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Der Israelit · 1935-05-02 · Heft 18 (2.5.1935) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 18 (2.5.1935)
Date
1935-05-02
Page
– (sequence 3)
Language
German
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^^^I^^^^^^^^^^^ISSR^i^^^^SS^^^^^^^^?^^^^^^^^!^^^^^^^^S^T^^^a 2. Mai 1935 D e 1 i t Nr. 18 Seite 3 Er e x J i s r o el - Pr o b 1 e m e. (Fortsetzung von Seite 1.) Lösung bereit gehaltenen oder aufgewandten Mitteln. Daß die Orthodoxie im Heiligen Lande in ihrer heutigen Verfassung jemals der Thora die Herrschaft erringen oder selbst nur die Thora behaupten und zu menschenanziehender Darstellung bringen könne, ist in der Tat, wenn keine Wunder geschehen, eine das Lächerliche bereits streifende Vorstellung. Es gehört zum Wesen des Agudismus, daß ihm die Thora den einzigen unbedingten Wert bedeutet, und daß ihm daher die Agudoh selber niemals Selbstzweck, sondern nur Mittel für die Zwecke der Thora sein kann, Der Agudismus darf keinen „Parteiegoismus" kennen. Ihm hat die Pflicht zur Selbsthingabe nicht nur für die Einzelnen, sondern auch für die Organisation zu gelten. Für jeden echten Agudisten muß daher angesichts der wahrhaft erschütternd traurigen organisatorischen Lage der Thoratreue im Heiligen Lande der Gedanke nahe liegen, ob -es nicht am geratensten wäre, über Aguda und Misrachi hinweg schleunigst eine neue, eine weder agudistische noch misrachistische, sondern eine schlechthin thoratreue Organisation im Heiligen Lande ins Leben zu rufen, deren nächstes Ziel die Sammlung all derer zu sein hätte, die sich zur Verpflichtungskraft der Thora bekennen, und die alsdann mit der geeinten Kraft der Thoratreuen überall sich machtvoll für die Interessen der Thora einsetzen könnte. Lokal ist eine solche „Histadruth Hacharedim" in der Tat bereits in Erscheinung getreten; so in Tel Awiw und so in Haifa: charakteristischerweise gerade an solchen Plätzen, wo sich der Zuzug des Neuen Jischuw am stärksten bemerkbar macht. So nahe aber auch gerade dem echten Agudisten dieser Gedanke liegt, und so sehr er der, nicht nur im Heiligen Lande, herrschenden Sehnsucht nach Heilung des Risses zwischen den Thoratreuen entspricht, so stehen ihm dennoch außerordentlich erhebliche Bedenken entgegen, Wäre freilich jeder andere Weg bereits versucht und hätte sich als aussichtslos erwiesen, so bliebe nichts mehr übrig, als diesen Gedanken als letztes Notmittel aufzugreifen, um mit ihm zu retten, was eben noch zu retten ist. Dies trifft aber gegenwärtig noch nicht zu.- Die Versuche zur Umgestaltung der palästinensischen Agudoh sind keineswegs erschöpft, sind im Grunde überhaupt noch nicht praktisch erprobt worden, so daß es zum mindesten verfrüht wäre, den letzten Ausweg trotz der gegen ihn vorhandenen Bedenken zu beschreiten, Diese Bedenken sind unschwer zu erkennen. Es besteht zunächst die Gefahr, daß die Zersplitterung der Thoratreuen durch Gründung «iner solchen über das ganze Land sich erstreckenden / „Histadruth Hacharedim" nur noch vergrößert wird, .Aguda und Misrachi würden neben ihr fortbestehen, und der Streit hätte nur neue Nahrung. Selbst wenn aber Agudisten und Misrachisten dazu bewogen werden könnten, der neuen Organisation beizutreten, so würde ihr Gegensatz sich innerhalb der Organisation von Schritt zu Schritt aufs störendste bemerkbar mächen und zu einem Kampf um die Führung treiben, der die kaum gewonnene Einheit sofort wieder in Gefahr brächte. Dazu kommt aber noch, daß selbst bei Beschränkung auf das sogenannte praktische Judentum der nun einmal vorhandene Gegensatz keineswegs auszuschalten wäre. Er würde sieh beiv Anstellung von Lehrpersönlichkeiten für Erziehungsanstalten nicht minder zeigen, wie bei der Aufstellung und namentlich der Durchführung ' des ' Efziehungsprogrammes selber. Vollends wäre er schon gar-nicht zu umgehen bei der' Frage der Beziehung zu den bestehenden Gemeinden der Kenesseth Jißrael. Das Hauptbedenken besteht aber , in der geistigen, Selbstbeschränkung äfi _sich, die sich - die neue Organisation auferlegen müßte, wollte sie, als schlechthin' thoratreue Organisation, sich über die Alternative „Aguda oder Misrachi" hinwegsetzen. Es hieße den Zionismus als geistige Bewegung — und Misrachi ist ja Zionismus und will es auch sein! — ungemein unterschätzen, wollte man glauben, daß eine ^thoratreue Organisation im Heiligen Lande auch nur die geringste Aussicht auf zukuhftreiche Entwicklung habe, - auch nur die geringste Werbekraft auf die kommende Generation werde ausüben können, wollte sie dem Zionismus gegenüber in vollendeter Neutralität verharren. Neutralität gegenüber dem Zionismus bedeutet im Heiligen Lande die gänzliche Selbstausschaltung aus dem öffentlichen Leben, die schutzlose Preisgabe der heranwachsenden Jugend an die unerhört großen Gefahren dieses öffentlichen Lebens, das gerade im Heiligen Lande begreiflicherweise eine Anziehungskraft ohnegleichen ausübt. Beabsichtigt man aber wiederum, der neuen thoratreuen Organisation ideell eine durchaus klare antizionistische Grundlage zu geben —- bei der in Tel Awiw und Haifa bestehenden Histadruth Hacharedim trifftdies meines Wissens zu —, so stellt sich ja mit aller Deutlichkeit heraus, daß die neue Organisation, folgerichtig durchgeführt, gerade das wäre, was die — agudistische Organisation sein müßte, wenn man mit höchster Energie den Versuch ihrer Umgestaltung zur Ausführung bringen würde; woraus sich wiederum ergibt, daß die neue Organisation wirklich erst gegründet werden darf, wenn der Versuch zur Umgestaltung der agudistischen Organisation endgültig gescheitert ist, Was zu beweisen war. Eines kann einem Zweifel nicht unterliegen: die neue Organisation wäre unter allen Umständen wesentlich schwächer, als die wirksam umgesta 11 e t e agudistische Organisation. Sie hätte die Welt nicht hinter sich. Die Schwungkraft einer Weltbewegung bleibe ihr versagt. Histadruth Haowdim und Revisionisten, die beiden stärksten Parteien des Landes, stützen sich, gleich dem Misrachi, auf eine Weltorganisation und schöpfen aus ihr die stete Mehrung ihres Bestandes. Einzig die Organisation der Thoratreue „schlechthin" bliebe auf das Land beschränkt und müßte darauf Verzicht leisten, daß schon in der Gola die künftigen Einwanderer für sie erzogen und gewonnen werden. Keine Organisation des Heiligen Landes kann heute den innigsten Zusammenhang mit der Gola entbehren. Wollte aber die neue Organisation darauf warten, bis eine wesensgleiche Weltorganisation ihr zur Seite steht, so könnte es leicht geschehen, daß inzwischen — unser Erlöser naht. Auf die Umgestaltung der agudistischen Landesorganisation müssen wir daher unser ganzes Trachten richten. Die Gründe, weshalb sie bis jetzt im Zustand trauriger Kümmernis verharrte, lassen sich kurz etwa wie folgt zusammenfassen: 1, Die Aguda im Heiligen Lande begann als Organisation des von der Sympathie weitester Kreise der Thoratreuen getragenen Kampfes gegen die drohende Gefahr des Waad Leumi, als. Organisation des von weitesten Kreisen der Thoratreuen auch innerlich gebilligten Austrittsaus Kenesseth Jisrael. Bei diesem reinen Negativum ist sie, trotz der inzwischen eingetretenen weiteren Entwicklungen, die ich bereits dargelegt habe, stehen geblieben. So gilt sie heute als reine Kampf Organisation ohne positiven Inhalt. 2. Die Art, wie die Aguda im Heiligen Lande, diesen Kampf selber führte, wird von sehr vielen Thoratreuen, auch solchen, die aus Kenesseth Jißrael ausgetretensind, aufs Entschiedenste mißbilligt, Es ist hier nicht an, Vorkommnisse gedacht, die sich nieder ersten Hitze ereigneten,, nicht die Zeit ins 'Auge gefaßt, da mäh unsere Gesinnungsgenossen in der ganzen jüdischen Welt als „Verräter" verschrie. Aber der Kampf Wandelte sich allmählich aus frontalen Angriffen von hüben und drüben in einen Stellungskrieg um. In der Beschaulichkeit des Stellungskrieges setzte die Kritik ein. Man empfand es allmählich als untragbar, wenn mit großer Beharrlichkeit sämtliche Nichtausgetretenen in einen einzigen Topf, geworfen und gemeinhin als — Choffschim bezeichnet wurden, was in der Sprache Westeuropas doch wohl „liberal" bedeutet. Nicht ohne Widerwillen wandte man sich von den Beschimpfungen ab, die „Kol Jißrael" nicht müde wurde, an die Adresse des Oberhauptes des Rabbinats der Kenesseth Jißrael zu richten, wenn auch nicht verkannt werden darf, daß „Kol Jaakob" sich auch nicht gerade in Hirtenschalmeien erging. Von achtunggebietenden Taten nicht begleitet, vom Pathos einer wirklich schöpferischen Idee nicht getragen, nahmen die ewig verneinenden Kampfesäußerungen in den Ohren vieler Gesetzestreuen allmählich den unerträglichen Klang eines Gezeters an, dem geradezu etwas Monomanisches anzuhaften schien. So schied man sich davon ab. 3. Konnte aber die Aguda im Heiligen Lande nicht einmal den „Alten Jischuw" wenigstens in seiner großen Mehrheit an sich fesseln, schmolz sie vielmehr allmählich mehr oder minder mit dem Waad Hair Aschkenasi zu einem Gebilde zusammen, das höchstens noch in Tiberias und Safed wesensähnliche Ableger hatte, so darf es nicht wunder nehmen, wenn sie zum „Neuen Jischuw" überhaupt nicht recht in Beziehung trat. Vom rauschenden Flügelschlag der Geschichte schien sie kaum einen Hauch zu verspüren. Die offizielle Anerkennung des Waad Hair Aschkenasi —- an sich gewiß eine hochbedeutsame Angelegenheit — konsumierte ihr eigentliches Interesse fast restlos. So blieb sie innerlich vom Wandel der Zeit, ihrer einzigartigen Konstellation, ihrer einzigartigen Größe und Schwere beinahe unerfaßt und machte den Eindruck, als sei sie überhaupt dem neuen Leben abhold. Während von allen Teilen der Welt jüdische Menschen ins Land strömten und zu der eigenen Problematik des werdenden nationalen Gemeinwesens auch, noch die Problematik ihrer Herkunft zufügten, während dergestalt das Land sich bis zum Bersten mit all der Geistigkeit füllte, die ein weltzerstreutes Volk in sich birgt, war es der Aguda nicht beschieden, in dem betäubenden Chor vielfältigster Stimmen auch die ihre, die reine Stimme der Thora zustimmend, ablehnend, wegweisend, mahnend, zürnend, aber auch liebend, beschwörend, lockend und hoffend vernehmen zu lassen. Immer mehr mußte dem „Neuen Jischuw" die Aguda als. ein engster .Kreis weitabgewandter, von der Zeit überholter Eigenbrödler vorkommen, der im günstigsten Falle die Vergangenheit zu retten, ganz gewiß aber nicht die Zukunft zu erobern geeignet sei. Wer sich der Mühe unterziehen wollte, all die Jahrgänge des „Kol Jißroel" einer Durchsicht zu unterwerfen, würde die heutige Beziehung des „N^uen Jischuw" zur Aguda alsbald begreifen. 4. Zu der also gearteten inländischen Aguda trat dann noch als höchst wesentliches Moment der Umstand hinzu, daß den ersten kolonisatorischen Versuchen der Weltaguda ein Erfolg nicht beschieden war, und daß sich im Heiligen Lande mehr und mehr der Eindruck verbreitete, als sei es der Weltaguda um Erez Jisroel nicht recht ernst, als fühlten ini besonderen ihre führenden Thoragrößen nicht jenen Zwang zur Tat in sich, der nur aus Erkenntnis der historischen Bedeutung des Gegenwartgeschehens sich ergeben kann. Immerhin unterschied die öffentliche Meinung des Heiligen Landes bewußt' zwischen Landesaguda und Weltaguda, brachte letzterer durchaus Achtung, . ja Sympathie entgegen und bedauerte nur, daß offensichtlich die Weltaguda die Zügel mehr als billig schießen ließ und letzten Endes alles dem engsten Kreis in Jeruscholajim überantwortete. .

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