Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1935)
- Date
- 1935-12-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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5. Dezember 1935 Der Israelit Nr. 49 Seite 11 Polen. Der Kampf gegen die Schechita in Polen. — Ein Gesetzentwurf in Vorbereitung? Warschau, 1. Dez. Blättermeldungen zufolge wird im Iimenministerium intensiv an der Fertigstellung eines Gesetzentwurfs betreffend die Schechita gearbeitet. Das Ministerium hat sich an die Handelskammer und. an die Handwerkskammer mit der Aufforderung gewandt, Material zu dieser Frage sobald wie möglich einzureichen. Die Agudas H'a<r ab o nim hat «ine Abwehraktion gegen die Bedrohung der Schechita eingeleitet. Es wurde zu diesem Zweck ein Komitee gebildet, dem auch die jüdischen Parlamentarier und Akademiker angehören. Es wird eine Erklärung über die Schechita ausgearbeitet, die von allen Rabbinern Polens unterschrieben werden soll. Ferner wurde beschlossen, eine Abordnung von Rabbinern und Parlamentariern zu den Ministern für Kultus, Inneres, Landwirtschaft und Finanzen zwecks Intervention in der Schächtfrage zu entsenden, Rumänien. Brief aus Rumänien. Bukarest, 24. Nov. Im L.ehrerihnen-Semdnar der Bcth Jakob-Schulen k Czernowitz haben bereits die Vorlesungen begonnen. In Timisoara (Temesvar) wurde eine A g u - das JisroeJ-Ortsgruppe gegründet. Den Dafjomi-Schiur hält Rabbiner Dr. Schück. Die Behörde hat das Erscheinen der nationaljüdi- -schen Tageszeitung „Uj Kelet" für einen Tag verboten. Ueber die Ursache äes Verbotes ist einstweilen nichts bekannt. Wie verlautet, werden sich die antisemitischen Gruppen Goga, Cuza und Vaida in einem Block auf folgender Grundlage vereinigen: Revision der seit 1918 erworbenen Staatsbürgatfsekiaft. Nur Rumänen dürfen ein öffentliches Amt bekleiden. Proportion in allen wirtschaftlichen Berufen. Auflösung der Trusts und Kartelle, Enteignung aller Liegenschaften von Fremdrassigen. Die ICA. hat von der rumänischen Regierung die Bewilligung zur Entfaltung einer größeren Hilfsaktion zu Gunsten der beßarabischen jüdischen Kleingewerbetreibenden und Landwirte erhalten. Die antisemitische Presse entfaltete hierauf eine heftige Kampagne gegen die Regierung und behauptete, die ICA. wolle russische und deutsche Juden in Beßarabien ansiedeln. Die Rgeierung griff erst mit einem beschwichtigenden Communique ein, als aber die Kampagne zunahm, hat sie sich zur Rückziehung der Bewilligung entschlossen. Sie hat es somit verhindert, daß der jüdische Teil ihrer Staatsbürger idurch Kredite, Maschinen und Einrichtungsigegenstände unterstützt werde, Die antisemitische Welle gibt Anlaß zu neuen Verhandlungen zwischen der natiohaljüdischen politischen Organisationen und der Vereinigung der rumänischen Juden zur Schaffung einer gemeinsamen Vertretung in der Hauptstadt. Die orthodoxen Massien verhalten sich gegenüber beiden Organisationen reserviert. England. Herbert Samuel zur Vorgeschichte und Auswirkung der Balfour-Deklaration. London, 2. Dez. In einem Vortrag in der Londoner jüdisch-historischen Gesellschaft gab Herbert Samuel bemerkenswerte Einzelheiten aus der Geschichte der Balfour-Deklaration bekannt und schilderte die Rolle, die er selbst bei den Vorbereitungen der Deklarationen spielte. Er habe sich als erstes jüdisches Kabinettsimitglied nur langsam mit den zionistischen Ideen bekann tgemacht und fühlte dann die Verpflichtungen in sich, die Wege zum Nationalheim zu ebnen. Die ersten Informationen dankte er Dr. Weizmann. Er hatte dann ein« Unterredung mit Sir (Eduard Grey — es war am 9. November 1914, — in der die Judenstaatsfrage besprochen wurde. Grey sagte, dieser Gedanke habe für ihn stets eine starke gefühlsmäßige Anziehung gehabt und er stimmte gleich allen Vorschlägen zu. Gegen eine Vereinigung Syriens mit Palästina stimmte Samuel aus* dem Grunde, weil die Städte Syriens eine überwiegend nichtjüdiische Bevölkerung hätten, vielmehr wünschte er, daß Syrien unter französisches Mandat gestellt werde, wie es später auch kam. In den ■folgenden Jahren wurden alle Einzelheiten des Planes mit den zuständigen Stellen besprochen und allerlei Projekte geprüft. Ende 1916 trat Herbert Samuel mit A s q u i t h von der Regierung zurück, und so konnte er sich an der Verkünduaig der Balfour-Deklaration im Jahre 1917 nicht beteiligen, aber bei der Formulierung der Deklaration wurde doch sein Rat eingeholt. Wenn heute behauptet werde, es sei zugleich mit dem Mandate die Schaffung eines allarabischen Reiches mit Einschluß Palästinas versprochen worden, so müsse er der historischen Wahrheit zur Ehre bezeugen, daß sich dieses Unabhängigkeitsversprechen keineswegs auf Palästina bezog, sondern auf die Staaten, die später in verschiedenen Teilen Arabiens auch gebildet wurden. Palästina westlich des Jordans wurde in das Versprechen niemals mit einbezogen, was Herbert Samuel seinerzeit als High Commissioner in Palästina auch dem König Hussein wiederholt 'auseinandersetzte. Auch bei späteren Verhandlungen mit Hussein ließen die englischen Herren ihn nicht darüber im Zweifel, daß Palästina westlich des Jordans aus der arabischen Sphäre ausgeschlossen b l e i b e n m ü s s e. Alle erzielten Fortschritte in Palästina seien Frucht der englisch-jüdischen Zusammenarbeit, die weiter zu pflegen sei. Neben dem materiellen Aufbau müsse in Palästina eine neue Blüte des jüdischen Geistes entstehen. Palästina, Brief aus Palästina. Jüdische Arbeit. — Der Legislative Council. — Wahlkampf in Tel Awiw. — Die Rechte der rabbinischen Gerichte. — Jüdische Bauern aus Marmarosch. — Rabbimerverband. — Bandenüberiälle. Jerusalem, 1. Dez. In der jüngsten. Sitzung der Leitung der A |1ldas J i s r o e 1, an der auch Vertreter der Poale A g udas Jisroel teilnahmen, wurden durchgreifende Beschlüsse gefaßt über das Vorgehen gegen orthodoxe Juden, die nichtjüdische oder antireligiöse Arbeiter beschäftigen. In einer Aussprache der Vertreter der Zeiire Agudas Jisroel in Tel Awiw mit der Zentralleitung der Agudas Jisroel wurden die Richtlinien festgelegt, nach denen der Jugendbewegung der Aguda die materielle und intellektuelle Hilfe der A. J.-Weltorganisation werden soll. Die Frage de9 Legislative Council beschäftigt seit der Heimkehr des High Commissioner immer noch die Gemüter, aber es bleibt bisher beim großen Rätselraten. In gemeinsamer Sitzung der Aguda- Vertreter mit der Jewish Agency wurden bedeutsame Beschlüsse in Sachen das Legislative Council gefaßt. Ob nun die Frage wirklich von der brennenden Aktualität ist, wie die arabischen Zeitungen behaupten, oder nicht, — auf alle Fälle muß begrüßt werden, daß die jüdische Einheitsfront in dieser Angelegenheit tatsächlich geschaffen ist. Die zionistischen Zeitungen freilich berichten über das Zusammengehen unter der Schlagzeile „Zusammenarbeit von Agudas Jisroel und Waad leumi", ohne die Art der Verhandlungen anzugeben, womit^ der Eindruck erweckt werden soll, als ginge die Aguda mit dem Waad leumi in allen Punkten Hand in Hand, während doch in Wahrheit das Zusammengehen sich lediglich und einzig und allein auf die Frage des Legislative Council beschränkt. Der Wahlkampf in Tel Awiw ist nun im vollen Gange. Am aktivsten ist bis jetzt die Histad r u t h , die mit, Versammlungen und Plakaten für die Ideen und Ziele der Arbeiterpartei wirbt. Alle Kräfte werden mobilisiert, um „die Herrschaft aus der Hand der früheren Herren von Tel Awiw zu reißen und sie in die richtigen Hände", d. h. in die der Arbeitervertreter zu legen. Die Parole heißt: „Totale Eroberung der Irijah!" Im Vergleich zu der fieberhaften Arbeit der Arbeiterpartai muß die Wahlpropaganda der anderen Parteien noch als minimal bezeichnet werden. Man darf hoffen, daß sämtliche Gesetzestreuen in Tel Awiw unter Führung der Agudas Jisroel einen E i n h e i t s b I o c k zustande bringen. Zu diesem Zwecke begaben sich vorige Woche Rabbi Mosche Blau und Rabbi Elieser Sirkis nach Tel Awiw. Die Kandidatenliste der Aguda ist noch nicht aufgestellt und wird auch nicht eher aufgestellt werden, als bis die Verhandlungen mit den anderen orthodoxen Gruppen zu Ende geführt worden sind. Ein Schreiben des Gouverneurs von Jerusalem an die Agudas Jisroel, in dem sie gebeten wird, die rabbinischen Gerichte der Agudas Jisroel zu ersuchen, künftighin keine Scheidebriefe zu bestätigen, die Staatsbürger fremder Länder betreffen, (da nach den Staatsgesetzen solche Rechte den religiösen Gerichten nicht zuständeni}, brachte große Aufregung in die interessierten Kreise, Es sind alle Schritte unternommen, um diese Frage nach allen Richtungen hin zu klären. Die Einwanderung der landwirtschaftlich gut geschulten Juden aus der Gegend von Marmarosch (zuletzt 150), gereicht zum Segen für den ganzen Jischuw. Es ist ein ausgezeichnetes Arbeiterelement, das streng zur Thora hält. Sie sind meist in den Poale Agudas Jisroel organisiert. Der Vorsitzende des Landwirtevereins, Herr Smilanski, der unter Begleitung von Rabbi Mosche Blau die Eingewanderten in .Rechoboth besuchte, sprach «ich sehr befriedigt über diese jüdischen Bauern im besten Sinne aus und versprach jedes Entgegenkommen von Seiten des Jischuw, Durch günstige Kredite kann ihre Absiedlung auf die beste Art durchgeführt werdein. Am 1. Kislew fand in Jerusalem eine große Versammlung von Rabbinern aller Landsmannschaften statt mit dem Zwecke, einen L a n d e s r a b b i n e rverbau d zu gründen, dem die Hebung des religiösen Lebens obliegen soll. Oberrabbiner D u - s c h i n ® k i wie der Gerer Rebbe, die als Gäste der Versammlung beiwohnten, begrüßten sie mit herzlichen Worten und bezeichneten die geplante Gründung als eine brennende Notwendigkeit für das religiöse Leben des Landes. Die häufigen Ueberfälle und Meuchelmorde im Norden dse Landes — man denke an die Mordfäüe in Kfar Chassidim, Nahalal und zuletzt an die Ermordung des jüdischen Polizeisergeaiiten Rosenfeld — halten die Bevölkerung immer noch in Aufregung, um so mehr, als in keinem einzigen der genannten und anderen Fällen es der Polizei gelang, die Mörder ausfindig zu machen. Die Vermutung, die schon bei der Ermordung der Jacobi's, Vater und Sohn, in Nahalal auftauchte, daß es* sich dabei um wohl organisierte Banden handelt, findet jetzt bei der Ermordung von Rosenfeld ihre volle Bestätigung. Ueber die bewaffnete Gegenwehr dieser Banden, als die Polizei die Durchsuchungen bei den Verdächtigten durchführen wollte, wurde im „Israelit" bereits eingehend berichtet. In einem offiziellen Communique wird angegeben, daß vier oder fünf Banditen getötet und ebenso viele gefangen genommen wurden. Dabei wurden beschlagnahmt neuivFlinten und mehrere andere Schußwaffen. Von der Polizei ist ein englischer Polizist gefallen und ein anderer mit leichten Verwundungen davongekommen. Bezeichnend ist, daß sich unter den Namen der Bandenführer auch angesehene Araber, ja sogar ein bekannter Scheich aus Haifa, befinden. Letzterer war der Vorsitzende des arabischen Jugendbundes in Haifa. Einer von ihnen kam seinerzeit auch als Beteiligter an der Ermordimg Jacobi's> in Betracht und in Haft. Bei der Bestattung der gefallenen Araber kam es wiederum zu schweren Unruhen, obwohl die arabischen Führer für Ruhe und Ordnung alle Verantwortung übernahmen. Die Polizei verhielt sich beinahe untätig. Als Verwundete werden gemeldet zwei englische Polizeioffiziere und ein Jude. Die arabische Presse widmet den „Märtyrern" große Leitartikel. „Feiestin" veröffentlicht die Aussage eines schwer verwundeten Terroristen, der zugibt, daß seine Freunde Rosenfeld getötet hätten. Die Parole ihres Bundes sei, Engländer und Juden aus der Welt zu schaffen. Man wundert sich, daß nach diesen offenen Bekenntnissen die Regierung sich noch gar keine ernstliche Mühe gibt, der Sache auf den Grund zu gehen. Es muß natürlich bei all dem betont werden, daß das arabische Volk als solches mit den f anatischen Umtrieben jener Banden wenig zu tun hat» M. G. P.