es lag auch Geruhigkeit, ausgeglichene Weisheit und Abgeklärtheit in diesem vorzeitigen Altsein. Das Geschäft wurde zunächst nicht wieder geöffnet. Das Aüto stand außer Betrieb in der Garage. Philipp bekam sein Gehalt für drei Monate vorausbezahlt und wurde an einen Geschäftsfreund empiöhleri. Eifi Erlebnis hätte Herr Wilde' aus je'tfen düsleren Tagen mit^eüoifiiäön tirid es wär &ätsdheidend für sein weiteres Dasein. Es war an einSm trübten Morgen nach eifier schlaflosen NäcRt, dä die1 Stäbe* fiüf sefemälS sß&rliehe Li6htstreifen durch die hohSn rfiSÖigitte'f s£inßr Zelle-, sandte, als die Türe aufging und em schlanker, bärt-lose'f Herr sehr freunrlKeH zu ifein trat, sieh äi* 'elg&fe zur §eeli§eÜ€fi Be^Fehrdfig der Jüdischen. I Gefangenen bestellter Geistlicher vorstellte und ihn nach etwaigen Wünschen fragte; ob er vielleicht das Verlangen hätte, sich mit ihm auszusprechen . . . Nein, Herr Wilde hatte weder besondere Wünsche noch etwas zu beichten. Er sagte es fast barsch. Er habe nichts zu seiner Gewissensentlastung zu sagen und sehe der Untersuchung und dem Urteile, im Bewußtsein völliger Schuldlosigkeit, mit großer Ruhe entgegen. Er genieße auch im übrigen gute Behandlung und habe nichts zu klagen, noch zu wünschen. Freundlich und seiner Mission ganz hingegeben war der geistliche Herr, aber die von ihm bekundete Routine in der „Betreuung bedrängter Seelen" stieß Herrn Wilde ein wenig ab. Er unterhielt sich indes mit ihm behaglich über alle Probleme, die in letzterer Zeit auf ihn einstürmten — ganz losgelöst von seinem Falle. Wie er sich mit Rabbi Schmuhl und anderen früher schon über diese Dinge unterhielt. Es ging nicht sehr tief, der geistliche Herr war mehr auf das Gefühlsmäßige, auf das geistige Heilen, als das Suchen von Lösungen eingeschult, war auch nicht mit all den Fragen, wie sie in den neuesten Schriften auftauchten, vertraut. Aber er bat ihn, doch öfters zu kommen. Ob er Lektüre wünsche? Aus alter oder neuer Literatur? Alte Literatur war hier die Bibel, neue: Traktate im Sinne der Bibel und Sonntagsblätter. Alte, uralte, die älteste, etwa die Psalmen, wollte Herr Wilde. „Original, mit Uebersetzung, Kommentar?" Nein, keinen Kommentar, diesen wollte er aus dem Tage, aus dem Leben, aus seiner Lage zu dem heiligen Texte gewinnen. - Aber er erhielt doch durch Vermittlung des Geistlichen, aus der Bibliothek des Herrn Jakob Berches, einen stattlichen Band in schönem Einbände, in dem das Deutsch zur linken Seite und unten den hebräischen Text einhüllte und fast ganz verschlang. Daß die Interpreten stets so viel zu sagen hatten, wo der Sänger nur ein Wort, einen Gedanken von sich gab! . . . Er schlug auf. Kap. 23. Es lag ein Zeichen an dieser Stelle. Vom geistlichen Herrn eingelegt? 'Von Berches? Ein Fingerzeig, ein Flammenzeichen von oben? Er las die hebräischen Sätze und sie verschlossen sich ihm ganz. Eine Mauer, hoch und kalt, die seine Not, seine Tränen nicht durchließ ... Er las die deutsche Uebersetzung, sie besagte ihm nichts. „G'tt ist mein Hirte . . /* »Auf anmutigen Auen läßt er mich ruhen . . ." Nein, es paßte nicht für seinen Fall. Unten waren langatmige Erläuterungen. Was bedeuteten ihm diese? Sie stammten von Späteren, die vielleicht ihre Nöte hatten, aber seine Not nicht kannten, wie konnten die ihm Psalme ins düstere Gemach singen? Niedergeschlagener detin je begab er sich zur Ruhe, die sich nicht einstellen wollte. Aber" in der Nacht, sö gegen Morgen, sah er doch blauen Himmel über grüner Au, durch die ein geruhiges Wässerleih plätscherte. Ein Hirte mit langem Stabe — oder wär es Szepter? — stand da, schaute in den bläuen Himmel und pfiff ein Lied. Und die Melodei wurde Wort: „G'tt ist mein Hirte\ mir wird nichts mangeln . . ." „Meine Seele bringt er zurück! . . . „Gehe ich aüeh im Tale der Todesschätten, fürchte ich iilchts Bös&s, de'nü Dti bist bei mir . . ." „Dein Stap wie Deine Stütze, sie trösten mich . . Und als er erwachte — grau war der Mörlen wie* immer in diesem Räume — stach ihm iifimßr fiöcn ääs\ kristallklare Blau ins Auge/ kläiig imnier noch das Plätschern des Wassers an sein Öhr, und aus der Ferne trug sich die Melodie ifi den* gfätteä Morgen, in seiner Zelle; . . tfäüß ttähm ef das Psälifibüfeh in die Hand, .&£ 2eicfien ^{ ufld flössen iöeinander, jedes Wort hatte Sinn

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