Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 76 (1935)
- Issue
- Heft 16-17 (17.4.1935)
- Date
- 1935-04-17
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450858-2450874--81230-2539091- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
17. April 1935 Der Israelit Nr. 16/17 Seite 3 Abhängigkeit von der biblischen Erzählung. Im 16. i Jahrhundert verbreitet sich die moralische Ausdeu- J tung der Geschichte von den ungleichen Kindern J Evä. Mit. der Aufklärung tritt eine Umwertung ein; sie sieht in Kain mehr den Unglücklichen als den I Bösen. Dem Stürm und Drang ist er ein Kraftgenie, I dem 19. Jahrhundert unter Byrons Einfluß der sich I auflehnende Mensch, der heroisiert zu werden ver- I dient, und das Sinnbild moderner Zerrissenheit; dem I ausgehenden' Jahrhundert ist er geradezu der Vorläu- I fer des Uebermenschen. In poetischen Bearbeitun- I gen des-Expressionismus (Lipiner, Wildgans) werden j Kain und Abel der Urauffassung genähert, kommt Abel wieder mehr zu seinem "Recht, Im übrigen ist in mancher Kain- und Abel-Dichtung nicht der biblische Stoff gestaltet, sondern der Name ist Symbol für ähnliche Konflikte geworden. Die Studie, die von ungewöhnlicher Belesenheit und Beherrschung motivgeschichtlicher Betrachtungsweise zeugt, dürfte nicht nur den Fachmann, sondern auch den gebildeten Laien interessieren. Sch. Die Rechtsstellung der Israelitischem Kultusgemeinden in Anhalt. Von Ernst W a Her. Berlin. 1934. Verlag von M. Poppelauer. 88 Seiten. In vorliegender Dissertation gibt der Verfasser in überaus sorgfältiger und ausführlicher Darlegung einen Ueberblick über die Geschichte der jüdischen Ansiedlung in Anhalt bis zu deren gegenwärtigen rechtlichen Stellung. Der Verfasser beschränkt sich nicht auf die Schilderung des gegenwärtigen Zustandes, sondern gewährt uns auch einen Einblick über die rechtlichen Grundlagen dieses Zustandes, Vergleiche mit den beiden christlichen Konfessionen in Anhalt und den jüdischen Gemeinden in den anderen deutschen Ländern machen die Arbeit besonders wertvoll und zu einer wertvollen Vergleichsquelle für ähnliche Forschungen. Man wird sich dieser Arbeit noch oft zu bedienen haben und wird ihrem Verfasser Dank für seine gewiß oft nicht leichte aber lohnende Mühe wissen. Zwei Dessauer. Judenschutzbriefe im Anhang bilden ein wertvolles Urkundenmaterial. , a. . Der Mensch Job redet mit G'tt. Von Peter L i p p e r t. S. J. München, Verlag .»Ars sacra" Josef Müller, München 13, Friedrichstr. 18, 304 Seiten Text und ein .Titelbild in feinstem Kupfertiefdruck. 8°. In Hälbleder geb. RM. 5.80, Schw. Fr. 7.25; brosch. RM. 4.20, Schw. Fr. 5.25, Das Künstlerische . züvorj denn" das Sprachliche dieses Buches gehört in dieses Kapitel, Hier spricht ein Dichter und Sprachbildner. In einfachstem Satzgefüge schreibt ein Meister eines neuen Stiles, in anmutigen Pointen meiselt er wundersam schlichte Sätze, wie z, B,: „Sie (die guten Menschen) sind nichts anderes als ein sichtbar gewordenes Lächeln von Dir (G'tt)." Das ganze Buch ist voll solch ansprechender Wendungen. Es bietet schon rein künstlerisch also einen hohen Genuß, Was den Inhalt betrifft, so könnte man kurz sagen, es ist die Geschichte von einem der auszog als G'ttsucher und heimkehrte als G'ttfinder, bescheiden, ergeben, selig. Ein mystisches In-sich-selbst-versenken ist es, aber ein zwingendes. Psalmentöne schwingen nach, Hiobsseufzer ringen nach Ausdruck und ringen sich zur vollendeten Theodicee durch. Der Verfasser weiß, daß in grundlegenden Fragen wir als Juden nicht mit ihm gehen können; wenn wir trotzdem das Buch empfehlen, es vor allen Dingen unserer suchenden Jugend in die Hand geben möchten, so mag man erkennen, wieviel dieses Werk eines edlen Weltdichters jedem zu sagen hat. Die vornehme Ausstattung, die der Verlag dem Buche gab, entspricht seiner Bedeutung. P. K, Wahn, Wissenschaft und Wahrheit. Lebensbekenntnisse einesyArztes. Von Dn med. phil. et jur. Albert Niedermeyer. Salzburg. Verlag Anton Pus t e t. 272 .S. Mk. 3.60. Diese Lebensbekenntnisse des bekannten katholischen Arztes sind für jeden gläubigen' Menschen, welcher Konfession und welchen Stammes immer, von ganz besonderem Interesse. In Wien 1888 geboren, erhielt. Niedermeyer in der Jugend eine gut katholische Erziehung, die aber von väterlicher Seite durch stark liberale Einschläge ihrer Wirksamkeit an sich schon beraubt und dann infolge der inneren Abkehr der damaligen Jugend von Oesterreich und ihrer Begeisterung für Preußen als Hort evangelischer Freiheit und Weltaufgeschlossenheit paralysiert wurde. So ging Niedermeyer. 1911 nach Deutschland, diente in der preußischen Armee und trat zum »Protestantismus \ über. Und nun beginnt die psychologisch äußerst-fesselnde „Rückentwicklüng" zum religiösen Glauben, einsetzend gleich nach dem Ende des Krieges an der Hand der Erfahrungen, die Niedermeyer im Kampfe .iiiit den — in sein Fachgebiet, die Gynäkologie, schlagenden .— :sexual-iiberalen Strömungen sammelt, .Erfahrungen, die schließlich 'unter, schwerem innerem Ringen dem Reifenden die. Erkenntnis von der sittlichen und logiscnen Ueberlegenheit religiösen Denkens-und religiöser.» Tradition aufzwingen und' ihn in: den Schoß seines ererbten: Glaubens wieder zurückführen. Zur Judenfrage äußert sich Niedermeyer in verständnisvoller, gerechter Weise. Ihm ist das um so höher anzurechnen, als er ja leider in' seinem Kampfe für sexuelle Gebundenheit und Sittlichkeit vielfach mit Gegnern zusammenstoßen mußte, die radikal liberale Rassejuden waren, ohne natürlich von jüdischem Geiste und jüdischer Lehre eine Ahnung zu haben. Niedermeyer wendet sich entschieden gegen die Versuche, die Juden zu. einer „minderwertigen" Rasse zu stempeln oder den Stifter der" christlichen Religion zum Arier zu machen. Er weiß auch das „alte, orthodoxe, thoratreue Judentum" mit seiner echten Frömmigkeit von den entjudeten Trägern einer uferlosen Assimilation zu unterscheiden und .bricht eine Lanze für die Ostjuden, die er im Kriege mit Ehrfurcht kennen zu lernen Gelegenheit hatte, „Auf dem Gebiete der Sexualethik hatte ich," so schreibt er, •„durch Schriften wie die von den Aerzten Jakob Levy .und Ne'man erkannt, daß das echte religiöse Judentum die ethischen' Gesetze seiner Väter in einer Strenge und Reinheit hochhält, an der sich jeder Christ und Arier ein Beispiel nehmen könnte." Alles in allem ein wirklich wertvolles, lesenswertes Memoirenbuch. Vom Ewigen im Menschen. Von Max Scheier. Berlin. 1 933. Der Neue Geist-Ver- ... lag. Es ist ein verdienstliches Unternehmen des Verlagesj daß er, bereits in dritter Auflage, eine Reihe der wertvollsten religionswissenschaftlichen Arbeiten Max Schelers in diesem Bande zusammenfaßt und einem weiteren Leserkreise vermittelt. Den Beginn macht die tiefschürfende und «geistvolle Studie des großen R.eligionsphilosophen über die rein religiösen Begriffe der Reue und der Wiedergeburt, eine glänzende Abrechnung zwischen der Religion mit «ihrem die Seele erforschenden Tiefblick und der meist an der Oberfläche haftenden wissenschaftlichen Psychologie, Mehr für den Fachphilosophen bestimmt ist der zweite kleinere Aufsatz „Vom Wesen der Philosophie", während die dritte Arbeit: „Die christliche Liebesidee und die gegenwärtige Welt" eine aus dem Kriegserlebnis geborene furchtbare Anklage gegen die Europa beherrschende unchristliche Auffassung darstellt, von der sich die Völker und an ihrer Spitze insbesondere die Politiker beherrschen ließen. Die Studie über den kulturellen Wiederaufbau Europas, die dann folgt, liest man heute mit einiger Wehmut - im Herzen, denn sie setzt geistesgeschichtliche Entwicklungen voraus, die in Wirklichkeit nur während einer ganz kurzen Periode des Aufschwungs nach dem Kriege Herrschaft über die Gemüter gewonnen haben und ihre Unwirksamkeit ist inzwischen längst erwie- I sen. Das eigentliche Kernstück des Buches ist die um-: I fassende Arbeit: „Probleme der Religion". Auf sie I näher einzugehen, würde den Rahmen einer Buchbesprechung sprengen. Wer sich über die Beziehungen der Scheler*schen Gedankengänge zur jüdischen Ueberlieferung näher unterrichten will, lese die wertvolle Arbeit Joseph Wohlgemuths über den Gegenstand, die in der Festschrift für Jacob .Rosenheim er- 'schienen ist und dann, auch als Sonderdruck ausgegeben wurde. Dr. N. I Die geistige Situation der Zeit. Von Karl Jaspers. Berlin. Leipzig. 1932. 3. Auflage. Verlag Walter de Gruyter u. Co. I (Sammlung Göschen, Bd. 1000). Zwischen, Dasein und Selbstsein liegt die Besinnung auf die Hintergründe des Geschehens, in dessen Mitte wir stehen. Ein Zurückgehen auf Zeiten, in denen die Unzulänglichkeiten der Menschen noch nicht das Leben seines Sinnes beraubt hatten, würde uns manche Stellungnahme heute erleichtern. Aber sie fällt zu schwer. Zumal vor der deutschen Revo- I lutiön mit ihren umstürzenden Folgen waren wir zu I sehr von der Gegenwart mit ihrem ganzen Daseins- I apparat eingesponnen, von seiner Festigkeit zu sehr I überzeugt, als daß wir unser Sein unabhängig von I ihm hätten denken können. , I Karl Jaspers ist einer der wenigen, der schon vorher, nicht gerade für uns Juden, ' aber für das I ganze Leben, das wir führten, den Schleier von der I Weltbühne weggezogen und Perspektiven eröffnet I hat, die inzwischen Wirklichkeit geworden sind. I Wahre Besinnung auf die Bedingungen seines Daseins führt den denkenden Menschen schließlich I immer zur Besinnung auf sjch selbst. Jaspers zeigt, I wie wenig die Menschen auch nur zu dem ersten j Neigung in sich verspüren. Das Dasein genügt ihnen, I vom Selbstsein wollen sie noch nichts wissen. Er 1 stellt fest, und wie sehr er recht hatte, sehen wir auch I heute Jnöch, obwohl die Dinge sich grundlegend ge- I wandelt haben, daß geschichtliche Wandlungen des. I Daseins von den Menschen in den wenigsten Fällen j als .Wandlungen ihres Schicksals' innerlich ergriffen I werden, Sie versuchen in der Ruhe einer Illusions- I weit der Menschenfreundlichkeit oder auch Men- I schenf eindlichkeit, oder im bloßen Daseinsgenuß oder I Das'einsleid dem Nachdenken über sich selbst zu entj gehen, bis. Zerstörung die Nichtigkeit ihrer Welt I offenbart, I . s. Als die ■ einzigen,, die entschlössen waren, Schick- I sal in die! Hand zu nehmen, .Geschichte zu machen, I koninte . idie J'u g e n d. scheinen.;.. . Die s Entzauberung . j der Welt, die alles in den Lichtkegel von Fragen I und vernünftigen Antworten gerückt und alle Kreise zum Mitreden über alles herangezogen hat, hat auch bei der Jugend nicht Halt gemacht. Aber dieses lärmende Dabeisein, das die verbreitetste Erscheinung in unserer Jugend war, hat zu viel Unruhe entladen und erweckt, „Kurzschluß führt aus Viertelswissen sogleich in die Unwahrhaftigkeit und Unbedingtheit des Fanatismus," Denn wenn sie berufen schien, und willens war, Geschichte zu machen, so fehlte ihr doch gerade das Erlebnis der großen geschichtlichen Wandlung, in dem Vergangenheit so mitschwingen muß wie die Gegenwart. Zu den Erbarmungslosigkeiten der von Jaspers gesehenen Wirklichkeit gehört die Stellung zum Staat. „Die Lockerung des menschlichen Individuums kann zwar soweit gehen, daß es die Staatszugehörigkeit wechselt, oder staatenlos irgendwo zu Gaste lebt. Das geschichtliche Wollen auch des Einzelnen kann aber nur in der Identifizierung mit einem einzelnen Staate wirksam werden. Niemand verläßt ohne Einbuße sein Land. Fühlt er sich dazu gezwungen, so verliert er zwar nicht die Möglichkeit, selbst zu sein, und auch nicht sein Schicksalsbewußtsein; wohl aber die Entfaltungsmöglichkeit in der Teilnahme an dem ihn selbst begründenden Ganzen, seine wirkliche Welt. Schicksal ist zu der Bedeutung von Fatum gekommen, ist nicht mehr Schickung. Denn Schickung ist nur, wo Selbstsein das Dasein ergreift und durch seine. Aktivität übernimmt, verwirkt und wagt." Wie in diesem Satz so spiegelt sich in hundert anderen glänzenden Formulierungen die seelische und geistige Lage der Juden von gestern und heute. Trotz der zwei Jahre, die seit seinem Erscheinen verflossen sind, ist das Büchlein noch heute aktuell. Grundriß der Geschichte der Philosophie im Lichte der philosophia perennis. Von Prof. Dr. Theodor C z e r m a k. I. und II. Teil: Altertum und Mittelalter. Warnsdorf. 1933. Verlag Ambr. Opitz, kl. 4°. 102. Eine schöne, kurze und übersichtliche Einführung in die Geschichte der Philosophie ist es, was Czermaks Büchlein bietet, auch dem Laien. Und insbesondere ist die Scholastik hier mit einer Liebe und Objektivität geschildert, welche für den Gegenstand einnehmen muß. Das bischöfliche Imprimatur hindert nicht, daß in lebenswahrer Objektivität Licht und Schatten verteilt sind. Auch die jüdischen Philosophenschulen einschließlich der Kabbala sind regist-. riert, letztere unter der nur äußerlich passenden Bezeichnung „Mystik" und unter unnötigem Vergleich mit dem Neoplatonismus. Maimonides dagegen erscheint gerecht gewürdigt. Trotz des latinisierten Stils liest sich das Ganze äußerst eindrucksvoll und verständlich, und zur gerechten Würdigung christlicher Religionsphilosophie' muß diese Schrift als unentbehrlich empfohlen werden. (Es wäre interessant, zu erfahren, weshalb der Verfasser S, 78 nicht dem Buche, Jezira ebenso wie dem Sohar ein höheres Alter zubilligt als es dessen heutige Gestalt vermuten läßt.) B, Cohen. Durchbruch zur Nation. Von Hermann U 11 m a n n. Jena. 193 3. Eugen Dietrich-Verlag. Geheftet Mk. 3.30, kartoniert Leinen Mk, 5.80. Mit Schwung und in einprägsamer Sprache legt der Verfasser in diesem bereits vor Jahresfrist erschienenen Werk eine Geschichte der deutschen Nachkriegserlebnisse „von Versailles 1919 bis Potsdam 1933" vor. Vom Standpunkt des Nationalsozialisten hat er die Fortschritte, die Widerstände und den endlichen Sieg der Partei verfolgt und als Herold ihrer Ideen die Nachkriegszeit dargestellt. Der Judet der dies in schöner Auf machung herausgegebene Buch liest, wird von widersprechenden Empfindungen begleitet. An mehr als einer Stelle ist er Versucht, freudigen Herzens zuzustimmen, auch wo die Darstellung aus der Rückschau ganz andere Maßstäbe an das Geschehen anlegt, als im Zusammenhang mit der geschichtlichen Situation gerechtfertigt erscheint, . Aber kaum will er Ja sagen, so trifft er auf eine solche Verständnislosigkeit dem Jüdischen gegenüber, daß er das Buch erschüttert aus .der Hand gibt. Zwar ist das .Buch vornehm geschrieben, aber eben darum tut die Verständnislosigkeit doppelt weh. Verf. stellt eindringlich dar, wie in den Augen der verbündeten Sieger als Unrecht galt, was Unglück war, aber sobald er auf die Juden zu sprechen ankommt, läßt^ er uns' dieselbe Behandlung . angedeihen. Wir haben das Unglück gehabt, unsere ursprüngliche Heimat zu verlieren, gewissen Berufen einseitig zugetrieben, von andern ausgeschlossen zu werden, schlechte Kerle in unserer Mitte zu haben, die — worüber wir nicht böse sind — mit ihrer Fahnenflucht beim ' Judentum selbst angefangen haben; das alles muß nun herhalten, um unsere Schuld zu begründen. Der Verfasser kommt zu dem Schluß, daß der jüdische Einfluß auf die innere Entwicklung Deutschlands ungeheuerlich war. Nachdem er eindrucksvoll geschildert hatte, welche und wieviel Ursachen zum Zusammenbruch und Verfall geführt hatten, wobei von den Juden kaum die Rede war, .berührt dieser Schluß doch überraschend. Das fühlt er auch selbst, darum fährt er fort: „Die Juden wären gewiß allein zu schwach gewesen, die Krankheit zu erzeugen, aber sie gediehen jedenfalls