Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1935-12-05 · Heft 49 (5.12.1935) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 49 (5.12.1935)
Date
1935-12-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450858-2450905--81740-2539104
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

verfaßt. Die Broschüre enthält Sendschreiben jemenitischer Gemeinden an die Weltjudenheit auf Pergament, mit den Siegeln der Rabbiner und Gemeindeoberhäupter versehen, in denen über schwere Not und Verfolgung, denen die 'jemenitischen Juden ausgesetzt sind, sowie über vergebliche Interventionen bei dem englischen Kommissar in Aden berichtet und als einzige Rettung der -von dem Wiener Komitee ausgearbeitete konstruktive Plan der allmählichen Ueberführung der jemenitischen Juden nach Palästina bezeichnet wird. Ung« [arn. Brief aus Ungarn. Budapest, 3. Dez. Drei Vorfälle beschäftigen derzeit die jüdische Oeffentlichkeit in Ungarn. Die Jagd der Organe des Innenministeriums nach Juden mit Bart und Pejoth in Kisvarda, die Ausschreitungen an den Universitäten in Budapest und Szegedin und schließlich der krampfhafte Versuch der winzigen Gruppe der ungarischen Zionisten, einige Mandate innerhalb der Pester Israelitischen neologen Kultusgemekide zu ergattern. Zu den ersteren Vorfällen sind noch folgende Einzelheiten nachzutragen: Mit Gendarmerieeskorte wurden ausschließlich Juden in alter jüdischer Tracht abgeführt. Andere, die äußerlich nicht als Juden erkennbar waren, erhielten eine schriftliche Ladung. Die Organe des Innenministeriums suchten nicht nur die Läden, die Wohnungen und die Talmud Thora- Schule 'durch, sondern erschienen sogar in" der Mikwah und ließen den Pächter und seinen Schwager abführen. Die Schulkinder mußten bis nachmittags 3 Uhr in Gewahrsam verbleiben und man ging nicht sehr glimpflich mit innen um. Der iPöfeel hatte augenscheinlich den Eindruck, daß die Juden vogelfrei seien umd überfiel auch Juden auf der Straße, von denen einer infolge der Verletzungen ein Auge verlor, Anläßlich der Gemeinderatsitzung hat der Vorsitzende der orthodoxen israelitischen jüdischen Kul-: tusgemeinde, Josef K a i n , der Mitglied der Verwaltung ist, die Vorfälle zur Rede gebracht. Der Vorsitzende versprach die Einleitung der Untersuchung gegen /die Polizisten. Die Z e n t r a 1 k a n z 1 e i der orthodoxen israelitischen Kfultusgemeindem in Budapest hat über die Vorfälle in Kisvarda beim Innenminister sowohl1 schriftlich wie mündlich interveniert. Vor allem hat die Zentralkanzlei darauf ihingewiesen, daß die "Art der Aktion den Anschein erweckte, als sei diese in; erster Reihe gegen religiöse Juden gerichtet. Die schriftliche Rückäußerung des Innenministeriums betont vor allem," daß die (Razzia keinesfalls gegen die religiösen Juden und überhaupt nicht gegen Staatsbürger jüdischen Glaubens allein gedacht war .Schließlich empfiehlt das Ministerium, daß die Bewohner jener Gebiete, in welchen zwecks Fremdenkontroll'e Razzias durchgeführt werden, sich zukünftig mit Legitimationen versehen. Im Parlament interpellierte der oppositionelle jüdische Abgeordnete Bela Fabiam wegen der Vorfälle in Kisvarda. Er sagte u. a.: „Jeder Mensch, der die Vorschriften seiner Religion hält, dient auch den Gesetzen seines Vaterlandes. Wer in seiner religiösen Uefoerzeugung konservativ ist, kann auch in der Politik nicht destruktiv sein, denn er hat bei allen Versuchungen des Lebens eine sichere Stütze an G'tt.' Schließlich stellte Fabian fest, daß von den 113 Kriegsinvaliden der Stadt 18 Juden sind. Die Antwort des Ministers v. Kozma bewegte sich in Bahnen, die ihm Fabian durch einen Teil seiner Ausführungen leider vorgezeichnet hat: denn auch F. sprach sich gegen die Einwanderung von Ostjuden aus. Er, der Minister, habe übrigens bereits vor der Interpellation in Sachen der Talmudschulen die nötigen Verfügungen getroffen. Ueber die Studenten-Unruhen in Budapest und Szegedin haben die Tageszeitungen ausführlich berichtet. Die Unruhen begannen damit, daß 150 Studenten 15 Juden an der nationalökonomischen Fakultät überfielen und verprügelten.,'. In demselben Zahlenverhältnis befanden sich die Angreifer später in den anderen Fakultäten, wobei sde:^uch mit Schwefel und Ammoniak arbeiteten. Der iKultusminister, auch die Professoren sprachen sich. Scharf gegen die Unruhestifter aus. Das zionistischen Abenteuer mit der Gründung einer Jüdischen V o 1 k s p <a r t e i erregte -,.allgemeinen Unwillen, da die rezipierten Juden in Ungarn nichts von einer Minoritätenpolitik wissen wollen und die übrigen Bürger es als Anmaßung empfinden; diesem Empfinden hat auch ein .Abgeordneter im Parlament Ausdruck verliehen — wenn die Juden neben der vollen Gleichberechtigung auch Minoritätschutz fordern sollten. Der Vorsitzende der Pester Israelitischen neologen Kultusgemeinde, Hof rat Stern, erklärte: „Wir wollen keine jüdische Minderheit sein, wie das in Wien die Jüdischnationale Partei verkündet, denn damit wäre idie Katastrophe des ungarischen Judentums heraufbeschworen. Wir haben in der jetzigen Lage genug der Sorgen, als daß wir unsern Feinden neue Argumente gegen uns liefern dürften," Auch die Zionisten sind jetzt nachträglich auf ihren Irrtum gekommen. So schließt sich das offizielle zionistische Organ fast wortwörtlich der Erklärung des Gemeindepräsidenten an. Schweiz. Gründung Vorige A g u d a s einer Agudas Jisroel~Jugendgrupp; (Noar Agudati), L u z e rin , 20. Nov. Woche fand hier die Gründung einer " Jis r o e 1 - Ju g e n d g rup p e (Noar Agudati) statt. Durch den: Zuzug,, auswärtiger Kräfte hatte die Agudabewegung, die ohnedies starken Anklang in der hiesigen Jugend findet, neuen Auftrieb bekommen, so daß die Gründung einer Jugendgruppe brennendes Bedürfnis geworden war. 'In der ersten Zusammenkunft der agudistisoh gesinnten Jugend wurde 'die Gründung der Jugendgruppe beschlossen und es wurde, eine Gruppenleitung-, gewählt, der die Ausgestaltung des Programms übertragen wurde. .Die Leitung besteht aus Awraham B o-k o r , Michael W a 11 a C h , Jakob Herz und David N e u f e 1 d, die Mädchenleitung aus Mirjam Freyhan, Ruth. Neufeld und Bertha (Raphael) Erlang.er. Ueber die Gründe, die zur Gründung der 'Gruppe führten, di wie manche behaupten, < die Gefahr der Spaltung in der Jugend heraufbeschwörte, über diese und ähnliche Fragen orientierten die,jR©den .von Michael Wallach und Awraham ßokor und ihnen werden noch weitere Aussprachen zu widmen sein. Die Aufgaben der Jugendgruppe sind in erster:(Linie die Orientierung des Einzelnen im Klall, die Erweckung der Erkenntnis, daß, , jeder Jehudi Glied^ einer g'ttgewollten Gemeinschaft ist — und der sich^daraus ergebenden Konsequenzen für die Praxis: Bereitschaft zu Chaluziuth (in , diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, daß die jEr Öffnung einer /von; der Schweizer Agudä-Jugend... organisierten Ha'chscharah für die nächste/-Zeit vorgesehen ist), vermehrtes Interesse für die Fragen der jüdischen iGpesamtheit, speziell Erez Jisroels, und nicht zuletzt finamfcielle Unterstützung der agudistischen Fonds. M. W. Von den Verhandlungen der Expertenkommission in Genf. Genf, 1. Dez- In der gleichzeitig mit der Tagung der Expertenkommission stattfindenden K o n f e r e n z der jüdischen G r o ß o r g a n i s a t i o n e n entwickelte Dr. Arthur Ruppin seinen Plan zur Ansiedlung von 200.000 Juden aus Deutschland in verschiedenen Ländern, darunter auch in Palästina- Die sudam erikani sehen Länder seien reich an. Natura chät-; zen und auch sehr aufnahmefähig für Einwanderer. Auch die klimatischen Verhältnisse seien dort recht gut. Es bestehe Grund zur Annahme, daß .di« Einwanderungsbeschränkungen dort mit der fortschreitenden; wirtschaftlichen Gesundung gemildert oder gänzlich auf gehoben werden. Die; einigen tausend Juden aus Deutschland, die dort bereits eine -Heimat gefunden haben, paßten sich den. Verhältnissen ziemlich leicht an. Auch die dort angesiedelte^ polnischen Juden seien im ganzen zufrieden. Insbesondere werde dort für gut ausgebildete.. jffandwerker Platz sein. Dr;. Ruppin wird seinen Bericht ^aüchi in der Expertenkommission des Völkerbundes:; .efsteittjen. In den ersten Sitzungen der .llxpertenkommissiön wurden Gutachten der Vertreter ' vieler Regierungen über die Einwanderungs- und Ansiedkmgs verhälthisse in ihren Ländern entgegengenommen. Es gilt für die 'Kommission, zunächst genau festzustellen, 1' welche Möglichkeiten sich zur Erlangung der Erlaubnis zum dauernden Aufenthalt und Arbeitsrecht für 30,000 Juden aus Deutschland, 'die sich bereits in fremden Staaten Europas befinden,, ergeben. James G. M a c d o n a 1 d plädiert dafür; daß man sich nicht allein mit jenen bereits ausgewanderten Menschen befasse, sondern auch mit dem Schicksal derer, die in nächster Zukunft auswandern' müssen. -Er wünscht 'die Bildung eines dem V ö 1 k e r b u nd unmittelbar unterstellten Amtes, unter Leitung eines Staatsmannes von internationalem Ruf. Dieses Amt müsse aber in enger Zusammenarbeit nit den zentralen jüdischen Hilfsorganisationenwirken. Ferner berichten Vertreter des N ans e na m t e s über ihre Erfahrungen. Die Vertreter der ijüdischen Organisationen sollen bereits dieser Tage zu Worte kommen, um ihre eingereichten Memoranden mündlich zu erläutern. Genf, 3. Dez. Am 1. Dezember erstattete Dr. Arthur Ruppin sein Gutachten. Ruppin entwickelte die' Einzelheiten seines Planes zur Ansiedlung von 200.000 Juden aus Deutschland in den verschiedenen Ländern, zum Teil in Palästina, dn der Art, wie er ihn bereits auf der Konferenz der jüdischen .Organisationen vorgetragen hatte. Er beantwortete auch eine Reihe' von Fragen in Bezug auf die Aufnahmefähigkeit Palästinas und gab ergänzende Erklärungen zu-dem Memorandum, der Jewish Agency. Es wird in diesem Memorandum die -Schaffung eines LiquidationsInstituts vorgeschlagen, das die Liquidierung des Kapitals derjenigen Juden ermöglichen soll, die aus Deutschland auswandern wollen.. Es sollen. Kredite gegen Sicherstelktng. auf ihre Eigentumswerte in Deutschland; gewährt werden, und «war. durch eine Liquidatiottsbank, die -nfcit, Itlfes des Völkerbundes SlttÄ international garantierte Anleihe in die Wege leitet. Es sprachen dann auch Vertreter anderer jüdischer Organisationen. Der Leiter des Nansenamtes, Major Johnson, berichtete über (die Verhältnisse der aus dem Saargebiet auswandernden Juden. Etwa 8000 Juden und Nichtjuden aus dem. Saargebiet .hätten Nansenpässe erhalten, ' Dr. Bernhard Kahn machte im Namen der:ge- : i & samten Delegation folgende Vorschläge: 1. Der Völkerbund solle nach der Einstellung der Tätigkeit des Macdonald-Kommissariats eine Körperseihaft einsetzen, die den Schutz der Ausgewanderten unter unmittelbarer Aufsicht des Völkerbundes übernehmen soll. 2. Diese Körperschaft soll autonom und von einer Persönlichkeit von änternataonleapxi Ansehen geleitet sein. 3. Die Körperschaft soll auch die Befugnis erhalten, Verhandlungen', mit der; j deutschen Reichsregierunig betreffend den Transfer jüdischen Kapitals aufzunehmen. 4. Staatenlos Gewordenen soll arbeits- und paßrechtlicher Schutz gewährt werden. 5. Die Regierungen der Länder, in denen sich die" Ausgewanderten zur Zeit aufhalten, sollen sich diesen gegenüber in Bezug auf Aufenthaltsrecht und ArbeitsbewilHgung weitherzig verhalten. 6. Es sollen Verhandlungen mit der deutschen Reichsregierung zwecks Ermöglichung einer geordneten statt einer . chaotischen Auswanderung geführt -^werden. Die Expertenkommission wird am 5. Dezember: ihre - Verhandlungen zum Abschluß bringen. Es liegen ihr;> 50 Projekte vor. j* Belgien« Mitteleuropäische Konferenz des Weltverbandes polnischer Juden im Ausland, Antwerpen, 25. Nov. Unter dem Vorsitz des Präsidenten der^ belgischen;; Abteilung des - W e 11 v e r b a nd e s pjölnischer: Juden im Ausland, J e r usal e ms ki , wurde in- Antwerpen die mitteleuropäische Konferenz dieses Verbandes mit einer Massenkundgebuiig eröffnet,' bau der die Herren Tarlow-London, der: Generalsekretär! i Dr. Frenke, Joskowiez-London, Jer^ale^ki-Antr|t' werpen und Dr. Taub es-Amsterdam s^ra^hen- 'MoüMt tag' abends fand anläßlich .der Konferenz ^eine Mäsr^ senversiammlung in Brüssel statt.1 i; - ,;j ' v'«' -.\y.;\' ' -! .' (Weitere Korrespondenzen siehe Seite 13.) v

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.